Wilhelm Jensen (1837 - 1911)

Freud hatte Jensen im Jahr 1907 dreimal angeschrieben und dabei nach näheren persönlichen Informationen gefragt, die den Hintergrund der Geschichte erhellen sollten. Jensen hatte auf die Anfrage zunächst geduldig geantwortet: „Die kleine Erzählung (hatte) sich nicht ‚träumen’ lassen vom psychiatrischen Standpunkt aus beurteilt und gewürdigt zu werden, und hie und da legen Sie ihr in der Tat einiges unter, was der Verfasser wenigstens bewußt nicht im Sinne getragen hat. Aber im Ganzen, in allem Hauptsächlichen kann ich rückhaltlos beistimmen, daß ihre Schrift den Absichten des Büchleins völlig auf den Grund gegangen und gerecht geworden ist“ (1. Brief vom 13. Mai 1907; Freud, 1992, S.12). Auf einen zweiten Brief hin berichtet er ausführlicher: Er habe das Bildnis der ‚Gradiva’ als Reproduktion besessen, ohne das Original gesehen zu haben. Er habe erfahren, daß es sich in einem Museum in Rom befinde, während er es zuvor in Neapel vermutet hatte. Er selbst habe dann die „’fixe Idee’“ entwickelt, es handle sich um eine Pompejanerin. Und er widerspricht Freuds Deutung: Norbert Hanold sei ein „nur scheinbar nüchterner, in Wirklichkeit ein von erregbarster, ausschweifendster Phantasie beherrschter Mensch; ebenso ist er kein innerlicher Mißächter von Frauenschönheit ... denn er trägt ein latentes Verlangen nach einem weiblichen ‚Ideal’ ... in sich.“ (2. Brief vom 25. Mai 1907; Freud, 1992, S.13).

Nach einer scheinbar drängenden dritten Nachfrage Freuds, unter Verweis auf andere Schriften (u.a. „Der rote Schirm“, „Im gotischen Hause“), er müsse doch eine Schwester gehabt haben, womöglich mit einer körperlichen Behinderung, schreibt Wilhelm Jensen schließlich in seinem dritten Brief am 14. Dezember 1907 (Freud, 1992, S.15):

„Hochgeehrter Herr Professor! Übergewaltsam von der Zeit bedrängt und insbesonders von dieser mit vielen Kindern und Enkelkindern in intimsten Bunde stehenden Weihnachtszeit, bitte ich Sie, mit meiner nur lapidarischen Beantwortung Ihrer Zuschrift vorlieb zu nehmen.

N e i n. Eine Schwester habe ich nicht gehabt, überhaupt keine Blutsverwandte. Doch ist „Der rote Schirm“ allerdings aus eigenen Lebenserinnerungen zusammengewoben, aus meiner ersten Jugendliebe zu einer vertraut mit mir aufgewachsenen Kindheitsfreundin, die achtzehnjährig an der Schwindsucht starb, und - um viele Jahre später - aus dem Wesen eines jungen Mädchens, zu dem ich in freundschaftliche Beziehung gerathen und das gleichfalls von plötzlichem Tode weggerafft wurde; der rote Schirm stammte von der Letzteren her. Beide Gestalten verschmolzen sich für mein Gefühl in der Dichtung gewissermaßen zu einer. ...“.

Mit diesem Brief hat Wilhelm Jensen, so meine ich, einen Schlüssel für das Verständnis seiner Novelle geliefert. Das Thema ist nicht der Wunsch nach Sex mit der kleinen Schwester, sondern die Auseinandersetzung mit drei verschiedenen Beziehungen, die sich in den drei Begegnungen mit dem vermeintlichen Geist spiegeln, wovon zwei sehr früh mit dem Tod der Betroffenen endeten. Bevor ich hier jedoch mehr ins Detail gehe, sei der biografische Hintergrund von Wilhelm Jensen ein wenig erhellt.

Wilhelm Jensen wird am 15. Februar 1837 als uneheliches Kind des Kieler Bürgermeisters und späteren Landvogts von Sylt, Sven Hans Jensen (+42), und der Dienstmagd Engel Dorothea Bahr (+29) geboren. Im Alter von drei Jahren wird er der unverheirateten, kinderlosen Tochter eines Botanikprofessors, Pauline Moldenhawer (1800 - 1876), zur Adoption übergeben. In deren Elternhaus war der kleine Wilhelm schon zuvor zu Gast. Von den Eltern weiß Jensens Biograf Gustaf Adolf Erdmann nichts zu berichten. Einem Urenkel von Wilhelm Jensen, Hartmut Heyck, verdanke ich die Auskunft, dass der Vater 1855, als Wilhelm Jensen 18 Jahre alt war, gestorben ist. Die Mutter starb sechs Jahre später. Was sich in der Begegnung mit den leiblichen Eltern abgespielt hat, ist bislang unklar. Jedenfalls wurde Wilhelm Jensen offensichtlich früh seiner Mutter entzogen.

Gustaf Adolf Erdmann, schreibt: „Da und dort klingt es aus seinen Dichtungen gleich einem schmerzlichen Aufschrei, daß er als Kind um ein schönstes Gut, um sein unantastbares Daseinsrecht betrogen worden.“ (Erdmann, S.3)

In Jensens Romanen findet sich häufig die Situation eines unehelichen Knaben, der sich wegen seiner „unehrlichen Herkunft“ der boshaften Behandlung seines Umfeldes erwehren muss. Aber es werden auch immer wieder hilfreiche Mentoren beschrieben, die, geprägt durch ein freisinniges, humanistisch-naturwissenschaftliches Denken dem Knaben den Weg ins Leben erleichtern („Luv und Lee“, „Die Kinder vom Oedacker“, „Sonne und Schatten“, „Nach Sonnenuntergang“).

In vielen Werken beschreibt Jensen das vertraute Aufwachsen eines Jungen mit einem 1-2 Jahre jüngeren Mädchen. Nachdem sie sich in der Zeit der Pubertät aus den Augen verloren haben, kommt es später zu einer neuen Begegnung, bei der der junge Mann seine erotische Neigung gegenüber der zur Frau erwachsenen Kindheitsgespielin erkennt. In der Novelle ‚Gradiva’ würde dies der ersten, noch sehr schüchternen Begegnung Norbert Hanolds mit dem „Geist“ in Pompeji entsprechen.

Es ist mir gelungen, den Namen der jungen Frau zu ermitteln: Clara Louise Adolphine Witthöfft, geboren am 16. November 1838, gestorben am 02. Mai 1857, nach Jensens Auskunft an Schwindsucht (= wohl Tuberkulose). Sie war das jüngste Kind einer verarmten Justizrats-Witwe. Eine Fotografie von dieser jungen Frau ist in der Familie Jensen als Bild von „Wilhelm Jensens Jugendliebe“ (so die Beschriftung des Bildes durch Jensens Tochter Maina Heyck-Jensen) erhalten geblieben.

Wie eng die innere Verbindung Jensens zu der Jugendfreundin war, zeigt ein Brief, der in einem Zeitungsausschnitt abgedruckt ist. (Hartmut Heyck, der meine Recherchen zu Wilhelm Jensen in überaus freundlicher Weise unterstützt hat, konnte mir z.B. auch eine Kopie dieses Artikels überlassen. Die genaue Angabe der Quelle ist mir bislang leider nicht möglich. Er müsste im Jahr 1927 erschienen sein.) Dort heißt es:

Liebe über das Grab hinaus. Zum 70. Todestage von Wilhelm Jensens Jugendliebe (2. Mai). Aus einem bisher unbekannten Brief des Dichters. (Nachdruck verboten.)

Erinnerung, wie gingst du all‘ die Zeit / So farblos neben mir, so allbedächtig, / Und heut‘ trittst du so übermächtig, / So frühlingsfrisch in meine Einsamkeit / Und lockst aus stillen, grün umwachs’nen Tiefen / Sehnsucht und Tränen, die so lange schliefen!

Im Jahr 1888 schrieb Wilhelm Jensen an eine Kieler Freundin einen Dankbrief, dem wir heute die Stelle entnehmen, welche sich auf Jensens Jugendliebe bezieht. Diese Stelle lautet:

‚Dein Brief hat sie genannt, die mir die Sonne war, die es mir unvergesslich noch heut’ ist. So lange ich lebe, lebt auch sie noch fort; wenn ich aus einem Traum erwache, dem kein anderer gleicht, so weiß ich, sie war bei mir! Das ist der unsagbare Himmelsglaube der Jugendliebe, deren göttlichste Mitgift vielleicht darin ruht, dass sie nur ein kurzes Traumbild gewesen, keine Wirklichkeit geworden. Ich weiß nicht einmal, ob sie von meiner Liebe gewusst – nur am Abend vor ihrem Tode, glaube ich, als ich zuletzt von ihr ging. Ich hielt mich beim Abschied nicht, sondern fiel vor ihr auf die Knie nieder und sie legte mir die todtenweiße Hand aufs Haar. Keinem Menschen habe ich je davon gesprochen, aber du hast sie gekannt, und dein Brief beschwört mir heut‘ jenen Tag herauf. Seit 32 Jahren schreibe ich an jedem 2. Mai, ihrem Todestage, meine Gedanken an sie in einem Gedichte nieder und werde es an meinem letzten zweiten Maitag thun.’

Wilhelm Jensen hatte also sehr unmittelbar den Tod seiner Jugendfreundin Clara Witthöfft miterlebt. Jensens eigener Schilderung in dem zitierten Brief ist zu entnehmen, dass diese Szene ihn überaus nachhaltig geprägt hat. Und genau diese Situation dürfte – wie in so vielen seiner Werke – ihren literarischen Niederschlag in dem Traum Norbert Hanolds gefunden haben. Es scheint mir ziemlich eindeutig, dass Jensens Gefühlslage beim letzten Abschied von seiner Jugendfreundin geprägt war von Trauer, Erschütterung und Verzweiflung. (Nicht, wie Freud in den Traum Norbert Hanolds hineindeutet, irgendeine Form von „sexueller Erregtheit“!)

Jensen wollte wohl die Erinnerungen an die schönen Stunden mit seiner Jugendfreundin im Schreiben zum Leben erwecken. Seine Werke, in denen die Schilderung dieser ersten Jugendliebe immer wieder in Variationen ihren Platz findet, füllen viele „Bücherständer“. (Wilpert & Gühring, 1992, verzeichnen 155 Werke Jensens.) Dort finden sich immer wieder ähnliche Schilderungen einer Beziehung zwischen einem jungen Mann und einer jungen Frau (besonders typisch wohl z.B. in der Novelle „Jugendträume“, die Jensen Freud gegenüber ausdrücklich erwähnt).

In jungen Jahren hatte Jensen, darin seiner naturwissenschaftlichen Neigung folgend, zunächst in Kiel, Würzburg, Jena und Breslau ungefähr sieben Semester lang Medizin studiert. In seinen Romanen (z.B. „Asphodil“, „Im gotischen Hause“, „Sonne und Schatten“, „Der Schleier der Maja“) tauchen immer wieder sympathische Ärzte auf, die eine „sanfte“ Medizin - z.B. Pulsdiagnose - betreiben, die ein Verschreiben von Medikamenten mit starken Nebenwirkungen als Ausdruck ihres Versagens als Heilkundige begreifen, die sich der innerseelischen Zusammenhänge psychosomatischer Beschwerden, krankmachender Familiendynamik, gelungener psychotherapeutischer Gespräche und Maßnahmen, sowie der Bedeutung von Träumen sehr wohl bewusst sind, und die diese Erkenntnisse in heilsames Handeln umsetzen. Interessiert hat sich Jensen für die psychischen Aspekte von Heilung wohl, weil er am eigenen Leib ausreichend erfahren hatte, wie sich seelisches Leid auswirken kann. Die Verarbeitung von seelischen Prozessen in Träumen und Tagträumen hat er immer wieder beschrieben.

Sicher war ein wichtiges Motiv für Jensens Medizin-Studium auch, dass er sich unbefangener mit körperlichen Vorgängen beschäftigen konnte. Sexualität war gerade zu Jensens Lebzeiten mit übertriebenen Tabus behaftet. Dies dürfte er mit seiner „unehrlichen Herkunft“ am eigenen Leib schmerzhaft erfahren haben. Allerdings hatte er wohl gerade bei naturwissenschaftlich geprägten Mentoren Trost vor christlich geprägter Borniertheit gefunden. So wollte er sicher auch die körperliche Liebe als das begreifen, was sie nun mal ist: Die notwendige Voraussetzung des menschlichen Lebens auf diesem Planeten. Und eine höchst lustvolle Angelegenheit.

Wilhelm Jensen hat sich auch zeitlebens mit dem Rätsel des Todes beschäftigt - ein Thema, das bei der Auseinandersetzung mit dem menschlichen Seelenleben zwangsläufig auftaucht (vgl. Narziss). Möglicherweise war dies ebenfalls ein Grund für ihn, ein Medizin-Studium als lohnend zu empfinden. Nur zu verständlich, dass er Antwort bei den „Anatomen“ suchte, um sich dieses Phänomen erklären zu können, gerade wenn er den allzu frühen Verlust der Jugendliebe zu betrauern hatte.

Schließlich hat sich Wilhelm Jensen aber gegen die Medizin entschieden, weil er, wie er in einem Brief schreibt, Probleme damit hat, jede Lebensäußerung auf physiologische Aktivität reduziert zu sehen (Jensen, 1860/1922). Da hat er sich lieber als Schriftsteller mit menschlichen Problemen beschäftigt.

 

 

In einem ersten Ansatz werde ich versuchen darzustellen, welche weiteren Aspekte von Jensens Lebensgeschichte sich in seiner Novelle ‚Gradiva spiegeln. Zu diesen Ausführungen geht’s hier.

Und hier geht’s zurück zum Beginn der Ausführungen über Norbert Hanold und Wilhelm Jensen, mit Verweisen zu den einzelnen Kapiteln und einer Literaturangabe. Zurück zum vorigen Kapitel über Freuds Fehldeutungen geht’s hier.