Gradiva (2012)

GRADIVA. Wahrhafte Dichtung und wahnhafte Deutung. Der vollständige Briefwechsel von Wilhelm Jensen und Sigmund Freud, Erläuterungen zu Jensens Novelle ‚Gradiva’ und ihrer Interpretation durch Freud, Jensens Lebenswirklichkeit, einige seiner Gedichte – darunter sein Spottgedicht auf Freuds Deutung – und der illustrierte Gesamttext der ‚Gradiva’ (unter Einbezug der Erstveröffentlichung von 1902). Saarbrücken, Verlag Der Stammbaum und die 7 Zweige, 2012. 240 S., 19,99 €; ISBN: 978-3-9805272-4-8

Umschlag der „Gradiva“ (2012)

In diesem Buch habe ich Material zusammengestellt, das einen Eindruck davon vermitteln soll, wie grotesk sich Sigmund Freud in seiner größten Literaturbetrachtung („Der Wahn und die Träume in W. Jensens ‚Gradiva'“ (1907) zu einer Fehldeutung versteigt und – gegen die freundlich erteilten Auskünfte Wilhelm Jensens – trotzig verteidigt, sogar den Dichter wegen angeblicher „Versagung der Mitwirkung“ öffentlich anprangert, 1 Jahr nach Jensens Tod, so dass dieser nichts mehr darauf erwidern kann.

Immerhin ist Freud nach diesem „Schlag ins Wasser“ die Lust vergangen, jemals wieder ein literarisches Werk einer Deutung zu unterziehen. Das hat er dann lieber seinen AnhängerInnen überlassen. Freuds unerschüttliche Glaubensgemeinschaft setzt die Abwertung von Jensen bis in unsere Tage hinein munter und kenntnislos fort, unbeeindruckt von den Fakten: ein wunderbares Lehrstück über die Borniertheit psychoanalytischer Denkungsart!

In diesem Buch habe ich die Briefe von Sigmund Freud an Wilhelm Jensen erstmals publiziert, nachdem sie über mehr als hundert Jahre als verschollen gegolten hatten. (Anlässlich einer Jensen-Familienfeier zum 100ten Todestag des Dichtes waren sie mir zur Publikation angeboten worden. Dafür sage ich nochmals ganze herzlichen Dank! Herzlichen Dank auch an einen Urenkel Jensens, Hartmut Heyck, der mich bei meinen Recherchen stets außerordentlich unterstützt hat! Einen Beitrag von ihm – den Hinweis auf den erstmaligen Abdruck der ‚Gradiva‘ in der „Neuen Freien Presse“ Wien auf die Anregung und Vermittlung hin von Theodor Herzl – habe ich hier als PDF-Datei eingestellt.)

Es sei auch noch gesagt, dass sich leider meine Hypothese von einem Spottgedicht Jensens auf Freuds Deutung – wie es in den Untertitel des Buches einfließt – leider nicht zu halten war. Dieses Gedicht – „Eine alte elsässische Geschichte“ – ist in der 2. Ausgabe des Bandes „Vom Morgen zum Abend“ abgedruckt, quasi an allerletzter Stelle. Mir wäre es eine schöne Vorstellung gewesen, Jensen hätte – gleichnishaft, in Analogie zu der Beziehung von Goethe zu Friederike Brion – aufgrund seiner ersten Korrespondenz mit Freud diesem für seine Deutungswut eine markante Abfuhr erteilt. Dabei hätte ich es eigentlich selbst wissen können: ich hatte eine eigenhändige Widmung des entsprechenden Gedichtbandes an seine Schwiegertochter Elsbeth Jensen aufgetan und die dort enthaltene Widmung als 21. Juni gelesen. Damit wäre ein solches Einfließen in das letzte Gedicht des Bandes denkbar gewesen.

Allerdings hat Albrecht Hirschmüller zweifelsfrei nachgewiesen, dass das Gedicht eindeutig wenige Monate VOR Freuds Deutung erschienen ist.Die erwähnte Datierung liest sich nicht als Juni sondern als „Jan.“[uar].

Widmungsgedicht des Gedichtbandes „Vom Morgen zum Abend“ von Wilhelm Jensen an seine Schwiegertochter Elsbeth Jensen vom 26. Januar 1907

So bleibt nur eine interessante Synchronizität (Gleichzeitigkeit) zu bescheinigen, dass Jensen sich genau in dem Moment über einen prüden Deuter von Johann Wolfgang von Goethes Verhältnis zu Friederike Brion lustig macht (vermutlich bezieht er sich auf Albert Bielschowsky, „Friederike und Lilly“, 1906), als ganz ähnliches mit ihm selbst (durch Freud) geschieht, der in gleicher Weise eine seltsam besserwisserische Deutung von Jensens Jugendliebe vornimmt.

Eine bebilderte Vorschau auf das Buch findet sich hier.