Frau Venus

Frau Venus

Fragmentblätter einer Novelle

(veröffentlicht in „Stimmen des Lebens“)

Willst du’s deutlich Dir enthüllen,
Mußt du selbst die Lücken füllen,
Sie empfinden, sie verweben,
 Und in eigner Brust beleben.

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Blätter, leicht im Winde schwankend,
Hierhin neigend, dorthin rankend;
Halb erträumt und halb geschehen
doch entkeimt, um zu verwehen;
Jedes Frühlings neue Märe,
Jedes Herbstes alte Lehre.

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Frau Venus, wie hast du so schöne
Heut Morgen Dich angethan,
Als Dich noch meine Augen
In alle Zeit nicht sahn!
Die Sterne des Himmels alle
Zerrannen in bleichem Neid,
Sie waren nur blasse Krystalle
An deinem Demantenkleid.

Ich stand auf Bergeshöhe,
Mir schien’s wie seliger Traum:
Es war die Morgenröthe
Nur Deines Gewandes Saum,
Das hatte zu Perlengefunkel
Verwandelt die Schatten die Nacht;
Trüb schritt der Mond in’s Dunkel,
Erschrocken vor Deiner Pracht.

Erschrocken vor Deinem Glanze,
Barg selbst die Sonn’ ihr Gesicht
Und hielt in Nebelschleier
Gehüllt ihr zögerndes Licht;
Da hast mit alleinigem Scheine
Du Erd’ und Himmel erhellt –
Ich glaub’, du regierest alleine,
Frau Venus, die ganze Welt!

So will auch ich die Hände
Aufstrecken zu Deinem Thron,
So will auch ich die Beine
Dir beugen in Demuthsfrohn:
Zu Dir, Frau Venus, red’ ich
Mit Hand und Herz und Haupt:
Frau Venus sei mir gnädig,
Der stets an Dich geglaubt!

 

I

Ganz still; es liegt der Mittagsschein
Wie Flammen auf den fernen Bergesmatten;
Ein Hauch wacht auf und schlummert ein,
und lautlos kürzen sich die Giebelschatten.

Vom Garten leisen Athems weht
Ein heißer Duft von Thymian und Lavendel,
Und leise hin und wieder geht
Der alten Wanduhr Amourettenpendel.

So ging in meiner Kindheit schon
Er tickend auf und ab die gleichen Wege,
Und durch die Villa klingt sein Ton
Gleichwie verschollener Zeiten Herzensschläge.

Was will ihr Raunen heut’ – was rinnt
Durch’s eigne Herz mir heut’ aus ihrem Klange
Dass es zu pochen auch beginnt
So lebenssüß und doch so todesbange?

Umfängt in dieser Stille mich
Ein schauernd unsichtbares Geisterweben,
Und ringt begrabne Liebe sich
In meinem Herzen auf nach neuem Leben?

 

 

II

Was lässt Du Deine Nebel wallen,
Was lässt Du Blatt um Blatt entfallen
Vom grauen Stamm, o Herbstesstund’,
Und tödtest nicht die Kraft des Lebens,
des rastlos neuen Frühlingswebens
In seiner Wurzel tiefstem Grund?

Was zählst du schleichend mir die Jahre,
Was färbst Du langsam mir die Haare
Und furcht die Stirn dein spielend Erz?
O sende deinen schnellsten Boten
Und mit der Schattenhand der Todten
Berühre mein rebellisch Herz!

 

III

Trat aus langer Wochen Nebel
Böse Fee zu mir heran,
Die ein Netz von grauen Fäden
Mir um Herz und Sinne spann.

Da betraf mich Deiner Augen
Wundersamer Rettungsstrahl,
Und befreit aus dumpfem Stocken
Schlug mein Herz zum ersten Mal.

Deine kleinen Hände schwebten
Lösend leise her und hin
Von dem Lächeln deiner Lippen
Schwand das trübe Nachtgespinn.

Tief nach Odem ringend, wähnte
Die beklommene Brust sich frei,
Wußte nicht, dass sie in andern
Banden nun gefangen sei.

Denn wer löst bei Tag und Nächten
Nun den neubestrickten Sinn
Mir von deinem eignen, holden
Bann, du süße Zauberin?

 

IV

Wo nur ich schreite
Durch’s Herbstgefild,
Geht mir zur Seite
Dein lieblich Bild.

Von seinen Füßen,
Wohin sie gehn,
Grün muß ich sprießen
Den Boden sehn.

Um mich nur trauert
Ein ödes Feld,
Von Reif umschauert
Liegt müd’ die Welt.

Doch Blumen breiten
Sich lichtumthau’t,
Wohin im Schreiten
Dein Auge blau’t.

Wohin im Neigen
Streift Deine Hand,
Aus Blüthenzweigen
Glänzt Dein Gewand. –

Wo nun ich schreite
Durch’s Herbstgefild,
Giebt mir Geleite
Dein Frühlingsbild.

 

V

Nun bringt der Herbst mir Veilchen,
Die duften, wie im März –
Was wollt ihr die Tage mir wandeln?
Was schlägst Du wie einst, mein Herz?

Was pochst Du in hastigen Schlägen,
Als folge dem März der Mai? –
Vorüber, vorüber, ihr Träume!
Nur Träume seid ihr – vorbei!

 

VI

Sprich, mein Herz, was so Dich beglückt!
Ist es der März, der mit Blumen sich Schmückt?

Ist es der Wind, der vom Bergeshang
Summet so lind seinen Lenzesgesang?

Plätschert der Bach mit silberner Flut
Lieblich wach dir das eigene Blut?

Lächelt sei Gold der Sonenschein
Märchenhold durch die Brust Dir hinein?

Schmeichelt die Luft so süß und so weich?
Steigt der Duft aus der Erde so reich?

Ist’s weil dich traf eines Auges Strahl,
Süßer als Himmel und Erde zumal?

Sprich, mein Herz, was so dich beglückt,
dass sich der März zum Mai dir geschmückt!

 

VII

Was nie der Stolz des Herzens,
Was nie der Mund gesteht,
Es bebt im Blick des Auges,
Das einmal sich verräth.

Daß einmal sein Geheimniß
Aufglänzt, wie Sternenlicht,
Das aus der dunklen Tiefe
Des stummen Himmels bricht.

Und mögen Wolken drüber
Sich drängen lang und dicht,
Wem einmal so geleuchtet
Ein Stern, vergisst ihn nicht.

Und ob gedankenschnell nur
Des Blickes Traumgespinn,
Wem einmal so er grüßte,
Gab er ein Leben hin.

 

VIII

Von Allem, was der Himmel schuf,
Was ist Dir, süßer Frühling, gleich?
Mit deinem blauen Märchenreich,
Mit deiner Lerchen erstem Ruf,
Mit deiner glanzdurchwebten Luft,
Mit deinen holden Kindern all,
Mit deiner Blüthen Ueberschwall,
Mit deiner Rosen Jugendduft -?
Doch hat mich nichts in’s Herz hinab
So heiß durchbebt mit Frühlingslust,
Als welk und arm an deiner Brust
Der Strauß, den ich dir blühend gab.

 

(Vermutlich erinnert sich Wilhelm Jensen hier an seine letzte Begegnung mit Clara Witthöfft am 1. Mai 1857, einen Tag vor ihrem Tod. Er selbst hat die Situation in einem Brief aus dem Jahr 1888, wohl zum 50. Geburtstag von Clara Witthöfft, einer gemeinsamen Freundin geschildert, wie es sich auch in der Novelle „Jugendträume“ findet: dort bringt ein junger Mann der Freundin am Vorabend ihres Todes einen Fliederstrauß, den er dann in ihren Armen auf dem Totenbett wiedersieht. Das erklärt das scheinbare Paradox: Es ist ihm tiefe Befriedigung zu ahnen, dass die Geliebte sich in ihren letzten Atemzügen am Duft des von ihm gepflückten Fliederstrauchs erfreut hat.)

 

IX

Ist denn nur in einem langen
Traum vergangen
Mir der Jahre Lust und Leid,
Daß mich deine süßen Augen
Heut gefangen
Halten wie in Frühlingszeit?

Sind denn Traum auch nur der Flocken
Weiße Docken,
Die mir schon die Stirn umreift,
Daß mein Herz noch jäh erschrocken,
Als die Locken
Deiner Schläfe mich gestreift?

Ach, was kommst Du, zu umschlingen,
zu umklingen
Mit Bethörung dich und mich?
Eines Frühlings Lichtsyringen
Mir zu bringen,
Der auf immer von mir wich?

Deinen Wahn nicht dir zu Füßen
Laß mich büßen –
Fern nur laß, du holder Mai,
Mich in deines Auges süßen
Lenzesgrüßen
Träumen, dass noch jung ich sei!

 

X

Das ist süßeste Füll’
Aller Himmelswonnen,
Die nichts anderes will,
Als heimlich und still
Zwei Herzen durchsonnen.

Zwei Herzen, die beid’
Nichts begehren, verlangen,
Als nur allezeit
Sich mit seligem Leid
Im Traum zu umfangen.

 

XI

Die Knospe, die Du mir gegeben,
Die welk nach Haus ich heimgebracht,
Ein Wunder hat zu neuem Leben
Sie aufgeschlossen über Nacht.

Mein Blick sah staunend hin am Morgen
In ihrer vollen Rosenpracht –
Was hat aus ihrem Kelch verborgen
Den Duft vergossen über Nacht?

Nicht Antwort wollte sie mir geben,
Und nur mein Herz hat still gedacht:
Das deine hab’ mit stummem Beben
Sie hold durchflossen über Nacht.

 

XII

O holdes Vergehn
Des dämmernden Tages:
Still lauschend zu stehn
In der Blätter Wehn
Und zu harren des summenden Glockenschlages.

Da rauscht dein Gewand –
O wonnige Stunde –
Am Treppenrand
Auf die kleine Hand
Neig’ ich mich nieder mit seligem Munde

Kein Laut, als nur
Des Regens Tropfen,
Als vom dunklen Flur
Das Ticken der Uhr
Und deines Herzens hatiges Klopfen.

Im letzten Schein
Ein weißer Schimmer
Des Armes allein
Doch leuchten darein
Zwei Augen wie zitternder Sterne Geflimmer.

Da redet’s und lacht,
Da kommt es gegangen –
Nun flüstert es sacht:
Gute Nacht! – Gute Nacht! –
Und der Regen umbraust mir die glühenden Wangen.

 

XIII

In der Menge fremdem Kreise
Laß mich harren vor den Thüren,
Wenn du nahst im Festgewand;
Einmal nur verstohlener Weise
Laß mich rühren
Deine kleine weiße Hand –
Einen Hauch nur süß und leise
Laß mich spüren,
Streifend meiner Schläfe Rand.

Dann im mitternächtigen Schweigen
Dunkler, winteröder Bäume
Harrend will ich stehn
Durch den lauten Festesreigen
Lichter Räume
Deinen Schatten schweben sehn,
Daß aus reifumstarrten Zweigen
Frühlingsträume
Süß durch meine Seele gehn.

 

XIV

Der hat wohl reich erfahren,
Wie voll das Leben blüht,
Der mit erbleichten Haaren
In Liebe noch erglüht.

Dem mag wohl offenbaren
Sich aller Wunder Buch,
Dem noch in grauen Haaren
Ein Herz entgegenschlug.

Der Sommer geht zur Wende
In Garben steht das Feld,
O Frühling sonder Ende,
O süße Blüthenwelt!

Der Sommer geht zur Wende,
Die Bäume stehn entlaubt,
Doch in die weißen Hände
Leg’ ich mein graues Haupt.

 

XV

Schön ist Liebe, die sich offen
Vor dem Licht des Tag’s bekennt,
Die vor keinem Blick betroffen
Scheu den Strahl der Augen trennt
Und ihr Sehnen und ihr Hoffen
Mit beglückten Lippen nennt.

Aber süßer, ach, vielleicht
Ist die Liebe, die zum Herzen
Wie ein scheuer Frevler schleicht;
Die im Jubel ihren Schmerzen
Nie entrinnt und unerreicht
Um des Glückes Altarkerzen
Wie ein nächt’ger Falter streicht.

Die sich bang’ im Dunkel findet,
Die mit athemloser Brust
Hastig-heimlich sich umwindet;
Ihrer Schuld sich stets bewußt;
Ihre Lippen nur verbindet,
Daß wie Traum das Glück ihr schwindet,
Doch mit höchster Liebeslust
Auch der Liebe Leid empfindet.

Süßer, ach, vielleicht umfangen
Von der Liebe Seligkeit
Als die ruhevollen Wangen
Die vor Schuld und Scheu befreit;
Süßer, ach, ist dieses Bangen,
Dies Erringen, dies Verlangen,
Dieses Glück und dieses Leid!

 

XVI

Deine allzu kühlen Briefe
Mahnen mich an kühle Quellen,
Die aus felsiger Bergestiefe
Ihre klaren Wasser schwellen.

Plaudernd plätschert ihr Gerinsel
Fort in hüpfend kleinen Wellen,
Sorglich stets die weißen Kiesel
Ihres Bettes zu erhellen.

Und so drängt es stets von Hinnen,
Immer ein Vorüberschnellen,
Ein Entweichen und Entrinnen,
Ein Zerstieben und Zerschellen.

Manchmal nur aus dem Gedränge
Unter Stein- und Wurzelschwellen
Sammelt stille Wassermenge
Sich an kleinen dunklen Stellen.

Und dort schimmert es und funkelt
Grün und golden aus der Tiefe,
Als ob drunten süß umdunkelt
Tiefgeheimes Wunder schliefe.

 

XVII

Nun sitz’ auf meinen Knien
Und wiege leis dich hin und her,
Und laß uns Phantasieen
Umwogen wie ein wallend Meer.

Die Wellen kommen und gehen,
Sie strahlen in Abendsonnenglut,
Und flüsternde Lüfte wehen
Hin über schaumzersprühende Flut.

Es leuchtet aus rosiger Ferne
Darüber ein Schloß vom Inselstrand,
Wie diamantene Sterne
Erglühen die Fenster der marmornen Wand.

Von Rosen und Jasminen
Umflossen die schimmernden Säulen schwell’n,
Es halten Wacht vor ihnen
Die blaugemähnten, krystallenen Well’n.

Doch raunet schon murmelnde Grüße
Herauf seinem Herrn der bewegliche Troß,
Es küsst dir die schwebenden Füße –
So ziehn wir hinüber in’s harrende Schloß.

Nun schreitest du über die Schwelle,
Umfunkelt von blitzendem Wundergestein,
Es neigt sich wie flimmernde Welle,
Denn du bist die Herrin und Alles ist dein.

Viel herrliche Göttergestalten,
Sie schauen hernieder, von Schönheit umwallt;
Es neigen die hohen, die alten
Sich vor der jungen Göttergestalt.

Doch dir zu Füßen gesunken,
Schaut klagend ein Mann dir in’s Antlitz hinein
Und flüstert sehnsuchtstrunken:
O neige dich, Herrin, denn ich auch bin dein! – –

Da fallen die flackernden Schäume
Zusammen im Schwinden des sterbenden Lichts;
Es rinnen die purpurnen Säume
Des Wolkenschlosses in dämmerndes Nichts.

Dein Bild nur wiegt auf den Knieen
Im Traum sich leis mir hin und her,
Und um mich ziehen und fliehen
Die Träume wie ein wogend Meer.

 

XVIII

Ach, wer kann die Schuld vergeben,
Die mein Leben nimmer lässt,
Daß mein allzuheißes Sehnen
Jene Thränen
Deinem süßen Blick entpresst.

Früh im Kelche der Genzianen
Zitternd mahnen vorwurfsvoll
Alle Perlen an das Thauen,
Das im blauen
Kelche deiner Wimpern quoll.

Wenn in schwüler Mittagsstunde
Sich die Runde trüb verhängt,
Aus den Wolken dichtem Wallen
Seh’ ich’s fallen,
Was ich dir in’s Aug’ gedrängt.

Und wenn still der Tag geschieden
Und im Frieden ruht die Welt,
Glühn die Sterne noch gleich jenen
Stummen Thränen
Über mir am Nachtgezelt.

 

XIX

Ach, dass im Vorübergehn
Nun das Glück sich findet,
Und dass Neigung wie ein Wehn
Weicher Lüfte schwindet!
Ach, ein Himmelsstrahl durchhellt
Grüßend noch die Lider
Doch in ihrem Schatten fällt
Schon die Asche nieder.

Kalt erlosch im Herzensgrund,
Ach, der schöne Funken,
Und den Becher hat der Mund
Hastig leergetrunken!
Was verhehlt dein Blick noch klug
Mir die bange Neige,
Was noch spricht er süßen Trug? –
Schweige! – Schweige! – Schweige!

 

XX

Und haben heut’ wir uns geliebt,
Da laß uns morgen scheiden;
Wenn kurzes Leid die Liebe giebt,
So spart sie langes Leiden.

Schnell welken schöne Blüthen fort,
Laß ab, sie zu behüten,
Laß sie nicht farblos und verdorrt
Uns mahnen, wie sie blühten!

Laß ab, sie in des Herzens Buch
Vertrocknet einzupressen –
Ihr Leben war nur lauter Trug,
Verblichen und vergessen!

 

XXI

Ein krankes Glied, das gesunden will,
Muß Rast und Ruhe haben,
Und hält ein krankes Herz nicht still,
da muß man es begraben.

Zu ruhlos schlägt’s bei Nacht und Tag,
Als dass ihm besser werde,
den neuen Schmerz bei jedem Schlag,
den heilt allein die Erde.

Die deckt es kühl und freundlich zu,
Umwölbt von grünen Zweigen;
Da mag es liegen in ewiger Ruh’
Und heilen, schlafen, schweigen.

 

XXII

Den Wind, der welke Blätter weht,
Beruft des Sommers Wende,
Und wenn die Sonne niedergeht,
Geht auch der Tag zu Ende.

Der Winter kommt, es kommt die Nacht,
die Schatten und die Schauer;
Du hast gelebt, geliebt, gelacht,
Es ging und lässt die Trauer.

Ein braunes Blatt noch flattert um,
Und winkt aus Sommerstunden;
Ein braunes Roth noch lischt, wo stumm
Der Sonnentag verschwunden.