Grab-Inschriften

… aus dem Roman „Nach Sonnenuntergang“ (1879) von Wilhelm Jensen

Der unter diesem Stein hier eingesenkt,
Einst dacht‘ er Alles, was Dein Herz heut denkt.
An aller Sorgen, alles Glückes Ende
Wußt‘ er gebettet sich durch fremde Hände.
In Festeskerzenglanz und Sonnenschein
Sah schweigsam stets am Ziel er diesen Stein.
Oft schritt durch Gräber sinnend er wie Du,
Und schritt zurück, als Gast dem Leben zu.
Nun ging er diesen Weg zur letzten Rast;
Statt seiner stehst Du heute hier als Gast,
Dem unter’m Hut auch schon ein Morgen dräut –
Das ist der Gruß, den dieser Stein dir beut.

Aus: „Nach Sonnenuntergang“, S. 24.

Die Hauptfigur dieses Romans, Reinold Keßler, sucht nach dem Grab seines vor längerer Zeit verstorbenen Mentors, Erich Billroth. Er findet es dann mitsamt dem Grabstein, der die o.g. Inschrift trägt.

In diesem Buch gibt es noch mehrere solche Gedichte, die der junge Keßler noch zu Lebzeiten bei Erich Billroth als selbstverfasste Entwürfe – wie auch das erstgenannte Gedicht – einmal gefunden hatte, z.B. auch S. 38:

Das ist das Seltsamste allen Denkens,
In Welt und Zeit sich Hineinversenkens:
Daß, wenn man uns in’s Grab gelegt,
Noch Alles das nämliche Antlitz trägt
Grad‘ wie vordem; daß Alles bleibt
Und seinem Brauch nach weiter treibt;
Daß keine Welt mit uns zerging,
In uns ihr Bild nur hinentschwunden,
Daß nur ein rätselhaftes Ding,
Das ihre Wunder kurz empfunden,
Davonging: wie ein anderer Gast,
Dem man die Hand zum Abschied bot —
Nur daß die Wirte, kurzgefaßt
Anstatt: „Er ging.“ nachreden: „Er ist tot.“

Oder S. 39:

Kein Schriftstück noch ist wohl so wunderbar
Als das des großen Meisters Tod zu lesen:
Wenn er uns etwas zeigt, das eben war,
Gedacht, empfand geliebt, ein Wesen
Uns selber gleich, und jetzt für immerdar
Reglos und leer und kalt — gewesen.

Oder S. 39/40:

In Raum und Zeit
Berief mich, Muttererde, Deine Kraft,
Auf daß ich staunte Deine Herrlichkeit.

In Glück und Leid
Erschufst du mich, doch jeder Stunde gabst
Als Mitgift Du die Frage zum Geleit:

Muttererde,
Wo ist die Stätte, die Du mir bestimmt,
An der ich ewig in Dir ruhen werde.