Dörte v. Drigalski

… und ihre „Blumen auf Granit“ (1980)

„Eine Irr- und Lehrfahrt durch die deutsche Psychoanalyse.“

Dörte v. Drigalski: „Blumen auf Granit“ (1980)

Therapeuten und Therapeutinnen können mit dem Welt- und Menschenbild, das sie ihren Klienten und Klientinnen eintrichtern, eventuell die Wirklichkeit ziemlich ins Gegenteil verkehren. Vor allem die Beschuldigung der eigentlichen Opfer als Täter hat fatale Folgen. Hieraus erwachsen geradezu zwangsläufig schädigende Effekte für die Betroffenen.

Freuds ‚Theorie‘ hat seit über einhundert Jahren Bestand. Das System erhält sich selbst. Wer sich zum Analytiker oder zur Analytikerin ausbilden lässt, muss sich dieser Sicht unterwerfen. Und nicht nur das: eine solche Ausbildung kostet auch ein kleines Vermögen. Damit erwirbt man sich dann die Berechtigung, für teures Geld auch andere Menschen ‚analysieren‘ zu dürfen.

Es gibt verschiedene, geradezu quälende Berichte über das Vorgehen in einer solchen Ausbildung. Am offensten und ausführlichsten hat wohl Dörte v. Drigalski in ihrem 1980 vor­gelegten Buch Blumen auf Granit einen Einblick gegeben. Die permanenten Ent­wer­tun­gen, Besserwissereien, Unter­stel­lun­gen ihrer Lehranalytiker – gerade dann, wenn sie ohne Zweifel tatsächlich besonders gute Impulse zeigte, z.B. auf gravierende Mängel in einem Beatmungsberät aufmerksam machen wollte – hat sie konkret und detailliert be­schrie­ben.

Ihre Ausführungen decken sich mit dem, was z.B. Esther Menaker (1997) aus eigener Anschauung in knappen Zügen von einigen Psychoanalytikern der frühen 30er Jahre berichtet, von Anna Freud, Helene Deutsch, Hermann Nunberg, Paul Federn, Hans Lampl und Willi Hoffer: ihre Kälte, ihre Besserwisserei, ihr dogmatisches Festhalten an bestimmten Deutungsmustern, ihre Widersprüchlichkeit, ihre individualisierende Sichtweise, die das Opfer zum Täter macht, ihre menschliche Unanständigkeit.

Dörte v. Drigalski ist wohl durch ihr kritisches Bewusstsein der Verwirrungsrhetorik ihrer LehranalytikerInnen nicht auf den Leim gegangen. Sie ist damit vor dem Schicksal bewahrt geblie­ben, das im unmittelbaren Umfeld ihrer eigenen psychoanalytischen Ausbildung zwei junge Familienväter ereilt hat: sie hatten sich in der Zeit ihrer Lehranalyse das Leben genommen. Beide hatten je zwei Kleinkinder hinterlassen. (Es waren besonders talentierte Medizinstudenten.) Eine andere, zuvor gesunde Kollegin entwickelte während ihrer Lehranalyse Sui­zid­­impulse (Drang, sich mit einem Küchenmesser in den Brustkorb zu stechen), die sie als ich-fremd und bedrohlich erlebte. Sie beendete daraufhin sofort ihre Analyse. Eine weitere Kollegin war unter ihrer Lehranalyse zunehmend unglücklich geworden und hatte sich später das Leben genommen.

Durch ihr Buch hatte Dörte v. Drigalski zunächst für einiges Aufsehen gesorgt. Der SPIEGEL brachte eine ausführliche Rezension (Brügge, 1980). Das Magazin hatte die Autorin noch 1979 mit einem Artikel beauftragt, publizierte ihn dann jedoch nicht. Er wäre womöglich bis heute nicht erschienen, hätte sich nicht eines Tages der konkurrierende STERN für das Thema interessiert, der den Text unmittelbar drucken wollte. So kam der Bericht (v. Drigalski, 1982) dann doch endlich, nach mehr als zwei Jahren, in den SPIEGEL – anonym und ohne Erwähnung des Buches der Autorin. Diesem Vorgehen hatte sie im Jahr 1980, im unmittelbaren zeitlichen Zusammenhang ihrer Publikation, noch zugestimmt. Im Jahr 1982 wäre ihr jedoch eine Veröffentlichung unter ihrem Namen wünschenswert gewesen; es blieb aber – ohne ihr Zutun – bei dem anonymen Abdruck. (Ob der SPIEGEL wohl damals schon darum bemüht war, der „Psychoanalyse“ nicht zu sehr auf die Füße zu treten?)

Dörte v. Drigalskis Buch fand auch internationale Resonanz. Als „Flowers on Granite, One Womans Odyssey through Psychoanalysis“ wurde es ins Amerikanische übersetzt (Berkeley, 1986).

Aufgrund des Buches hatten sich zahlreiche Opfer einer derartigen Behandlung oder deren Angehörige bei Dörte v. Drigalski gemeldet. Auch in der Fachliteratur wurde beispielsweise ihr Artikel ausdrücklich begrüßt (Schulz, 1984, 155): „Dieser Artikel faßt den gegenwärtigen Stand der Diskussion [über negative Effekte von Psychotherapie] sehr gut zusammen.“ Er wurde sogar als Pionierleistung gefeiert (Schulz, 1985, 349): „Im deutschsprachigen Raum widmet man therapeutischen Mißerfolgen erst neuerdings mehr Aufmerksamkeit. Meines Wissens wurde der erste Artikel hierzu nicht in einer Fachzeitschrift veröffentlicht, sondern im Nachrichtenmagazin ‚Der Spiegel‘ (1982; leider gab sich der Autor dieses Artikels [= Dörte v. Drigalski, 1982] nicht zu erkennen, er hat es vorgezogen, anonym zu bleiben.)“ [Warum der Name der Autorin – im Grunde gegen deren Willen – vom SPIEGEL nicht genannt wurde, ist oben erläutert.] Ein Verweis auf diesen Artikel und ein ausgiebiges Zitat daraus bildet auch den Auftakt zur Einführung der Herausgeber Märtens und Petzold (2002, S. 16) zu ihrem umfangreichen Band Therapieschäden. Risiken und Nebenwirkungen von Psychotherapie.

Der bewegende Bericht von Dörte v. Drigalskis eigenen Erfahrungen, wie auch ihre Verweise auf die ihr zugetragenen, ganz ähnlichen Erfahrungen, drangen nur für einen kurzen Moment ins Bewusstsein der Fachleute vor. Das Thema ‚negative Effekte von Psychotherapie‘ wurde dann rasch wieder verdrängt. Mit ihren Bemühungen, die fatalen Folgen von ‚Psychoanalysen‘ in Fachkreisen zur Diskussion zu stellen, stößt die Hamburger Ärztin bis heute regelmäßig auf beharrliche Abwehr (persönliche Mitteilung bzw. v. Drigalski, 2002, 61) – obwohl sie auch später noch über die bizarren Auswüchse von verfehlten Therapien geschrieben hat (vgl. die bibliographischen Angaben bei v. Drigalski, 2000 bzw. v. Drigalski, 2002).

Es scheint also bis heute schwierig zu sein, unter Psychotherapeuten und Psychotherapeutinnen das Bewusstsein dafür zu schärfen, dass Psychotherapie auch schädliche Auswirkungen haben kann.

Dörte v. Drigalski kommt das große Verdienst zu, in ihrem Buch schonungslos dazulegen, was sie selbst an Irrsinn von Seiten ihrer zwei „Lehr-AnalytikerInnen“ erfahren hatte.

Drigalski, Dörte v. (1982): Manchen wird geschadet. Die Schattenseiten der Psychotherapie. Anonym publiziert in: DER SPIEGEL, 7/1982, S. 178-184

Drigalski, Dörte v. (2002): Das China-Syndrom der Psychoanalyse. In: Michael Mertens & Hilarion Petzold (Hg.): Therapieschäden. Risiken und Nebenwirkungen von Psychotherapie. Grünewald Verlag, Mainz

Schulz, Wolfgang (1984): Analyse negativer Therapieeffekte und Probleme der Kontraindikation. In: G. Jüttemann (Hg.) Neue Aspekte klinisch-psychologischer Diagnostik, S. 149-168, Hogrefe

Schulz, Wolfgang (1985): Therapeutische Mißerfolge – Einführung in das Schwerpunktthema. In: Zeitschrift für personenzentrierte Psychologie und Psychotherapie. Jg. 4, Nr. 4, S. 349-353

Die aktuellen Veröffentlichungen der „Blumen auf Granit„:

  • Neuausgabe auf Grundlage der Ausgabe von 1980. Geleitwort von Gaby Sohl. ISBN 978-3-925931-37-6. Berlin: Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag 2003 – http://www.antipsychiatrieverlag.de/verlag/titel/drigalski.htm
  • PDF E-Book. Neuausgabe. Geleitwort von Gaby Sohl. ISBN 978-3-925931-64-2. Berlin / Shrewbury: Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag 2016 -http://www.antipsychiatrieverlag.de/verlag/titel/drigalski.htm
  • ePUB E-Book. Mit einem Vorwort von Dörte v. Drigalski von 2018 zur Neuausgabe. Geleitwort von Gaby Sohl. ISBN 978-3-925931-78-9. Berlin / Shrewsbury: Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag (in Vorbereitung für Juni 2018) – http://www.antipsychiatrieverlag.de/verlag/titel/drigalski.htm
  • MobiPocket E-Book. Mit einem Vorwort von Dörte v. Drigalski von 2018 zur Neuausgabe. Geleitwort von Gaby Sohl. ISBN 978-3-925931-79-6. Berlin / Shrewbury: Peter Lehmann Antipsychiatrieverlag (in Vorbereitung für Juni 2018) – http://www.antipsychiatrieverlag.de/verlag/titel/drigalski.htm