Freudsche Fehlleistung

Eine (angebliche) Fehlleistung Freuds vom September 1898

Falls die in dem Beitrag zu Freuds Traum geknüpfte Assoziationskette – Mat-Hilde / Hella / Hellas / Amerika / Amalia – fragwürdig erscheint, hier ein Beispiel von Freud selbst aus dem Jahr 1898, als er sich über das Vergessen von Namen Gedanken macht. Auch hier gelangt Freud über zwei Namen zu zwei geographischen Begriffen, und von dort zu dem gesuchten Thema und Namen: Botticelli / Boltraffio / Bosnien-Herzegowina / Trafoi / Signorelli.  [Endnote 1]

Freud erzählt, er habe auf einem Ausflug von Ragusa nach Trebinje einen Reisegefährten gefragt, ob er schon in Orvieto die berühmten Fresken gesehen habe. Den Namen des Malers *** habe er in diesem Moment nicht erinnern können. Es seien ihm zunächst „Botticelli“, und dann „Boltraffio“ eingefallen. Als ihm später der richtige Name genannt wurde – „Signorelli“ –, sei er sich dessen sofort sicher gewesen. Kurz vor dieser Fehlleistung habe er mit dem Fahrgast über eine Eigenart der in Bosnien-Herzegowina lebenden Türken gesprochen. Wenn man ihnen als Arzt sage, dass es für einen ihrer Angehörigen keine Hilfe mehr gebe, dann bekomme man zu hören: „Herr, was ist da zu sagen? Ich weiß, wenn er zu retten wäre, hättest du ihn gerettet![Endnote 2] Ihm sei dann noch eine Anekdote eingefallen (Freud, 1901/1954, S. 14f): „Diese Türken schätzen den Sexualgenuß über alles und verfallen bei sexuellen Störungen in eine Verzweiflung, welche seltsam gegen ihre Resignation bei Todesgefahr absticht. Einer der Patienten meines Kollegen hatte ihm einmal gesagt: ‚Du weißt ja, Herr, wenn das nicht mehr geht, dann hat das Leben keinen Wert.’ … Ich stand damals unter der Nachwirkung einer Nachricht, die ich wenige Wochen vorher während eines kurzen Aufenthaltes in Trafoi erhalten hatte. Ein Patient, mit dem ich mir viele Mühe gegeben, hatte wegen einer unheilbaren sexuellen Störung seinem Leben ein Ende gemacht.[Endnote 3]

Peter Swales (1999) hat Freuds Sommerreise aus dem Jahr 1898 detailliert rekonstruiert und dabei einen ganz anderen Ursprung dieser angeblichen Fehlleistung plausibel gemacht.

Freud befand sich damals zunächst für ein paar Tage mit seiner Schwägerin Minna Bernays auf einer Wanderung über die Alpen, von Landeck über das Engadin nach Chiavenna. Bei einer Tagesetappe von Prad in Österreich nach Bormio in Italien hatten sie am 8. August einen kurzen Aufenthalt von vielleicht ein bis zwei Stunden in dem kleinen italienischen Ort Trafoi absolviert, von dem Minna in einem Brief an ihre Schwester Martha kurz berichtet. Swales zweifelt daran, dass hier eine Nachricht über den Suizid eines seiner Patienten an Freud gelangt sei, zumal Minna in ihrem Brief von ihrer guten Stimmung in Trafoi berichtet [Endnote 4]. Auf dem Weg zum Stilfser Joch habe jedoch eine Marmortafel daran erinnert, dass dort ein Engländer im Jahr 1876 seine Gattin eine Steilwand hinabgestürzt hatte, weil er ihrer überdrüssig geworden war. Im Jahr 1900 habe Freud mit seiner Gattin in dieser Gegend eine Woche Urlaub verbracht, sei mehrfach den Weg auf und ab gelaufen und habe für die Schönheit der Gegend geschwärmt. (Freuds Biograph, Ernest Jones, habe kommentiert, dass diese Auffassung von der Schönheit der Gegend nicht allgemein geteilt würde.) (Eine plausible Deutung der „eigentlichen“ Botschaft, die Freud mit Trafoi verbindet, durch Swales gebe ich weiter unten.)

Den Ausflug von Ragusa nach Trebinje, wo die angebliche Fehlleistung vorgefallen war, hatte Freud am 6. oder 7. September 1898 unternommen. Danach machte sich Freud – zum Ausklang seines Urlaubs – allein auf eine weitere Exkursion in die Lombardei. Am 16. oder 17. September gelangte er nach Bergamo, seiner letzten Station. Dort befand sich ein Museum mit Gemälden aus der Sammlung eines Giovanni Morelli, Autor eines Buches über die italienische Malerei, das Sigmund Freud laut Eintrag am 14. September 1898, also gerade zwei oder drei Tage zuvor, erworben hatte. Morelli, ein Mediziner und Anatom, hatte Jahre zuvor Aufsehen erregt, weil er die wahre Urheberschaft etlicher Kunstwerke in verschiedenen europäischen Museen, die berühmten Malern zugeschrieben worden waren, in Frage gestellt hatte, weil bestimmte Details in der Darstellung (Form der Fingernägel, Ohrläppchen, Heiligenschein u.a.) von der typischen Darstellungsweise des jeweiligen Künstlers abwichen. Freud hatte im Jahr 1914 in einer zunächst anonym publizierten Abhandlung über den Moses des Michelangelo die Vorgehensweise Morellis mit dem eines Psychoanalytikers verglichen: Von scheinbar unbedeutenden Kleinigkeiten schließe auch er auf verborgene und geheime Dinge.

Morelli (†1891) hatte seine umfassende Kunstsammlung seiner Heimatstadt Bergamo vermacht. Swales argumentiert plausibel, dass Freud – bei seinem Interesse für diesen Mann – kaum versäumt haben dürfte, diese Ausstellung am 17. September 1898 zu besuchen. Die Ausstellung umfasst, laut einem zeitgenössischen, nummerierten Katalog:

Nummer 20: „Madonna mit Kind“ von Luca Signorelli.

Nummer 21: „Porträt von Giuliano de Medici“ von Sandro Botticelli.

Nummer 22: „Salvator mundi“ (Der Erlöser der Welt) von Giovanni Antonio Boltraffio.

Am selben Tag um 23.15 Uhr reist Freud per Zug von Bergamo in Richtung Wien, wo er am Abend des 18. Septembers ankommt. Vier Tage später erwähnt er in einem Brief an seinen Freund Fließ erstmals die angebliche Fehlleistung mit dem Namen Signorelli, weitere fünf Tage später hat er seinen Aufsatz dazu bereits zur Publikation (1898/1952 b) versandt.

Peter Swales argumentiert plausibel, dass Freud vom Besuch der Ausstellung in Bergamo her die Namen der drei Künstler in einen Zusammenhang gebracht haben dürfte, und nicht – wie er erzählt – auf einem Ausflug zehn Tage zuvor. Sie tauchen in seiner Abhandlung in derselben Reihenfolge auf, wie sie im Katalog der Ausstellung nummeriert sind. Der Name des eher unbekannten Boltraffio könne Freud vor dem 17. September 1898 kaum geläufig gewesen sein. Womöglich inspiriert durch einen eigenen Traum auf der nächtlichen Bahnfahrt von Bergamo nach Wien, hat er vermutlich ein Märchen konstruiert, in das er zwar reale Begebenheiten mit einfließen lässt, das er jedoch mit seiner eigenen Phantasie ausgestaltet.

Aufgrund seiner überraschenden Entdeckung der Bilderreihe sucht Swales den symbolischen Bezug zum Geschehen zu entschlüsseln.

In der Madonna von Signorelli [Endnote 5], der jungfräulichen Mutter, sieht Swales für Freud eine Möglichkeit, an seine unverheiratete Schwägerin Minna zu denken. Die vier Jahre jüngere Schwester seiner Frau Martha lebte in der Familie Freud und hatte dort die Funktion eines Kindermädchens übernommen. Freud selbst hat diese ‚Jungfrau‘ als eine der „zwei Mütter“ bezeichnet (BaF, 423). Darüber hinaus scheint mir das Besondere an diesem Bild, dass hier Maria mit ihrem Daumen den Penis des kleinen Knäbleins stimuliert – in früheren Zeiten wohl ein bewährtes Mittel zur Beruhigung von Kindern. Für Freud jedoch, der noch ein Jahr zuvor fortwährend über den sexuellen Missbrauch von Kindern durch ihre Eltern räsoniert hat, müsste diese Darstellung wohl als sexueller Übergriff einer Mutter gegenüber ihrem Sohn ins Auge gefallen sein.

Bei „Giuliano“ de Medici [Endnote 6] zieht Swales Verbindungen zu Freuds Bruder Julius, der, circa ein Jahr nach Sigmund geboren, noch als Säugling verstorben war. Freud selbst schreibt am 3. Oktober 1897, also knapp ein Jahr vor seiner Reise nach Bergamo (BaF, 288 f.): „Ich kann nur andeuten, … daß später (zwischen 2 und 2 ½ Jahren) meine Libido gegen matrem erwacht ist, und zwar aus Anlaß der Reise mit ihr von Leipzig nach Wien, auf welcher ein gemeinsames Übernachten und Gelegenheit, sie nudam [Endnote 7] zu sehen, vorgefallen sein muß (Du hast für Deinen Sohn daraus die Konsequenz längst gezogen, wie mir eine Bemerkung verraten hat [Endnote 8]); daß ich meinen ein Jahr jüngeren Bruder (der mit wenigen Monaten gestorben) mit bösen Wünschen und echter Kindereifersucht begrüßt hatte und daß von seinem Tod der Keim zu Vorwürfen in mir geblieben ist.“ Freud sieht sich also offenbar als Konkurrent zu Julius um die (erotische) Liebe zu seiner Mutter – eine Phantasie, aus der er wohl einen Beitrag zu seiner Hysterie abgeleitet hat.

Der Titel des Bildes, „Salvator mundi“ („Der Retter der Welt“), ist, wie Signorelli, als Teilanagramm von Freuds Vornamen Sieg-mund/Sigi überaus tauglich [Endnote 9], zumal ‚Sieg‘ und ‚Heil‘ (lat.: salvus) gedanklich nicht allzu weit voneinander entfernt liegen. Swales glaubt, dass der von seiner Mutter Amalia zum Überkind erklärte Sigismund sich selbst darin gesehen haben dürfte. In dem oben angeführten Zitat Freuds zum Mutter-Sohn-Verhältnis – „Auf den Sohn kann die Mutter den Ehrgeiz übertragen, den sie bei sich unterdrücken mußte, von ihm die Befriedigung all dessen erwarten, was ihr von ihrem Männlichkeitskomplex verblieben ist.“ – klingt ja bereits an, dass Freud sich von Mama Amalia ganz schön unter Druck gesetzt gefühlt haben dürfte. Der „Männlichkeitskomplex“ scheint ja bei der schrillen, launischen und herrsch­süchtigen Amalia recht ausgeprägt gewesen zu sein. Eine solche Haltung, zum Erlöser/Beherrscher der Welt werden zu wollen, hat Volker Elis Pilgrim (1996) mit spitzer Feder als eine typische Haltung von Muttersöhnen (Nero, Konstantin, Napoleon, Bismarck, …) entlarvt. Manche Söhne werden eben schon früh darauf getrimmt, nach dem Ruhm zu streben, in dessen Glanz ihre Mütter gerne erstrahlen würden.

Interessant scheint mir in diesem Zusammenhang ein Freudscher Reflex vom 16.10.1895 auf ein literarisches Werk (BaF, S. 149): „Der Jacobsen (N.L.) hat mir tiefer ins Herz geschnitten als irgendeine Lektüre der letzten neun Jahre.“ Freud spielt hier auf den Roman Niels Lyhne von Jens Peter Jacobsen an. Der Vater von Niels ist ein im Grunde bodenständiger Gutsherr, der mit seinem Ruf, weltmännisch zu sein, bei der späteren Mutter von Niels großen Eindruck macht, die mit ihm der Enge ihrer eigenen Familie entfliehen möchte. Die beiden heiraten, jedoch erlischt der ursprüngliche Zauber schon nach einem Ehejahr, weil der Gatte lieber den Alltag genießt, als nach immer neuen Höhen und Glücksmomenten zu streben. Zu diesem Zeitpunkt ist die Mutter mit Niels schwanger. In ihren Sohn projiziert sie all ihre Wünsche und Sehnsüchte hinein – jedoch vergebens. Niels wird ein im Grunde beziehungs- und lebensunfähiger Mensch, der mit sich, der Welt und Gott hadert, und der am Ende einsam und elend stirbt. Kurz vor ihrem Tod konfrontiert die Mutter ihren Sohn noch einmal mit dem Auftrag, den sie sich für ihn ausgedacht hatte (Jacobsen, 130): „,Erinnerst du dich’, sagte sie gleich darauf, ‚wie oft du mir versprachest, wenn du groß seiest, wollest du auf einem Schiff aussegeln und mir die Herrlichkeiten der ganzen Welt nach Hause bringen.’ ‚Und ob ich mich erinnere! …’ ‚Ich habe auf dieses Schiff gewartet – nein, sei still, mein Kind – Du verstehst mich nicht – es war nicht für mich selbst; es war Deines Glückes Schiff . . . . ich hatte gehofft, daß das Leben für Dich groß und reich werden würde, und daß Du die strahlenden Wege fahren – Berühmtheit . . . . . Alles – nein, nicht das; nur dieses, daß du mit dabei sein würdest, um das Größte zu kämpfen; ich weiß nicht: wie, aber ich war so müde des Alltagsglücks und der Alltagsziele. Begreifst Du das?’

Die Lektüre dieses Romans hat Freud also „tiefer ins Herz geschnitten als irgendeine Lektüre der letzten neun Jahre“: Das Organ leidet, dessen psychosomatische Reaktionen (‚Hysterie’) er so nachhaltig beobachtet, die er theoretisch zu erklären und zu therapieren versucht. Da dürfte er bei der Lektüre wohl an einen wichtigen Punkt seiner eigenen Neurose vorgestoßen sein – womöglich zu dem mütterlichen Drängen gegenüber ihrem Sohn, als Retter ihrer Welt zu fungieren. Drei Jahre später könnte Freud in dem Bild Boltraffios an den mütterlichen Auftrag – Sigmund als Salvator mundi – erinnert worden sein.

Auf der Urlaubsreise von 1898, die ihn am Ende auch nach Bergamo gebracht hatte, war Freud erstmals in alleiniger Begleitung seiner Schwägerin Minna unterwegs. Swales vermutet, Freud habe ein erotisches Interesse an ihr entwickelt. Zu diesem Zeitpunkt hatte der 42jährige Arzt den sexuellen Verkehr mit seiner Gattin aus Gründen der Schwangerschaftsverhütung bereits seit ungefähr drei Jahren eingestellt. Dabei hatte er selbst seinen Patienten mit Angstneurose – von denselben körperlichen Herzproblemen begleitet, wie Freud sie von sich kannte – dringend empfohlen, auf sexuelle Abstinenz oder den coitus interruptus zu verzichten! Die Möglichkeit zu erotischem Kontakt mag für ihn da ein zentraler Punkt gewesen sein, um – wie ein bosnischer Türke – das Leben wieder lebenswert oder gar lebensmöglich empfinden zu können. Dass Freud in Trafoi dann aber „eine gewisse Nachricht“ erhalten habe, die ihn zur intensiven Beschäftigung mit den Themen „Tod und Sexualität“ angeregt habe (1898/1952 b, 524), deutet Swales deshalb als eine deutliche Absage von Minna, in deren Folge sich womöglich Resignation oder gar Lebensmüdigkeit bei Freud eingestellt habe (drei Jahre später als Nachricht vom Selbstmord eines Patienten aufgrund einer nicht zu behebenden ‚sexuellen Störung‘ bemäntelt).

Die „gewisse Nachricht“ könnte, nach Swales, zusätzlich durch die Marmortafel auf dem Weg von Trafoi zum Stilfser Joch determiniert gewesen sein: Als Anregung, über eine Möglichkeit nachzusinnen, sich Marthas zu entledigen. Ähnlich, wie er – laut seiner eigenen Analyse – als Kind gewünscht habe, den eigenen Bruder Julius zu beseitigen, um sich der Gunst der Mutter zu versichern, könnte er die eigene Gattin aus dem Weg geräumt haben wollen, um deren Schwester für sich zu gewinnen. Mag sein, dass Freud bei der Wiederholung seines Ausflugs nach Trafoi in Begleitung seiner Gattin im Jahr 1900 erwogen hat, diese Idee in die Tat umzusetzen.

Diese Deutungen von Swales möchte ich noch ergänzen; Märchen (wie das von Freud erfundene) sind ja oft genug mehrschichtig zu verstehen.

Das Material verweist meines Erachtens deutlich auf eine sehr persönliche Geschichte von Sigmund Freud („Sig[norell]i“; „S[igis]mundi“; „Giuliano“ = Julius). Deswegen ist die Auseinandersetzung mit seinem eigenen Problem und seiner Familiengeschichte sicherlich ein zentraler Inhalt dieser Phantasie. Am 14. August 1897 notiert er (Masson, 1986, S. 281): „Der Hauptpatient, der mich beschäftigt, bin ich selbst.“ In den Briefen spricht er wiederholt von seinem eigenen psychosomatischen Herzproblem, seiner „kleinen Hysterie“ (am 14. August bzw. am 3. Oktober 1897). Noch am 9. Juni 1898 informiert er über seinen gesundheitlichen Zustand (BaF, 345): „Wenn es dich übrigens diagnostisch interessiert, zwischen meinen Migränen und meinen Herzschmerzen etc. besteht die rührendste Vertretungsrelation. Ich weiß seit Reichenau [Endnote 10] nicht, ob ich ein Cor [Endnote 11] besitze, dafür habe ich rinnenden Schnupfen und einen sehr labilen Schädel. Vorher war es umgekehrt. Müssen also beide noch eine Weile halten.“ Seine ‚Hysterie‘ plagt ihn also mal wieder – sie schwankt zwischen Migräne und Herzschmerz.

Und während Freud seit mindestens drei Jahren in verschiedenen Publikationen seine großartigen Erfolge in der Behandlung dieser Störung betont, verzweifelt er im privaten Austausch immer mehr an deren Aufklärung. Am 9. Februar 1898 schreibt er (BaF, 326): „Selbstanalyse ruht zugunsten des Traumbuches. Die Hysteriefälle gehen sogar sehr schlecht voraus. Ich werde auch in diesem Jahr keinen zu Ende bringen; fürs nächste bin ich dann ganz ohne Patientenmaterial.“ Am 15. März (BaF, 332): „In Hysterie bin ich jetzt völlig desorientiert.“ Am 3. April (BaF, 336): „Meine Vorlesung langweilt mich, ich mag die Hysterie nicht vortragen, weil mir an zwei wichtigen Stellen die sichere Entscheidung fehlt.“ Am 18. Mai (BaF 343): „Die Gewöhnung zu arbeiten – am Traum – tut mir nach der Hysteriequälerei sehr wohl.“ Am 26. August (BaF, 354): „Die Hysteriearbeit wird mir in Gedanken immer zweifelhafter, als hätte ich noch ein paar mächtige Faktoren außer Rechnung, und vor der Wiederaufnahme der Arbeiten graut mir stark.“ Und schließlich am 31. August (BaF, 355 f.): „Das Geheimnis dieser [Freuds eigener] Ruhelosigkeit ist die Hysterie. In der Untätigkeit ohne fesselnde Neuheit hier hat sich die ganze Angelegenheit mir drückend schwer auf die Seele gelegt. Meine Arbeit kommt mir sehr entwertet vor, die Desorientierung komplett, die Zeit, von der wieder ein rundes Jahr ohne greifbaren Fortschritt in den Prinzipien vergangen ist, als inkommensurabel mit den Zeitforderungen des Problems. Dazu ist es die Arbeit, auf deren Gelingen ich meine bürgerliche Existenz gesetzt habe. Die Erfolge sind zwar gut, aber vielleicht nur indirekt, als hätte ich den Hebel in einer Richtung angesetzt, die allerdings eine brauchbare Komponente für die Spaltrichtung des Zeugs abgibt; letztere bliebe mir aber selbst unbekannt. So will ich mir entfliehen und möglichst Frische und Objektivität sammeln, da ich die Arbeit doch nicht verlassen kann.

Trotz der Verkehrung seiner zuvor mit Vehemenz verteidigten genialen Vergewaltigungs-Theorie in ihr völliges Gegenteil vor ungefähr einem Jahr ist Freud keinen Schritt weiter gekommen. Wie soll er nun seinem Publikum und sich selbst sein Scheitern erklären, wo er doch die schönsten Erfolge vorgelogen hatte? Der Druck, unter dem Freud (auch vor sich selbst) gestanden haben dürfte, hätte sich sicherlich verstärkt, wenn in dieser Zeit tatsächlich noch ein Suizid eines seiner Patienten stattgefunden hätte.

Freud publiziert erstmals 1901, dass ihn in Trafoi die Nachricht erreicht habe, einer seiner Patienten, mit dem er sich „viele Mühe gegeben“, habe wegen einer „unheilbaren sexuellen Störung seinem Leben ein Ende gemacht“ – was ihn dann mit dem Thema „Tod und Sexualität“ konfrontiert habe.

Da er ohnehin im Verdacht steht, bei seiner Story nicht aufrichtig zu sein, wäre es egal, ob er eine solche Nachricht tatsächlich in Trafoi erhalten hätte, oder ob er sich – vielleicht auf der Grundlage dessen, dass er real eine solche Botschaft in jüngerer Zeit erhalten hatte – eine solche Szene auf der Heimfahrt von Bergamo nach Wien nur erträumt hätte. Einem versierten Freud-Forscher verdanke ich die persönliche Mitteilung, dass er über Hinweise verfüge, wonach im Jahr 1898 womöglich vier von Freuds Patienten Suizid begangen hätten, einer davon im Juli, ein anderer im August [Endnote 12]. Es könnte Freud also tatsächlich in Trafoi die Nachricht von einem dieser Vorfälle erreicht haben. Denkbar wäre auch, dass diese Suizide ganz allgemein Freuds Sommerreise überschattet hätten und er, aus welchem Grund auch immer, gerade in Trafoi sehr lebhaft an sie gedacht hätte.

Sollten ein oder mehrere solcher Suizide stattgefunden haben, so könnten sie – als Ausdruck einer misslungenen Intervention – für den um Anerkennung bemühten Psychoanalytiker ziemlich unerfreulich gewesen sein. Gerade für einen solchen Fall dürfte er sich einerseits eine Gelassenheit von Angehörigen gewünscht haben, wie er sie von den bosnischen Türken berichtet, dass sie ihm attestierten, er hätte das Bestmögliche getan (erstes Zitat). (Denkbar, dass die Angehörigen eines solchen Patienten Freud gegenüber nicht dieses Vertrauen gezeigt hatten.) Andererseits könnte Freud versucht haben, sich mit der Vorstellung zu beruhigen, dass allein wegen der (angeblich) vorliegenden sexuellen Störung sein ehemaliger Patient das Leben nicht mehr lebenswert empfunden hätte (zweites Zitat), dass dessen Tod also beispielsweise mit einem Kunstfehler seinerseits, mit der radikalen Wende seiner Theorie, nichts zu tun gehabt hätte. Seine Patienten mussten ja damals in kurzer Zeit ein Wechselbad über sich ergehen lassen – von der Suggestion, sie hätten von Seiten des Vaters in der Kindheit sexualisierte Gewalt erlebt, hin zur Anklage, sie selbst hätten inzestuös die Mutter begehrt und dazu den Vater aus dem Weg räumen wollen. Gut vorstellbar, dass derartige Kapriolen bei manchen Betroffenen zu starken Verunsicherungen und Schuldgefühlen geführt haben, die bei ohnehin labilen Patienten sehr wohl den Anstoß zu einem Selbstmord geben konnten. Es dürfte also die gärende Auseinandersetzung mit seiner theoretischen und therapeutischen Entwicklung in Freuds Märchen von seiner Fehlleistung einfließen.

Selbst, wenn Freud sich nur für seine eigene Person Resignation und Lebensmüdigkeit, und damit das Scheitern seiner theoretischen Bemühungen, hätte eingestehen müssen, so hätte er sich sicherlich gerne bescheinigt – um sich vor Fremd- und Selbstkritik zu bewahren –, das Menschenmögliche getan zu haben, nur an der Unheilbarkeit der Störung gescheitert zu sein.

Freuds Hinwendung zu Themen der allgemeinen Psychologie – dem Traum und dem Vergessen von Namen – scheint Ausdruck dieser Kapitulation vor der „unheilbaren“ Hysterie zu sein. Am 26. August 1898 berichtet er über sein neues Vorhaben (BaF, 354 f.): „Eine Kleinigkeit, lange vermutet, habe ich endlich gefaßt. Du kennst den Fall, daß einem ein Name entfällt und sich ein Stück eines anderen dafür einschiebt, auf das man schwören möchte, obwohl es sich als falsch erweist. So ging es mir unlängst mit dem Namen des Dichters, von dem der Andreas Hofer (‚zu Mantua in Banden‘) ist. Es muss etwas mit ‑au sein, Lindau, Feldau. Natürlich heißt der Mann Julius Mosen, das ‚Julius‘ war mir nicht entfallen. …“ Bei der Verdrängung habe auch „infantiles Material mitgewirkt“. Die Idee, dem alltäglichen Vergessen von Namen auf den Grund zu gehen, wird also nun in Angriff genommen. Und schon einen Monat später hat Freud in der Geschichte von dem angeblichen Vergessen des Namens von Signorelli ein Ereignis parat, das den Hauptbestandteil seiner Publikation (1898/1952) ausmacht.

Worin mag nun das „infantile Material“ bestehen, das nach Freud an dem Vergessensprozess (zwingend?) beteiligt ist? In Frage kommt sicherlich die Auseinandersetzung mit dem früh gestorbenen Julius, zu dem Freud, wie er selbst ein Jahr zuvor äußert, eine kindliche Rivalität um die Gunst der Mutter empfunden haben will [Endnote 13].

Das Madonnen-Bild des ‚vergessenen’ Herrn Signorelli in Bergamo könnte jedoch bei Freud eine noch tiefere Ebene berührt haben: Es stellt einen auffälligen Kontrast her zu Freuds Theorie von 1896/97, wonach jeweils der Herr Vater durch seinen sexuellen Missbrauch die Hysterie seiner Kinder verursache. Der Maler bringt dagegen eine Frau Mutter zur Darstellung, die sich am Geschlechtsorgan ihres „S[igis]mundi“ zu schaffen macht. „Das Bild Signorellis“ – so betitelt Freud seinen Aufsatz über das Namen-Vergessen am 20. Dezember 1898 gegenüber Wilhelm Fließ (BaF, 370) –, jedenfalls dasjenige, welches Freud in Bergamo im Zusammenhang mit den Werken Botticellis und Boltraffios gesehen haben dürfte, könnte ihn, ihm selbst offenbar unbewusst, einmal mehr mit der Problematik mütterlicher Vereinnahmung und Verführung konfrontiert haben. Die jungfräuliche Mutter mit dem Kind symbolisiert darüber hinaus die Bedeutungslosigkeit des Vaters, unterstreicht damit die Distanz zwischen Vater und Sohn, wie sie jedenfalls in der Konfliktdynamik der Familie Freud so deutlich zutage tritt. Es lässt darüber hinaus eine sehr spezifische Familienkonstellation – Josef/Maria/Jesus/Gottvater – anklingen: Der offizielle Gatte der Mutter (Josef) ist nicht der Vater des Kindes.

Dieser letzte Punkt bietet eine Möglichkeit, den Assoziationsfaden noch weiter zu spinnen. Die Malerei Signorellis im Dom von Orvieto wird von Freud in seiner ersten Mitteilung dazu als „das Weltgericht“ betitelt (BaF, 357). Dies eröffnet eine gedankliche Querverbindung zu Freuds erstaunlich ausführlicher Auseinandersetzung mit der Novelle „Die Richterin“ von Conrad Ferdinand Meyer (1885/1913). Seine Wanderung mit Minna von Landeck in Richtung Chiavenna, bei dem sie Zwischenstation in Trafoi gemacht hatten, welches wiederum bei der ‚Fehlleistung’ eine Rolle spielte, sei von Fließens Bemerkung inspiriert, dass dieser das Land so genau kenne, in dem der „Jürg Jenatsch“ [Endnote 14] spiele (BaF, 351), nämlich Graubünden, wo auch die Handlung der Richterin angesiedelt ist. Und auch die Richterin behandelt, wie das eine Bild Signorellis, die Problematik mütterlichen Verhaltens: In der Hauptgeschichte, wie auch in einer Nebengeschichte, erweist sich, dass der offizielle Gatte einer Mutter nicht der Vater ihres Kindes ist, weshalb der Gatte jeweils aus dem Weg geräumt wird – ein Thema, das womöglich auch in die spezielle Situation von Sigmund Freud hineinspielt.

Beide Bilder Signorellis zusammengenommen – die ‚Madonna mit Kind‘ in Bergamo, wie auch das ‚Weltgericht’ in Orvieto – ließen sich also als ein Querverweis zu der Richterin verstehen. Deswegen möchte ich den Inhalt dieser Novelle und Freuds Deutung dazu erläutern.

Ein Höfling von Karl dem Großen, Wulfrin, der Sohn des Grafen Wulf, wird an seine alte Heimat erinnert, was ihn nicht erfreut; bereits als Siebenjähriger hatte er seinen Vater verlassen, nachdem dieser die krank gewordene Mutter – seine zweite Frau – in ein Kloster gegeben hatte. Bald darauf war dem schon in die Jahre gekommenen Wulf quasi auf der Durchreise bei dem Richter auf Malmort bei Wein und Würfelspiel die 16jährige Stemma, dessen einzige Tochter, zur Frau gegeben worden. Bei der Hochzeit war dann der Brautvater in einem Streit getötet worden; Wulf bekam bei der Heimkehr von seinem einwöchigen Rache­feld­zug von seiner jungen Gattin den Willkommenstrunk kredenzt, von dem sie zuvor selbst drei große Schluck genommen hatte. Nachdem er den Becher geleert hatte, war er tot zusammengebrochen. Wulfrin, der diese Umstände von zuverlässigen Zeugen detailliert geschildert bekommen hatte, ist misstrauisch gegenüber der Stief­mutter, will aber eigentlich mit der Geschichte nichts zu tun haben. Sie selbst drängt, dass er den Tod des Vaters kritisch untersuche. Das ärgert Wulfrin (285): „Das Weib tritt mir zu nahe“.

Vom Kaiser mit einem Auftrag zu seiner Stiefmutter geschickt, gerät Wulfrin nahe der Burg Malmort in die Ge­fangen­schaft einer lombardischen Bande; seine fünfzehnjährige Stiefschwester Palma, die ihn bereits freudig erwartet, löst ihn – ohne Zögern und ohne das geringste Anzeichen von Bedauern – mit ihrem ganzen Schmuck aus.

Kurz darauf bittet Faustine, eine Dienerin, die Richterin, sie zu verurteilen, weil sie vor vielen Jahren ihren Gatten ermordet habe. Als junges Mädchen sei sie von einem Mann umworben worden, der dann bei einer Jagd umgekommen sei. Vom Vater der Richterin kurz darauf mit einem anderen verheiratet, hatte sie bei der Hochzeit gemerkt, dass sie bereits von dem ursprünglichen Bewerber schwanger war. Um das Ungeborene vor ihrem jähzornigen Mann zu schützen, habe sie ihn vergiftet; der heilkundige Mönch Peregrin hatte sie warnend auf giftige Pflanzen aufmerksam gemacht. Jetzt, nachdem ihre Tochter erwachsen ist und das Haus verlassen hat, will sie verurteilt werden. Die Richterin verhält sich sehr einfühlsam gegenüber ihrer früheren Gespielin und verweigert ihr wegen Verjährung das Todesurteil. Stattdessen solle sie sich vom Bischof eine Buße auferlegen lassen.

Allein in der Burg mit ihrer schlafenden Tochter erinnert sich Stemma an die Zeit, als sie ihr Erbe angetreten und durch scharfsinnige Politik ihre Herrschaft gefestigt hatte. Endlich zur Ruhe gekommen, war sie dann selbst ruhelos geworden. Sie hatte nachts öfter mit zwei Kristallfläschchen gespielt, die Peregrin auf Malmort zurückgelassen hatte. Eines davon ist mit einer kleinen Schlange markiert, auf dem anderen ist „Antidoton“ [Gegengift] eingeritzt. Jetzt beschließt sie, die zwei Flakons zu vernichten, und zertritt dasjenige, dessen Inhalt als Gegenmittel gekenn­zeichnet ist. Erstaunt nimmt sie einen Mandelgeruch wahr, denn sie dachte, zunächst das andere Fläschchen zertreten zu haben. Der Versuch, auch dieses nun zu zerstören, scheitert an dessen überraschender Festigkeit. So steckt sie es sorgfältig in ihr Gewand. Nun versinkt sie in einen Traum, in dem ihr Peregrin erscheint, der andeutet, Palma sei sein Kind. Er erzählt auch aus der Unterwelt, vom Grafen Wulf, der ständig überlege, ob seine junge Gattin ihm damals ein Leid angetan hatte, oder nicht. Die Richterin stellt die Vaterschaft Peregrins vehement in Abrede, behauptet, makellos zu sein. Aber sie hätten sich beide geliebt; ihr Vater habe ihn jedoch erwürgt, weil er ihn in den Armen seiner Tochter angetroffen hatte. Sie habe schon zuvor mit ihm fliehen wollen, er sei dazu jedoch zu feige gewesen.

Am nächsten Morgen werden Mutter und Tochter vom Klang eines Horns geweckt; der freigelassene Wulfrin hat sich vor dem Burgtor eingefunden. (Dem Horn, von Wulf an Wulfrin übergegangen, werden magische Eigenschaften zugesprochen: Bei der Heimkehr vor dem Burgtor geblasen zwinge es die Burgherrin, dem Burgherrn eventuelle Verfehlungen zu bekennen.) In einem Gespräch unter vier Augen fordert Stemma von Wulfrin, sie freizusprechen. Wulfrin zeigt sich unwillig: er zweifle nicht an der Schilderung vom Tod seines Vaters. Er habe jedoch seine Schwiegermutter nie gemocht, weil sie seiner Mutter den Platz streitig gemacht habe, die von dem groben Vater geschlagen und, nachdem sie alt geworden, ins Kloster verbannt worden war.

Stemma beteuert, die Verheiratung mit Wulf sei für sie erzwungen und entwürdigend gewesen. Sie habe sich dabei der Gewalt des Vaters gefügt, der zuvor ihren „Liebling“ von niederem Stand eigenhändig erwürgt habe. Durch den raschen Tod des Wulf sei sie dann wieder zur Freiheit gelangt. Er solle nun sorgfältig abwägen, ob sie sich eines Mordes schuldig gemacht habe. Wulfrin nimmt ihr die Ernsthaftigkeit ihres Anliegens ab, ist jedoch in diesem Moment mehr von der hübschen Palma eingenommen.

Die Augenzeugen des Todes von Graf Wulf werden nun von der Richterin im Burghof versammelt. Sie bestätigen die bisherigen Aussagen. Nun sieht Wulfrin sich genötigt, seinerseits, wenn auch „hastig und unwillig“ (339), die Richterin freizusprechen und zu schwören, er werde nie mehr die Frage vom Tod seines Vaters berühren. Wulfrin ist, „als hätte er den Vater durch seinen Unmuth und seine Hast preisgegeben und beleidigt“ (ebd.). Stemma nimmt ihm in diesem Moment der Verwirrung sein Horn ab – „Als Pfand meiner Freigebung und unseres FriedensIch kann seinen Ton nicht leiden.“ – und wirft es über die Burgmauer in die Schlucht des tosenden Bergbaches, bevor der verdutzte Wulfrin noch zu sich kommt. Seinen Unmut lässt er an Palma aus, die er, als sie sich nähert, anschreit und wegstößt.

Wulfrin zeigt gegenüber Palma ein zwiespältiges Verhalten: Wenn sie sich an ihn hängt, stößt er sie weg; dann sorgt er sich um sie, wenn sie deswegen weint. Stemma möchte, dass Wulfrin die Verlobung Palmas mit dem benachbarten Graciosus in die Wege leitet. Wulfrin will jedoch, weil er sich in der Enge der Burg und der Eintönigkeit des Alltags schrecklich unwohl fühle, noch an diesem Tag aufbrechen. Er willigt am Ende doch ein, noch einen Tag zu bleiben und Graciosus abzuholen. Der Hirtenjunge Gabriel und Palma schließen sich der Wanderung an.

Wulfrin genießt die Natur und die Gesellschaft seiner zwei jun­gen Begleiter. Sie rasten an einem See, wo der Junge das Fehlen des Horns bemerkt. Wulf­rin antwortet knapp, es sei in den Strom gefallen. Als Gabriel anderweitig zu tun bekommt, überlässt er Wulfrin und Palma für den Rest des Weges sich selbst. Ein schneebedeckter Gipfel, von weißen Wolken um­spielt, und die warme Mittagssonne am klaren See entrücken das Paar in Se­ligkeit. Ein Blick ins Wasser spiegelt Wulfrin die Umarmung seiner Schwester; erschrocken springt er auf, um den Weg fortzusetzen. Beide sind etwas befangen, als sie gleich darauf Graciosus begegnen. Dieser plappert von diversen Affären, auch von ehelicher Untreue, und bekennt die eigene uneheliche Geburt, weshalb er selbst die Ehe heilig halten wolle. Wulfrin ist bereit, bei Palma für ihn zu werben; unter Tränen willigt sie ein – um dem geliebten Bruder einen Gefallen zu tun. „Dem Höfling aber wurde es offenbar, jetzt da er die Schwester weggab, daß sie ihm das Liebste auf der Erde sei.

Als sie zu dritt zusammen sitzen, kommt Palma auf die Idee, den Gastgeber nach einem Buch zu fragen, das er kürzlich ihrer Mutter gezeigt habe. Etwas unwillig bringt Graciosus es herbei, und Palma deutet die Illustration des lateinischen Textes, es sei der Bruder auf Malmort, der sie wegstößt [Endnote 15]. Graciosus nimmt ihr verärgert das Buch weg. Auf Wulfrins Nachfrage erläutert er, die Geschichte handle von der sündigen Liebe einer Schwester zu ihrem Bruder. Bei dieser Aufklärung wird Wulfrin totenbleich, zerfetzt die Seite des Buches und ordnet die sofortige Heimkehr an, wobei er den Weg durch eine Schlucht nehmen wolle, während er Palma strikt anweist, sich an die ursprüngliche Route zu halten.

Auf seinem Weg erlebt Wulfrin die Natur als „Hölle“, begegnet hier Faustine, die er nach ihrem Frevel befragt. Sie offenbart sich als Gattenmörderin. Auf ihre Gegenfrage bekennt Wulfrin (369): „‚Ich begehre die Schwester!‘“ Faustine entflieht entsetzt. Wenig später kommt ihm Palma flehend entgegen, sie lieber zu töten, wie er gedroht hatte, als sie weiter zu hassen. Da schleudert er sie an einen Felsen, an dem sie bewusstlos zusammenbricht, worauf er sie in seinen Armen ins Tal trägt. Wie im Wahn ruft er, man solle auf Malmort seine Hochzeit mit der Schwester vorbereiten. Dort angekommen, übergibt er das ohnmächtige Mädchen seiner Mutter.

Am nächsten Morgen erwacht Wulfrin im Wald, in dem er nachts umhergeirrt ist, in seelischem Zwiespalt: Sorge um das Leben der Schwester, aber auch Abneigung und Trotz. Am Ende sitzt er schluchzend da, überzeugt, nun bald sterben zu müssen, nachdem er den „tiefsten Reiz“ und die „geheimste Lieblichkeit“ des Lebens gekostet hat. Da gesellt sich die Richterin zu ihm. Schnell durchschaut sie das Geschehen: Palma hatte ihr gegenüber die Ohnmacht als Folge eines Unfalls ausgegeben, die Mutter ahnt jedoch dahinter die Tat Wulfrins, was dieser ohne Zögern gesteht. Auch das Motiv dahinter – statt des Hasses die Liebe – wird von ihr sensibel erspürt, und von Wulfrin bestätigt. Stemma zeigt Verständnis; die beiden hätten wie zwei Fremde aneinander Gefallen gefunden. Einen Frevel an ihrer Tochter werde sie jedoch nicht dulden. Wulfrin will wissen, ob Palma tatsächlich seine Schwester sei, was Stemma sofort bestätigt. Der junge Ritter will sich daraufhin das Leben nehmen. Die Richterin nennt ihn einen Feigling. Da beschließt er, sein ‚Vergehen’ dem Kaiser zu bekennen und sich dafür richten zu lassen. Geschwisterliebe werde mit dem Scheiterhaufen bestraft, klärt ihn Stemma auf. Das schreckt Wulfrin nicht; er fühlt sich nun frei, verbringt noch einige Stunden bis zur Nacht an seinem Rastplatz, um dann ungesehen an Malmort vorbei zu den Truppen des Kaisers zu stoßen.

Auf seinem Weg verweilt er noch einen Moment am Ufer des Stroms, der in der Ebene sanft dahin fließt. Er glaubt einen Elb zu sehen, der mit seinem Horn auftaucht. Tatsächlich ist es der Hirtenjunge Gabriel, der es tagsüber im Wasser entdeckt und nun herausgefischt hat. Als der Knabe zur Probe hineinbläst, erschallt es in alter Weise. Wulfrin sieht in der Wiedergewinnung seines Erbes einen „Schimmer von Geisterhilfe“, womöglich von Seiten des Vaters. Er will nun den Vater mit dem Horn zu Hilfe rufen. Zu diesem Zweck folgt er Gabriel in den Burghof.

Währenddessen befindet sich Stemma im Schloss in Unruhe: Sie hat gerade aus dem Tal den unliebsamen Ton des Horns vernommen. Gleichzeitig beschäftigt sie die Frage, wie sie gegebenenfalls über Wulfrin richten sollte. Es wäre ihre Art, einen solchen Fall genau zu analysieren. „Aber sie durfte nicht untersuchen, denn sie hätte etwas Begrabenes aufgedeckt, eine zerstörte Tatsache hergestellt, ein Glied wieder einsetzen müssen, das sie selbst aus der Kette des Geschehenen gerissen hatte.“ (384 f.). Sie hat Visionen, gerät in einen Zustand von leichter Verwirrung, was durch das noch lautere Ertönen des Hornes in diesem Moment verstärkt wird. Ihre Tochter schläft ruhig weiter. Da erklingt das Horn erneut. Stemma glaubt, der tote Wulf erscheine (387): „‚Er stört die Nacht! Er verwirrt Malmort! … Das leide ich nicht! Ich verbiete es ihm! Ich bringe den Empörer zum Schweigen!‘ Und der Wahn gewann Macht über diese Stirn.“ Verärgert stellt sie sich vor das Grabmal im Burghof (Wulfrin hat den Ort inzwischen wieder verlassen) und schilt laut mit dem vermeintlichen Geist ihres Gatten. Sie wolle ihn wissen lassen, wie es sich mit seinem Tod verhalte: Bei der Hochzeit sei sie bereits von Peregrin schwanger gewesen. Wulf selbst habe sie nie berühren dürfen. Der Wein, den sie ihm zum Empfang in dem Becher gereicht hatte, und von dem sie selbst als Erste einen gehörigen Schluck getrunken hatte, sei vergiftet gewesen. Sie selbst hatte allerdings kurz zuvor ein Gegengift ein­genommen. Palma habe ihn also umgebracht.

Da kommt die Richterin wieder zur Besinnung, hält sich wegen dieses Auftritts für eine Närrin. Sie will ins Bett zurückkehren und stößt dabei auf die hinter ihr stehende Palma, die zur Zeugin der Szene geworden ist.

In den darauffolgenden Tagen herrscht große Unruhe auf Malmort. Palma schläft nicht, weint unablässig, rührt weder Speise noch Trank an, ist auf einmal ganz still und zahm. Das Gesinde kann sich den Wandel des wilden Mädchens nicht erklären, man denkt an Gift oder Zauberei. Die Richterin „ergrimmte … und weinte zugleich in ihrem Herzen über die Verwüstung des Einzigen, was sie liebte. Aber sie blieb aufrecht und gürtete sich mit ihrer letzten Kraft. ‚Wie,‘ sagte sie sich, ‚mir gelänge es nicht, dieses Gehirnchen zu bethören, dieses Herzchen zu überwältigen?‘“ (392). So bemüht sie sich, der Tochter einzureden, das Geschehen jener Nacht sei ein Wahngebilde. Aber Palma lässt sich nicht beirren. Da lenkt die Mutter ein und bekennt sich zu ihrer Tat. Sie ist böse, dass sich ihre Tochter in ihr Geheimnis hineingedrängt habe. Und sie verlangt von ihr (395): „‚… Lerne Heucheln, mein Kind, es ist nicht so schwer, wie du glaubst! …‘“ Aber Palma trauert um Wulfrin, der womöglich geahnt habe, dass ihretwegen der Mord an seinem Vater geschehen sei. Stemma verpflichtet ihre Tochter jedoch zum Schweigen. Sie dürfe ihre Mutter nicht verraten. Um den Glauben der Menschen an die Gerechtigkeit nicht zu erschüttern, dürfe nicht offenbar werden, dass eine Sünderin über Sünde gerichtet habe. Palma ergibt sich dem Willen ihrer Mutter, verweigert aber weiterhin jegliche Nahrung. „Stemma sah eine Sterbende. Da starb auch sie. Ihr Herz stand stille. Ein Todeskampf verzog ihr das Antlitz. Eine Weile kniete sie starr und steinern. Dann verklärte sich das Angesicht der Richterin und ein Schauer der Reinheit badete sie vom Haupt zur Sohle.“ Sie will dem Kaiser ihre Tat bekennen und sich seinem Urteil zu unterwerfen. Da ist Palma bereit, einen Bissen anzunehmen.

In diesem Moment trifft auch schon der Zug des Kaisers ein; in seinem Gefolge einige Höflinge und die Bewohner der Umgebung. Zunächst eröffnet Karl der Richterin, dass er einen Grafen für die Gegend einsetzen wolle. Die Richterin benennt Wulfrin als geeigneten Mann. Dieser jedoch, so der Kaiser, habe sich eines großen Frevels angeklagt. Die Richterin sagt zu, ihn und sich gemeinsam zu richten. „Karl betrachtete sie erstaunt. Sie leuchtete von Wahrheit. ‚So walte deines Amtes,‘ sagte er.

Der Tross war auf dem Weg zur Burg auf den Leichnam Faustines gestoßen. Die Tote wird an das Grabmal des Grafen gelehnt. Die Richterin verweist zunächst auf diese Magd; sie habe allen als ehrenwerte Frau gegolten, habe jedoch ihren Mann vergiftet, weil sie von einem anderen schwanger war. Sie selbst, die Richterin, habe die gleiche Tat begangen. Palma und Wulfrin hätten nicht einen Tropfen gemeinsamen Blutes. Palma wird von der Richterin als Zeugin ihrer Tat benannt; sie bestätigt die Rede ihrer Mutter. Stemma unterwirft sich nun selbst einem Gottesurteil. Sie trinkt das Gift aus dem Fläschchen (403): „‚Erstorbenes Gift, erstorbene That! Lebendige That, lebendiges Gift!‘“ – und bricht entseelt zusammen. Stemmas Leichnam wird neben denjenigen Faustines postiert, worauf sich das Antlitz der Magd in den Schoß der Herrin neigt.

Nun ist noch über Palmas Geschick zu entscheiden. Der Abt Alcuin empfiehlt den Weg ins Kloster, wogegen Wulfrin Einspruch erhebt. Als Alternative komme die Verheiratung mit Graciosus in Frage, so der Abt. Diesem graut jedoch vor dem Kind einer Mörderin. Daraufhin bewirbt sich Wulfrin freudig um Palma. Der Kaiser bestimmt, dass die Rückkehr des Wulfrin aus der nächsten Schlacht als Gottesurteil für diese Heirat gewertet werde. Malmort aber solle niedergebrannt werden.

Es muss nicht verwundern, dass Freud von dieser Geschichte angezogen ist: Sie handelt von rätselhaften Verwirrungszuständen, von Träumen, von seelischem Leid, von Impulsen, die sich nach außen in ihrer gegensätzlichen Form zeigen (die Liebe des Wulfrin zu Palma zeigt sich in seiner gewalttätigen Abweisung). Wie in den Geschichten von Ödipus oder Hamlet geht es auch hier um die Aufdeckung der Wahrheit, um Sühne für den Tod eines Vaters. Auch hier spielen erstaunliche Zufälle eine Rolle.

Aber wie versteht Freud diese Geschichte? An Fließ schreibt er am 9. Juni 1898, „ein kleiner Aufsatz“ (BaF, 346) über diese Novelle werde von ihm verfasst, der dann – unter der Überschrift „Die Richterin“ – als Hauptteil seines Briefes vom 20. Juni 1898 folgt (BaF, 347 f.): „Kein Zweifel, daß es sich um die poetische Abwehr der Erinnerung an ein Verhältnis mit der Schwester handelt. Merkwürdig nur, daß diese genau so geschieht, wie in der Neurose. Alle Neurotiker bilden den sogenannten Familienroman (der in der Paranoia bewußt wird), der einerseits dem Größenbedürfnis dient, andererseits der Abwehr des Inzestes. Wenn die Schwester nicht das Kind der Mutter ist, dann ist man ja des Vorwurfes ledig. (Ebenso, wenn man das Kind anderer Leute ist.) Woher nimmt man nun das Material von Untreue, illegitimen Kindern u. dgl., um diesen Roman zu bilden? Gewöhnlich aus dem niedrigeren sozialen Kreis der Dienstmädchen. Dort kommt dergleichen so häufig vor, daß man nie um Material verlegen ist, und hat besonderen Anlaß dazu, wenn die Verführerin selbst eine dienende Person war. In allen Analysen bekommt man darum dieselbe Geschichte zweimal zu hören, einmal als Phantasie auf die Mutter, das zweite [Mal] als wirklich Erinnerung von der Magd. So erklärt sich, daß in der Richterin, die ja die Mutter ist, dieselbe Geschichte unverändert zweimal erscheint, was als Komposition kaum eine gute Leistung wäre. Herrin und Dienerin liegen am Ende entseelt nebeneinander. Die Magd geht am Ende vom Hause fort, der gewöhnliche Ausgang von Dienstbotengeschichten, aber auch die Buße der Dienerin in der Novelle. Außerdem dient dieses Stück des Romans zur Rache gegen die gestrenge Frau Mama, die einen etwa beim Verkehr überrascht und ausgezankt hat. Im Roman wie in der Novelle wird die Mutter überrascht und gerichtet bloßgestellt. Das Wegnehmen des Horns ist ein echt kindlicher Klagepunkt, das Wiederfinden eine geradezu kindische Wunscherfüllung. Der Zustand der Schwester, die Anorexie, geradezu die neurotische Folge des Kinderverkehrs, nur ist es in der Novelle nicht die Schuld des Bruders, sondern der Mutter. Gift entspricht paranoisch genau der Anorexie der Hysterie, also der unter den Kindern gebräuchlichsten Perversion. Sogar der ‚Schlag‘ spukt darin (die Angst vor dem Schlag als Phobie bedeutet Kinderschläge). Die Rauferei, die in einer Kinderliebe nie fehlt, ist auch in der Novelle durch das An-die-Felsen-Schleudern der Schwester dargestellt, geschieht aber als Gegensatz aus Tugend, weil die Kleine zu aufdringlich ist. Der Herr Lehrer spielt mit der Person des Alcuin hinein. Der Vater winkt als Kaiser Karl in seiner dem Kindertreiben fernen Größe und in anderer Inkarnation als der, dem die Mutter das Leben vergiftet hat und den der Familienroman regelmäßig beseitigt, weil er dem Sohn im Weg steht. (Wunschtraum vom Tod des Vaters.) Zwistigkeiten zwischen den Eltern sind das fruchtbarste Material für die Kinderromane. Die Erbitterung gegen die Mutter macht sie in der Novelle zur Stiefmutter. Also in jedem einzelnen Zug identisch mit einem Rache- und Entlastungsroman, den meine Hysteriker gegen ihre Mutter dichten, wenn sie Knaben sind.

Die Handlungslogik der Richterin sollte eigentlich für jeden klar denkenden Erwachsenen verstehbar sein: Eine Frau hat ihren Gatten umgebracht, weil er ihr gegen ihren Willen aufgedrängt wurde, und weil sie bereits mit einem Kind aus einer anderen Verbindung schwanger ist, das sie vor dem womöglich eifersüchtig reagierenden Ehemann schützen will. Nach vielen Jahren steht sie vor dem Problem, sich vor dem erwachsenen Sohn des ermordeten Gatten quasi rechtfertigen zu müssen. Die Frau versucht zunächst, ihren Stiefsohn für sich zu vereinnahmen. Sie agiert dabei recht geschickt und erfolgreich. Später nimmt sie aber auch in Kauf, dass zur Aufrechterhaltung des falschen Scheins ihr Stiefsohn ums Leben kommt.

Vieles bleibt bei Freud wirr und unkonkret: Was meint er beispielsweise mit dem „‚Schlag‘“? Vermutlich bezieht er sich dabei auf folgende Stelle (287), als Wulfrin fragt: „Was will die Iudicatrix [Endnote 16]? Mich schwören lassen, dass wir Wölfe gemeinhin am Schlage sterben? Was freilich auf die Wahrheit hinausliefe.“ Hier ist also ein ‚Schlaganfall’ gemeint. Aber wieso will Freud aus dieser m.E. eher nebensächlichen Stelle irgendeine Bedeutung ableiten („Angst vor dem Schlag als Phobie“)? Und was meint er mit „Kinderschläge“ – Schläge, die gegen Kinder gerichtet sind, oder die von Kindern ausgehen? Was soll es bedeuten zu sagen: „Gift entspricht paranoisch genau der Anorexie der Hysterie“? Abgesehen davon: Wie kommt Freud dazu, die Problematik ganz auf Seiten der Kinder anzusiedeln, ihnen zu unterstellen, sie hätten ungehemmt ihre Inzesttriebe ausleben wollen („Verhältnis mit der Schwester“), was das Mädchen dann in die Magersucht getrieben habe, während der unersättliche Sohn auch den Vater noch aus dem Weg geräumt sehen wollte („Vater … beseitigt, weil er dem Sohn im Weg steht. (Wunschtraum vom Tod des Vaters.)“), wohl um ungestört noch mit der Mutter vögeln zu können? Fehlverhalten von Erwachsenen finde sich höchstens auf Seiten des Personals, das die Kinder womöglich verführt, und damit zum Inzest angeregt hat. Die Mutter ist unschuldig, wenngleich bisweilen die Verfehlungen der Dienstboten von den Kindern auf sie projiziert werden.

Für Freud dokumentiert die Novelle vor allem die Abwehr des Schriftstellers Meyer, seinen Racheakt gegen seine Mutter, die ihn beim Inzest mit der Schwester erwischt habe, ein typischer „Rache- und Entlastungsroman, den meine Hysteriker gegen ihre Mutter dichten, wenn sie Knaben sind“. Freud scheint also in seiner Praxis – wohl auch in seiner eigenen Selbst­ana­ly­se – mehrfach Material gefunden zu haben, das die Mütter der Betroffe­nen in nicht allzu gutem Licht hat erscheinen lassen. Er verschwendet je­doch keinen Gedanken daran, dass dieses Material die Wirklichkeit wo­möglich ganz gut zum Ausdruck gebracht haben könnte. Stattdessen wird es zum Dokument der kindlichen Perversion umgedeutet. Dieselbe Ver­drehungskunst hatte er bereits auf den König Ödipus und den Hamlet angewendet.

Sehr auffällig ist dieses In-Schutz-Nehmen einer Mutterfigur an einer zunächst unscheinbaren Stelle, als Freud betont: „Wenn die Schwester nicht das Kind der Mutter ist, dann ist man ja des [Inzest‑]Vorwurfes ledig.“ Freud will offenbar sagen, dass Wulfrin so tut, als ob ihn der Inzest-Vorwurf nicht treffen würde, solange Palma nur nicht die Tochter seiner Mutter ist (was in der Novelle ja tatsächlich völlig unstrittig ist). Offenbar glaubt Freud, es wäre Wulfrin egal, wenn Palma tatsächlich die Tochter seines Vaters wäre. Aber genau das Gegenteil wird hier erzählt. Meyer zeigt Wulfrin so überwältigt von dem Liebesgefühl zu Palma, dass er bewusst sterben will, wenn sie sich als Tochter des Vaters erweist. Nachdem ihm Palmas Mutter versichert hat, dass Wulf auch der Vater von Palma ist, will Wulfrin spontan Selbstmord begehen. Die Richterin nennt ihn deswegen einen Feigling, was ihn von seinem Plan abbringt. Wohl eher intuitiv, als bewusst kalkuliert schlägt er mit dem Mut der Verzweiflung einen Weg ein, der ihm eine winzige Chance lässt, dass seine Liebe doch noch Erfüllung findet. Er will eine gerichtliche Entscheidung über seine Liebe zu Palma herbeiführen. Dabei muss dann nämlich geprüft werden, ob Wulf auch wirklich der Vater von Palma ist. Wulfrin nimmt bei diesem Schritt bewusst einen besonders grausamen Tod in Kauf. Und Wulfrins Mut wird am Ende belohnt.

In der alten Zeit, als es noch keine Genanalyse gab, galt unverrückbar: Die Mutter ist immer sicher, der Vater ist immer unsicher. Die Klärung der Vaterschaftsfrage macht den Dreh- und Angelpunkt der ganzen Geschichte aus. Es ist genau das Problem, das gerade auch in der Familie Freud von großer Brisanz ist: Ist die kleine Anna die Tochter von Jakob oder von Philipp? Einmal mehr ist Freud von einer Geschichte fasziniert, die genau seine Familientragödie spiegelt, und einmal mehr wehrt er diese Einsicht ab, indem er vor der klaren Analyse und Benennung der relativ simplen Zusammenhänge zurückschreckt.

Im Umkreis dieser Überlegungen spielen Freuds Reflexionen über zwei weitere Texte eine Rolle: Einerseits die sog. Philippsonsche Bibel, die Freud von seinem Vater zu seinem 35. Geburtstag (im Jahr 1891) geschenkt bekommen hatte. Aus diesem Anlass hatte Jakob das Buch mit einer sehr warmherzigen, liebevollen Widmung an seinen Sohn versehen. Sie mag als ein Symbol für Sigmunds Wissbegierde gemeint gewesen sein, der anscheinend schon als Kind von ca. 7 Jahren – unter Anleitung und Beihilfe des Vaters – darin gelesen hatte (vgl. Krüll, 229-237). In einem Kindheitstraum, den Freud in der Traumdeutung (1899/1999, S. 344-345) schildert, den er im Alter von 7 oder 8 Jahren geträumt haben will, und den er „etwa 30 Jahre später der Deutung unterworfen habe“ (d.h. +/– um das Jahr 1894), habe er Bilder aus dieser Bibel vor Augen gehabt. Freud erkennt in dem Traum „ein dunkles offenkundig sexuelles Gelüste“ seinerseits gegenüber der Mutter. Wenn Freud hier schon einen Mutter-Sohn-Inzest assoziiert, dann sind auch Assoziationen zu dem Mutter-Stiefsohn-„Inzest“ möglich (vgl. Krüll, 186-192), bei dem Philipp mit seiner Stiefmutter mutmaßlich die kleine Anna gezeugt hat.

Andererseits offenbart Freud etwa in dieser Zeit (am 16.10.1895) auch über seine Lektüre des Romans „Niels Lyhne“ von Jens Peter Jacobsen, diese Lektüre habe ihm „tiefer ins Herz geschnitten als irgendeine Lektüre der letzten neun Jahre“ – habe also das Organ seiner hysterischen Reaktionen nachhaltig berührt.

Conrad Redinand Meyers „Richterin“ zeigt eine Mutter, die ihrem Gatten „das Leben vergiftet hat“, um den Spross eines anderen zu schützen. Diese Thematik wird in der parallelen Geschichte der Dienerin Faustine sogar verdoppelt. Es ist auffällig, mit welcher Vehemenz Freud die leicht durchschaubare Handlungslogik beiseite schiebt. Dies ließe sich als ein weiterer Hinweis darauf deuten, dass eine derartige Thematik mit höchster Brisanz auch auf der Familie Freud lastete. Aber es geht dabei nicht nur um die ungeklärte Vaterschaft von Anna. Jörg Kollbrunner (2001) verficht die Hypothese, dass Sigmund Freuds Geburtstag auf den 6. März zu datieren sei, Mutter Amalia also bereits vor ihrer Hochzeit schwanger gewesen sein müsse. Die junge Amalia sei womöglich – ähnlich wie Stemma – gegen ihren Willen verheiratet worden, Sigmund entstamme dabei vielleicht einer von Amalias Eltern unterbundenen Beziehung zu einem anderen Mann. Dieses Szenario würde jedenfalls vorzüglich zu der Dynamik passen, wie sie in der Richterin durch die Verdoppelung bei Faustine und Stemma so überdeutlich herausgestrichen wird. (Auch bei Jakob Freud wird übrigens gemutmaßt, er habe – wie der Graf Wulf – insgesamt drei Frauen gehabt, wobei er die zweite womöglich verstoßen habe; vgl. Kollbrunner, 89f.) [Endnote 17] Wie in der Richterin die Verdoppelung des Gattenmordes um des ungeborenen Kindes Willen auffällt, mag vielleicht auch die doppelt ungeklärte Vaterschaft der Kinder Sigmund und Anna in der Familie Freud auffallen. Symbolisch gesprochen ist sich Sigmund selbst vielleicht gar nicht so sicher, ob er nun eher ein legitimer Jacobs[o]n, oder vielmehr ein illegitimer Philippson ist.

(Grafische Darstellung im PDF-Format.)

Es fehlt Freud an aufrichtiger, mutiger Wahrheitsliebe. Das in den Briefen an Fließ ausgiebig beklagte Misslingen einer Erklärung der ‚Hysterie‘, seine Fehlschläge (Patientensuizide, Fortbestehen seiner eigenen ‚Hysterie‘) auf der Grund­lage seiner alten, wie auch seiner neuen Theorie, mündet nicht etwa in einer kritischen Auseinandersetzung. Vielmehr deutet er unbeirrt seine fixe Idee von der Anlage des Menschen als „polymorph pervers[es]“ Wesen in Dramen, Novellen und Lebensgeschichten hinein, anstatt nach außen ein Scheitern seiner theoretischen Bemühungen einzugestehen.

Seine Deutungen dienen also der Abwehr. Sein Märchen vom angeblichen ‚Vergessen‘ von Signorellis Namen verweist, bei Betrachtung der Begleitumstände, deutlich darauf, dass er hier erneut, unbewusst, seine eigene Familiendynamik umkreist. Ähnlich wie in dem Traum vom Mai 1897 konfrontiert ihn sein Unbewusstes, ein Jahr später, hartnäckig mit dem Kern seiner (persönlichen) Familienproblematik – einer dominanten, vereinnahmenden, übergriffigen Mutter.

(Es sei noch einmal ausdrücklich dazu gesagt, dass dies keineswegs regelmäßig das zentrale Problem einer ‚hysterischen‘ Entwicklung darstellt!)

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[Endnote 1] Erste Anspielungen auf diese Fehlleistung finden sich in einem Brief an Wilhelm Fließ vom 22. September 1898, zuerst veröffentlicht wurden die Überlegungen in: Zum Psychischen Mechanismus der Vergeßlichkeit (1898/1952 b), dann, in abgeänderter Formulierung, in: Zur Psychopathologie des Alltagslebens (1901/1954, 13 ff.).

[Endnote 2] In der früheren Ausgabe von 1898 schreibt Freud abweichend: „Herr, was ist da zu sagen? Ich weiss, wenn er zu retten wäre, würdest du ihm helfen!“ Bei dieser Formulierung sticht deutlicher hervor, dass der arme Kranke noch lebt, was bei beiden Schilderungen jeweils aus dem Zusammenhang hervorgeht (1898/1952 b, 522: „Wenn der Arzt dem Familienvater mitteilen muss, dass einer seiner Angehörigen dem Tode verfallen ist, so lautet dessen Erwiderung: …“; 1901/1954, 14: „Wenn man ihnen ankündigen muss, dass es für den Kranken keine Hilfe gibt, so antworten sie: …“)

[Endnote 3] In dem Brief an Fließ, kurz nach dieser Episode, wird kein Hinweis auf den Suizid eines Patienten gegeben, Freud spricht lediglich von einem „Anklang an das auf der ersten Reise gesehene Trafoi“; in der Veröffentlichung von 1898 (524) heißt es, er habe sich mit den Themen „Tod und Sexualität“ beschäftigt, „ … zu keiner Zeit mehr […], als einige Wochen vorher, nachdem ich eine gewisse Nachricht bekommen hatte. Der Ort, an dem diese Nachricht mich getroffen, heisst Trafoi“.

[Endnote 4] In seiner ursprünglichen Darstellung (1898/1952,521) betont Freud noch in Bezug auf seine Versuche, sich an den Namen des Malers zu erinnern: „ich konnte mir die Bilder sinnlich lebhafter vorstellen, als ich es sonst vermag; und besonders scharf stand vor meinen Augen das Selbstbildnis des Malers, — das ernste Gesicht, die verschränkten Hände — …“. Die Betonung der bildlichen Qualität seiner Erinnerung mag die Vermutung stützen, dass Freud diese Episode eher geträumt, als real erlebt hat.

[Endnote 5] Von Peter Swales (1999, 8) habe ich die Anregung, in Signorelli ein Anagramm von Freuds Vornamenskürzel zu sehen.

[Endnote 6] Giuliano de Medici wurde 25jährig während einer Ostermesse niedergestochen, als Opfer im Kampf um Macht und Einfluss zwischen der Familie der Medici und der mit ihr rivalisierenden Familie Pazzi. Dem Attentat hätte auch der Bruder des abgebildeten Giuliano, Lorenzo de Medici, zum Opfer fallen sollen; er konnte sich jedoch retten; den missglückten Putschversuch hat er blutig und grausam gerächt. Das Bild Botticellis wurde wohl im Todesjahr von Giuliano de Medici vollendet.

[Endnote 7] nudam = nackt

[Endnote 8] Nebenbei: Ein interessanter Einblick in die Prüderie von Wilhelm Fließ und Sigmund Freud. Die zwei Männer, die sich permanent in wildesten Spekulationen über (kindliche) Sexualität ergangen haben, bewahren ihre eigenen Kinder peinlich davor, ihre Mütter (und Väter?) nackt zu sehen. Jürg Kollbrunner (2001, 188 ff.) hat diese (und andere) Besonderheiten der Freudschen Kindererziehung etwas breiter erörtert.

[Endnote 9] Swales hat dies nicht ausdrücklich hervorgehoben, wenngleich er auf S. 34 einmal den ‚Salvator mundi‘ und den ‚Sigismund‘ in einem Satz zusammenführt.

[Endnote 10] Offenbar hatte dort wenige Tage zuvor eine Begegnung mit Fließ stattgefunden; Reichenau wird jedenfalls sechzehn Tage zuvor in einem Brief als möglicher Ort eines Zusammentreffens in Betracht gezogen.

[Endnote 11] Cor = Herz

[Endnote 12] Trotz der Bitte, diese Information nicht zu verwenden, kann ich der Versuchung nicht widerstehen, sie hier anzuführen, muss dabei jedoch den Namen meines Gewährsmanns verschweigen.

[Endnote 13] Schon hier scheint die Auseinandersetzung mit seinem Bruder Julius wichtig gewesen zu sein.

[Endnote 14] Jürg Jenatsch ist, wie Die Richterin, ein Werk von C. F. Meyer.

[Endnote 15] Die mit ‚Byblis’ betitelte Figur auf der Illustration verweist auf den in den Metamorphosen des Ovid (IX, 454 ff.) erzählten Mythos von Byblis, die ihren Bruder Caunus begehrt, worauf dieser entsetzt das Weite sucht.

[Endnote 16] Iudicatrix (lat.) = Richterin

[Endnote 17] So gewagt diese Spekulationen auch sein mögen, sie könnten zusätzlich erklären, warum Sigmund von Amalia in ganz besonderen Ehren gehalten wurde. Der Tod des Bruders Julius – mit dem sich Freud in dieser Zeit auch so besonders zu beschäftigen scheint – könnte dann – treibt man die Mutmaßungen weiter – mit darauf zurückzuführen gewesen sein, dass die Mutter den Spross ihrer eigentlichen Liebe etwas exklusiver aufwachsen lassen wollte.