Die Abwertung

Freud reagiert enttäuscht und gekränkt, als er in den Briefen des Dichters seine Deutung über dessen zugrunde liegende Lebenswirklichkeit nicht bestätigt findet. Er bescheinigt dem Schriftsteller „naive Schaffensfreude“, tituliert ihn herablassend als „unser W. Jensen“ und behauptete wahrheitswidrig: „Ich hatte bald nach dem Erscheinen meiner analytischen Würdigung der ‚Gradiva’ einen Versuch gemacht, den greisen Dichter für diese neuen Aufgaben der psychoanalytischen Untersuchung zu interessieren; aber er versagte seine Mitwirkung“ (Freud, 1992, S.162, Nachwort zur 2. Auflage der Gradiva-„Deutung“ 1912). Gegenüber C.G. Jung (Brief vom 26.5.1907) hatte er gemeint, „als alter Herr“ sei Wilhelm Jensen „unfähig ..., auf andere Intentionen als seine eigenen poetischen einzugehen“. Die außerordentlich schöne Erzählung wird als „kleine, an sich nicht besonders wertvolle Novelle“ schlecht gemacht (Freud, 1992, S.17; Verweis auf Freud: Gesammelte Werke, Band 14: Selbstdarstellung (1925). Fischer Taschenbuch. (Keine Jahresangabe durch die Autoren)). Wilhelm Jensen wird unter die „anspruchsloseren Erzähler“ subsummiert (Freud, 1992, S.16, unter Verweis auf Freud: „Der Dichter und das Phantasieren“, 1908, S.220 f. in G.W. Bd.7, St.A.Bd.X).

Es hat Tradition innerhalb der psychoanalytischen Gemeinschaft, die Deutungen und Entwertungen Freuds gegenüber Wilhelm Jensen kritiklos zu übernehmen und weiter auszuschmücken. Freuds Unterstellungen werden so noch weitere hinzugefügt. Hier einige Beispiele.

 

Ernest Jones

Ernest Jones (1962) zum Beispiel macht Wilhelm Jensen fälschlich zum „bekannten dänischen Dichter“ (402) – er verwechselt ihn vermutlich mit dem dänischen Dichter und Literaturnobelpreisträger Johannes Vilhelm Jensen (1873-1950), der ebenso Medizin studiert hatte. Zum Dänentum Jensens sei Gustav Adolf Erdmann zitiert (S.73), der sich über die Folgen Jensenscher Arbeit in Flensburg als Herausgeber einer Zeitung (1869-1872) auslässt: „Durch seine ebenso energische wie geschickte Abwehr dänischer Übergriffe wurde Jensen bald der bestgehaßte Mann in ganz Dänemark, ja, dänische Zeitungen forderten direkt auf, diesen unbequemen Menschen zu fangen und an einen Laternenpfahl zu hängen“.

Am Schluss seiner Zusammenfassung – ohne irgendwelche Belege – lässt Ernest Jones anklingen, dass Jensen womöglich Freud gegenüber die Wahr­heit verheimlicht habe (Jones, 1962, S. 404 f): „Jensen müsse in seiner Kindheit sehr an einem kleinen Mädchen gehangen haben, wahrscheinlich an seiner Schwester, und dann eine große Enttäuschung erlitten haben, vielleicht durch ihren Tod. Vermutlich sei dieses Kind körperlich behindert gewesen, wie etwa durch einen Klumpfuß, den Jensen in der Novelle in einen schönen Schritt verwandelt habe; dieses Schreiten, das er auf dem Relief gesehen hatte, war ja der Ausgangspunkt für die Geschichte geworden. Freud schrieb ... noch einmal an Jensen. Die Frage nach der Körperbehinderung beantwortete Jensen nicht, eine Schwester oder andere junge Verwandte habe er nicht gehabt, aber seine erste Liebe sei ein kleines Mädchen gewesen, das mit ihm aufgewachsen und im Alter von achtzehn Jahren an der Auszehrung gestorben sei. Viele Jahre später habe er ein anderes Mädchen liebgewonnen, und auch dieses sei plötzlich gestorben. So stellte sich wenigstens ein Teil von Freuds Hypothesen als richtig heraus; vielleicht war auch alles richtig.“ Jensen gibt wahrheitsgemäß an, dass er ohne (körperbehinderte) Schwester aufgewachsen ist – und Jones setzt das Gerücht in die Welt, dass Jensen womöglich die Wahrheit verschweigt. So einfach ist das. Ein klassisches Beispiel von Besserwisserei.

 

Ludwig Marcuse und Ronald W. Clark

Ludwig Marcuse schreibt (1956, S.90): „Ebenso wenig Anklang fand Freud bei Wilhelm Jensen, einem sehr fruchtbaren Novellisten, der einmal mit Raabe verglichen wurde und heute vergessen ist. Freud schenkte seiner Geschichte ‚Gradiva’ eine sehr ausführliche Untersuchung, die Jensens Namen auf die Nachwelt brachte. Als er sich aber dem Autor nähern wollte, lehnte der energisch ab - wie nach ihm Hunderte die Analyse als Kunst-feindlich ablehnten.“

Ronald W. Clark (1985) bezieht sich vermutlich auf dieses Zitat von Ludwig Marcuse – ohne genauen Verweis darauf – (S. 389): „Nach Herbert Marcuse [zwar auch ein Marcuse, aber ein anderer; K.S.] weigerte sich Jensen, sich mit Freud zu treffen, und das war das Ende der Angelegenheit, die Freuds Anhängern ebenso wie seinen Gegnern brauchbare Munition lieferte.

Wie war es wirklich? Wilhelm Jensen hatte Sigmund in seinem zweiten Brief vom 25.05.1907 überaus freundlich geschrieben (Freud 1992, S.14): „Weiteres, wertester Herr, vermag ich auf ihre Frage nicht zu erwidern, füge hinzu, daß es meine Frau wie mich sehr erfreuen würde, wenn Ihr Weg Sie während der Sommerzeit in unsere Gegend führte und Sie zur Einkehr in dem oben abgebildeten, 20 Minuten vom Priener Bahnhof entfernten Landhäuschen veranlaßte. Freundlichen Grußes ganz ergeben der Ihrige Wilhelm Jensen.

Also keine Weigerung, sich mit Freud zu treffen, sondern – im Gegenteil – die freundliche Einladung, sich kennen zu lernen. Aber Freud hat dieses Angebot nicht wahrgenommen. Schade. Seinen Irrtum hätte er so vielleicht vermeiden können. Dem Schriftsteller wäre so eventuell die böse Abwertung erspart geblieben.

 

Octave Mannoni

Octave Mannoni schreibt (1971/1996, 98): „Jung hatte ihn auf einen Roman von Wilhelm Jensen, „La Gradiva“, hingewiesen. Es war der Ausdruck ihrer wachsenden Freundschaft, dass Freud darüber mit viel Eleganz eine Analyse schrieb. ... Der Roman von Jensen verdankt es Freud, dass er nicht schon längst vergessen ist; übrigens bereitet die Lektüre dieser altmodischen Idylle ein gewisses Vergnügen. Die Naivität, die den Wert des Werkes schmälert, erklärt nämlich, warum es der Interpretation so leicht zugänglich ist. Was Jensen fehlt, ist die Kunst der Abwehr, die Kunst, sich zu verhüllen. Wohlverstanden: die Abwehr lag woanders; wenn er seine Phantasien unverhüllt darstellte, so deshalb, weil er nichts von ihnen verstand. In jener ‚heroischen’ Epoche war es natürlich, dass man mit derselben Naivität später Jensen selbst ausfragte, in der Hoffnung, mehr zu erfahren. Jensen hatte selbstverständlich nie an derlei gedacht. Er ging sogar so weit, anzunehmen, die Übereinstimmung seiner Ideen mit denen Freuds erkläre sich dadurch, dass er vor fünfzig Jahren ein paar Semester Medizin studiert habe. Die großartige Ironie dieser Worte ist sicher ungewollt.

Zu dieser – recht herablassenden – ‚Würdigung’ der „altmodische[n] IdylleGradiva durch Mannoni ließe sich einiges sagen: Zunächst, dass es nicht Jung, sondern wohl Stekel war, der Freud auf die Novelle aufmerksam gemacht hat. Und die Novelle ist nicht „La Gradiva“ betitelt, sondern „Gradiva. Ein pompejanisches Phantasiestück.“ Auch für die „Eleganz“ von Freuds Analyse fehlen mir die Belege. Jedenfalls ist es falsch zu behaupten, die Novelle sei der Interpretation durch Freud „so leicht zugänglich“ gewesen, denn fak­tisch hat sich Freuds Deutungsversuch – inzestuöses Begehren des Dichters gegenüber seiner körperlich behinderten Schwester – als lächerlich erwiesen. Jensen hatte durchaus verstanden, sich zu „verhüllen“, andererseits hatte er wohl keinen Anlass gesehen, etwas von dem ‚abzuwehren’ oder zu „verhüllen“, was er selbst darstellen wollte – zum Beispiel, dass Träume eigene Gefühlszustände spiegeln können.

Der in einer Zeitung abgedruckte Brief Jensens zum Tod seiner Jugendfreundin (vgl. meine vorigen Ausführungen zu Jensens Jugendfreundin) zeigt, dass er seine literarische Tätigkeit (zumindest teil­weise) sehr bewusst dem Gedächtnis seiner Jugendfreundin gewidmet hat. Dass er die alte Jugendliebe in seinen Geschichten belebt hat, das war im engsten Familienkreis von Jensen offenbar bekannt. Das Bild der Jugendliebe ist dort sorgsam aufbewahrt worden. Wie wenig hat Mannoni also von Jensen begriffen, wenn er behauptet, Jensen habe seine eigenen Phantasien nicht verstanden. Muss hier vielleicht die Einsicht abgewehrt werden, dass gerade die Phantasien, die sich Freud und die Psychoanalytiker über Jensen gemacht hatten, kläglich gescheitert waren?

Freud hatte überrascht gefragt, wieso Jensens Darstellung von Träumen – vermeintlich! – seiner Theorie entspreche. Der Schriftsteller hatte darauf freundlich dahingehend geantwortet, dass er selbst Medizin studiert habe. In diesen Worten steckt keinerlei „großartige Ironie“, wie Mannoni glaubt, sondern Jensen hat damit angedeutet, dass er sich bereits lange vor Freud für körperliche und seelische Gesundheit, Träume, Bewusstes und ‚Unbewusstes’ interessiert hatte. In seinen Werken finden sich sehr differenzierte Beobachtungen von Menschen. Regelmäßig schildert Jensen Träume und ordnet sie sinnvoll in das Geschehen ein. Durchgängig benennt er dabei auch Vorgänge im Menschen als „unbewußt“ (s.o.), erstmals nachweisbar im Jahr 1863, als der damals siebenjährige Freud vermutlich noch gar nicht recht wusste, wie man es schrieb.

Der so vehement um Einzigartigkeit bemühte Wiener Nervenarzt war wohl arg gequält durch die Konfrontation mit dem Sachverhalt, dass andere Menschen lange vor ihm zu Einsichten auf einem Terrain gelangt waren, wo er sich selbst gerne als unumschränkter Alleinherrscher etabliert hätte. Freud hat zwar versucht, sich den Schriftsteller hier untertan zu machen, ihn für seine eigene, höchst einseitige Art der Trauminterpretation zu vereinnahmen, dieser Versuch ist jedoch gescheitert. Das hat Freud geärgert und vermutlich dazu bewegt, Jensen abzuwerten.

Mannoni hätte wohl gut daran getan, über die eigene „Naivität“ zu reflektieren, die in seiner Beurteilung von Jensens Werk zu Tage tritt. Mit seinem blinden Nachbeten von Jensens Entwertungen, ohne sich ein eigenes detailliertes Bild von der Wirklichkeit zu machen, macht er sich selbst lächerlich.

 

Bernd Urban und Johannes Cremerius

Mannonis Text wird wiederum zu Material für Bernd Urban und Johannes Cremerius, die Mannoni jedoch womöglich im Einzelnen gar nicht richtig verstehen oder nicht richtig verstehen wollen (in: Freud, 1992, 17): „Die ‚kleine, an sich nicht besonders wertvolle Novelle’ erfuhr unvermutete Achtung von literaturwissenschaftlicher Seite aus, als sie vor nicht allzu langer Zeit als ‚bezaubernd’ empfunden wurde (1). Wir neigen doch eher zur Freudschen Ansicht. Die Novelle verdankt es der psychoanalytischen Interpretation, daß sie nicht schon längst vergessen ist; ‚die Naivität, die den Wert des Werkes schmälert, erklärt ..., warum es der Interpretation so leicht zugänglich ist. Was Jensen fehlt, ist die Kunst der Abwehr, die Kunst, sich zu verhüllen;’ (2) ... Die Lektüre ‚dieser altmodischen Idylle’ bereitet jedoch ein gewisses Vergnügen (3), wenngleich wir den August-Grete-Dialog z.B. am liebsten in Killys Kitschsammlung sähen (4). Der vielschreibende Jensen ... befand sich mit seiner Naivität in einer ‚heroischen Epoche’, unvermögend, seine Phantasien zu verhüllen, unvermögend, sich zu wehren gegen die Naivität, mit der Freud ihn ausfragte, sogar annahm, ‚die Übereinstimmung seiner Ideen mit denen Freuds erkläre sich dadurch, daß er vor 50 Jahren ein paar Semester Medizin studiert habe. Die großartige Ironie dieser Worte ist sicher ungewollt’, so beobachtet Mannoni gescheit die Komplexität (5).

Urban und Cremerius beziehen sich in den Punkten 2, 3, und 5 auf das obige Zitat von Mannoni. Ohne, dass ich selbst genau sagen könnte, was Mannoni zum Ausdruck bringen will, so hat er doch offenbar mit der „‚he­ro­i­schen Epoche‘ auf die besondere Stimmung unter den Psychoana­ly­tikern der ersten Stunde angesprochen. Und auch die „Naivität“ hatte Mannoni in diesem Satz gerade den Vertretern der Psychoanalyse attestiert. Urban und Cremerius wirbeln nun Mannonis Phrasen gehörig durcheinander, so dass am Ende die ‚Naivität‘ und die ‚heroische Epoche’ vor allem an Jensen haften bleiben. „Der vielschreibende Jensen ... befand sich mit seiner Naivität in einer ‚heroischen Epoche’“ – so gerät der Versuch eines Zitats zum inhaltslosen Geschwafel. Oder geht es hier vielleicht noch um etwas mehr: Soll womöglich der leicht ironisch-kritische Unterton, den Mannoni gegenüber den Pionieren der Psychoanalyse anzuschlagen scheint, eliminiert werden, indem er nun fast gänzlich gegen Jensen gerichtet wird?

Am Ende wird aus allem ein Vorwurf gegen Jensen konstruiert: Während Freud ihm noch die Verweigerung der Mitwirkung vorhält, wird ihm nun Naivität attestiert, die ihn daran hindere, sich gegen ein Ausfragen zu wehren. Egal, was er macht – es ist ein Beleg für seine Blödheit. Dass Mannoni hier „gescheit“ irgendeine „Komplexität“ beobachtet hätte, stimmt nicht. Er plappert lediglich die Abwertung von Jung nach, der kommentiert hatte (Brief an Freud vom 30.5.1907, nach: Freud, 1907/1995, 25): „Daß er seiner Medizin sogar noch Schuld gibt, ist ausgezeichnet und schon bedenklich arteriosklerotisch.“ Mannoni unternimmt nicht den leisesten Versuch, das übernommene Vorurteil an Leben und Werk des Schriftstellers zu messen. Weder Mannoni, noch Urban und Cremerius haben begriffen, dass Jensens Medizinstudium sein Interesse am Menschen zum Ausdruck bringt, das ihn auch bei der (Selbst‑)­Beob­ach­tung seelischer Vorgänge – vor allem auch in Bezug auf Träume oder Tagträume – zu schlüssigen Einsichten geführt hat. In seiner Wahrnehmung war er dabei differenzierter, als Freud in seinem maßlosen Hang zu Verallgemeinerungen.

Apropos Vielschreiberei: Diesen originellen Vorwurf – der übrigens auch ohne weiteres Sigmund Freud treffen könnte – haben Urban & Cremerius nicht einmal als erste geprägt. Wilhelm Jensen sah sich ihm schon zu Lebzeiten ausgesetzt. Er hat sich – im wahrsten Sinne des Wortes – seinen eigenen Reim darauf gemacht (zit. nach Erdmann, S.108 f).

Schreibt einer täglich Jahr für Jahr
Mit Lust, Bedacht und Fleiß,
Was heut’ er ist, was einst er war
Und fühlt und denkt und weiß -
Halb mit Bedauern, halb mit Hohn
Zuckt man die Schultern dabei
Und heißt es Überproduktion,
Zu deutsch: Vielschreiberei. ...

Und zu den „Wenigschreibern“:

Und denke ruhig, sonder Neid:
Sie machen wohl von ihrer Zeit
Bessern Gebrauch für Mund und Magen
Und haben wohl nicht viel zu sagen.

 

Martin Bergmann

Eine neue Deutung der Gradiva versucht noch in jüngerer Zeit Martin Bergmann (1987/1999). Sucht man bei ihm im Personenregister nach Jensen, so stößt man auf: „Jensen, J.V.“ Bergmann hat anscheinend Jones’ These vom „dänischen Dichter“ übernommen, für den – wie bereits gesagt – nur der Literaturnobelpreisträger Johannes Vilhelm Jensen in Betracht kommt. Bergmann verlässt sich wohl lieber auf Sekundärliteratur, anstatt einmal das Werk von Wilhelm Jensen selbst in die Hand zu nehmen.

Und dann folgen Einsichten wie diese (264): „Es scheint, daß Freud von der Erzählung Gradiva enthusiasmiert war und sie als literarisches Werk überschätzte – einfach deshalb, weil er in der Lage war, sie zu entschlüsseln.“ Bergmann scheint entgangen zu sein, wie sehr Freud diese Novelle entwertet hatte. Seine Überzeugung, dass Freud diese eigentlich wenig bedeutsame Novelle „überschätzt“ habe, weil es ihm gelungen sei, dieses Werk „zu entschlüsseln“, kann Bergmann nur vertreten, weil er sich in völliger Unkenntnis des Hintergrundes befindet.

Bergmann selbst gelangt – im Widerspruch zu seiner eigenen Behauptung von Freuds ‚Entschlüsselung‘ – zu ganz neuen, bahnbrechenden Einsichten, die – nach Bergmann – über Freuds oberflächliche Analyse doch weit hinaus ragen: Wilhelm Jensen war latent schwul! Nur durch einen Fetischismus konnte er seine Perversion kontrollieren!

Wie konnte Freud dieser klare Zusammenhang in seiner Studie nur entgehen? Nun, er war damals (1907) halt noch nicht so weit. Aber Bergmann kann ja zum Glück auf sämtliche genitalen Ausführungen seines Meisters zurückgreifen (Bergmann, 266): „Doch was wußte Freud im Jahr 1907 über Feti­schismus? Seinen wesentlichsten Beitrag zum Verständnis des Feti­schismus lieferte er erst zwanzig Jahre später, als er schrieb: ‚Er [der Fetisch] bleibt das Zeichen des Triumphes über die Kastrationsdrohung und der Schutz gegen sie, er erspart es dem Fetischisten auch, ein Homosexueller zu werden‘ (1927a, S. 385) – nämlich dadurch, daß er die Frau zu einer phallischen Frau macht.

Auf diesem unverständlichen Gemurmel baut Bergmann weiter auf (268): „Meine eigene Rekonstruktion der Gradiva ist die folgende: Jensen liefert keinesfalls die Beschreibung einer psychiatrischen Fallstudie, sondern vielmehr ein kaum verschleiertes Stück Autobiographie. Er beschreibt den bedeutsamen Augenblick, in dem mit Hilfe eines Fe­tischs die sexuelle Verdrängung aufgehoben wird, wodurch das ero­tische Begehren wiedererwacht und Liebe möglich wird. Indem Gradiva ihre Ferse entblößt, wird sie zu einer phallischen Frau und gleichzeitig zu einem Schutz gegen Kastrationsangst und Homosexua­lität. Indem Hanold ganz davon in Anspruch genommen ist, den Gang von Frauen zu studieren, gelingt es ihm, seine Aufmerksamkeit vom Geschlechtsorgan auf den Fuß abzulenken. Man kann dies als Phase der Fetischbildung bezeichnen. Als die nun nicht mehr als Gra­diva maskierte Zoë zum erstenmal eine Straße in Pompeji überquert, hebt sie sicherheitshalber ihr Kleid, um das Vorhandensein des unent­behrlichen Fußknöchels zu demonstrieren. Hätte Freud bereits 1907 das Geheimnis des Fetischs gekannt, hätte er nicht annehmen müssen, Jensens Schwester habe einen deformierten Fuß.“ Bergmann vermag also Freuds Fehldeutung von der körperbehinderten Schwester auf geniale Weise zu korrigieren, indem er den entblößten Fuß als Symbol des Phallus versteht.

Und eine Seite weiter: „Die Bildung des Fetischs ermöglicht dem Archäologen, latent ho­mosexuelle in heterosexuelle Libido zu überführen. Ein latent homo­sexuelles Motiv besteht schon darin, daß Hanold aus Mars Gradivus, dem leichtfüßigen Kriegsgott, eine weibliche Gradiva macht. In Freuds Deutung von Hanolds Eidechsentraum erscheint dann ein Motiv, das explizit homosexuell ist. In Hanolds Traum fängt Gradiva Eidechsen, genau wie ihr Vater, der Zoologe. Seine Taten und Worte werden vom Männlichen ins Weibliche übertragen, und Freud entschlüsselt diese Verschiebung, wenn er schreibt: ‚die Gradiva fängt Eidechsen wie jener Alte, ver­steht sich auf den Eidechsenfang wie er‘ (1907, S. 68). Die begehrte Eidechse ist Hanold selbst, doch hinter der Tochter steht der Vater. Diese homosexuelle Komponente des Traums läßt Freud außer acht, doch ist sie ein weiterer Beleg dafür, daß der Archäologe seinen Kampf gegen die Verdrängung auf fetischistische Weise beendet hat.“ Also so läuft der Hase: Jensen ist Hanold. Und Hanold ist die Eidechse. Dass die Eidechse von einem Vater gefangen wird, spricht für Jensens Homosexualität. Die muss aber abgewehrt werden. Also sucht Hanold sich eine Frau, die eine Ferse = einen Phallus besitzt.

Die ganze Geschichte offenbart hier für Bergmann eine geradezu tragische Komponente, die der Fachwelt bislang anscheinend völlig verborgen geblieben ist (269 f): „Hätte Freud die Gradiva, wie ich es vorschlage, als ein Stück Selbstheilung durch Errichtung eines Fetischs interpretiert, so hätte er sie eher als ein tragisches Werk sehen müssen; denn nicht eine nahezu wundersame Heilung ist es, was sie schildert, sondern die Bildung eines Symptoms. Wäre dieser Zusammenhang schon damals aufgedeckt worden, so hätte das Buch seinen trügerischen Zauber zwangsläufig eingebüßt. Die Heilung des Archäologen folgt einem Muster, das Glover (1931) als »ungenaue Deutung« bezeichnet hat: eine Heilung, die durch Schaffung neuer Symptome und neuer Abwehrmaßnahmen herbeigeführt wird. Gradiva versucht das Problem der Liebe dort zu lösen, wo es keine Lösung gibt, nämlich in der Kindheit. Das Vergnügen, das diese Er­zählung bereitet, hat daher etwas Illusorisches. Dieses eine Mal hat Freud angesichts eines fiktionalen Werks die Waffen psychoanalyti­scher Kritik ruhen lassen.“ Freud war also so freundlich, mit seinem scharfen analytischen Verstand das fiktionale Werk Jensens nicht zu zerpflücken. Sonst wäre er zweifellos zu denselben Schlüssen gelangt, wie Bergmann – meint Bergmann. Die Novelle Gradiva erzählt uns also, wie ein latent schwuler Dichter sich einen letzen Rest an Liebesfähigkeit dadurch bewahrt, dass er sich zum Fuß- oder Fersenfetischisten mausert. Der arme Jensen war sich über das ganze Ausmaß seiner Perversion vermutlich gar nicht bewusst.

Derartigen ‚psychoanalytischen‘ Unsinn halte ich für erbärmlich und lächerlich. Ein Novellentext in Verbindung mit abstrusen Dogmen führt zu weitreichenden Schlussfolgerungen über das Leben eines Schriftstellers, von dem der ‚Analytiker‘ noch nicht einmal korrekt den Namen anzugeben weiß.

Aber Bergmann befindet sich hier lediglich in der treuen Gefolgschaft seines Meisters. Schon Freuds Gradiva-Interpretation ist ein Paradebeispiel dafür, mit welcher Selbstherrlichkeit innerhalb der psychoanalytischen ‚Wissenschaft‘ weitreichende Schlüsse über das Leben anderer gezogen werden, ohne sich für deren Lebenswirklichkeit zu interessieren. Das freundliche Angebot des Schriftstellers an Freud, sein Kenntnisdefizit durch eine persönliche Begegnung zu beheben, hat dieser nicht wahrgenommen. Unter Missachtung dessen, was ihm der Dichter selbst bereits über sich offenbart hatte, verteidigt Freud besserwisserisch seine Ansicht gegen die Verneinung des Betroffenen. Beleidigt unterstellt er Wilhelm Jensen, er habe die Mitwirkung bei der Deutung seines Werkes versagt.

 

Franz Maciejewski

Franz Maciejewski hatte vor einiger Zeit ein wenig Beachtung gefunden, weil er auf Freuds Eintrag in einem Hotel in Maloja gestoßen war, als er mit seiner Schwägerin Minna dort unterwegs war. Freud hatte sich dort als „Dr. Freud und Frau“ eingetragen. Diese Notiz gab dem – wohl berechtigten – Tratsch um eine Affäre Freuds mit seiner Schwägerin neue Nahrung.

In Bezug auf Wilhelm Jensen hat Herr Maciejewskis Spürnase (Maciejewski, 2002) auch höchst bemerkenswerte Erkenntnisse zu Tage befördert: Ohne Martin Bergmann zu zitieren, will auch er auf die Phallus-Symbolik des Fußes gestoßen sein (ebd., 72-74): „... die Bedeutung ‚die Vorschreitende’ [lat. ‚Gradiva’; K.S.] selbst [verrät] deutliche Züge einer Erektionssymbolik und erlaubt es, die Gleichung Penis = Mädchen auf den gesamten Körper zu übertragen.“ Und: „Von hier ist es nur noch ein kleiner Schritt zum Vogel Phoenix, der bekanntlich nach jedem Feuertod aus der Asche wiederaufersteht – mythisches Bild der Erschlaffung und Wiederbelebung des Phallus. Wenn also Hanold, der Archäologe, nach Pompeji eilt, so ist das Objekt seiner Begierde sein eigener Penis. ... Zunächst bringt er [Hanold; K.S.] mit der Wiederinbesitznahme seines Penis das Phantasma des phallischen Mädchens zum Einsturz; sodann lässt er sich von Zoë, die weder phallisches Mädchen oder Frau noch Mutter ist, die sich aber auf die Kunst des Lazertenfangs versteht, also weiß, wie man Männer beim Schwanze packt, einfangen; ... Die Steine sprechen! so könnte auch das Motto unserer ersten archäologischen Überbietung lauten. Der Fuß der Gradiva spricht selbst: der stoned gewordene Phallus Hanolds.“ Maciejewskis Versuche, mir ein Mädchen als Phallus-Symbol plausibel zu machen, sind ungefähr so erfolgreich, wie es wohl sein Versuch wäre, eine Eidechse zu fangen, indem er sie am Schwanze packt.

Und auch Maciejewski übernimmt mühelos die abwertende Haltung gegenüber dem Dichter Jensen (ebd., 75): „Den ersten (von insgesamt drei) Briefen schreibt Freud, als er diesem Anfang Mai 1907 die soeben erschiene[ne] Gradiva zusendet. Jensen antwortet postwendend. Im Ton liebenswürdig aber ohne Verständnis für die Belange und das Interesse Freuds nimmt er die Position der ‚dichterischen Intuition’ für sich in Anspruch.“ „Ohne Verständnis“ ist hier bestenfalls Franz Maciejewski, wenn er davon spricht, dass Freud Wilhelm Jensen „Anfang Mai 1907 die soeben erschiene[ne] Gradiva zusendet“ – denn die Novelle ‚Gradiva’ stammt weiterhin von Wilhelm Jensen. Was Freud dem Dichter zuzuschicken vermag, ist lediglich die von seinem Sexualisierungs-Wahn beherrschte Abhandlung „Der Wahn und die Träume in W. Jensens ‚Gradiva’“.

 

Wie lange noch ...?

Noch hundert Jahre später – mit all den vielen Möglichkeiten zur Recherche – werden auf Seiten der Psychoanalytiker die alten Entwertungen Freuds gläubig nachgebetet und ausgeschmückt. Die Fähigkeit, sich mit der Wirklichkeit auseinander zu setzen, ist bei vielen Freud-Anhängern offenbar erschreckend unentwickelt.

Freuds Fehldeutung der Geschichte sagt mehr über ihn selbst aus, als über Wilhelm Jensen. Auffällig ist, dass er auch bei der Deutung dieser Geschichte den Aspekt des Entsetzens über den Tod vollkommen verdrängt – genauso, wie in der Analyse der Geschichte von Ödipus – dieser ist entsetzt über den Tod des Vaters und rächt ihn – und genauso, wie bei Narziss – dieser zeigt unter anderem Kummer über den Tod der Zwillingsschwester beziehungsweise über den Verlust von Vater und Mutter. Dieses Thema – das Verzweifeln über die Endlichkeit – verdrängt Freud für sich selbst: sein Entsetzen darüber, den eigenen Vater vier Monate nach dessen Tod so massiv entwertet zu haben, als er ihn beschuldigte, ein „Perverser“ gewesen zu sein, der die eigenen Kinder vergewaltigt hätte. Durch die Veranlassung eines billigen Begräbnisses hatte Freud seine wohl bereits zu diesem Zeitpunkt bestehende entwertende Haltung gegenüber dem Vater auch außenwirksam in Szene gesetzt. Erst sehr viel später ist sich Freud wohl seines Fehlgriffs bewusst geworden, als er den Tod des Vaters als „das wichtigste Ereignis im Leben eines Mannes“ bezeichnet hat.

Jensens ‚Symptomatik‘ – die melancholische Bindung an die früh verstorbene Jugendliebe – ist auf dem Hintergrund einer Trauma-Analyse (im Sinne Josef Breuers) plausibel nachzuvollziehen. Freuds triebtheoretische Perspektive verleitet dagegen zu Hirngespinsten, die in sich zusammensacken, sobald sie nur von den Fakten berührt werden.

 

Hier ein kurzer Blick auf das Grabmal von Wilhelm Jensen.

Hier geht’s zurück zum Beginn der Ausführungen über Norbert Hanold und Wilhelm Jensen, mit den Verweisen zu den einzelnen Kapiteln und der Literaturangabe, hier zum vorigen Kapitel über einzelne Deutungsaspekte der Erzählung, z.B. auf der Grundlage der Deutung des Reliefs durch Friedrich Hauser.