Gedichte

… aus dem Band „Gedichte“ (1868)

[Von diesen Gedichten – mit Ausnahme von Gedicht XIX – hat sich,  laut seinem Tagebuch, Theodor Herzl ausdrücklich beeindruckt gezeigt.]

VI

Die Zukunft, die einst wir erträumt, mein Kind,
Mit leichtem Sinn, mit lockigem Haar,
Die ist nun gekommen, erfüllt; es sind
Gekommen, gegangen die Jahre geschwind,
Die Träume, sie sind nun wahr.

Wie hab’ ich geweint mir die Augen blind,
Als mit leichtem Sinn, mit lockigem Haar,
In Frühlingstagen warm und lind
Aus unsern Träumen sie dich, mein Kind,
Gelegt auf die Todtenbahr’.

Die Zukunft, die einst wie erträumt, mein Kind,
Mit leichtem Sinn, mit lockigem Haar,
Die ist nun gekommen, erfüllt geschwind –
Ich wiege mein einsam Haupt im Wind –
Die Träume, sie sind nun wahr.

Aus: Gedichte, S. 9

XIV

Vor seiner Thür auf freiem Platz
Da schwatzt und raucht der Bauersmann,
Und mit der Pfeife und Geschwatz
Bedächtig kommt der Nachbar an.

Vom Herde steigt der Abendrauch,
Vom Thurme Abendglockenklang,
Durch Wipfel rauscht der Abendhauch ‑
So war es manch‘ Jahrhundert lang.

So wird es manch Jahrhundert sein
Mit Hauch und Klang, Geschwatz und Rauch,
Wenn lange unser müd‘ Gebein
An jener Kirchhofsmauer auch.

Aus: Gedichte, S. 17

XIX

Sie wurden am selben Tage
Geboren zur selben Zeit;
Sie haben Kinderfreuden
Getheilt und Kinderleid.

Sie waren, wie als Kinder,
Erwachsen sich geneigt,
Und haben sich miteinander
Vermähjlt und Kinder gezeugt.

Sie liegen nun beisammen
Still unter’m Hügel dort –
Der Pfaffe näselt: Amen,
Die Menge trollt sich fort.

Aus: Gedichte, S. 23

XXIV

Die Sonne brennt, doch Herbsteshauch
Streicht durch’s Gezweig, das halbentlaubte,
Und heimlich schweift mein Blick vorbei
An deinem goldumfloss’nen Haupte.

Wie schön du bist ‑ und hinter dir
Fliegt’s goldig durch die Halmeswogen,
Wie silbern noch ein Leuchten folgt
Dem Ruder, das die Fluth durchzogen.

Ein stilles, märchenblaues Licht
Umglänzt aus deinen Kinderzügen
Die müde Welt ‑ ja, es ist Lenz!
Du sagst’s ‑ und die Natur muss lügen.

Du fühlst nur, dass die Sonne brennt ‑
Wie könntest du das Wehen fühlen,
Des frühen Herbstes ersten Hauch,
Der mir schon will die Stirne kühlen?

Und lächelnd streifst mit leiser Hand
Am Wege du die goldnen Ähren,
Du ahnst nicht, wie die Hand erweckt
Ein süsses, schmerzliches Begehren.

Du ahnst das Zittern nicht, das mich
Durchrinnt, wär‘ meiner Hand erlaubt es,
Einmal zu streifen scheuen Flugs
Die goldenen Fäden deines Hauptes.

Aus: Gedichte, S. 30 f