Zur Diffamierung von
Dr. Otto
Bauer
durch Vertreter der Psychoanalyse

 

Da Ida Bauer - wie an anderer Stelle dargestellt - in den Augen Sigmund Freuds und einiger seiner Jünger solch ein Scheusal gewesen sein soll, kann - für einige Vertreter dieser Wissenschaft - ihr eineinhalb Jahre älterer Bruder Otto nicht viel besser gewesen sein. Wen kümmert’s, dass Dr. Otto Bauer als führender Kopf der Österreichischen Sozialdemokraten nach dem ersten Weltkrieg einer der ehrenwertesten Politiker dieser Zeit war? Auch er lässt sich trefflich diffamieren:

Bauer sei ein „Geschöpf von festgelegten Gewohnheiten“ (Rogow, 1978, S. 348) gewesen, „ein humorloser Mann ohne Hobbys und wenig Interessen an irgendetwas außerhalb des Bereiches von Politik“ (ebd.). „Sein verschlossener Charakter eignete sich nicht für enge persönliche Beziehungen zu anderen“ (Rogow, S.349). Sein wohl nur noch unsozial und herzlos zu nennender Hang zur Schreiberei ging sogar so weit, dass er einmal „von einem Freund angetroffen wurde, wie er, einen Artikel für die Parteizeitung schreibend, außerhalb des Raumes saß, in dem sein Vater, den er pflegte, schwerkrank daniederlag“ (ebd.). Was für ein verantwortungsloser Geselle!

Daneben wird unterstellt, Otto Bauer, der selbst Jude war, habe in Kreisen verkehrt, die trotz jüdischer Herkunft sogar zu einem gewissen Grad auf modische Art und Weise antisemitisch“ angehaucht gewesen seien (S.354).

Und sogar noch schlimmer: „(Bauer) wird verschiedentlich von Spezialisten österreichischer Politik, einschließlich einiger Einzelpersonen, die ihn persönlich kannten, als jemand betrachtet, der gewöhnlich in der einen Art redete und in einer anderen handelte, und der, im politischen Kontext, charakteristischer Weise radikal in Rede und Schrift, jedoch vorsichtig und konservativ im Handeln war. Einige von ihnen glauben, - so behauptet Arnold Rogow ohne zu widersprechen - „dass der österreichische Faschismus hätte abgewendet werden können, wäre Bauer in verschiedenen Situationen zu entschiedener Führung in der Lage gewesen, anstatt in entscheidenden Momenten zu Unsicherheit und mangelndem Mut zu neigen“ (Rogow, 1978, S.335).

In keinem der von Rogow zitierten Schriften findet sich eine derartig niederträchtige Unterstellung. Nirgends auch ein Hinweis auf Otto Bauers angeblichen Hang zum Antisemitismus, im Gegenteil: „In seinem letzten Artikel, den Bauer schrieb, suchte er das Gewissen der Welt aufzurufen, um die von Ausrottung bedrohten Juden Österreichs zu retten und ihnen die Tore anderer Länder zu öffnen. ... ‚Ich weiß’, schrieb er, ‚wie müde die Menschen der Erzählung über die Leiden in faschistischen Ländern sind. Ich weiß, wie gering die Aussichten auf Hilfe für ihre Opfer sind. Dennoch ist es die einfache Pflicht unser aller, in unseren Bemühungen um die Rettung der jüngsten Opfer des Faschismus nicht zu ermatten und immer wieder an das Gewissen der Welt zu appellieren ...’ Der Artikel, der die Überschrift trug: ‚Ich appelliere an das Weltgewissen’, erschien an seinem Todestage (5. Juli 1938; K.S.) im ‚News Chronicle’, der großen Londoner liberalen Tageszeitung“ (Braunthal, S.100).

Peter Loewenberg analysiert die politische Haltung Otto Bauers wie folgt: „Bauers formales Denken war revolutionär, sein taktisches Handeln vermied Gewalt um jeden Preis. Bauers Strategie der revolutionären Theorie bei taktischer politischer Inaktivität in der täglichen Politik stand natürlich in der historischen Tradition des Europäischen Sozialismus. Es war konsistent mit der anti-revolutionären Politik seines politischen Mentors Viktor Adler.“ (Loewenberg, 1983, S.168)

Otto Bauer war ein aufrichtiger Politiker der Gewaltlosigkeit. Gerade in einer Zeit massiver politischer Umwälzungen eine glänzende Eigenschaft. Zu den russischen Bolschewisten hatte er jeden Kontakt abgelehnt, weil er deren Unterdrückung individueller Freiheiten und deren Gewaltpolitik verabscheute. Sein „besonnenes Handeln“ ist in gar keiner Weise mit „Tatenlosigkeit“ gleichzusetzen, wie es Loewenberg und Rogow tun. Kein einziger der von Rogow zitierten Autoren hat diesen Vorwurf erhoben, im Gegenteil: sie haben zum Ausdruck gebracht, dass Otto Bauer mehrfach mit seiner Besonnenheit Unheil abgewendet hat, z.B. Braunthal (1961): „Wohl liegt Wahrheit im Urteil über Otto Bauer: ihn hatte die Natur nicht zum Schlachtenlenker bestimmt. Sein Zurückscheuen vor dem Weg der Gewalt, wie immer er es auch taktisch und theoretisch begründete, wenn sich die Frage praktisch stellte - wie zum Beispiel 1919 und wieder 1927 und 1933 - hatte den tiefsten Grund in seiner eingeborenen Abscheu vor der Gewalt. Otto Bauer war nicht aus dem Teig Lenins gemacht. Er war zwar ein tieferer Denker als Lenin und ihm an Gelehrsamkeit unermeßlich überlegen, aber Lenins stählerne Nerven waren Bauer nicht gegeben. Otto Bauer war ein zutiefst an die Vernunft des Geistes glaubender Mensch, Lenin jedoch ein Gläubiger an die Wunderkraft der Gewalt, unberührt von menschlichen Hemmungen im Einsatz von Menschenleben. Beide fühlten sich im Dienste einer historischen Mission und gleichsam vor der Geschichte verantwortlich; Bauer jedoch fühlte sich auch ‚vor den Müttern dieses Landes’ für die Opfer verantwortlich, die durch seine Führung des Kampfes der Arbeiterklasse fallen könnten. Dieser Zug menschlicher Zartheit in Bauers Wesen, der seine Persönlichkeit adelt, ist freilich ein Charakterzug der Schwäche im brutalen Machtkampf. Aber vielleicht war es gerade dieser Charakterzug, der mitbestimmend in Entscheidungen gewesen war, die 1919 und 1927 drohendes Unheil abgewendet hatten“ (Braunthal, S.83).

Loewenberg gibt seinen politischen Diffamierungen noch einen psychoanalytischen Touch: „Ottos primäre Identifikation bestand mit seiner zwanghaften, wut-auslösenden, aggressiven Mutter, die nach Freuds Meinung Zwangssymptome von einer Stärke zeigte, dass sie beinahe psychotisch waren. Ottos eigene Zwangsneurose war markiert durch seine Tendenz, sich Sorgen zu machen und zu grübeln, durch übervorsichtiges Verhalten, das darauf abzielte, jeden Konflikt zu vermeiden, durch Allmachtsgedanken, zwanghaftes Bekennen, als hätte er die Verbrechen anderer begangen, ausgeprägtes intellektuelles Zweifeln, wenn Handlungen bevorstanden, ein niedriges Maß genitaler Aktivität, viel Energie und ein hohes Maß an Intelligenz. Die zugrundeliegende Dynamik war stark unterdrückte Wut gegen die Mutter, die, wie wir schlussfolgern können, die Kindererziehung mit eiserner Hand regierte. Dieser Ärger und Trotz, den er zu fürchten lernte und vor dem er sich schützen musste, wehrte er ab durch Reaktionsbildung hoher ethischer Standards, einer Märtyrerpsychologie der Pflicht und einem Gehorsam gegenüber den Anforderungen des Gewissens. Nicht nur, dass Bauer den ödipalen Konflikt niemals löste, vieles von seinem Verhalten war so, als hätte er ihn nie erreicht. Ein ödipaler Charakter hätte in Konfliktsituationen gehandelt - so, daß er entweder gewinnen würde oder besiegt würde und sich selbst zerstören würde. Bauer handelte überhaupt nicht. Er zog sich von Konkurrenz und Konfrontation in der politischen Sphäre zurück und, psychodynamisch gesehen, von der ödipalen Phase. In seinem Sexualleben agierte er seinen ödipalen Konflikt aus, indem er ein Muttersurrogat heiratete und eine Geliebte hatte, aber er hat den Konflikt nie gelöst“ (Loewenberg, 1983, S.194).

Otto Bauers Nachdenklichkeit, als „Grübelei“ diffamiert, zusammen mit einem unterstellten „niedrigen Maß genitaler Aktivität“ - welchen Vergleichsmaßstab Herr Loewenberg da wohl ins Feld führt? und woher er wohl die Details über Otto Bauers Intimleben bezieht? - verbunden mit „hoher Intelligenz“ und anderen Eigenschaften belegen klar die psychopathologische Persönlichkeit Otto Bauers. Auch hier wird der berühmte Begriff des „ödipalen Konflikts“ wieder strapaziert, mit dem das eigentliche Problem von Ödipus ins Gegenteil verkehrt wird. Dass Otto Bauer zu wenig gehandelt hätte, wird gebetsmühlenhaft wiederholt, damit jedoch um keinen Deut wahrer.

Und dann: Otto Bauer hätte sich hohen ethischen Idealen verschrieben, die er wie eine ehrbare Vaterfigur zwar gegenüber den Parteimitgliedern vertreten hätte, aber: „Die Tragödie des Österreichischen Sozialismus ist, dass in Wirklichkeit Bauer ein schwacher Vater war, albern (inept), impotent und kastriert“ (Loewenberg, 1983, S. 199).

Wie kommt Loewenberg dazu, einen solchen Schmarren von sich zu geben?

Vielleicht wird eine Antwort darauf an anderer Stelle deutlich: Die Frage, ob Juden in Europa als eigene Nation zu sehen wären, ob sie sich deswegen innerhalb der sozialistischen Partei in eigenen Gliederungen hätten organisieren sollen, hatte Otto Bauer, der selbst Jude war, klar verneint, statt dessen für eine Assimilation votiert. Dies scheint der Auffassung von Loewenberg zu widersprechen. Als Mitstreiter für seine Argumentation reklamiert er ausführlich einen besonders ehrenwerten Herren: Josef Stalin (Loewenberg, S. 166). Dessen „Widerlegung“ von Otto Bauers These wird über knapp eine Seite lang zitiert. Zusammen mit der von Loewenberg immer wieder an Otto Bauer geäußerten Kritik wegen dessen Politik der Gewaltlosigkeit liegt der Schluss nahe, dass die Ursache für die Diffamierung dieses respektablen Politikers in einer entsprechenden politischen Feindschaft zu suchen ist.

Josef Stalin hatte sich nicht gescheut, unliebsame Mitmenschen mit Lüge, Fälschung, Unterdrückung und Mord verfolgen zu lassen. Aus seiner Sicht gab es natürlich manches an Otto Bauers Haltung auszusetzen. Allerdings hätte er sich bei seiner Kritik sicherlich kaum Freudscher Terminologie bedient. Dies haben stellvertretend für ihn Peter Loewenberg und Arnold Rogow unternommen.

 

Literatur:

 

Braunthal, Julius (1961): Otto Bauer. Eine Auswahl aus seinem Lebenswerk. Mit einem Lebensbild Otto Bauers von Julius Braunthal. Verlag der Wiener Volksbuchhandlung, Wien.

Loewenberg, Peter (1983): Decoding the Past. The Psychohistorical Approach. Alfred A. Knopf, New York. Darin: Austro- Marxism and Revolution. Otto Bauer, Freud’s ‘Dora’ Case, and the Crises of the First Austrian Republic. (S.161 - 204)

Rogow, Arnold A. (1978): A further footnote to Freud’s ‘Fragment of an analysis of a case of hysteria’. The Journal of the American Psychoanalytic Association, Jg. 26, S.331-356