Realsatire I

 

Vortrag über die Anatomie menschlicher Aggression

 

 

Am 20. April 2004 hat ein Referent der Volkshochschule Saarbrücken einen aufschlussreichen Vortrag gehalten über die Anatomie der menschlichen Aggression. Darin reißt er eine Vielzahl aggressiver Verhaltensweisen an, beispielsweise die Mutter, die drei ihrer Kinder jeweils nach der Geburt tötet und in der Tiefkühltruhe – neben Spinat und Erbsen – stapelt, die KZ’s, die Versuchspersonen des Milgram-Experiments [1], und vieles andere. Selbstverständlich dürfen die Anschläge vom 11. September oder der Terror von Beslan nicht fehlen. Der Referent streift verschiedene Erklärungsmodelle eines solchen Verhaltens. In einer etwas krausen Reihenfolge kommt er mal auf Prägung, mal auf den analen Charakter, mal auf die Physiologie, die Vererbung, den Todestrieb, den Narzissmus zu sprechen. Man merkt, dass er es vor allem als das großartige Verdienst Sigmund Freuds und der Psychoanalyse ansieht, dass die unbewussten Strömungen der Aggression entlarvt werden konnten. Allerdings geht mir der Referent an manchen Punkten nicht gründlich genug in die Details.

 

Nach einer ersten, sehr umfangreichen Wortmeldung eines anderen Zuhörers, auf die der Referent noch ausführlich eingeht, gelingt es mir, das Wort zu ergreifen.

 

Wenn ich ihn richtig verstanden hätte, dann hielte er Konrad Lorenz für den Experten in Sachen tierischer Aggression, Sigmund Freud dagegen für den Experten in Sachen menschlicher Aggression.

Der Referent nickt.

Er hätte ja immer wieder hervorgehoben, dass gerade die Psychoanalyse, die ja zu einer der größten geistigen Errungenschaften des 20. Jahrhunderts gerechnet werde, hier Pionierarbeit geleistet habe. 

Der Referent nickt.

Ich sei selbst als niedergelassener Psychotherapeut tätig und hätte mich von daher auch schon mit dieser Thematik ein wenig auseinandergesetzt.

Der Referent nickt beifällig.

Viele Begriffe der Psychoanalyse – „Narzissmus“, „ödipaler Konflikt“ oder „reziproke Latenzrepräsentanz“ [2] – seien ja gewissermaßen schon zum Allgemeingut geworden.

Der Referent nickt. Einige Damen aus den Reihen vor mir blicken allerdings bei der Nennung des letzten Begriffes ein wenig unsicher und irritiert zu mir nach hinten. 

Diese Konzepte dienten dazu, sehr klar und präzise die Prozesse im menschlichen Miteinander zu beschreiben.

Der Referent nickt.

Ich hätte in seinem Vortrag allerdings ein wenig vermisst, dass er etwas mehr auf die tieferen Ursachen der menschlichen Aggression eingegangen wäre.

Der Referent guckt.

Sigmund Freud hätte doch den letzten Ursprung menschlicher Störungen darin gesehen, dass das Kind eigentlich ein „polymorph perverses“ Wesen sei [3].

Der Referent nickt.

Sein Schüler, Isidor Sadger, hätte in einem Artikel von 1910 diesen Gedanken aufgegriffen und sehr schön plastisch umschrieben. „Der Neurotiker“ – und aggressive Menschen ließen sich ja sicherlich als Neurotiker bezeichnen (der Referent nickt) – „der Neurotiker ist das Schwein geblieben, das er als Kind physiologisch gesehen gewesen ist.“ [4] Der Mensch ist also von Geburt ein Schwein, und der Neurotiker ist derjenige, der von diesen Schweinereien nicht loskommt. Der Referent hätte ja auch die physiologischen Grundlagen der Aggression kurz erwähnt.

Der Referent nickt.

Ein wesentlicher Kristallisationspunkt für diese Perversionen sei ja – nach Freud – der „ödipale Konflikt“. Freud gehe ja davon aus, dass der zwei- bis fünfjährige Knabe seinen Vater umbringen wolle, um ungestört mit seiner Mutter vögeln zu können. [5] (Mehrere Zuhörer drehen sich mit einem schwer zu deutenden Grinsen zu mir herum.) Hierin würde ja schon sehr klar das ungeheure Aggressionspotential des Kindes zum Ausdruck kommen.

Der Referent nickt.

Dies würde ja noch bis in die heutige Zeit so gesehen. Heinz Müller-Pozzi habe ja zum Beispiel noch 1995 über das Vorgehen des zwei bis fünfjährigen Kindes in dieser Situation, wo es sich gewaltsam in die eheliche Beziehung seiner Eltern hineindrängen möchte, gesagt: „Dabei sind dem Kind alle Mittel und Listen recht. Zärtliche Werbung, Verführung mittels seiner körperlichen Reize, Bestechung und Erpressung auf der einen, Mißachtung, Entwertung, Mord und Totschlag auf der anderen Seite.“ [6]

Der Referent nickt.

Ein weiterer wichtiger Autor der Psychoanalyse, Otto F. Kernberg, der bis vor kurzem der Vorsitzende der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung gewesen ist, sei in seiner Analyse ja noch einen Schritt weiter gegangen. Er habe herausgefunden, dass schon der Säugling oft genug durch seine „orale Wut“ und seinen „oralen Neid“ die Eltern-Kind-Beziehung zerstören wolle. [7]

Der Referent nickt.

Ich wüsste nicht, ob anderen dies schon einmal aufgefallen sei, aber wenn man zwei- bis fünfjährigen Kindern einmal so ganz genau ins Gesicht sehen würde, dann könnte man da ein ungeheures Ausmaß an perverser Aggression entdecken.

Der Referent nickt.

In den Gesichtern einiger umgewandter Zuhörer erkenne ich jetzt doch schon ein leichtes Kräuseln der Stirn.

Ich schließe mit der Frage: „Mich würde interessieren, was der Referent dazu sagt!“

 

Der Versammlungsleiter wirkt ein wenig genervt. Es sei anstrengend, wenn hier jetzt jeder, der sich zu Wort melde, noch einen weiteren Vortrag halten wolle. Er würde vorschlagen, dass der Referent noch kurz zu dem letzten Beitrag Stellung nehme, und man dann die Veranstaltung beende.

 

Und der Referent lächelt und spricht – zu mir gewandt – knapp und bündig:

Sie haben Recht!

 

Mit diesem knappen Satz werden wir also von dieser lehrreichen Abendveranstaltung verabschiedet. Es gibt keine direkte Reaktion mehr aus dem Publikum. Man packt leise zusammen und macht sich zum Heimgang bereit.

 

Ich muss gestehen, es war mein erster derartiger Auftritt. Und ich habe dabei eindrucksvoll gelernt, dass es offenbar ein Leichtes ist, einer größeren Ansammlung erwachsener Menschen irgendeinen Schwachsinn von der perversen Aggression im Gesichtsausdruck zwei- bis fünfjähriger Kinder vorzukauen, der dann auch geschluckt wird!

Ob so auch immer wieder unsere Politik funktioniert?

 

An diesem Punkt wäre die Veranstaltung eigentlich zu Ende gewesen, wenn ich hier nicht aufgesprungen wäre und – mitten in das Gemurmel des Aufbruchs und das Geknarre des Stühlerückens hinein – mit etwas erhobener Stimme und etwas erregt noch einmal das Wort ergriffen hätte: „Einen Moment noch. Sie haben offenbar überhaupt nicht begriffen, dass ich das, was ich da gerade zitiert habe, für ABSOLUTEN BLÖDSINN halte. Und Sie (an den Referenten gerichtet), Sie wollen doch ein gebildeter Mensch sein, Sie stimmen diesem Blödsinn auch noch ausdrücklich zu! Sie haben anscheinend immer noch nicht begriffen, dass Sigmund Freud der größte Neurotiker des 20. Jahrhunderts gewesen ist, dass er sich durch seinen jahrelangen Kokaingebrauch offenbar sein Gehirn völlig weggeschnupft hatte, und dass er uns einen grotesken Haufen blödsinniger Phrasen als Wissenschaft angedreht hat, die er sich in seinem größenwahnsinnigen Rausch zusammengefaselt hat!“

 

Der Referent enteilt dem Szenario – ohne irgendeine Stellungnahme. Vier Menschen kommen auf mich zu und beglückwünschen mich zu dem gelungenen Kabarett. 

 

Warum bin ich so garstig? Warum habe ich so etwas Gemeines gemacht? Warum bin ich so fies, dass ich einen armen Referenten erst arglistig weit hinaus locke aufs Eis und dann den Boden unter seinen Füßen einschlage? Warum trete ich nicht in einen „vernünftigen“, wissenschaftlichen Dialog mit ihm ein?

Ganz einfach: Weil alles andere keinen Sinn macht. Wenn jemand ein Glaubenssystem fest verinnerlicht hat, dann wird er seine Glaubenssätze unter Einsatz seines ganzen Lebens, mit Zähnen und Klauen, verteidigen. Egal, welche Einwände da die Vernunft erheben wird. Und da macht es keinen Unterschied, ob man mit den Taliban über die Gleichberechtigung der Frau diskutieren möchte, oder mit George Bush über den Irak-Krieg. Hier werden zentrale Glaubenssätze verteidigt. Es geht um eine tief verankerte emotionale Einstellung – und emotionale Einstellungen ändern sich nicht so rasch.

Bei dem Referenten ging es um den festen Glauben an die Segnungen der Freudschen Psychoanalyse. Dieser Irrglaube ist bis heute fester Bestandteil des öffentlichen Bewusstseins. Höchste Zeit, diesen Spuk kräftig zu erschüttern!

 

 

[1] Milgram hatte seine Versuchspersonen von einem „Versuchsleiter“ im weißen Kittel dazu auffordern lassen, bei einem angeblichen Lernexperiment einer fiktiven „Testperson“ im Nebenraum Stromstöße zu erteilen. Es wurde beobachtet, bis zu welcher Stromstärke sich die Versuchspersonen in diese Prozedur einbinden ließen. Sie bekamen die Schmerzensschreie der „Testperson“ über Lautsprecher eingespielt, wurden gleichzeitig vom „Versuchsleiter“ dazu gedrängt, mit der Bestrafung fortzufahren. Alle Versuchspersonen ließen sich bis zur Verabreichung von 300-Volt-Stromstößen bringen. Nur wenige verweigerten ab dieser Stärke ihre Mitwirkung.

[2] Dieses auch PsychologInnen zumeist nicht geläufige Wortungetüm existiert tatsächlich und beschreibt das Phänomen, das im Volksmund ungefähr mit „Gegensätze ziehen sich an!“ umschrieben wird. Der eine Beziehungspartner hat eine Eigenschaft, die der andere gerade nicht hat, und umgekehrt. Unter Fachleuten heißt das dann: „Reziproke Latenzrepräsentanz“.

[3] Es hätte meinen Rede-Beitrag zu dem Vortrag gesprengt, wenn ich dort näher die Quellen bezeichnet hätte, auf die ich mich hier berufe. Dies möchte ich hier in der Schriftform nachholen: Freud, Sigmund (1904-05/1972): Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie und verwandte Schriften. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M., S. 64 bzw. S. 102.

[4] Sadger, Isidor (1910): Ein Fall von multipler Perversion mit hysterischen Absencen. In: Jahrbuch für psychoanalytische und psychopathologische Forschungen, S.59 – 133, S. 115

[5] Z.B. in: Freud, Sigmund (1938/1941): Abriß der Psychoanalyse, Teil I, Kap. 7: Eine Probe psychoanalytischer Arbeit. In: Gesammelte Werke, Bd. 17, Imago Publishing, London, S. 119 f.

[6] Müller-Pozzi, Heinz (1995): Psychoanalytisches Denken: eine Einführung. Verlag Hans Huber, Bern, Göttingen, Toronto, Seattle, 2. korrig. Aufl., S. 148.

[7] Dieselbe Art von Unsinn verbreitet Kernberg in jeder seiner Publikationen, z.B.: Kernberg, Otto F. (1990, 5.A): Borderline-Störungen und Pathologischer Narzißmus. Suhrkamp Verlag, Frankfurt a.M.; ders. (1991, 3.A): Schwere Persönlichkeitsstörungen. Theorie, Diagnose, Behandlungsstrategien. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart; ders. (1993): Psychodynamische Therapie bei Borderline-Patienten. Unter Mitarbeit von Michael A. Selzer, Harold W. Königsberg, Arthur C. Carr und Ann H. Appelbaum. Verlag Hans Huber, Bern u.a.; ders. (1999): Persönlichkeitsentwicklung und Trauma. In: Persönlichkeitsstörungen – Theorie und Therapie (PTT), Jg. 3, Heft 1, S.5-15. Eine Auseinandersetzung mit Kernberg habe ich begonnen in (1996): Die Wahrheit über Narziss, Iokaste, Ödipus und Norbert Hanold. Versuch einer konstruktiven Streitschrift. Verlag Der Stammbaum und die Sieben Zweige, Saarbrücken; und (1997): Zur Rehabilitation der Könige Laios und Ödipus oder: Die Lüge der Iokaste. Saarbrücken. Diese Auseinandersetzung werde ich in einer überarbeiteten Fassung des zweiten Werkes mit neuem Titel: Über die Blindheit für mütterliche Intrigen. oder: Ödipus – komplex betrachtet. (2004) vertiefen; dieses Werk steht kurz vor dem Abschluss. Weitere Publikation: Die Mythen von Ödipus und Narziss als Geschichten von Traumatisierungen. In: U. Bahrke, W. Rosendahl (Hg.) Psychotraumatologie und Katathym-imaginative Psychotherapie, Lengerich

 

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