Lilith

Lilith

Es geht durch die Geschichte der Menschheit
von Anbeginn alturalte Sage
von eines Weibes Wunderherrlichkeit.
Die hat der Lebenden keiner geschauet,
als Einer allein; denn mit dem ersten Manne,
doch vor der ersten Gattin war sie da.
Sie hieß Lilith. Die wandelnde Sonne,
als sie zum erstenmal ihre Schönheit
erblickt, hielt inne, und Sterne brachen
den Bann des Tags und leuchteten selig
auf ihre Stirn. Es kamen die Winde,
das Meer und die Luft und der Blitz, und sie legten
gefangen sich in Lilith’s Hand. Da trat
ihr Fuß beherrschend die Rinde des Erdballs ,
und Blüthen umwogten ihr königlich Haupt
in glühenden Farben. Da wehte ihr Athem
belebenden Hauchs in die Kelche, und Vögel
erhoben sich schmetternd, buntglänzende Falter,
aufjauchzende Stimmen durchklangen der Wildniß
verstricktes Gewirr, denn ihr folgte das Leben.

Und mit den Augen, drin des Weltalls ewiges
Geheimniß lag, sah Lilith auf sie nieder.
Und ein zitternder Schauer durchlief die Schöpfung:
Im Baumeswipfel verlangend bebte
das Blatt; es streckte begehrend die Blume
zum Nachtbarkelche goldarmige Fäden;
mit blühenden Gliedern verschlang sich das Leben,
und ein ungeheurer, ein jubelnder Schrei,
wie Einer unendlichen Lippe Dank,
brach zum ersten Male wonnetrunken
zum Himmel auf. Nur Lilith blieb stumm;
Ihr Auge überflog der eig’nen Schönheit
millionenfachen Abglanz, und mit unermessner
Sehnsucht sah es empor. Da öffnete
Zum zweitenmale sich des Himmels Wölbung,
und in da Paradies, nach Gottes Bild
geschaffen, trat der erste Mann. Aufglänzten
wie Weltallssonnen die Augen Liliths;
sie hob sich empor und streckte die Hand,
und die Allesbeglückende beugte das Knie
und bat:„Sei mein.“ Ihm aber grauete
vor ihrer Schönheit und dem heißen Durst
der Augensterne, und er floh und rief:
„Gib, Vater, mir ein Weib, nicht eine Göttin!
Gib mir ein Wesen, das, unterthan,
dem Manne gehört, nicht ihm der Mann;
gib mir eine Mutter des Menschengeschlechts,
die willig empfängt, doch nimmer begehrt  – “
Er rief’s und Eva stand an seiner Seite
und schmiegte furchtsam und in Scham erröthend
die Stirn an seine Brust –

Da bebte jäh
Der Erde Grund. In wahnsinnswildem Krampf
verzerrte sich das Götterantlitz Lilith’s;
von ihrer Stirne schwand der Sonne Glanz,
die erste Nacht umfing mit kaltem Schauer
der Erde Rund, und Liliths Aug’ entströmte
die erste Thränenfluth, der erste bittre Tod
von tausend Leben.

Doch im Felsenbett
der sicheren Grotte flüsternd feierte
das erste Menschenpaar die erste Brautnacht.
Nicht war es die Sonne, die glühenden Brands
Verlangen goß in der Glieder Umarmung,
der bleiche Mond durchfloß mit kühlem Schein
die Werkstatt eines kommenden Geschlechtes.
Zum erstenmale liebermüdet lag
die Welt, und Schlaf bedeckte ihre Lider.

Da vom einsamen Wolkengipfel des Bergs,
auf den sie geflüchtet, erhob sich Lilith;
sie warf um den Nacken den Mantel des Traums,
und unhörbaren Schritts in das Hochzeitsgemach
trat sie ein und beugte sich über das Bett
der schlummernden Gatten. Und langsam streckte
sich ihre Hand und griff das goldene Haar
an ihrer Schläfe, und des Mundes Hauch
verwehte es, und wogend stand ein Kornfeld,
und durch die Aehren ging der Sommerwind.
Und mit der Hand die räthselhaften Augen
Berührte sie, da wölbte der Aether
Hoch über der Ferne sein blaues Geheimniß,
und gleich dem Kummer auf Liliths Stirn
zog Wolkenschatten daher und verschwand –
und sie regte die Lippen zu unverstand’nem
leisklagenden Wort, und weiter rauschten
die Baumeswipfel den dunklen Klang;
der Bach vernahm ihn, die murmelnde Quelle,
und auf gewaltigem Rücken trug
das Meer ihn fort von Gestad’ zu Gestad’ –
und Lilith sprach und ihre Stimme bebte:
„Unglücklicher Sohn in der Mutter Schooß,
unselig Geschlecht, dich stieß die Hand
des Ahnherrn aus dem Paradies.
Du schläfst und Jahrtausende schlummern in dir –
Ich zürne nicht dir, bleichwangig Weib,
mit Weh gebären wirst du die Menschheit
und blühen und welken in Furcht und Begier.
Die Flamme des Himmels, die ich euch bot,
ihr werdet sie stehlen, und zitternd in Nacht
wie Diebe verbergen den heimlichen Raub;
das ewig Hohe, ihr werdet’s erniedern,
das Reine beflecken, das Göttliche schmähn.
Denn, lang umwirrend vom Tag der Geburt,
mich werdet ihr suchen, so viele ihr seid,
ob wie Körner des Sands, wie Wellen im Meer.
Mich, die zu eurer Mutter der Rath
des Anfangs schuf, die mit zagender Hand
vom Herzen zurück euer Ahnherr stieß.
Doch wird mich fürder Keiner erschaun,
und keinen Geborenen führt der Weg
zurück in die Heimat, die ich euch bot.
Mir bleibt nur das Eine, als Mitgift euch
zu leihen, dass manchmal ein ahnender Strahl
des verlorenen Glücks eure Seele beschleicht –
im Windesflug und im Wolkenzug,
im unendlichen Blau und im wogenden Halm,
im murmelnden Quell und im rauschenden Meer
da streift ihr mein Haar und da wehet der Hauch
meiner Lippen euch an.“

Und eine Thräne fiel
aus Liliths Aug’ und brannte auf der Stirn
der jungen Mutter. Es überkam
das einsame Weib mit unendlichem Bangen,
und sie griff in die heiße, verlangende Brust,
und die ungeheure, die jammernde Sehnsucht
warf sie hinein in’s enge Menschenherz,
das vor ihr in der Mutter Schooß empfangen,
und rief: „Ich geb’ sie jedem, der mich sucht,
zum Fluche, dass er elend sei, wie ich!
Zum Segen, dass er götterähnlich sich
Im Schmerze fühl’ wie ich!“

Sie rief’s und floh.
Auffuhr verstört das erste Menschenpaar
Aus schwerem Traum. Im Schweiß des Angesichts
Warb es sein Brod, und dunkle Sage klingt
Nur hie und da im Menschenleben auf
Von eines Weibes Wunderherrlichkeit,
das eine qualverstummte Menschenbrust
mit überirdisch wilder Glut verbrannt
und ihre Asche zu den Göttern trug.

Aus: Wilhelm Jensen: Gedichte. Verlag von A. Kröner, 1869, S. 54-59