Lehrstuhl Rainer Krause

… & Beiträge von dort zum schädlichen und sadistischen Therapie-Konzept von Otto F. Kernberg

Eigentlich erstaunlich, dass ausgerechnet zwei saarländische AutorInnen einen Beitrag zu demselben Heft beisteuern, in dem Otto F. Kernberg seinen epochalen Aufsatz veröffentlicht, in dem er z.B. über den „sexuell erregenden Triumph“ vergewaltigter Grundschülerinnen berichtet. Es ist dies die  Zeitschrift „Persönlichkeitsstörungen – Theorie und Therapie“ (PTT), Jahrgang 3, Heft 1.

Zur Einordnung des Problems

Die Trieb-Theorie ist ja von Freud als Gegenpol zur Trauma-Perspektive ab 1897 entwickelt worden. Vor September 1897 bekamen die PatientInnen mit „Hysterie“ von Freud pauschal und ohne Unterschied eingeredet, sie seien von ihrem Vater im Alter von 2-8 Jahren vergewaltigt worden. (Diese Theorie ist in ihrer Einseitigkeit völlig schwachsinnig, berücksichtigt aber immerhin noch eine Trajuma-Perspektive: Gewalt macht krank!) Ab dem September 1897 hat Freud seine Theorie jedoch ins völlige Gegenteil verkehrt. Es ist jetzt nicht mehr reale Erfahrung von Gewalt (durch den Vater), die krank macht. Es ist vielmehr – aus der neuen Sicht – der bloße ödipale Wunsch nach einem inzestuösen Verhältnis des Kindes zu einem Elternteil (von dem Kind ausgehend!), der sog. Ödipuskomplex, der Menschen krank mache. Wenn also PatientInnen von erlebter (sexualisierter) Gewalt in der Kindheit erzählen, bekommen sie von den VertreterInnen der Psychoanalyse gerne eingeredet, dass dies nur ihren kindlichen Wunschvorstellungen und ihrer retrospektiven Phantasie entsprechen würde.

Würde man die Traumatisierung nicht herunterspielen, dann müsste man sie als zentralen Faktor bei der Entstehung psychischer und/oder psychosomatischer Störungen – gegen Freuds Dogma – ernst nehmen. Solche ketzerischen Ansätze, die seiner Theorie widersprachen, wurden von Freud aber ab September 1897 stark tabuisiert. AutorInnen wie Sandor Ferenczi, Karen Horney, Alice Miller oder Jeffrey Masson wurden wegen Übertretung dieses Tabus geächtet und ausgegrenzt oder gar ausgestoßen – sowohl von Freud, als auch von seinen Gefolgsleuten und NachfolgerInnen.

Eine solche Verleugnung von Gewalt ist ja schon schlimm genug. Kernberg treibt es aber in seinem Vortrag, gehalten 1997, publiziert in besagter Zeitschrift (PTT Jg.3, Heft 1, 1999, S. 5-15) noch auf die Spitze. (Kernberg fungiert übrigens als Mitherausgeber dieser Zeitschrift aus dem Schattauer-Verlag.) Bei einem attestierten Fall einer Grundschülerin (unkonkret: „unter 10 Jahre alt„), in dem die sexualisierte Gewalt von Seiten ihres Vaters gar nicht zu leugnen ist, misst der „Therapeut“ der angeblichen Triebkomponente, dem angeblichen ödipalen Wunsch des Kindes, das Hauptgewicht bei der ganzen Problematik zu. Er sagt also ungefähr: „Ich zweifle gar nicht daran, dass ein Missbrauch stattgefunden hat, aber das Problem der Klientin besteht im Wesentlichen darin, dass sie diesen als einen sexuell erregenden Triumph über die Mutter erlebt hat, woraus ihr dann ödipale Schuldgefühle erwachsen sind.“

Nun ist es ja so, dass es in heutiger Zeit ja eher selbstverständlich ist, dass erwachsene Frauen ein Selbstbestimmungsrecht für sich und ihre Töchter einfordern. Umso erstaunlicher, dass Kernberg diese sadistische, ekelhafte, frauenverachtende Position 1997 vortragen konnte, ohne dass nur irgendein Protest, Buh-Ruf oder Pfiff zu hören gewesen wäre. Vielmehr belegt der Originalton, in dem dieser Vortrag von 1997 noch nachzuhören ist, dass nichts dergleichen geschehen ist. Stattdessen werden Kernbergs Äußerungen von einem Publikum, das sicherlich einen relativ hohen Frauenanteil aufgewiesen hat, belacht und beklatscht. Wie ist das möglich???

Vermutlich kommt eine derartige Kernbergsche Position beim Publikum nicht wirklich so gut an. Deshalb ist es hilfreich, wenn als Begleitmusik immer wieder die Leier abgespielt wird, dass ja sowieso immer sehr fraglich sei, wieweit man den Erzählungen Erwachsener von ihrem Missbrauch im Kindesalter Glauben schenken dürfe. Es gebe durchaus einzelne Fälle, in denen Derartiges vorgekommen sei. Dann aber kommt das große ABER … . Es wird erst einmal die Erinnerungsleistung in Frage gestellt. Die Infragestellung der Erinnerung dient also der Trieb-Perspektive. Das Vorkommen von realen Traumatisierungen wird erst einmal heruntergespielt: Man weiß ja nicht wirklich, wie oft so etwas tatsächlich vorkommt! (Im Hintergrund: Die Theorie behauptet ja, dass PatientInnen sich so etwas ja bloß in ihrer Phantasie gewünscht hatten!) Zwei besoders talentierte KünstlerInnen, die diese Leier von der Schwäche der Gedächtnisleistung bestens beherrschen, kommen – wie gesagt – aus dem kleinen Saarland.

[Ich will dabei nicht vollkommen in Abrede stellen, dass falsche Erinnerungen vorkommen können. Allerdings habe ich in meiner Praxis noch erst ein einziges mal einen Fall erlebt, in dem ich eine entsprechende Skepsis entwickelt hätte, daneben aber ca. 50 Fälle, in denen ich keinerlei Grund hatte, an den klaren und detaillierten Schilderungen von sexualisierten Übergriffen oder Gewalt zu zweifeln!]

A) Da ist zunächst Prof. Rainer Krause. Er hat bei einer Veranstaltung in Saarbücken in meinem Beisein Otto F. Kernberg einmal als seinen „Freund“ bezeichnet. Auch er steuert – wie gesagt – einen Beitrag zu dem Schandheft bei, in dem Kernberg an erster Stelle seinen Sadismus zum Beste gibt. Krauses Beitrag lautet: „Trauma und Erinnerung“ (PTT, Jahrgang 3, Heft 1, 1999, S. 36-44). Hier geht’s zu seinen Ausführungen.

B) In gleicher Weise sekundiert auch Anke Kirsch, die bei Rainer Krause ihre Dissertation zum Thema geschrieben hat. Auch sie leistet ihren Beitrag zu dem besagten Schandheft, und zwar mit dem Titel „Trauma und Wirklichkeits(re)konstruktion: Theoretische Überlegungen zu dem Phänomen wiederauftauchender Erinnerungen“ (in: PTT, 1999, Jg. 3, Heft 1, S. 45–54). Sie hat z.B. ExpertInnen dazu (suggestiv) befragt, woran denn therapeutische Fachleute typischer Weise erkennen, dass die Erzählungen von Gewalterfahrungen bei ihren KlientInnen eher einer „retrospektiven Phatasie“ entspringen. (Leute wie ich, die sich an der Umfrage ebenfalls beteiligen wollten, aber nicht in das gewünschte Raster passten, wurden kurzerhand ausgeschlossen.) Hier also näheres über Anke Kirschs Beitrag.

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