Ein Räthsel (1)

Ein Räthsel

Der Wagen hält, bist du bereit, Helene?
Die junge Frau im duftigen Festgewand
Lehnt auf der Ruhbank halbgeschlossenen Aug’s,
Und nickt jetzt ihrem Gatten: Ja, Georg;
Du siehst, ich war’s. Doch es ist heiß, ich bin
Ein wenig müd’; lass mich zu Haus heut’ Abend
Und fahr’ allein. – Er tritt an sie hinan
Und sorglich misst sein Blick ihr zartes Antlitz,
Dann fasst er ihre Hand: Du fühlst dich doch
Nicht krank, nicht unwohl? – Ihre Stirn verneint,
Sie sieht ihn an und lächelt halb: Nur müd –
Du weißt, es überkommt mich manchmal so. –
Dann bleib’ ich auch zu Haus. – Sie legt ihm leis
Die schmalen Finger um die Hand: Warum?
Du bist zu leicht um mich besorgt. Dir thut
Zerstreuung wohl und die Gesellschaft wird
Dich unterhalten. – Wie er zaudernd steht,
Fügt sie hinzu: Ich gehe früh zu Bett,
Und morgen ist’s mir gut. Gedenk’ an mich
Wenn ihr vergnügt seid, und hab’ Dank, dass Du
Für mich besorgt bist, immer war’st. – Sie steht
Vom Sitz jetzt auf, und ihre Lippe streift
Mit einem Abschiedskusse seine Stirn,
Dann sieht dem prunkenden Gefährt sie nach,
Das mit ihm fortrollt. Reglos, lange Zeit;
Auf Busch und Gartenbeeten draußen liegt
Der Sommerabend noch mit rothem Licht,
Doch mälig blasst es hin und lischt und stirbt.
Aus ihrer Regungslosigkeit fährt nun
Die junge Frau mit einem Schauer auf
Und dreht den Kopf zurück. Im Dämmergrau
Des Zimmers um sie nickt und gleißt es rings
Von Pracht und Reichthum; auch ihr Auge hellt
Ein letzter Tagesstrahl, wie manchmal er
Auf abenddunkler Weiherfläche spiegelt.
Ein heimlich Rinnen geht drin auf und ab,
Ein Etwas, das kein Wille, kein Gedanke,
Ein Traum nur ist, der aus der Tiefe dämmert
Und spielend leise Wellenkreise zieht.
So steht sie wieder unbewegt, die Brust
Scheint keines Athemzuges zu bedürfen,
Und Nacht fällt über sie und löscht ihr Bild.
Wohl eine Stunde geht, dann kehrt ein Schein
Im Garten draußen, wächst und steigt gemach,
Und Mondensilber perlt von Blatt und Zweig.
Auch in das Fenster taucht das weiße Licht
Und hebt auf’s Neu’ die schmächtige Fraungestalt
Vom dunklen Grund. Sie steht noch unverrückt
Gleich einem Marmorbild. Doch wie der Mond
Nun taghell ihre Augen überfließt,
Verdämmert drin kein Traum mehr, ein Gedanke
Schaut aus den Lidern, sichren Blicks, hervor,
Und nun ein Wille, ruhig, fest und klar.
Sie athmet tief, als wär’s zum erstenmal,
Dass sie’s vermag, und regt sich auch zuerst,
Denn auf den reichgeschnitzten Schreibtisch tritt
Sie langsam zu. Aus seinem Schubfach hebt
Ein Blättchen ihre Hand, es scheint ein Brief;
Doch ist sie müd, wie sie’s zuvor gesagt,
Und halb wie unbewusst sucht einen Sitz
Zum Ausruhn sie, und einen Augenblick
Legt ihre Stirn sich nieder auf das Blatt.
Dann klirrt die Ofenthür, sie kniet davor,
Ein Funke glimmt aus ihren Fingern auf
Und fasst den Brief, der nun mit weißer Schrift
Auf schwarzem Grund gekrümmt, verlodernd rasch
In Asche fällt. Sie blickt drauf hin, bis kalt
Das letzte Roth verglüht; nun steht sie auf
Und zieht den Glockenstrang. Ein Diener kommt. –
„Ich will noch Kühlung, richten Sie das Bad. –
Er geht, und plätschernd durch die Stille klingt
Nach kurzer Frist von Fern des Wassers Fall.
Die junge Frau geht wartend in den hell
Vom Mond durchstrahlten Zimmern hin und her.
Sie rückt und ordnet mit der Hand, wo sie
Vorüberkommt, an einem Gegenstand
Auf Tisch und Sims. Jetzt hält sie an und zieht
Die bronzene Standuhr auf, und vorgebückt
Lauscht sie dem Pendelschlag. Doch schreitet sie
Kaum hörbar weiter, denn Ihr Gang und Thun
Ist seltsam lautlos, schwebend geisterhaft,
Wie ihr Gesicht im Mondgeflimmer rinnt.
Da steht sie auch im Zimmer ihres Mannes;
Ein Buch liegt aufgeschlagen auf dem Tisch,
Sie tastet mit der Hand empor und nimmt
Die Rosen, die sie noch für die Gesellschaft
Im dunklen Haare trägt, und legt sie auf
Das offne Buch. Dann fasst sie einen Stift
Und sucht ein leeres Blatt und schreibt darauf:
„Zum ersten Gruß für Dich, bis morgen früh.
Ich bin sehr müd’ und denke gut zu schlafen,
Dass mich vielleicht Dein Kommen nicht erweckt.“
Das Wasser plätschert nicht mehr durch die Nacht;
Der Diener kommt zurück: Das Bad erwartet
Die gnädige Frau. – Sie nickt: Ich brauche niemand,
Sie können schlafen gehen, die Mägde gleichfalls.
Noch einmal dreht sie sich und bückt die Stirn
Und zieht mit langem Athemzug den Duft
Der Rosen ein; drauf schwebt ihr leiser Fuß
Der Marmortreppe Stufen schnell hinan.
Des Badecabinettes Riegel schließt
Und öffnet sich nach einer Weile wieder
Mit gleichem Klang; die Thür des Schlafgemachs
Geht knarrend auf und zu, und nichts durchtönt
Des Hauses Stille mehr. Nur drinnen klirrt
Noch einmal etwas leise, wie ein Glas,
Das eine Hand im Dunkel ungewiss
Zurückgestellt, und der seidene Vorhang rauscht
Vom weißen Linnen, drauf die junge Frau
Zur Ruh sich streckt. Vom Mondlicht abgewandt
In tiefem Schatten liegt die Fensterwölbung,
Ein falber Abglanz nur der hellen Nacht
Durchwebt mit mattem Zwitterschein den Raum
Und deutet kaum der Ruhenden Gesicht.
Vom Lager kommt’s wie schwerer Athemzug
Der Brust, doch kurz; dann hat die Müdigkeit
Mit regungslosem Schlaf sie übermannt,
Und lautlos liegt sie.

Eine Stunde geht.
Vom Kirchthurm ruft die Glocke Mitternacht;
Wie dann ein Wagen vor die Hausthür rollt,
Färbt schon ein blasser Streif im Ost die Welt.
Aus der Gesellschaft kehrt des Hauses Herr,
In seinen Augen perlt ein leichter Rausch
Des Schaumweins nach, ein wenig schwankend tritt
Er in sein Zimmer, wo der Rosengruß
Im Dunkel ihn empfängt. Er zündet Licht
Und liest und sieht. Die Blüthen sind verwelkt,
Doch duften noch. Er lächelt selbstbewusst
Und nickt: Sie weiß, die Rosen sind ihr Bild,
Und dass ihr in der Wiege nicht bestimmt,
In solchem Gartenreichthum aufzublühn. –
Befriedigt ruht sein Blick auf Pracht und Glanz
Des Hauses, wie er nun zum Schlafgemach
Hinüberschreitet.

Drin ist’s todtenstill.
Doch erst nachdem das Aufziehn seiner Uhr
Gleich einem Heimchen leis den Raum durchschwirrt,
Ist in der Stille, die nun wiederkehrt,
Ihm etwas Ungewöhntes für sein Ohr,
Dass halb mechanisch er: Helene! sagt.
Sie schläft zu fest und hört ihn nicht und giebt
Nicht Antwort drauf; doch näher tretend jetzt,
Vergleicht mit einem innern Stolzgefühl
Ihr halb erhelltes schönes Antlitz er
Den andern, deren Kreis er heut verließ.
So steht er vor ihr, und es kommt ihm nun,
Was ungewohnt im Zimmer ihn berührt:
Sie athmet lauter sonst. Er bückt die Stirn,
Auch so vernimmt er ihren Athem nicht,
Und unwillkürlich fasst er ihre Hand,
Die reglos auf der seidnen Decke liegt.
Die Hand ist seltsam kühl und fällt zurück,
Wie er, von einem Schauer überzuckt,
Sie aus der seinen lässt. In dumpfem Schreck
Ruft nochmals er: Helene! Rüttelt sie.
Sie wacht nicht auf.

Nun stürzt besinnungslos
Er an den Glockenstrang; das Haus erwacht.
Zum Arzt! Und schon durchhallt des Dieners
Lauf Die Mondnacht draussen. Aus dem Schlaf geschreckt,
Stehn irren Blicks die Mägde, antwortlos
Vor ihrer Herrin Bett; sie wissen nichts. –
In Ohnmacht, spricht er stockend, – als ich kam,
Lag sie in Ohnmacht – wär’ der Arzt nur da! –

Der Fußtritt des Ersehnten hallt bereits
Vom Flur heran. Er fühlt die kalte Hand
Der jungen Frau und bückt sich, horcht und spreizt
Ihr Augenlid. Dann schüttelt er den Kopf:
Sie müssen sich drein finden, dass sie nicht
Mehr aufwacht, Freund. – Der Andre steht betäubt
Und stammelt nur: Warum – ? – Ein Schlag. – So jung? –
Die Wissenschaft kennt Fälle, dann und wann.
Vermuthlich fühlte sie sich müd und schwer,
Bevor der Anfall kam. – Der Diener spricht:
Die gnädige Frau befahl noch spät ein Bad –
Nun nickt der Arzt: Sie dachte so das Blut
Zu kühlen, dessen Andrang sie empfand;
Doch half’s nicht mehr. – Er schweigt und dreht sich ab,
Und durch das Fenster fällt das erste Licht
Des Morgens auf der Todten Angesicht.

Ihm aber, der zurückblieb, ihm verblieb
Der Rose Duft mit ihrem letzten Gruß.

In: Ein Skizzenbuch (1884), S. 65-75

Wilhelm Jensen beschreibt m.E. hier seine Phantasie, die er sich vom Tod einer Freundin macht, von Sophie Stammann (12.01.1838 – 29.08.1876). Er hat offenbar die Vorstellung, dass sich diese Frau selbst das Leben genommen hat. In der „Gradiva“ (2012) habe ich etwas mehr über dieses Verhältnis zwischen Wilhelm Jensen und Sophie Stammann zusammengetragen, das wohl – jedenfalls von Jensens Seite aus – vor allem durch die Ähnlichkeit von deren Tochter Julie mit Jensens Kindheitsfreundin Clara Witthöfft geprägt war.