Dammann & Gerisch

… & Otto F. Kernberg

Es ist schon ein ganz miserabler Stil, in dem Kernberg seine „Analyse“ der jungen Frau vorträgt, die sich in der Therapie nach dem Missbrauch durch ihren Therapeuten das Leben genommen hatte (hier Fallbeispiel 5). Hier werden m.E. erst einmal jede Menge Fragen aufgeworfen, die unbeantwortet bleiben. Es fehlt dabei jeglicher Ansatz, das Verhalten des „jungen Psychiaters in Ausbildung“ tiefergehend kritisch aufzuarbeiten. Die Hauptschuld an dem verhängnisvollen Geschehen wird nicht etwa dem „Fachmann“ zugemessen, der sich in Ausübung seines Berufes befindet und dafür bezahlt wird, sondern vor allem der Klientin selbst.

Diese Fallanalyse greifen Gerhard Dammann und Benigna Gerisch in ihrem Artikel „Narzisstische Persönlichkeitsstörung und Suizidalität: Behandlungsschwierigkeiten aus psychodynamischer Perspektive“ noch im Jahr 2005 unkritisch auf (Schweizer Archiv für Neurologie und Psychiatrie, 156, 6, 299-309).

Dr. Gerhard Dammann ist Leiter der Klinik Münsterlingen.

Gerhard Dammann, Leiter der Klinik Münsterlingen

 

Prof. Benigna Gerisch

Frau Prof. Gerisch ist Dozentin an der „International Psychoanalytic University“, Berlin, die Herrn Prof. Kernberg schon mal gerne zum Vortrag einlädt.

Unter der Zwischenüberschrift: „Destruktiver Narzissmus – ein Sonderfall“ (S. 302) texten die AutorInnen: „Eine 34jährige Patientin mit einer destruktiv narzisstischen Persönlichkeitsstörung begann wegen Leeregefühlen, zeitweiligem Alkoholabusus, Beziehungsproblemen mit ihrer lesbischen Freundin und rezidivierenden suizidalen Phasen eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie. Nach bereits kurzer Zeit ging es ihr, ihrem Gefühl nach, viel besser, und sie setzte sich zum Ziel, mit ihrem Psychotherapeuten eine Affäre zu beginnen. Seine offensichtliche Unkorrumpierbarkeit, seine intakt erscheinenden Familienverhältnisse und die Tatsache, dass er für sie wie nicht erreichbar schien, reizten sie und ihren Neid dabei besonders. Bald sah sie nur noch in diesem Ziel, ihn zu gewinnen, den einzigen Grund in die Therapiestunden zu kommen. Die Patientin unternahm relativ drastische und eindeutige Anstrengungen, um den Therapeuten zu verführen, bis ihr dieses schließlich auch gelang. … Allerdings beendete der Therapeut bereits nach kurzer Zeit die Beziehung zu ihr, aus Angst davor, seinen familiären Rückhalt zu verlieren, aber auch infolge eigener ethischer Bedenken, nachdem er bereits zuvor die Therapie beendet hatte. Die Patientin geriet darauf hin in eine schwere Krise, fühlte sich verraten, weggeworfen und von ihrem Therapeuten missbraucht. Sie unternahm dringliche Versuche, ihn als Liebhaber oder zumindest als Therapeut zurückzugewinnen. Nachdem diese Versuche nicht fruchteten, tyrannisierte sie ihn mit Telefonterror . Schließlich suizidierte sie sich und hinterließ einen Abschiedsbrief an ihre geschockte Freundin, aus dem hervorging, dass sie von ihrem Therapeuten sexuell missbraucht worden sei, was sie dadurch belegte, dass sie dem Schreiben den einzigen Liebesbrief, den sie von dem Psychotherapeuten erhalten hatte, beilegte.

Im anschließenden Abschnitt heißt es: „Dieser von Otto F. Kernberg beschriebenen Patientin war es offensichtlich unerträglich, die unabhängige Existenz des Analytikers und die eigene bedürftige Abhängigkeit von ihm anerkennen zu müssen, was sich in dem intensiven Neid zeigt. Statt sich damit auseinanderzusetzen, suchte sie jedoch im Agieren Bestätigung, wobei der Therapeut sich auf eine dramatische, skandalöse und suizidbegünstigende Art und Weise mit der Patientin verstrickt hatte, eine Gefahr, die gerade bei diesen Patienten besonders groß ist. Der Suizid ist hier Ausdruck des destruktiven Hasses gegen andere und gegen sich selbst.

Der Halbsatz zum Versagen des Therapeuten und zu seiner „dramatischen“ (?), „skandalösen“ und (abschwächend) „suizidbegünstigenden“ Art und Weise der „Verstrickung mit der Patientin“ hat wohl reine Alibifunktion, sonst wäre er nicht mit Sätzen eingerahmt, die das Opfer weiter diffamieren („intensiver Neid“ , „bedürftige Abhängigkeit“, „destruktiver Hass“).

In dem Absatz, der dieser Falldarstellung unmittelbar vorausgeht, wird zum einen auf Kernbergs „Severe Personality Disorders“ (dt.: „Schwere Persönlichkeitsstörungen“) von 1984 Bezug genommen, zum anderen geben die AutorInnen in dem gerade zitierten Nachsatz an, dass es sich um eine „von Otto F. Kernberg beschriebene Patientin“ handelt. Aber in dem Referenzwerk von Kernberg (1984) finde ich unter den (wörtlich gemeint) von A bis Z durchbuchstabierten Fallbeispielen kein einziges, das von einem solchen Suizid und seinen Begleitumständen berichtet. (Allerdings könnte den z.B. unter L bis N „beschriebenen“ Patientinnen durchaus in der weiteren „Behandlung“ das geschilderte Elend widerfahren sein.) Auch in zwei anderen Kernberg-Werken, auf die sich die AutorInnen an anderer Stelle ihres Aufsatzes beziehen, habe ich eine entsprechende Falldarstellung nicht gefunden. (Es bleibt als Referenz also erstmal nur Kernbergs dürftige Falldarstellung von 1999, auf die sich die AutorInnen allerdings nirgendwo beziehen.)

Es würde mich nun sehr interessieren, woher die AutorInnen all ihr „Wissen“ beziehen über die (angeblichen) Beweggründe der Klientin bei ihrer fiesen Attacke auf den bedauernswerten Therapeuten. Und ich würde gerne etwas näheren Aufschluss über die Gegenseite bekommen, z.B. über den Inhalt dieses Liebesbriefes des Therapeuten von „offensichtlicher Unkorrumpierbarkeit“ . Darüber hinaus wüsste ich gern, wie der Therapeut seine „ethischen Bedenken“ genau formuliert hatte. Ich könnte dann vielleicht besser beurteilen, ob ich mich tatsächlich mit dem (angeblichen) „destruktiven Narzissmus“ der Klientin, oder nicht vielmehr mit dem massiv schädigenden, verantwortungslosen Verhalten des Therapeuten beschäftigen sollte. Die AutorInnen befleißigen sich jedenfalls einer gänzlich unprofessionellen Diffamierung und Verhöhnung eines Menschen, der sich während seiner Therapie suizidiert hat. Angesichts dieser Umstände gehe ich davon aus, dass die geschilderte Frau nur wegen einer völlig missratenen, unangemessenen „Behandlung“ zu ihrem Selbstmord getrieben worden ist, und dass ihr Therapeut weit davon entfernt war, sein Bestes zu tun, um ihrer Verzweiflung effektiv entgegenzuwirken.

Übrigens: Im Bericht der Nationalen Kommission zur Verhütung von Folter in den psychiatrischen Diensten Thurgau an den Regierungsrat des Kantons vom 17.11.2010, verabschiedet am 12.04.2011, werden die Zustände in der Klinik Münsterlingen untersucht, in der Gerhard Dammmann als Spitaldirektor und Ärztlicher Direktor tätig ist. In dem Bericht wird von einer Häufung von Suiziden zwischen September 2009 und März 2010 berichtet: Insgesamt hatten sich in ca. einem halben Jahr 8 PatientInnen das Leben genommen (sonstiger Durchschnitt: 2-4). Es wäre interessant zu ergründen, ob das so offensichtlich abschätzige Umgehen des Münsterlinger Spitaldirektors mit Patientensuizid, wie er es in seinem Fachartikel dokumentiert, diese Entwicklung begünstigt hatte.