Klaus Schlagmann

Alter Mist, frisch gequirlt –

eine Rezension zu:

Ödipus und der Ödipuskomplex. Eine Revision.

(von Siegfried Zepf, Florian Daniel Zepf, Burkhard Ullrich & Dietmar Seel)

 

Das Drama „König Ödipus“, das der attische Dichter Sophokles vor ca. 2500 Jahren verfasst hat, gilt bis heute als eines der packendsten Theaterstücke der Welt. Sein Entstehungszusammenhang und der symbolisch-mythologische Hintergrund sowie sein Zusammenhang mit Sigmund Freuds Konzept vom „Ödipuskomplex“ beschäftigen mich seit 1996. (Eine Liste meiner Publikationen zum Thema findet sich im Anhang.) Nun fand ich höchst interessant, dass sich in meinem kleinen Bundesland, dem Saarland, ein Autorenkollektiv dem Thema gewidmet hat mit dem Ziel, eine „Revision“ der Freudschen Ansicht vorzunehmen.

Das kleine Bändchen gliedert sich in 12 Kapitel, umfasst 109 Seiten Text und 12 Seiten Literaturangaben, ist im Juli 2014 im Psychosozial-Verlag, Gießen, erschienen und kostet 16,90 €.

Kapitel 1 - „Zwei Fragen“

Das Drama „König Ödipus“ von Sophokles ist der älteste erhaltene Text, der in geschlossener Form die Geschichte von Ödipus erzählt. Nun würde ich jedem, der das Stück noch nicht gelesen hat, dringend ans Herz legen, dies einmal zu tun. Denn es entfaltet eine komplexe, psychologisch stimmige, höchst dramatische Dynamik, die in gewöhnlichen Zusammenfassungen rasch verloren geht. Die vier Autoren, die ja in dem Stück einen zentralen Referenzpunkt für den „Ödipuskomplex“ sehen, benötigen für ihre Kurzfassung ca. anderthalb Buchseiten. Bereits dieser Einstieg offenbart ihr mangelhaftes Textverständnis.

Zepf u.a. (7): Ödipus … besucht das von der Pest bedrohte Theben.

Original: Zu Beginn des Stückes, als in Theben gerade die Pest ausgebrochen ist, amtiert Ödipus dort bereits seit Jahren als (demokratisch gesinnter) König.

 

Zepf u.a. (7): Ödipus habe, um Abhilfe für diese Pest zu finden, das Orakel in Delphi befragen lassen. Die Botschaft des Orakels laute, man müsse „den Mörder des vormaligen Königs Laios finden und aus dem Land weisen“.

Original: Das Orakel, bei dem Ödipus um Rat gebeten hat, verlangt, dass der Verantwortliche für den Tod des Laios bestraft werden soll mit „Ächtung oder Sühne, die Tod mit Tod vergilt“ (V. 100 f).

 

Zepf u.a. (7): Der nun von Ödipus gerufene blinde Seher Teiresias „drückt sich vor einer Antwort“, aber dann – nachdem er von Ödipus beschuldigt wird, zusammen mit Kreon, dem Schwager des Laios (und des Ödipus), ein Komplott gegen Laios geschmiedet zu haben – verkünde er, dass „Ödipus mit [Laios'] Frau, seiner Mutter, zusammenlebe und mit ihr Kinder gezeugt hätte.

Original: Dass sich Teiresias „vor einer Antwort drückt“, ist eine schnodderige Bagatellisierung des Sachverhalts: Ödipus hat kurz zuvor alle Umstehenden dringend aufgefordert, zur Aufklärung des Todes von Laios beizutragen. Bei sofortiger Offenbarung solle der Schuldige lediglich verbannt werden. Wenn aber jemand, der etwas weiß, weiter schweigt, dann solle er – weil dadurch ja das Elend der Pest für das ganze Gemeinwesen verlängert und verschlimmert würde – verflucht und aus der Gemeinschaft radikal ausgestoßen sein. In dieser Situation betritt nun der blinde Seher Teiresias (eine großartige Paradoxie!) die Szene, deutet an, dass er etwas Wichtiges wisse, beharrt aber darauf, es nicht zu sagen (1). Ödipus versucht zunächst geduldig, ihn zum Reden zu bringen. Weil der „blinde Seher“ fortgesetzt schweigt und damit das ausdrückliche Gebot von Ödipus offen missachtet, entwickelt der König den Verdacht, Teiresias selbst sei damals in ein Komplott gegen Laios verstrickt gewesen. Als Ödipus diese Mutmaßung ausspricht, erhält er von Teiresias zur Antwort: „Ahnungslos, sag ich, verkehrst mit deinen Nächsten du in Schimpf und Schande und siehst nicht, wie tief du steckst im Übel.“ Nichts von: „Du hast deine Mutter, die Frau des Laios, geheiratet und mit ihr vier Kinder gezeugt!“ – wie uns die Autoren glauben machen wollen. Für Ödipus selbst ist die Botschaft des Teiresias jedenfalls in diesem Moment noch ganz unverständlich: „Wie alles du zu rätselhaft und dunkel sagst!

 

Zepf u.a. (8): Ödipus berichte später aus seiner Lebensgeschichte, er hätte einmal „an der Scheide dreier Wagenwege einen Mann und einen Begleiter erschlagen. Der andere sei geflohen.“ (Dies bezeichnet die Situation, in der Laios zu Tode gekommen ist.)

Original: Ödipus hat im Stück an dieser Stelle gerade von seiner Gattin Iokaste erfahren, dass Laios zur Zeit, als er an dem besagten Ort zu Tode kam, in einem Tross von insgesamt fünf Mann und einem Wagen unterwegs war. Ödipus berichtet von einer Begegnung mit einer solchen Truppe an dieser Stelle in dieser Zeit, mit der sich ein Handgemenge ergeben hatte: Der vorausgehende Herold wollte ihn mit Gewalt aus dem Weg treiben, und der Mann auf dem Wagen hatte dem Ödipus, als dieser gerade dabei war, an der ganzen Gruppe vorbeizugehen, vom Wagen aus mit dem „Doppelstachel“ auf den Kopf geschlagen. Endergebnis dieser Notwehrsituation: „und ich erschlag sie alle.“ Ödipus glaubt also, dass er diese fünf Männer erschlagen hat, und er hat keine Ahnung, dass einer der Begleiter entkommen war.

 

Zepf u.a. (8): Iokaste berichtet, dass der Diener der geflohen war, später sofort entlassen werden wollte, als er erfuhr, dass Ödipus König werden würde. Zur Klärung der Lage will Ödipus mit eben diesem Diener sprechen.

Original: Von diesem Diener ist schon zu Beginn des Stückes die Rede: Bei den von Ödipus rasch aufgenommenen Recherchen zum Tod des Laios erfährt er, dass jener Diener bezeugt habe, dass Laios durch eine Räuberbande erschlagen worden sei. Diese erste Erkenntnis über die Umstände beim Tod des Laios lässt Ödipus zunächst völlig sicher sein, dass er selbst niemals mit dem Tod von Laios irgendetwas zu tun haben könnte, denn er war niemals Mitglied einer Räuberbande. Nachdem er aber von Iokaste hört, wo und in welcher Zeit Laios zu Tode gekommen war, und er selbst berichten muss, dass er an dieser Stelle in ungefähr dieser Zeit einmal in Notwehr mehrere Männer erschlagen hatte, befürchtet er, dass es sich bei den von ihm Erschlagenen genau um diesen Laios und sein Gefolge gehandelt haben könnte. Nun möchte er dringend diesen Zeugen sprechen, um diese Hypothese zu prüfen. Würde dieser Zeuge nun seine Aussage widerrufen und nicht mehr von einer Räuberbande, sondern nur noch von einem einzigen Mann sprechen, der den Tross erschlagen hatte, dann würde Ödipus sofort davon ausgehen, dass er selbst für den Tod des Laios verantwortlich ist! (Iokaste versucht übrigens, ihm dies mit fadenscheinigen Gründen auszureden.) Der Zeuge müsste ihn noch nicht einmal persönlich identifizieren können! Dies ist ein markanter Beleg für die selbstlose Aufrichtigkeit des Ödipus! Und es bildet einen der dramatischen Höhepunkte des Stückes, dem ein lapidares „zur Klärung der Lage will Ödipus eben diesen Diener sprechen“ überhaupt nicht gerecht wird.

 

Zepf u.a. (8 f): Kurz darauf stellt sich heraus, dass dieser Zeuge auch derjenige ist, der Ödipus als Säugling in der Wildnis aussetzen sollte. „Unter Androhung der Folter bestätigt er [der Zeuge; K.S.] Ödipus' Befürchtungen. Er erzählt, er hätte damals Ödipus beseitigen sollen, dies aber nicht übers Herz gebracht und ihn daher an den Boten aus Korinth weitergegeben. Die Schuld des Ödipus ist damit offenbar. [??? K.S.] Nachdem sich Iokaste in den Palast zurückgezogen hat, kommt ein Diener aus dem Gebäude und berichtet, dass sich Iokaste erhängt habe, als sie erfuhr, dass Ödipus ihr Sohn ist. Ödipus sticht sich die Augen aus. Er steht öffentlich zu seiner Schuld ...

Original: Der überlebende Zeuge des Überfalls auf Laios, von dem sich inzwischen herausgestellt hat, dass er zum Kronzeugen geworden ist für die Umstände bei der Aussetzung des Ödipus, bezeugt ausdrücklich, dass es Mutter Iokaste war, die ihm den Auftrag gegeben hatte, Ödipus, ihren Sohn, in der Wildnis zum Sterben auszusetzen. (Iokaste selbst hatte zuvor, in der Mitte des Stückes, ihrem Gatten Laios die Verantwortung für die Aussetzung des gemeinsamen Sohnes als Säugling mit zusammengebundenen Fersen zugeschoben. Durch die glaubwürdige Aussage des Zeugen wird jetzt deutlich, dass Iokaste an dieser Stelle gelogen hatte.) Dies ist die zentrale Botschaft am Gipfelpunkt der Ereignisse. In diesem Moment wird die Schuld Iokastes offenbar: Durch das Weggeben ihres Säuglings hatte sie eine Entfremdung des Kindes von seinen Eltern bewirkt. Nur aufgrund dieser Entfremdung konnte es später dazu kommen, dass Ödipus einen Mann, den er nicht als seinen Vater zu erkennen vermochte, in Notwehr getötet hatte (und – nebenbei – auch: eine Frau, die er nicht als seine Mutter zu erkennen vermochte, in Ahnungslosigkeit geheiratet hatte). Es ist klar, dass es niemals zur Tötung des Vaters (und – nebenbei – auch: zur Heirat der Mutter) gekommen wäre, wenn Ödipus den Vater (und die Mutter) erkannt hätte. Mit dieser Erkenntnis rennt Ödipus in den Palast, verlangt nach seinem Schwert und will wissen, wo er Iokaste findet. Man kann sich an den Fingern einer Hand abzählen, was er vorhat: Er will Iokaste umbringen. Er zeigt also einen Impuls, ganz bewusst seine eigene Mutter zu töten. Ein Muttermord ist in der griechischen Mythologie nur denkbar, wenn – wie im Fall von Orest und Alkmaion – die Söhne damit den Tod ihrer jeweiligen Väter rächen, die durch die jeweiligen Mütter zu Tode gekommen waren. Der Gott Apollo hatte dabei die Söhne jeweils moralisch entlastet. Die Söhne wären zuvor beinahe auch selbst durch ihre Mütter zu Tode gekommen. Dieselbe Handlungslogik findet sich im „König Ödipus“: Das Orakel von Delphi – quasi das Sprachrohr des Gottes Apollo – fordert, den Tod von König Laios, dem Vorgänger und Vater von Ödipus, aufzuklären. Im äußersten Fall soll einen Sühne verhängt werden, „die Tod mit Tod vergilt“. Ödipus erkennt am Ende, dass Iokaste ihn dem Vater entfremdet hatte, dass es nur so zu der tödlichen Notwehr-Situation hatte kommen können. Sie hätte auch beinahe den Tod von Ödipus selbst verschuldet. Ödipus will nun an Iokaste, die offenbar längst um die Zusammenhänge wusste, jedoch weiter beharrlich geschwiegen hatte, sogar das Erkennen der Wahrheit aktiv verhindern wollte, die geforderte Sühne vollziehen. Da sie sich jedoch bereits selbst kurz zuvor das Leben genommen hat, ihm also kein angemessenes Ventil für seine massive Wut mehr zur Verfügung steht, verletzt er sich selbst, sticht er sich die Augen aus, und er bricht für einen kurzen Moment in – unberechtigte! – Schuldgefühle aus.

Ödipus verehrt also seinen Vater. Er will – in Erfüllung des Gebotes aus Delphi – seine Mutter umbringen, als er erkennt, dass sie für den Tod des Laios maßgeblich verantwortlich ist (2)! Diese Botschaft, die damit fest verbundene Dynamik des grandiosen Bühnenstückes von Sophokles, wird durch die oberflächliche, entstellende Inhaltsangabe der vier Autoren völlig verschleiert.

Nach ihrer kläglichen Zusammenfassung deuten die Autoren nun an, dass sie weitere Facetten des (z.T. älteren) Ödipus-Mythos für ihre Analyse heranziehen werden, bei der sie zwei Fragen verfolgen wollen: Wieweit hat Freud versäumt, bei seiner Erfindung des sog. „Ödipuskomplexes“ Drama und Mythos „auf ihre latenten Inhalte zu befragen“? Hier sind die Autoren jedenfalls sicher, dass Freud einiges unbeachtet gelassen bzw. sogar womöglich aktiv ausgeblendet hat. Die zweite Frage, die sich die Autoren stellen: „ob Freuds Vernachlässigung bestimmter Aspekte des Ödipusdramas und die Zurückweisung der Verführungstheorie dieselben Gründe haben.

Um die Antwort auf diese beiden Fragen vorwegzunehmen: Bei der Erforschung der „latenten Inhalte“ werden die Autoren dazu kommen, dass sie – zumindest formal – bei beiden Eltern nach prägenden Einflüssen auf die Entwicklung ihres Kindes suchen. Dass Freud dies nicht getan habe, rechnen die Autoren ihm als „Vernachlässigung bestimmter Aspekte des Dramas“ an. Die Eltern selbst hätten einen „Ödipuskomplex“, den sie an ihren Kindern ausleben würden, wodurch sie den „Ödipuskomplex“ ihrer Kinder verursachen würden. Diesen Aspekt, die (angebliche) Schuld der Eltern, habe Freud – vor allem in Bezug auf seine eigenen Eltern – „vernachlässigt“, also ausblenden wollen.

Das ist wohl zutreffend, vor allem in Bezug auf Freuds Mutter Amalia. Obwohl das Drama von Sophokles sehr deutlich eine Mutter – Iokaste – als Verursacherin des ganzen Unheils offenbart, ist Freud in seiner BEWUSSTEN Analyse des Stückes – wie auch in Bezug auf seine eigene Lebensgeschichte – für diesen Aspekt völlig blind. (Die vier Autoren sind übrigens ihrerseits für diesen Aspekt der Geschichte ähnlich blind. Sie werden durchgehend dem Vater Laios die maßgebliche Schuld für die Aussetzung des Ödipus zuweisen.) Der Ursprung von Freuds Neurose liegt genau hier: In einer egozentrischen, problematischen Mutterfigur, in seiner Mutter Amalia, die den Sohn stark für sich vereinnahmt hatte (vgl. Schlagmann, 2005, 500 ff). „Unbewusst“ hatte Freud offenbar diesen Punkt – die Problematik mütterlicher Vereinnahmung – exakt erfasst, woraus seine Faszination vom Drama um „König Ödipus“ begründet gewesen sein mag. Auch in einem Traum von 1897 (a.a.O., 513 ff; vgl. auch http://www.oedipus-online.de/FreudTraum.html) bzw. in einer (angeblichen) Fehlleistung von 1898 (a.a.O., 519 ff vgl. auch http://www.oedipus-online.de/FreudFehl.html) umkreist er deutlich diese Thematik.

Was Freuds (bewusste) Gründe für die Verwerfung der sog. „Verführungstheorie“ anbelangt, so wird es – oberflächlich betrachtet – tatsächlich darum gehen, einen Schuldvorwurf gegen die Eltern zurückzunehmen. Um genauer zu sein: einen unbegründeten Schuldvorwurf, den Freud ausschließlich und pauschal gegenüber Vätern von psychosomatischen Kranken (= von sog. „Hysterikern“) erhoben hatte. (Aus dieser allgemeinen Anklage – und nicht etwa aus eigenen Erinnerungsspuren – leitete er dann auch einen Vorwurf gegen seinen eigenen Vater ab.) Im Fall der Ödipus-Geschichte (von Sophokles) geht es allerdings nur bei oberflächlicher Betrachtung um die Schuld eines Vaters (Laios). Eine genauere Betrachtung zeigt deutlich, dass am Ende einer konkreten Muttergestalt die Schuld nachgewiesen wird.

Das (fälschliche) Übersehen der Schuld einer konkreten Mutter-Figur (Iokaste) (= „Vernachlässigung bestimmter Aspekte des Ödipusdramas“) und das (berechtigte) Zurücknehmen einer Pauschalbeschuldigung von Vätern (= „Zurückweisung der Verführungstheorie“) sind zwei gänzlich unterschiedliche Stiefelpaare. Die Gründe für die Verwerfung der „Verführungstheorie“ sind dabei durchaus komplex. Es verschleiert also die eigentlichen Zusammenhänge, wenn die Autoren anklingen lassen, dass „Freuds Vernachlässigung bestimmter Aspekte des Ödipusdramas und die Zurückweisung der Verführungstheorie dieselben Gründe haben“. Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun. Das eine kann deshalb nicht aus „denselben Gründen“ motiviert sein, wie das andere.

An dieser Stelle möchte ich etwas ausführlicher auf die sogenannte „Verführungstheorie“ eingehen: Der Begriff bezeichnet die von Freud von ca. 1895 bis September 1897 verfolgte Theorie, wonach allein die frühe, von Außen an Kinder herangetragene sexuelle Erfahrung im 2. bis 8. Lebensjahr zur Entstehung von sog. „hysterischen“ = psychosomatischen Symptomen (z.B. Kopfschmerzen, Magenschmerzen, Herzrasen) führt (Freud, 21.04.1896, in Masson, 1995, 56): „Ich stelle also die Behauptung auf, zugrunde jedes Falles [Hervorhebungen jeweils von mir; K.S.] von Hysterie befinden sich … ein oder mehrere Erlebnisse von vorzeitiger sexueller Erfahrung, die der frühesten Jugend angehören.“ Als Täterkreis benennt Freud (a.a.O., 61): fremde Erwachsene, Gouvernanten, Lehrer, aber auch nahe Verwandte. Die ihm geschilderten Erlebnisse ragten dabei „weiter zurück[...], ins dritte, vierte, selbst ins zweite Lebensjahr“ (a.a.O., 65).

Aber, aufgepasst! Ende 1896 bis September 1897 spitzt Freud seine Theorie sogar so weit zu, dass er allein die Vergewaltigung durch den Vater als diese frühe Konfrontation mit Sexualität annimmt (vgl. FN 8)! Dabei ist bereits Freuds Fixierung auf frühkindliche sexuelle Erfahrung als Auslöser für psychosomatische Symptome aus meiner Sicht wegen ihrer groben Einseitigkeit eigentlich unbrauchbar. Damit ich nicht missverstanden werde: Natürlich führt die Erfahrung von sexualisierter Gewalt in der Kindheit mit hoher Wahrscheinlichkeit zu schweren psychischen und psychosomatischen Symptomen im späteren Leben. Jedoch gibt es viele weitere Faktoren, die zur Entwicklung solcher Störungen führen können. Allerdings: In ihrer zugespitzten Form, als Väter-Vergewaltigungs-Hypothese, ist Freuds Überlegung erst recht vollkommen verzerrt und nimmt quasi wahnhafte Züge an! Kein Wunder, dass sogar er selbst bald daran zweifelt und sie ab September 1897 verwirft.

Aber dann kommt es zu einem theoretischen Umbruch. Als Ausweg aus dieser Sackgasse der pauschalen Väter-Beschuldigung, in die er sich verrannt hatte, fällt Freud jetzt die folgende (Schein-)Lösung ein: Er beschuldigt nun die Kinder selbst! Sie seien diejenigen, die sexuelle Kontakte zu ihren Eltern haben wollten! Dabei bezieht sich Freud nun ausdrücklich auf den „König Ödipus“ von Sophokles. Das Stück nimmt er als mythologischen Beleg für seine These. Er schlägt dabei eine Brücke zu seinem alten Ansatz, obwohl beide Ansätze im Grunde völlig gegensätzlich ausfallen – als ergebe sich der Neue wie selbstverständlich aus dem Alten. Er argumentiert quasi: „Ja, hysterische (= psychosomatische) Symptome entstehen nur dann, wenn den Betroffenen sexuelle Szenen mit einem Elternteil aus dem Alter von 1-7 Jahren durch den Kopf schwirren, diese Szenen jedoch verdrängt sind. Nein, in zwei Kleinigkeiten habe ich mich zuvor geirrt: Diese Szenen haben sich nicht nur auf den Vater, sondern auch auf die Mutter bezogen, und sie haben nicht in der Realität stattgefunden, sondern nur in der perversen Wunsch-Phantasie des Kindes.“

Exkurs zu „Dora“

Es ist wirklich von zentraler Bedeutung, diese Umwälzung in Freuds Denken zu durchdringen. Nur so erschließt sich, was in ganzer Konsequenz diesen neuen Ansatz mitsamt seinem zentralen Konzept, dem „Ödipuskomplex“, ausmacht. Eine von Freuds frühesten Fallstudien – das „Bruchstück einer Hysterieanalyse“, weitgehend erstellt im Jahr 1900, publiziert im Jahr 1905, ist seine erste ausführliche Fallstudie, anhand derer er demonstriert, wie er sein neu entwickeltes Konzept in die Praxis umsetzt. Freud schildert dabei die „Behandlung“ einer jungen Frau, Ida Bauer (01.11.1882 – 21.12.1945), die zu deren Beginn, im Oktober 1900, siebzehn Jahre alt ist. An Silvester desselben Jahres eröffnet sie Freud, sie würde ab dem nächsten Tag seine Dienste nicht weiter in Anspruch nehmen. Freud wählt für sie als Pseudonym „Dora“, angeblich, weil dieser Name ihn an ein Dienstmädchen seiner Schwester erinnert.

Einerseits umreißt Freud präzise und ausführlich den biografischen Hintergrund der Klientin: Sie hat als 13- bis 15-Jährige von Seiten eines Herrn Zelenka, eines verheirateten Freundes ihres Vaters, mehrfach Zudringlichkeiten erlebt, was ihr von den Eltern nicht geglaubt wurde. Jedenfalls hatten sie so getan, als würden sie ihrer Tochter nicht glauben. Zumindest der Vater dürfte sich aber über die Zusammenhänge im Klaren gewesen sein. Er hatte seinerseits ein Verhältnis zu der Ehefrau dieses Freundes. Die Vermutung liegt auch für Freud nahe, dass Idas Vater die eigene Tochter als Ausgleich für dessen Ehebruch Herrn Z. quasi zugeschoben hat – eine deutliche Traumatisierung der jugendlichen Ida durch Verstrickung in dieses schäbige Szenario.

Herr Z. presst Ida z.B. als 13-jähriges Mädchen in seinem ansonsten menschenleeren Büro an sich und küsst sie auf den Mund. Obendrein, so Freud (1905/1993, 30 f), spüre Ida „in der stürmischen Umarmung ... das Andrängen des erigierten Gliedes gegen ihren Leib“. Sie reißt sich los und rennt weg. Dies beweise, dass das Mädchen bereits „ganz und voll hysterisch“ sei: „Anstatt der Genitalsensation, die bei einem gesunden Mädchen unter solchen Umständen gewiß nicht gefehlt hätte, stellt sich bei ihr ... der Ekel [ein]“. Freud: „Ich kenne zufällig Herrn Z.; .... ein noch jugendlicher Mann von einnehmendem Äußern“. Dass sie dabei, wie Freud unterstellt, ein Gefühl von Ekel bekommt (warum nicht Unbehagen, Angst, Verunsicherung, Verärgerung, ...?), und dass sie vor diesem Herrn „von einnehmendem Äußern“ Reißaus nimmt, klassifiziert sie also in Freuds Augen als krankhaft, als „ganz und voll hysterisch“. Bei einem „gesunden“ Mädchen hätte sich nämlich eine „Genitalsensation“, sexuelle Erregung, einstellen müssen.

Hannah Decker (1991, 69 & 118) korrigiert übrigens die Altersangaben für die genannte Szene, die Freud fälschlich – und vermutlich mit Bedacht – um ein Jahr (auf 14 Jahre) erhöht hatte: Erotische Annäherungen an Mädchen unter 14 Jahren waren bereits im alten Österreich strafbar. Beim Publikum wäre womöglich nicht besonders gut angekommen, dass Freud ein Verhalten als „ganz und voll hysterisch“ klassifiziert, das letztlich in nichts anderem besteht, als dass die 13-jährige Ida Bauer sich vor einer an ihr begangenen Straftat in Sicherheit bringt.

Dass die 15-jährige Ida ihrer Mutter berichtet, Herr Z. habe ihr – die eigene Ehefrau abwertend – einen „Liebesantrag“ gemacht (3), sei Ausdruck krankhafter Rachsucht„ein normales Mädchen wird, so sollte ich meinen, allein mit solchen Angelegenheiten fertig“ (Freud, 1905/1993, 94).

Dies sind zwei der markantesten Deutungen und Interventionen Freuds, die das jugendliche Opfer von Nachstellung und sexualisierten Übergriffen zur kranken Täterin stempeln. (Noch im Jahr 1923, in einer erneuten Ausgabe des Textes, gibt Freud übrigens seine Gedankengänge in einer Fußnote ausdrücklich als korrekte psychoanalytische Denkweise aus.)

Es ist immerhin Freuds Verdienst, die Schilderungen der Klientin ernst genommen zu haben, wenngleich seine Deutungen die Wirklichkeit völlig verdrehen. Seine Sicht des Falles lässt sich zusammengefasst so umreißen: Die Klientin leide, aufgrund ihrer ererbten sexuellen Konstitution (a.a.O., 51), an verstärkt ausgebildeten „Perversionskeimen“ (a.a.O., 60), nämlich an der Neigung zu Inzest, Selbstbefriedigung und Homosexualität. Die mangelnde Kontrolle über diese Impulse führten – durch physiologische Vergiftung durch irgendwelche „Sexualstoffe“ – zu den körperlichen Symptomen (111).

Es sind offenbar vor allem Freuds eigene Phantasien, die er mit großem Nachdruck in alle möglichen Lebensäußerungen der Klientin hineindeutet:

    So beobachtet er beispielsweise, dass Ida – auf seiner Couch liegend – mehrfach in ein Portemonnaietäschchen mit dem Finger hineinfährt. Prompt deutet er dies als pantomimische Darstellung ihrer Selbstbefriedigung, da diese Geldbörse „nichts anderes als eine Darstellung des Genitales“ sei (a.a.O., 76).

   Ebenso wird ein Allerweltssymptom wie Magenschmerz für Freud zum klaren Beleg ihrer Masturbationsneigung (a.a.O., 78): „Es ist bekannt, wie häufig Magenkrämpfe gerade bei Masturbanten auftreten. Nach einer persönlichen Mitteilung von W. Fließ sind es gerade solche Gastralgien [Magenschmerzen; K.S.], die durch eine Kokainisierung der von ihm gefundenen 'Magenstelle' in der Nase unterbrochen und durch deren Ätzung geheilt werden können.“ Bemerkenswert, dass Freud sich hier – im Jahr 1900/1905 – unbeschwert auf seinen (Ex-)Freund Fließ bezieht, dessen stümperhaften Nasen-Zauber Freud wenige Jahre zuvor, 1895, am Beispiel von Emma Eckstein sehr unmittelbar und drastisch miterlebt hatte (s.u.).

   Dass sich die junge Frau über das Fremdgehen ihres verheirateten Vaters mit der Frau seines Freundes aufregt, mit dem jener sie wiederum zum Ausgleich quasi zu verkuppeln versucht, wertet Freud als Eifersucht gegen diese Frau, somit als Liebeswunsch gegen den Vater – also als Inzestwunsch (a.a.O., 56).

   In Idas Ärger auf Frau Z. sieht Freud aber auch wieder – Verkehrung ins Gegenteil – den Beleg für Idas lesbische Liebe zu dieser Frau (a.a.O., 60, 63). Dies hält er dann auch noch für die stärkste ihrer „perversen“ Neigungen, macht es also zu ihrem Hauptproblem (117).

Davon, dass die junge Frau allen diesen Deutungen widerspricht, lässt sich Freud nicht beirren. Er sieht in einem „Nein“ den „Beweis“ für „das gewünschte Ja“ (a.a.O., 59). Ihre Nicht-Zustimmung wertet er als ihre „gewöhnliche Redensart, etwas Verdrängtes anzuerkennen“ (a.a.O., Fußnote, 69), ihren Widerspruch als „häufige Art, eine aus dem Verdrängten auftauchende Kenntnis von sich wegzuschieben“ (a.a.O., 69).

Die 18-jährige Ida Bauer hat sich dies nur elf Wochen lang angehört, dann hat sie Freud von heute auf morgen aus ihren Diensten entlassen (4). Das hat den Gründer der Psychoanalyse zutiefst gekränkt, zumal es für ihn (wieder einmal) eine finanzielle Einbuße bedeutete. Mit Unterstellungen ihr gegenüber, sie zeige Dienstmädchenmentalität (a.a.O., 105) und Rachebedürfnisse gegen seine Person (a.a.O., 107), diffamiert er in seiner Publikation die selbstbewusste Klientin.

In den engeren zeitlichen Zusammenhang mit dieser skurilen „Behandlung“ fällt Freuds Ernennung zum außerordentlichen Professor. Sie erfolgte zum 1. April 1902 – nach einer Bestechung des Kultusministers durch eine (einfluss-)reiche Patientin Freuds, wie er selbst in einem Brief an Fließ vom 11.03.1902 erläutert (Masson, 1986, 501 ff). Ida Bauer hat diese Ehrung zum Anlass genommen, den „Spezialisten“ für seelische Abgründe – ca. eineinhalb Jahre nach ihrem abrupten Behandlungsabbruch – noch einmal an der Nase herumzuführen: Am 1. April 1902 konsultierte sie ihn lächelnd – angeblich wegen erneut aufgetretener Gesichtsschmerzen. In unvergleichlich humorvoller Art und Weise lässt sie ihn selbst – aufgrund seiner für sie leicht vorauszuberechnenden Technik – den Ursprung ihres Schmerzes „entdecken“: Den Moment, in dem sie in der Zeitung von Freuds Professur gelesen hatte – für sie mithin, augenzwinkernd, ein „Schlag ins Gesicht“.

Psychoanalytiker übernehmen bis heute Freuds Diffamierungen von Ida Bauer und reichern sie weiter an. Z.B. berichtet Felix Deutsch (1957, 167), der die Patientin 1923 wiedergetroffen hatte: „Ihr Tod an Darmkrebs, der zu spät diagnostiziert worden war, um noch erfolgreich operiert werden zu können, schien ein Segen für jene gewesen zu sein, die ihr nahe standen. Sie war, wie mein Informant es ausdrückte, ‚eine der abstoßendsten Hysterikerinnen’ gewesen, die er je getroffen habe.“ Der Artikel von Deutsch enthält viele Fehler. Patrick Mahony (1996, 16) hat Deutsch auch eine glatte Lüge nachgewiesen: „Während er [Deutsch; K.S.] in dem Artikel sagt, daß Dora stolz gewesen sei, die Hauptperson in Freuds Falldarstellung gewesen zu sein, schrieb er seiner entfremdeten Frau Helene im April 1923, daß Dora ‚nichts Gutes über die Analyse zu sagen hatte’.“

Mahony selbst bemüht sich übrigens darum, hinter der Maske einer scheinbar kritischen Analyse von Freuds Arbeit dessen Anklage gegen Ida Bauers angebliche „Perversionen“ noch auszuweiten, indem er ihr zusätzlich Masochismus, Paranoia und Exhibitionismus andichtet. Trotz seiner (Schein-)Kritik an der Fehlerhaftigkeit und Verlogenheit von Deutschs Artikel, greift er immer wieder auf die Unterstellungen von Deutsch zurück und gibt sie als Fakten aus.

Freuds Deutungen zu Ida Bauers angeblicher Homosexualität, Inzestneigung, Rachsucht und ähnlichem wird auch gläubig übernommen von Stavros Mentzos in seinem Nachwort zu Freuds Text in der Ausgabe des Fischer-Verlages (1905/1993, 124-134). Freuds Darstellung wird zum „literarischen Kunstwerk“ (Marcus, 1974, 33) stilisiert, „schon literarisch als ein Meisterwerk“ gewürdigt (Mentzos, 1993, 123), seine Analyse wird zur „intellektuellen Leistung ersten Ranges“ (Marcus, 1974, 33) erklärt. Der Wert der Studie als „Unterrichtsmaterial in der Ausbildung von Psychotherapeuten“ (Jennings, 1990, 400) wird betont.

Meine Sicht auf diese Fallstudie Freuds ist eine ganz andere. Es kommt hier eine groteske Verkehrung ins Gegenteil (5) zum Ausdruck: Das Opfer von sexualisierten Übergriffen wird zur triebgesteuerten Täterin erklärt. Kein Wunder, dass die junge Frau diese „Behandlung“ als lächerlich und wertlos erlebte, sie schließlich abrupt beendete, dabei dem Behandler Freud auf gewitzte Art und Weise noch Denkanstöße zu vermitteln versuchte.

[Eine ähnliche Schmähung wie Ida Bauer erlebte auch ihr Bruder, Otto Bauer. Er war einer der führenden Sozialisten in der ersten Österreichischen Republik, wenn nicht ihr bedeutendster Vertreter dieser Zeit, der u.a. auf redlichste Art und Weise dem aufkommenden Faschismus Widerstand entgegengesetzt hatte. Das hat ihn jedoch nicht vor übelsten Diffamierungen durch Vertreter der Psychoanalyse geschützt, z.B. durch Arnold Rogow (1978) und Peter Loewenberg (1983).]

Wenn man nun diese frühe Fallgeschichte Freuds über Otto Bauers Schwester an der Nahtstelle zwischen (angeblicher) „Verführungstheorie“ und „Ödipus-Hypothese“ genauer betrachtet, so bemerkt man schon in Freuds Vorwort zu diesem Text sein Bemühen, den totalen Umbruch zu seiner früheren Denkungsart zu kitten und zu vertuschen. Er will suggerieren, dass eine Kontinuität in seinem Denken bestanden habe. Bereits im ersten Satz (Freud, 1905/1993, 9) muss man jedoch – zumindest, wenn man die Zusammenhänge und den folgenden Text kennt – stutzig werden: Freud behauptet, er wolle nun seine „in den Jahren 1895 und 1896 aufgestellten Behauptungen über die Pathogenese hysterischer Symptome und die psychischen Vorgänge bei der Hysterie durch ausführliche Mitteilung einer Krankengeschichte erhärten“. Dieser eine Satz enthält bereits zwei Unstimmigkeiten:

1.)   Zumindest die Publikation von 1895, auf die er sich bezieht, die „Studien über Hysterie“ (Breuer & Freud, 1895/1991), hatten aus ausführlichen Falldarstellungen bestanden (42-202). Herzstück dieser Publikation ist die Schilderung des klugen und differenzierten Wiener Arztes Josef Breuer, wie er die Symptome einer jungen Frau, Bertha Pappenheim (Pseudonym „Anna O.“), verstanden und behandelt hatte. Maßgeblich in den Jahren 1880-1881 hatte Breuer – zusammen mit der Patientin – ein Therapiekonzept für ihre schweren psychischen und psychosomatischen Störungen entwickelt, das er „psych-analyse“ nannte.

Bei dieser Namensgebung bezieht sich Breuer ausdrücklich auf das Stück „König Ödipus“ von Sophokles, das Friedrich Schiller ca. 100 Jahre zuvor, 1797, in einem Brief an Goethe eine „tragische analysis“ genannt hatte (Beutler, 435). [„Ana“ (griech.) = „zurück, rückwärts“; „lyein“ (griech.) = „lösen“.] Rückwärts gewandt löst Ödipus ein verwickeltes familiäres Drama auf und gelangt zum zentralen Ursprung des Unheils: Zu seiner frühkindlichen Traumatisierung, dass seine Mutter ihn als Säugling mit durchstochenen Fersen in der Wildnis aussetzen lassen wollte, er so seien Eltern fundamental entfremdet worden war. Das Durchdringen der lange verschleiert gebliebenen Zusammenhänge, eine neue Sicht der Dinge, ist quasi lebenswichtig: Davon hängt das Verschwinden oder Fortbestehen der rätselhaften Seuche in Theben ab. König Ödipus, der kluge Rätsellöser, nimmt mit beispiellosem Engagement und aufrichtiger, selbstloser Wahrheitsliebe diese Aufgabe in Angriff – und wird ihr mit Bravour gerecht. Obwohl er bei seinen tastenden Versuchen, die Wahrheit zu erforschen, bisweilen von anderen in die Irre geleitet wird, so ist er doch in der Lage, seine bisherigen Annahmen – auf der Grundlage neuer Informationen – auch in Frage zu stellen und seine Irrtümer so zu revidieren.

Der Namensgeber der „psych-ana-lyse“, Josef Breuer, erkennt, dass das Vorgehen von Ödipus genau seinem Behandlungskonzept des rückwärts gewandten Auflösens einer Lebensgeschichte, der rückschauende Wahrheitssuche entspricht. Er bringt in den Jahren 1880-1881 einzelne prägnante „hysterische“ Symptome bei Bertha Pappenheim, ihre – nur scheinbar sinnlosen, ver-rückten – seelischen oder körperlichen Zustände zum Verschwinden, indem er seine Patientin unter Hypnose detailliert von belastenden Ursprungs-Erlebnissen berichten lässt. Strenge Normen hatten sie daran gehindert, in verschiedenen Schlüssel-Situationen ihre unmittelbaren Impulse von z.B. Angst, Ekel oder Wut zum Ausdruck zu bringen. Auf vielfältige Weise hatten sich mit solchen Situationen hoher emotionaler Anspannung dann (klassisch konditioniert) Symptome verbunden, die sich auflösen ließen, wenn die „eingeklemmten“ Affekte wieder erlebt und zur regulären Abfuhr gebracht, also benannt und ausgedrückt werden konnten. (Dieses Heilungsprinzip hatte BreuerKatharsis“ genannt.) Im Erzählen selbst erfundener Märchen hatte Bertha ihr Erleben z.T. in verschlüsselter Form symbolisch zum Ausdruck gebracht, nachdem sie in Hypnose die verdrängten Ereignisse erneut durchlebt hatte. Ihr Problem war so – Schicht für Schicht – aufgelöst worden. Zuverlässig hatte Breuer damit ein sehr wirksames therapeutisches Vorgehen beschrieben.

Warum aber sollte es jetzt für Freud nötig sein, die Theorie „durch ausführliche Darstellung einer Krankengeschichte [zu] erhärten“?

Nun, Freud selbst hatte bereits 1895 im Grunde sämtliche Fallberichte aus den „Studienentwertet, als er in seinem dortigen Schlusskapitel „Zur Psychotherapie der Hysterie“ (a.a.O., 271-322) Folgendes offenbart: Bei den meisten der vorgestellten Fälle handle es sich eigentlich gar nicht um reine „Hysterien“. Außerdem sei der (nach Freud) angeblich zentrale Aspekt ihrer Verursachung – nämlich der sexuelle Hintergrund – gar nicht näher erfragt worden. Gerade auch die Fallstudie seines Mentors Josef Breuer über „Anna O.“ (= Bertha Pappenheim), die zur Darlegung der Hypothesen über die Entstehung „hysterischer Symptome“ den Anstoß gegeben hatte, leide unter diesem Mangel (a.a.O., 275): „Allein dieser Fall, der so fruchtbar für die Erkenntnis der Hysterie geworden ist, wurde von seinem Beobachter gar nicht unter den Gesichtspunkt der Sexualneurose gebracht und ist heute einfach für diesen nicht zu verwerten.“

Auf Freuds scheinbare Anerkennung des – tatsächlich! – so fruchtbaren Falles von „Anna O.“ folgt sofort die Entwertung: Er sei für die Theorie nicht zu gebrauchen!

Aber wie kann Freud behaupten, Breuer habe eine zentrale Frage der Verursachung dieser Hysterie nicht beachtet? Logische Folge daraus ist zu fragen, wie und ob denn dann „Anna O.“ überhaupt geheilt werden konnte. Freud lässt m.E. diese Skepsis mit Bedacht anklingen. Den in den „Studien“ als erfolgreiche Behandlung dargestellten Fall der Bertha Pappenheim klassifiziert Freud indirekt als Nicht-Erfolg. Er wusste genau, dass die von Breuer zwischen Dezember 1880 und Juni 1881 durchgeführte Therapie Berthas – vierzehn Jahre vor der Veröffentlichung der „Studien“ – zunächst keineswegs mit einer vollständigen Heilung geendet hatte. Verzögert wurde die endgültige Genesung durch eine zwischenzeitlich entwickelte Betäubungsmittel-Abhängigkeit, von Morphin und Chloral.

Bertha war mit Freuds Gattin Martha verwandt, und diese hatte nachweislich 1887, in einer Zeit, als die Patientin noch nicht endgültig gesund war, persönlichen Kontakt mit jener (Hirschmüller, 1978, 157). Bertha war nach dem Juni 1881 zunächst verstärkt unter die Obhut von Dr. Breslauer in Inzersdorf gestellt worden. Ein Jahr später suchte sie für knapp vier Monate ein Hospital in Kreuzlingen am Bodensee auf. Zwischen 1883 und 1887 war sie aufgrund ihrer Beschwerden noch zunächst für fünfeinhalb, dann für vier Monate, schließlich für einen halben Monat erneut in dem Sanatorium in Inzersdorf (Hirschmüller, 1978, 152 ff.). Zunächst hatte sich Breuer auch weiterhin sehr verantwortlich um die Patientin bemüht, war jedoch wohl von deren Mutter zunehmend in eine nachrangige Rolle gedrängt worden. (Dies wird aus den Briefen Breuers an den Klinikleiter in Kreuzlingen aus dem Jahr 1882, abgedruckt bei Hirschmüller, deutlich.) Berthas Symptomatik war damals stark bestimmt durch die o.g. Betäubungsmittel-Abhängigkeit und entsprechende Entzugs-Symptome. Die genannten Mittel waren von unbedarften Ärzten zur Behandlung ihrer „Hysterie“ eingesetzt worden. Die Verordnung des Chlorals ging nachweislich nicht auf Breuer zurück, widersprach sogar dessen Empfehlung. Sie ging auf den mit der stationären Betreuung Berthas in Inzersdorf 1881/82 betrauten ärztlichen Kollegen Breslauer zurück. (Er war es womöglich auch, der das Morphin als Medikament angesetzt hatte.) In dieser problematischen Medikation lag die wesentliche Ursache für die Verzögerung von Berthas Genesung; mit der von Freud behaupteten Nicht-Beachtung der Frage der Sexualität hatte dies nichts zu tun!

Es ist dabei unbestreitbar, dass Josef Breuer genau an diesem Fall das Prinzip der Entstehung schwerer psychosomatischer Symptome verstanden und ein entsprechendes Therapieverfahren entwickelt hatte. Mit seiner engagierten Betreuung war Breuer maßgeblich für die zunächst in kürzester Zeit erfolgende deutliche Besserung des Zustandes von Bertha verantwortlich.

Hätte Breuer sich nun öffentlich gegen Freuds unterschwellige Vorhaltung eines schwerwiegenden Versäumnisses gewehrt, hätte Freud nun antworten können, dass man ja sehe, wohin Breuers Arbeit geführt habe – nämlich zu weiteren Klinikaufenthalten. Da Freud – wie unten gezeigt und wie an anderen Stellen erkennbar – kein Problem damit hatte, äußerst indiskret zu werden, hat Breuer wohl – schon allein aus Loyalität zu seiner Patientin – nicht gewagt, eine solche Diskussion zu riskieren. (Zu einer detaillierten Darstellung dieser Fallgeschichte vgl. Schlagmann, 2005, 421-442 bzw. auch http://www.oedipus-online.de/Breuer.htm.)

Warum aber hatte Freud selbst in seinen vier Fallberichten, die er zu den „Studien“ beigetragen hatte, nicht entsprechend passendes Material vorgelegt? Seine Antwort (Breuer & Freud, 1895/1991, 276): „Und wenn ich statt dieser vier Fälle nicht zwölf mitgeteilt habe, aus deren Analyse eine Bestätigung des von uns [Hervorhebung K.S.] behaupteten Mechanismus hysterischer Phänomene zu gewinnen ist, so nötigte mich zur Enthaltung nur der Umstand, daß die Analyse diese Krankheitsfälle gleichzeitig als Sexualneurosen enthüllte, obwohl ihnen den ‘Namen’ Hysterie gewiß kein Diagnostiker verweigert hätte. Die Aufklärung solcher Sexualneurosen überschreitet aber den Rahmen dieser unserer gemeinsamen Veröffentlichung.“

Das Publikum bekommt am Ende zu hören, dass die Fallberichte in den „Studien über Hysterie“ für die Theoriebildung in Bezug auf die „Hysterie“ eigentlich gar nicht geeignet seien. Man muss sich also auf den letzten Seiten fragen, warum man dieses Werk gelesen und sich durch die ganzen Falldarstellungen durchgearbeitet hat. Der väterliche Gönner und Mentor Josef Breuer bekommt von Freud auch noch attestiert, dass sein Fall für die angeblich zentrale Frage – die sexuelle Ätiologie – nichts hergebe. Der Kollege ist gerade noch gut genug, um für die diffus postulierten „von uns behaupteten Mechanismen hysterischer Phänomene“ als Gewährsmann vereinnahmt zu werden. (Eine andere Möglichkeit ist, dass Freud hier in den Pluralis Majestatis verfällt. Womöglich lässt er auch beides offen, was die Verwirrung nur noch vergrößert.)

Diejenigen, die diese Zusammenhänge gekannt haben, mögen Freuds Versprechen von 1905, er wolle seine Theorie „durch ausführliche Mitteilung einer Krankengeschichte erhärten“ (a.a.O., 9), mit Skepsis betrachtet haben: Würden sie auch diesmal am Ende der Abhandlung zu hören bekommen, dass diese Fallstudie nun auch wieder nicht ausreiche, um alle wichtigen Zusammenhänge deutlich genug darzustellen? (Um es vorwegzunehmen: Ja, auch diesmal werden sie etwas Ähnliches hören!) Und es mag auch die Neugier geweckt worden sein, nun nachlesen zu können, was Freud selbst 1895/96 angeblich schuldig bleiben musste.

2.)   Und hier besteht die zweite Unstimmigkeit: Freud wird in seinem Ansatz von 1900/1905 auf seine Ideen von 1895/96 gar nicht zurückkommen! Sein Denken von1895/96 steht im schärfsten Gegensatz zu dem, was er sich vier Jahre später im Fall Ida Bauers zusammenreimt!

1895 deutet Freud ja bereits an, dass bei Fallgeschichten zur „Hysterie“ die Symptome nur im Zusammenhang mit einer „Sexualneurose“ zu verstehen seien. Ein Jahr später, in einem Vortrag von 1896 („Zur Ätiologie hysterischer Symptome“) hatte Freud – wie schon oben zitiert – die Behauptung aufgestellt, dass einzig und allein von außen aufgedrängte Erfahrungen von Sexualität im Kindesalter für die späteren psychosomatischen (= „hysterischen“) Störungen der Betroffenen verantwortlich seien. Dabei ist ja zweifellos die Erfahrung sexualisierter Gewalt in etlichen Fällen die Ursache psychischer Störungen, aber in dieser Ausschließlichkeit ist Freuds Aussage, wie bereits oben hervorgehoben, viel zu einseitig – und damit falsch.

Nun, vier Jahre später, bei seiner Analyse der jungen Ida Bauer im Jahr 1900, hat Freud diese Sichtweise quasi in ihr Gegenteil verkehrt. Er sieht jetzt nur noch in der angeborenen sexuellen Konstitution der Betroffenen selbst, die sich aus dieser Veranlagung entwickelnden (und verdrängten) Perversionskeime – gemeint sind z.B. der Hang zu Selbstbefriedigung, Homosexualität und Inzest – die Ursache einer „hysterischen“ Störung (Freud, 1905/1993, 51, 60).

Wenn Freud im ersten Satz seines Vorworts zum „Bruchstück“ eine Kontinuität in seiner theoretischen Entwicklung behauptet, sogar vorgibt, er wolle seine „in den Jahren 1895 und 1896 aufgestellten Behauptungen über die Pathogenese hysterischer Symptome und die psychischen Vorgänge bei der Hysterie durch ausführliche Mitteilung einer Krankengeschichte erhärten“, dann versucht er damit den oben bereits ausführlich dargestellten fundamentalen Bruch gegenüber seinem früheren Ansatz zu verleugnen. Denn das, was er 1895/1896 noch behauptet hatte, dass die Erfahrung sexualisierter Übergriffigkeit zu psychischen Störungen führe, das hat mit seiner Deutung des Geschehens in Ida Bauers Fallgeschichte von 1900 überhaupt nichts mehr zu tun, ist vielmehr das genaue Gegenteil davon.

Freud trifft auch gleich im Vorwort Vorsorge gegen eventuelle Kritik (6) (a.a.O., 9): Er habe 1895/96 von Kritikern gehört, er habe zu wenig von seinen Fällen mitgeteilt. Er unterstellt, dass diese Fachkollegen jetzt sicherlich kritisieren würden, er würde zu viel von seiner „Kranken“ mitteilen: „[Ich] gebe es von vornherein auf, diesen Kritikern jemals ihren Vorwurf zu entreißen“. Er wolle sich „um jene einsichtslosen Übelwollenden weiter nicht bekümmer[n]“.

Wie ist das zu verstehen? Freud sah einzig und allein in frühen sexuellen Erfahrungen den Ursprung jeglicherHysterie“ (= z.B. psychosomatische Kopf- oder Magenschmerzen), 1896-97 sogar ausschließlich die Vergewaltigung des Kindes durch seinen Vater. Kritische Fragen der Fachkollegen nach Belegen für seine Behauptung waren allzu berechtigt. Er selbst nimmt bereits im September 1897 von dieser Hypothese radikal Abstand, müsste im Jahr 1900 also selbst an seinen Ansätzen von 1895-97 die Kritik üben, die er damals bereits von kompetenter Seite vernehmen konnte, die er jedoch nun rückblickend als „einsichtsloses Übelwollen“ diffamiert. Freud schmäht hier offensichtlich die Kritiker, weil sie es gewagt hatten, ihn zu kritisieren, obwohl er selbst inzwischen inhaltlich die Kritik weitgehend teilen müsste. Jedes Hinterfragen seiner Position scheint er zum Tabu erklären zu wollen. Diese Immunisierung gegen Kritik ist bei seinem neuen Konzept, das er in dieser Fallstudie vorstellt, noch viel wichtiger, weil hier kluge Fachkollegen noch weitaus mehr gute Gründe haben, seine Ideen für verrückt zu halten, als bei seinen Modellen von 1895-97.

In der folgenden Passage äußert sich Freud zum Problem der Diskretion (a.a.O., 10): Hier hat er recht schnell abgehandelt, dass es geradezu seine ärztliche Pflicht sei, eine solche Fallgeschichte zu veröffentlichen. Das Einverständnis der Betroffenen komme nicht in Betracht, da „es ganz vergeblich bliebe, wollte man die Erlaubnis zur Veröffentlichung (von den Patienten) erbitten“. (Von entsprechenden Bemühungen berichtet er nichts.) Er habe sich bemüht, jede Schädigung für seine Klientin auszuschließen, zumal „habe (er) eine Person ausgesucht, deren Schicksale nicht in Wien, sondern in einer fernab gelegenen Kleinstadt spielten, deren persönliche Verhältnisse in Wien also so gut wie unbekannt sein müssen.“ (Schon fünfzehn Seiten weiter wird davon berichtet, dass Idas Familie in Wien dauerhaften Aufenthalt genommen hat, ungefähr als Ida siebzehn Jahre alt ist, also ungefähr ein Jahr vor der „Behandlung“ bei Freud Ende 1900.) Weiter behauptet er, er habe aus Diskretionsgründen vier Jahre lang mit der Veröffentlichung der Studie gewartet „bis ich von einer Änderung in dem Leben der Patientin hörte, die mich annehmen ließ, ihr eigenes Interesse an den hier erzählten Begebenheiten und seelischen Vorgängen könnte nun verblaßt sein“ (10). Im Licht der Dokumente erweist sich dies als glatte Lüge: Schon am 25. Januar 1901, knapp vier Wochen nach dem Abbruch der Behandlung durch Ida Bauer, gibt Freud in einem Brief an Fließ einen Hinweis auf seine Veröffentlichungsabsicht – neben einer interessanten Einschätzung seiner Studie (Masson, 1986, 476): „Es ist immerhin das Subtilste, das ich bis jetzt geschrieben habe. Es wird noch abschreckender als gewöhnlich wirken. ... Die Arbeit ist von Ziehen [einer von Freuds Verlegern; K.S.] bereits akzeptiert.“ Und ein halbes Jahr nach dem abrupten Ende der „Behandlung“, am 9. Juni 1901, schreibt er (a.a.O., 486): „‘Traum und Hysterie’ [so der ursprüngliche Titel des ‘Bruchstücks’; K.S.] ist abgeschickt und dürfte das Licht der erstaunten Öffentlichkeit erst im Herbst erblicken.“ Tatsächlich hat Freud also bereits Anfang des Jahres 1901, nicht einmal einen Monat nach Beendigung der Behandlung, das „Bruchstück“ zur Veröffentlichung eingereicht und rechnete mit dessen Publikation im Herbst desselben Jahres. Es war keinesfalls der Wille zur Diskretion, dass er das Manuskript zurückhielt, sondern der Frust über die ablehnenden Reaktionen darauf: In einem Brief vom 3. März 1901 schreibt er an Fließ in Bezug auf dessen Schwager und Kollegen, Oscar Rie (a.a.O., 481): „‘Traum und Hysterie’ [= „Bruchstück ...“; K.S.] habe ich Oscar auf seinen Wunsch lesen lassen, wenig Freude dabei gehabt. Ich mache keinen Versuch mehr, meine Isolierung zu durchbrechen. Die Zeit ist sonst sehr öde, hervorragend öde!“ Und dann reagiert auch noch Freund Wilhelm Fließ selbst reserviert, wie Freud in seinem Brief vom 11. März 1902 darstellt (a.a.O., 501): „Meine letzte Publikation [gemeint ist der „Dora“-Fall; K.S.] zog ich vom Druck zurück, da ich kurz vorher an Dir meinen letzten Publikum verloren hatte.

Soviel zu Freuds „Diskretionsgründen“ beim Zurückhalten der Veröffentlichung. Heute kann der Name „Doras“ mit Ida Bauer angegeben werden. Aus einigen ihrer biografischen Daten (Rogow, 1978) lässt sich ersehen, wie detailliert die Angaben Freuds über die familiären Verhältnisse der Wirklichkeit entsprachen. Idas Vater war ein wohlhabender Fabrikant; ihr Bruder Otto war – wie gesagt – nach dem ersten Weltkrieg Führer der Sozialisten und erster Außenminister der ersten österreichischen Republik. Man kann sich über Freuds Kühnheit nur wundern, wie unbefangen er öffentlich mit persönlichen Angelegenheiten anderer umgeht: mit deren Geschlechtskrankheiten, Seitensprüngen und – unterstellten – Perversionen.

Freud erläutert, dass er diese „Krankengeschichte“ nach ihrer Beendigung niedergeschrieben, die darin analysierten zwei Träume nach der jeweiligen Sitzung wörtlich notiert habe. Und er verweist auf eine notwendige Voraussetzung für das Verständnis seiner Studie (Freud, 1905/1993, 12 f): „Da also diese Krankengeschichte die Kenntnis der Traumdeutung [Freud, 1900; K.S.] voraussetzt, wird ihre Lektüre für jedermann höchst unbefriedigend ausfallen, bei dem solche Voraussetzung nicht zutrifft. Er wird nur Befremden, anstatt der gesuchten Aufklärung in ihr finden und gewiß geneigt sein, die Ursache dieses Befremdens auf den für phantastisch erklärten Autor zu projizieren.“ Auch hier ein durchsichtiger Versuch, sich gegen Kritik zu immunisieren. Die durch die folgende Lektüre seiner Schrift mit ziemlicher Sicherheit verwirrten LeserInnen bekommen vorab eingeredet, sie seien deshalb irritiert, weil sie Freuds „Traumdeutung“ (1900) nicht studiert hätten. Wenn sie Freud für einen fantastischen Spinner hielten, dann liege es nur daran, dass sie jenes Werk nicht kennen würden. Dabei würde den LeserInnen die empfohlene Lektüre auch nicht weiterhelfen. Das „Bruchstückist nicht zu verstehen, da hilft auch keine „Traumdeutung“. Vielmehr lassen auch die in dieser Falldarstellung vorgetragenen Traumdeutungen größte Zweifel an Freuds diesbezüglicher Kompetenz aufkommen (vgl. Schlagmann, 1997 b). Das „Befremden“ über Freuds Text ist m.E. die einzig angemessene und gesunde Reaktion darauf.

Und vermutlich in der Fortsetzung seiner Immunisierungsabsicht gegenüber Kritik verweist Freud noch auf weitere Unvollständigkeiten seiner Arbeit:

1.)   Die „Behandlung“ sei nach drei Monaten durch die Patientin abgebrochen worden. „Zu dieser Zeit waren einige Rätsel des Krankheitsfalles noch gar nicht in Angriff genommen, andere erst unvollständig aufgehellt, während die Fortsetzung der Arbeit gewiß an allen Punkten bis zur letzten möglichen Aufklärung vorgedrungen wäre.“ (14)

Hätte die Patientin die Behandlung nur bis zum Schluss über sich ergehen lassen, dann wäre der Erfolg nicht zu vermeiden gewesen? Klar. Ida Bauer ist schuld, wenn bei der LeserIn noch irgendwelche Fragen über die Stimmigkeit von Freuds Therapiekonzept offen bleiben. Aber er hatte uns doch zuvor versprochen, er wolle durch die ausführliche Besprechung einer Krankengeschichte seine Theorie erhärten. Warum stellt er uns denn dann nicht einen vollständig behandelten Fall aus seinem reichhaltigen Material vor?

2.)   „Eine andere Art von Unvollständigkeit habe ich selbst mit Absicht herbeigeführt. Ich habe nämlich die Deutungsarbeit, die an den Einfällen und Mitteilungen der Kranken zu vollziehen war, im allgemeinen nicht dargestellt, sondern bloß die Ergebnisse derselben. Die Technik der analytischen Arbeit ist also, abgesehen von den Träumen, nur an einigen wenigen Stellen enthüllt worden. Es lag mir in dieser Krankengeschichte daran, die Determinierung der Symptome und den intimen Aufbau der neurotischen Erkrankung aufzuzeigen; es hätte nur unauflösbare Verwirrung erzeugt, wenn ich gleichzeitig versucht hätte, auch die anderen Aufgaben zu erfüllen. Zur Begründung der technischen, meist empirisch gefundenen Regeln müßte man wohl das Material aus vielen Behandlungsgeschichten zusammentragen. Indes möge man sich die Verkürzung durch die Zurückhaltung der Technik für diesen Fall nicht allzu groß vorstellen. Gerade das schwierigste Stück der technischen Arbeit ist bei der Kranken nicht in Frage gekommen, da das Moment der ‘Übertragung’, von dem zu Ende der Krankengeschichte die Rede ist, während der kurzen Behandlung nicht zur Sprache kam.“ (14 f)

Die Darstellung sei absichtlich unvollständig geblieben? Freud wollte bewusst seine „Deutungsarbeit“ nicht erläutern? Erst klagt er darüber, dass ihm seine Kollegen früher die Unvollständigkeit seines Vortrages vorgeworfen hatten, dass er seine Theorie nicht durch Fallbeispiele belegt hätte – und jetzt will er aber anhand dieser Fallgeschichte „nur an einigen wenigen Stellen“ seine „Technik ... enthüllen“? Deren Darstellung werde aber eigentlich bei der LeserIn „nur unauflösbare Verwirrung“ erzeugen? Andererseits sei die „Verkürzung“ auch wieder nicht allzu groß, weil das Herzstück seiner Technik, die „Übertragung“, hier gar nicht zum Einsatz gekommen sei? Er hätte alle Frage beantworten können, wenn er mehr Material dargestellt hätte, aber quasi zum Besten der LeserIn habe er darauf verzichtet? Mit im Grunde plumpen Phrasen versucht Freud die Dürftigkeit seiner Ausführungen zu vertuschen.

Dabei ist der wesentliche Teil dessen, was Freud wohl mit „Technik“ meint,

·         das Verdrehen von Aussagen, wie es ihm passt,

·         ein klares „Nein“ als „gewünschtes Ja“ zu verstehen,

·         wenn die Patientin einer Deutung widerspricht, dies als deren Bestätigung zu begreifen,

·         Kritik am Verhalten eines anderen als einen „Selbstvorwurf“ zu deuten,

·         beliebige Handlungen und Äußerungen als Anspielung auf Sexualität zu interpretieren,

diese „Technik“ der Besserwisserei wird uns in dem Text zur Genüge dargelegt und vorgeführt. Und auch zu dem „Moment der ‘Übertragung’“ hat Freud einiges zusammengereimt, was sich m.E. als Humbug erweist, auch ohne Kenntnis der „Traumdeutung“ und ohne Handbuch für seine „Technik“ (vgl. Schlagmann 1997b). Abgesehen von der recht klaren Darstellung der Fakten sind alle daraus abgeleiteten Deutungen – z.B. von Ida Bauers „voll und ganz hysterrisch[em]“ Verhalten; ihrer „krankhaften Rachsucht“; ihrer angeblichen Unfähigkeit, Impulse zu Selbstbefriedigung, Homosexualität und Inzest zu kontrollieren – in meinen Augen pseudowissenschaftlicher Blödsinn.

3.)   Das Problem einer Fallgeschichte sei, dass sie zwangsläufig den Mangel aufweise, nicht auf alle Fragen eine Antwort geben, nicht alle Spezialfälle einer „Hysterie“ abdecken zu können. Eine triviale Aussage, die er dann fortführt: „Auch wird, wer bisher nicht an die allgemeine und ausnahmslose Gültigkeit der psychosexuellen Ätiologie für die Hysterie glauben wollte, diese Überzeugung durch die Kenntnisnahme einer Krankengeschichte kaum gewinnen, sondern am besten sein Urteil aufschieben, bis er sich durch eigene Arbeit ein Recht auf eine Überzeugung erworben hat.“ (15)

Also: Wer nicht selbst schon mit HysterikerInnen nach Freuds „Technik“ gearbeitet hat, die er – wohlgemerkt – „mit Absicht“ hier überhaupt nicht darstellen möchte (s.o.), der hat sich auch nicht „ein Recht auf eine Überzeugung erworben“ in Bezug auf den dieser „Erkrankung“ immer in spezieller Art und Weise zugrundeliegenden sexuellen Ursprung. An sie glauben soll man allerdings schon dürfen – auch ohne Erfahrung und Einführung in diese „Technik“.

Was genau soll das bedeuten? Der in Hypnose geschulte Freud will hier offenbar in einem hypnotisierenden Schreibstil die LeserInnen verwirren und vorab zur rückhaltlosen Aufgabe einer kritischen Lektüre bewegen. Die positive Aufnahme seiner Ausführungen wird zur reinen Glaubensfrage. Man muss restlos darauf vertrauen, dass Freud offene Fragen irgendwie erklären könnte, darf jedoch nicht hoffen, allein aus dem Text dessen Gehalt ausreichend würdigen zu können. Ein klares Beispiel pseudowissenschaftlicher Schaumschlägerei.

In einer 1923 anlässlich einer Neuauflage eingefügten Fußnote gibt uns Freud noch eine weitere Kostprobe seiner Verwirrungskunst, seiner Arbeit mit doppelten Botschaften (Freud, 1905/1993, 15 f): „Es ist nicht zu erwarten, daß mehr als zwei Dezennien fortgesetzter Arbeit nichts an der Auffassung und Darstellung eines solchen Krankheitsfalles geändert haben sollten, aber es wäre offenbar unsinnig, diese Krankengeschichte durch Korrekturen und Erweiterungen ‘up to date’ zu bringen, sie dem heutigen Stande unseres Wissens anzupassen. Ich habe sie also im wesentlichen unberührt gelassen und in ihrem Text nur Flüchtigkeiten und Ungenauigkeiten verbessert, auf die meine ausgezeichneten englischen Übersetzer, Mr. und Mrs. James Strachey, meine Aufmerksamkeit gelenkt hatten. Was mir an kritischen Zusätzen zulässig schien, habe ich in diesen Zusätzen zur Krankengeschichte untergebracht, so daß der Leser zur Annahme berechtigt ist, ich hielte noch heute an den im Text vertretenen Meinungen fest, wenn er in den Zusätzen keinen Widerspruch dagegen findet.“ Seine Auffassung zu dieser Geschichte habe sich in über zwanzig Jahren natürlich verändert – und er halte noch immer an der im Text vertretenen Auffassung fest. Aus diesem Absatz lässt sich herauslesen, was man gerade möchte. Eventueller Kritik lässt sich begegnen mit: Natürlich, in der Zwischenzeit hat er ja seine Auffassung geändert. Und seine Fan-Gemeinde kann jubeln: Ja, das hat er schon damals gesagt!

Übrigens: In meiner Ausgabe von Freuds Text (Freud, 1905/1993) finden sich so gut wie keine „kritischen Zusätze“, die etwas Wesentliches an Freuds Veröffentlichung von 1905 korrigieren.

So viel an dieser Stelle zu Freuds eigenen Bemühungen, in unmittelbarer zeitlicher Nähe zu diesem eklatanten Bruch zwischen seinen zwei Ansätzen – von der Trauma-Theorie (vor September 1897) zur Trieb-Theorie (nach September 1897) – diesen in einer umfangreichen Fallgeschichte zu verschleiern. Bei dem ersten Ansatz wird immerhin noch die Erfahrung von Gewalt (in sehr spezieller, einseitiger Form) als Auslöser für psychische Störungen gesehen. Bei dem zweiten Ansatz sind Gewalterfahrungen hingegen für die Entstehung psychischer Störungen gänzlich irrelevant; es kommt nunmehr (für Freud) nur noch darauf an, ob sich ein Kind von seinen naturgegebenen perversen“ Phantasien und Impulsen lösen kann. Bei diesem Ansatz fällt die Analyse von Gewaltverhältnissen gänzlich unter den Tisch. Dieses Gedankengebäude ist noch weitaus verrückter, als die kurz zuvor noch vertretene Väter-Vergewaltigungs-Theorie.

Zurück zur Ödipus-Theorie

Die Freudsche Idee vom „Ödipuskomplex“ bildet bis heute innerhalb der (Freudschen) Psychoanalyse die feste Grundlage des Denkens und Handelns. Um die Konsequenzen dieser Trieb-Theorie für die Praxis zu illustrieren, sei z.B. Otto Kernberg zitiert, ein renommierter Vertreter dieser Kunst. Er „analysiert“ z.B. noch im Jahr 1999 (S. 13) bei einer Frau, die als Grundschülerin (unkonkret: „unter zehn Jahre alt“) der sexualisierten Gewalt ihres Vaters ausgesetzt war: Sie habe damals diese Gewaltsituation „in typischer Weise … als einen sexuell erregenden Triumph über ihre Mutter“ erlebt. Um von ihren Depressionen wieder loszukommen, müsse sie „ihre Schuld tolerieren“. Kernberg spricht in diesem Zusammenhang auch von „ödipaler Schuld“.


Das also sind die brutalen Konsequenzen dieser Theorie vom „Ödipuskomplex“:

Einem kleinen Kind wird unterstellt, dass es die Erfahrung von sexualisierter Gewalt selbst herbeigewünscht hat und dabei schuldig geworden ist.

Ist es nun etwa die Absicht der Autoren des rezensierten Buches, eine derartige psychoanalytische Opferbeschuldigungs-Ideologie zu kritisieren? Wieweit werfen sie vielleicht tatsächlich neues Licht auf Freuds Verwerfung der sogenannten „Verführungstheorie“?

Kapitel 2 - „Die Aufgabe der Verführungstheorie – Begründungen

Kapitel 2 erläutert nun zunächst Freuds eigene Argumente aus dem Brief an seinen Freund Wilhelm Fließ vom 21. September 1897, mit denen er erstmals seinen Widerruf der Väter-Vergewaltigungs-Theorie begründet.

1.) Die Behandlungserfolge bei der Arbeit unter dieser Hypothese seien ausgeblieben.

2.) Er ist erstaunt, „dass in sämtlichen Fällen der Vater als pervers beschuldigt werden musste“ und überzeugt, dass „eine solche Verbreitung der Perversion gegen Kinder wenig wahrscheinlich ist“.

3.) Selbst in tiefster Verworrenheit (Psychose) – wohl gedeutet als Zustand, in dem das „Unbewusste“ relativ unmittelbar zu Tage tritt – „[dringe] die unbewusste Erinnerung [an die Vergewaltigung; K.S.] nicht durch“.

4.) Im „Unbewussten“ gebe es kein Realitätszeichen, man könne dadurch Realität und Phantasie nicht unterscheiden.

Unklar ist mir, warum die Autoren die Reihenfolge der Argumentation in Punkt 3.) und 4.) vertauschen. Freud selbst bringt Punkt 3.) an vierter Stelle, Punkt 4.) an dritter.

An dem von ihnen ans Ende gerückten Argument 4.) knüpfen die Autoren nun direkt an mit dem Hinweis auf Freuds weiteres Denken: Freud habe im September 1897 zu der Annahme realer Inzest- und Vergewaltigungserfahrungen Abstand eingenommen, habe nun quasi betont, dass solche Szenen in der Phantasie der Kinder herbeigewünscht und dann für real gehalten worden seien. Dieser theoretische Schwenk wird von Freuds Anhängerschaft bis heute allgemein als die Geburtsstunde der Psychoanalyse (sensu Freud) gefeiert. Und es ist Freud selbst, der genau diesen Gedanken sein ganzes Leben hindurch wiederholt klar unterstrichen hat. Mitstreiter, wie z.B. Sandor Ferenczi, die nach eigener therapeutischer Erfahrung vorsichtig angeregt hatten, das Erleben von sexualisierter Gewalt als einen möglichen Faktor für die Verursachung psychischer Störungen wieder in Betracht zu ziehen, wurden von Freud schroff abgekanzelt. Ferenczi würde – so zitieren die Autoren Freuds Brief an seine Tochter Anna, als er 1932 von Ferenczis Thesen erfährt – in einer Regression stecken und Positionen vertreten, die er, Freud, bereits vor 35 Jahren [= 1897] aufgegeben habe.

Nun kann ja in unseren Tagen das Vorkommen von sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche nur noch schwer übersehen werden. Heute sticht also umso mehr Freuds Leugnung dieses möglichen Ursprungs seelischer Störungen unrühmlich hervor. Das Anliegen der vier Autoren scheint nun zu sein, Freud an dieser Stelle in Schutz zu nehmen, damit nicht angesichts besseren Wissens von heute seine Thesen endgültig als unsinnig verworfen werden. Sie arbeiten deshalb auf die These hin, dass Freud eigentlich nie wirklich von der krankheitsauslösenden Wirkung sexualisierter Gewalt abgerückt sei. Zum Einstieg argumentieren sie, dass Freuds „Begründung für die Aufgabe der Verführungstheorie und für seine Hinwendung zur Phantasie nicht so überzeugend [ist], wie es auf den ersten Blick scheinen mag“ (18):

A.) Der im September 1897 (brieflich eingestandene) Misserfolg in der Therapie wird von den Autoren mit publizierten Erfolgsmeldungen von 1896 kontrastiert. Freud habe doch selbst von Erfolgen berichtet! Da könne dann doch bei Argument 1.) an Fließ irgendwas nicht stimmen. (Hierzu gleich eine etwas ausführlichere Stellungnahme von mir.)

B.) Freuds Überraschung über die „in sämtlichen Fällen“ zu beschuldigenden Väter (im September 1897) stellen die Autoren Publikationen (von 1896) entgegen, wonach er doch auch andere Täter in Betracht gezogen habe, z.B. Kinderfrauen und Ammen. (Auch hierauf werde ich gleich etwas ausführlicher eingehen.)

C.) Bei Punkt 3.) verweisen die Autoren auf Freuds mangelnde Erfahrung im Umgang mit Psychosen.

D.) Bei Punkt 4.) wird erkannt, dass damit weder für die eine, noch für die andere Position argumentiert werden kann.

Die Autoren lassen anklingen, dass für Freud selbst seine in dem Brief an Fließ genannten Argumente nicht schlüssig gewesen seien, er mithin also wohl doch irgendwie an der Hypothese des Einflusses von Außen festgehalten habe. [Dass z.B. die „Argumente“ unter Punkt 3.) und 4.) unschlüssig sind, steht dabei auch für mich selbst außer Frage. Dies schreibe ich jedoch Freuds mangelnder Logik im Denken zu, und nicht seinem stillschweigenden Festhalten an einer Trauma-Theorie.]

Die Autoren zitieren auch weitere, von Freud selbst in späterer Zeit veröffentlichte Reflexionen, wie er überhaupt auf seine „Verführungstheorie“ gekommen sein konnte. Hierzu stellt er z.B. 1925 die Überlegung an, dass er seinen PatientInnen womöglich die „Verführung“ durch die Väter suggeriert haben könnte. Man scheint den Autoren geradezu das Aufatmen anzuhören, diese von Freud selbst geäußerten Zweifel sogleich abhaken zu können mit einem Freud-Zitat aus demselben Text, das sie offenbar sogleich für bare Münze nehmen: „Ich glaube auch heute nicht, dass ich meinen Patienten jene Verführungsphantasien aufgedrängt, 'suggeriert' habe.“ Wer jedoch Freuds Neigung kennt, sich selbst und anderen geradezu wahnhaft irgendwelche Dinge als Realität einreden zu wollen – einige Kostproben dazu auch gleich hier im Text (ausführlicher z.B. Schlagmann, 2012) –, der muss bei dieser Passage den Kopf schütteln. Sind die Autoren tatsächlich so naiv?

Die zentrale Argumentationslinie in Kapitel 2: Freud habe die „Verführungstheorie“ nie richtig aufgegeben, sondern nur „vielmehr deren Anspruch auf allgemeine Gültigkeit“ (23).

Die kritiklose Verehrung des Autorenkollektivs für Freud beginnt schon mit der unbedarften Übernahme des Begriffes „Verführung“, den Freud selbst mit der Aufgabe seiner Väter-Vergewaltigungs-Hypothese inflationär verwendet: Als „Verführungverniedlicht Freud im Grunde einen Straftatbestand, der in aller Regel nichts anderes meint, als dass Stärkere (z.B. Eltern, andere Erwachsene, ältere Geschwister) mit berechnendem Kalkül ihre Macht einsetzen, um einem Kind sexualisierte Gewalt anzutun, die die Betroffenen oft für einen großen Teil ihres Lebens prägt und schädigt. Freud hatte vor seinem Schwenk vom September 1897, der auch von den Autoren als die eigentliche „Geburtsstunde der Psychoanalyse“ (16) angesehen wird, für solche Sachverhalte den sehr viel passenderen Begriff „Trauma“ (= Verletzung) verwendet (7). Ab September 1897 löst er sich – völlig zu recht! – von der unsinnig einseitigen Väter-Vergewaltigungs-Hypothese, setzt an deren Stelle jedoch die weitaus irrsinnigere Phantasie-Hypothese, die im Kern den „Ödipuskomplex“ umfasst. Ab diesem Umbruch glaubt er, in eventuellen Gewaltschilderungen seiner PatientInnen nur noch das perverse Begehren der Kinder nach inzestuöser Vereinigung mit ihren Eltern zu erkennen. Nun spricht Freud selbst ganz überwiegend von „Verführung“. Unter der (verrückten) Theorie des „Ödipuskomplexes“ ist es ja im Grunde logisch, dass es nur eines kleinen Anstoßes, einer leichten „Verführung“ bedarf, um die (angeblichen) ödipalen Impulse der kleinen perversen Kinderlein mit voller Macht hervorbrechen zu lassen.

Wenn die vier Autoren sich dazu hergeben, weiterhin völlig unkritisch mit dem Begriff „Verführung“ einen Sachverhalt wie sexualisierte Gewalt zu verharmlosen, dann lässt sich bereits an dieser Stelle ahnen, dass von den restlichen Ausführungen keinerlei Aufklärung oder ernsthafte Revision zu erwarten ist. Nehmen wir nur ihre gerade zitierte Überlegung zu Freuds brieflich gegenüber seinem Freund Fließ geäußertem Argument (das also für die Öffentlichkeit über Jahrzehnte verborgen geblieben war), dass u.a. das „Ausbleiben der vollen Erfolge“ bei seinem Väter-Vergewaltigungs-Ansatz zu einer Verwerfung seiner Annahme geführt habe. Dies stünde im Widerspruch zu drei Publikationen Freuds aus dem Jahr 1896, in denen er jeweils den Erfolg seiner Therapie für mehrere Fälle behauptet hatte. Anstatt an dieser Stelle Freud als Lügner überführt zu sehen, der in Publikationen von Erfolgen spricht, die es nicht gegeben hat, zeigen sich die Autoren erstaunt: „Freuds Begründung für die Aufgabe der Verführungstheorie und seine Hinwendung zur Phantasie ist allerdings nicht so überzeugend [Hervorhebung K.S.], wie es auf den ersten Blick scheinen mag. So widerspricht er mit seinem ersten Argument – die Unfähigkeit, Patienten erfolgreich zu behandeln – zwei anderen Feststellungen“ – nämlich den veröffentlichten Erfolgsbehauptungen.

Mit Freuds Erfolgsbehauptungen ist es aber so eine Sache: Logisch, dass er bei Publikationen nicht die Vergeblichkeit seines Tuns an die große Glocke hängt, sondern lieber mit guten Ergebnissen prahlt, die es nicht gegeben hat. Wer sich ein wenig mit der Geschichte von Freuds Karriere beschäftigt, stößt darauf, dass er z.B. in mehreren Publikationen von 1884 bis 1887 behauptet, er habe eine erfolgreiche Methode zur Behandlung von Morphinsucht entdeckt, nämlich die Verordnung von Kokain. Tatsächlich hatte er seinen nach schwerer Verletzung morphiumabhängigen Freund Ernst Fleischl von Marxow als Versuchskaninchen benutzt, um die Wirkung von Kokain an ihm zu beobachten. Während Freud in seinen Fachartikeln behauptet, er hätte innerhalb von 10 bzw. 20 Tagen die Morphinsucht seines Probanden geheilt, sehen die Fakten völlig anders aus: Er berichtet über Monate hinweg seiner Verlobten Martha, wie der Freund nun – zusätzlich! – auch noch vom Kokain abhängig wird, dafür ein Vermögen ausgibt und dabei gesundheitlich immer mehr vor die Hunde geht. Fleischl von Marxow stirbt 1891, wenige Jahre nach dem Beginn seiner „Behandlung“ durch Freud, im Alter von nur 45 Jahren. In seinen Fachpublikationen verkauft Freud jedoch die ganze Kokain-Behandlung als großen Erfolg. Als ein Suchtexperte publiziert, er habe bei dem Versuch, Freuds Therapievorschläge nachzuvollziehen, katastrophale Entwicklungen beobachtet, da entgegnet ihm Freud in einer eigenen Publikation frech, der Kollege habe sich nicht an die von ihm, Freud, empfohlene Dosierung und Verabreichungsform gehalten. Auch in diesem Punkt lügt Freud ungeniert: Der Kollege Erlenmeyer hatte sich durchaus an Freuds Empfehlungen orientiert, dabei aber dieselben Verschlechterungen beobachtet, wie Freud bei seinem Versuchsobjekt (ausführlich in Israels, 1999). Mit seiner Erwiderung und dem verbissenen Festhalten an seiner Kokain-Therapie nimmt Freud also skrupellos in Kauf, dass seine Behandlungsempfehlung¸ deren katastrophale Auswirkungen er hautnah an seinem „Freund“ miterlebt hatte, weiterhin Schaden stiftet.

Ein weiteres Beispiel für Freuds Fähigkeit, sich die Wirklichkeit herbeizureden, wie sie ihm behagt, acht Jahre später, im Fall von Emma Eckstein (1865-1924). Sein bester Freund in den Jahren von ca. 1895-1902 ist Wilhelm Fließ, ein Hals-Nasen-Ohren-Arzt aus Berlin (1858-1928), der u.a. überzeugt ist, dass die Nase mit dem weiblichen Geschlechtsorgan eng verbunden sei. Darüber hinaus sind nach seiner und Freuds „Theorie“ verschiedene körperliche Beschwerden (z.B. Magenschmerzen) durch Selbstbefriedigung bedingt. (Im Zusammenhang mit der Behandlung von Ida Bauer hatte ich bereits Freuds Position hierzu zitiert: „Es ist bekannt, wie häufig Magenkrämpfe gerade bei Masturbanten auftreten. ...“) Nach Fließ sei eine bestimmte Stelle in der Nase eng mit der Selbstbefriedigung verbunden. Er „behandelt“ dann Patientinnen mit Magenbeschwerden, indem er ihnen diese „Nasenstelle“ verätzt oder herausschneidet.

Wörtlich heißt es bei Fließ in seinem Buch „Über den ursächlichen Zusammenhang von Nase und Geschlechtsorgan“ (Halle, 1902; n. Masson, 1995, 117): „Die typische Ursache der Neurasthenie junger Leute beiderlei Geschlechts ist die Onanie. … die Nase wird ganz regelmäßig durch die abnorme geschlechtliche Befriedigung beeinflusst und die Folgen dieser Beeinflussung sind nicht nur eine sehr charakteristische Schwellung und neuralgische Empfindlichkeit der nasalen Genitalstelle, sondern es hängt von dieser neuralgischen Veränderung auch die ganze Symptomengruppe von Fernbeschwerden ab, die ich als ‚nasale Reflexneurose’ beschrieben habe. So kommt es, dass alle diese, gewöhnlich als neurasthenisch bezeichneten Schmerzkomplexe durch den Kokainversuch für die Dauer der Kokainisierung beseitigt werden können. Auch durch Ätzung oder Elektrolyse kann man sie für längere Zeit aufheben. … Von den Schmerzen ex onanismo möchte ich einen wegen seiner Wichtigkeit besonders hervorheben: den neuralgischen Magenschmerz. Er tritt recht früh bei Onanistinnen auf und kommt bei ‚jungen Damen’ ebenso häufig, wie die Onanie selbst vor.

Das Behandlungskonzept für „nasale Magenschmerzen“ scheint im Jahr 1902 mit „Kokainisierung[,] … Ätzung oder Elektrolyse“ noch relativ harmlos auszufallen. Fünf Jahre zuvor vertritt Fließ in dem Buch „Die Beziehung zwischen Nase und weiblichen Geschlechtsorganen“ (Leipzig & Wien, 1897; n. Masson, 1985, 118) noch ein sehr viel zupackenderes Konzept: „Mit dem Satze, dass durch die Onanie eine Veränderung der Genitalstelle der Nase hervorgerufen wird, ist aber die Einwirkung auf dieses Organ keineswegs erschöpft, wenigstens wenn man unter den Genitalstellen, wie wir das bisher mit gutem Grunde getan haben, nur die unteren Muscheln und die Tuberculi septi versteht. Es erleidet noch eine andere Localität der Nase eine typische Veränderung durch die Onanie und zwar ist dies die linke mittlere Muschel, wesentlich in ihrem vorderen Drittheil … Exstirpiert man [„exstirpare“ (lat.) = „ausreißen, beseitigen“; K.S.] gründlich diese Partie der linken mittleren [Nasen‑]Muschel, was leicht mit einer geeigneten Knochenzange ausgeführt wird, so schafft man den Magenschmerz dauernd fort.

Die offenbar an Magenbeschwerden leidende 30-jährige Emma Eckstein bekommt im Jahr 1895 wohl von Freud selbst eine solche „Operation“ anempfohlen. Bei diesem sinnlosen Eingriff am 20. oder 21. Februar 1895 verletzt Wilhelm Fließ ein größeres Blutgefäß, stopft die Wunde jedoch nur mit Gaze notdürftig zu und setzt sich von Wien aus nach seinem Heimatort Berlin ab. Tage später geht es der Patientin immer schlechter. Ein hinzugezogener Facharzt entdeckt zwei Wochen nach der OP die Gaze, die Fließ in der Wunde zurückgelassen hatte. Bei deren Entfernung verblutet die junge Frau beinahe. Über Wochen steht Emma auf der Kippe zwischen Leben und Tod, weil die Wunde wiederholt aufbricht und sie jeweils beinahe verblutet. Zur Behebung der Verletzung muss ihr schließlich ein Teil des Gesichtsknochens weggemeißelt werden. Eine Gesichtshälfte sei danach eingefallen gewesen. Freud schildert in seinen Briefen an Fließ zunächst noch sehr drastisch die lebensbedrohliche Situation von Emma Eckstein, dann unterstützt er ihn jedoch über einen Zeitraum von ca. 2 Jahren hinweg (1895 – 1897) darin, jede Verantwortung für diesen Kunstfehler von ihm, Fließ, fortzunehmen und die Misere ganz der Betroffenen selbst anzulasten: „Du hast es so gut gemacht, als man kann. ... Es macht dir natürlich niemand einen Vorwurf, ich wüßte auch nicht, woher“ (08.03.1895). Er greift – ausdrücklich bestätigend – offenbar von Fließ in Berlin vorformulierte Mutmaßungen auf: „Ich werde dir beweisen, dass du recht hast, dass ihre Blutungen hysterische waren, aus Sehnsucht erfolgt sind und wahrscheinlich zu Sexualterminen“ (26.04.1896). Und Freud wiederholt am 4. Mai 1896: „[I]ch [weiß] jetzt, dass sie aus Sehnsucht geblutet hat.“ „[D]ass es Wunschblutungen waren, ist unzweifelhaft“ (04.06.1896). Und noch knapp zwei Jahre nach der verpfuschten Operation, die der Betroffenen großes Leid zugefügt hatte, äußert Freud einsichtsresistent: „an dem Blut bist du überhaupt unschuldig“ (17.01.1897).

Hier praktiziert Freud bereits ein Modell der Opferbeschuldigung: Anstatt die reale Verletzung der Patientin durch die wahnwitzige und auch noch verpfuschte „Operation“ anzuerkennen, schiebt er irgendwelchen pseudo-bio-psycho-logischen Mechanismen die Verantwortung für die Blutungen zu.

So leicht fällt es Freud also, den Erfolg oder die Harmlosigkeit von massiven Eingriffen (Kokain-Verordnung; Nasen-OP) zu behaupten, wenn es ihm selbst oder seinem Freund Fließ in den Kram passt. Und dies, obwohl der bloße Augenschein das Gegenteil offenbart. Wenn Freud also einmal – ganz im Vertrauen, quasi hinter vorgehaltener Hand – gegenüber seinem Intimfreund Fließ einen Erfolg zurücknimmt, den er zuvor in Veröffentlichungen behauptet hat, so ist genau diese Zurücknahme einer Erfolgsmeldung eine der wenigen Äußerungen von Freud, der man getrost einmal Glauben schenken darf. Wer jedoch – wie offenbar das Autoren-Team – glaubt, solch eine (diskrete) briefliche Äußerung hinterfragen zu müssen, weil publizierte Erfolgsmeldungen ihr entgegenstehen, der glaubt vermutlich auch noch an den Weihnachtsmann.

Auch bei Freuds unter Punkt 2.) geäußerten Zweifeln an der ausschließlichen Väter-Ätiologie sind die Autoren bestrebt, sie zu relativieren, indem sie darauf verweisen, dass Freud ja auch diverse andere Personengruppen als Täter benannt habe.

Das ist – für einen früheren Zeitpunkt betrachtet – richtig. Freud berichtet seinem Freund Fließ von einem Vortrag (Titel: „Zur Ätiologie der Hysterie“, abgedruckt z.B. in Masson, 1995), den er am 21.04.1896 beim Verein für Psychiatrie und Neurologie gehalten hat, ca. 1,5 Jahre vor seinem Widerruf. (In demselben Brief lässt er sich übrigens – wie oben zitiert – über Emma Ecksteins Blutungsproblem aus: „dass ihre Blutungen hysterische waren, aus Sehnsucht erfolgt sind, wahrscheinlich zu Sexualterminen“.) Freud erklärt, dass er sämtliche hysterischen“ (= psychosomatischen) Symptome allein auf sexuelle Kindheits-Erfahrungen zurückführt (a.a.O., 56): „Ich stelle also die Behauptung auf, zugrunde jedes Falles von Hysterie befinden sich … ein oder mehrere Erlebnisse von vorzeitiger sexueller Erfahrung, die der frühesten Jugend angehören.“ Freud benennt dabei einen breiteren Täterkreis (a.a.O., 61): fremde Erwachsene, Gouvernanten, Lehrer, aber auch nahe Verwandte. Diese Ereignisse fielen in den Zeitraum des 2.-8. Lebensjahrs (= die Zeit nach dem 1. und vor dem 8. Geburtstag). Im April 1896 vertritt Freud also noch eine etwas differenziertere Sicht, wenn er unterschiedliche Tätergruppen in Betracht zieht. Bereits dieser Ansatz mit dem breiteren Täter-Spektrum muss m.E. trotzdem als zu einseitig angesehen werden. Diese damalige (mangelhafte) Hypothese wird dann innerhalb weniger Monate, bis zum Ende des Jahres 1896, zu einer geradezu wahnhaft anmutenden Väter-Vergewaltigungs-Theorie zugespitzt. Freud hat sich zunehmend in den Gedanken hineinsteigert, dass einzig und allein eine aus dem Bewusstsein verdrängte Vergewaltigung durch den Vater im Alter von 1-7 Jahren zu „Hysterie“ führt (8).

Dieser Punkt ist zentral für ein angemessenes Verständnis der Dynamik von Freuds theoretischen Umbruch: Offenbar waren Freud und Fließ in einer extremen Ablehnung ihrer eigenen Väter verhaftet. Sie mögen bestrebt gewesen sein, sehr klar umrissene Ursache für die rätselhaften „hysterischen“ Symptome angeben zu können. Fließ hat an anderer Stelle Spekulationen angestellt, die wohl nur noch wahnhaft zu nennen sind, z.B. über Zusammenhänge von Nasenschwellungen mit sexuellen Störungen oder über feste Perioden bei Frauen und Männern und deren Zusammenhang mit besonderen Lebensereignissen. Womöglich hat der regelmäßige Kokainkonsum von Freud (und Fließ?) das Austüfteln von aufsehenerregenden und (vermeintlich) besonders genialen Ideen zusätzlich beflügelt. Freud schraubt sich immer mehr in diese irrsinnige Idee hinein, schließt sogar allein aufgrund der „hysterischen“ Symptome seiner Geschwister (die er sich auch mehrfach selbst bescheinigt) am 11.02.1897 auf die theoretisch behauptete Ursache zurück – also ohne, dass er selbst entsprechende Erinnerungsspuren bei sich entdeckt hätte: „Leider ist mein eigener Vater einer von den Perversen gewesen und hat die Hysterie meines Bruders … und einiger jüngerer Schwestern verschuldet. Die Häufigkeit dieses Verhältnisses macht mich oft bedenklich“ (9). Schon hier merkt man ihm erste Zweifel an. Aber es dauert noch einige Monate, bis auch Freud im September 1897 von dieser Auffassung Abstand nimmt. Er offenbart in seinem September-Brief noch einmal ausdrücklich, worin sein Denken in den letzten Monaten bestanden hatte: „dass in sämtlichen Fällen der Vater als pervers beschuldigt werden musste“. Und in dieser schier aussichtslosen Situation, in der er sich so völlig verrannt hatte, fällt ihm ein genialer Ausweg ein: „Ja, hysterische (= psychosomatische) Symptome entstehen nur dann, wenn dem Kind sexuelle Szenen mit einem Elternteil aus dem Alter von 1-7 Jahren durch den Kopf schwirren, diese Szenen jedoch verdrängt sind. Nein, in zwei Kleinigkeiten habe ich mich zuvor geirrt: Diese Szenen haben sich nicht nur auf den Vater, sondern auch auf die Mutter bezogen, und sie haben nicht in der Realität stattgefunden, sondern nur in der perversen Wunsch-Phantasie des Kindes.“

Die Frage des Alters ist für Freud übrigens von entscheidender Bedeutung. Er berichtet 1896, dass die ihm geschilderten Erfahrungen von sexualisierten Übergriffen „weiter zurückreichen, ins dritte, vierte, selbst ins zweite Lebensjahr“ (Masson, 1995, 65). Er scheint dabei ein irgendwie physiologisch gesteuertes Modell im Kopf zu haben: Das achte Lebensjahr (= die Zeit zwischen 7. und 8. Geburtstag), die „Lebensperiode, in welcher der Wachstumsschub der zweiten Dentition [Durchbruch der bleibenden Zähne; K.S.] erfolgt“, bilde „für die Hysterie eine Grenze [...], von welcher an ihre Verursachung unmöglich wird. Wer nicht frühere Sexualerlebnisse hat, kann von da an nicht mehr zur Hysterie disponiert werden.“ Wird sexualisierte Gewalt also erstmals ab dem Alter von acht Jahren erlebt, reagiert man – nach Freud – darauf nicht mehr mit „hysterischen“ (= psychosomatischen) Symptomen. Liegen „hysterische“ Symptome vor, sind sie auf frühere Erlebnisse zurückzuführen.

Im Wissen um diesen Aspekt fällt einmal mehr die Ungenauigkeit in der Darstellung der vier Autoren auf: In Ergänzung zu einem Verweis auf den Begriff „Vaterätiologie“ heißt es: „womit er, wie er im Brief vom 28. Januar 1897 (ibid., 251) an Fließ schreibt, die Verführung durch den Vater (im Alter zwischen acht und zwölf Jahren) [Hervorhebung K.S.] als Ursache für die hysterische Erkrankung von Mädchen meint.“ Abgesehen davon, dass der Brief vom 28. April 1897 datiert und die entsprechende Passage auf Seite 252 erscheint, ist auch in diesem Brief erkennbar, dass Freud hier noch weiterhin fixiert ist auf seine Altersgrenze vom 8. Geburtstag, vor dem die hysterieauslösenden Ereignisse stattgefunden haben müssen. Es heißt in Freuds Brief vom 28.04.1897 in Bezug auf eine – offenbar „hysterische“ – Patientin: „Und nun kommt heraus, dass der angeblich sonst edle und achtenswerte Vater sie von 8-12 Jahren regelmäßig ins Bett genommen und äußerlich gebraucht [hat] („naß gemacht“, nächtliche Besuche). Sie empfand dabei bereits Angst. … Natürlich konnte sie es nicht unglaublich finden, als ich ihr sagte, dass im frühesten Kindesalter [Hervorhebung K.S.] ähnliche und ärgere Dinge vorgefallen sein müssen. Es ist sonst eine ganz gemeine Hysterie mit gewöhnlichen Symptomen.“ Die Patientin schildert Erinnerungen aus dem Zeitraum von 8-12 Jahren. Aber für Freud ist diese Auskunft nicht passend! Nach seiner Theorie – s.o. – muss ja zum Auslösen einer Hysterie der entsprechende sexualisierte Übergriff vor der Altersgrenze vom 8. Geburtstag stattgefunden haben! Deshalb suggeriert er ihr, „dass im frühesten Kindesalter ähnliche und ärgere Dinge vorgefallen sein müssen“. Also: Freud meint mit „Vaterätiologie“ die Verursachung „hysterischer“ Symptome durch sexualisierte Gewalt (nicht: „Verführung“) von Seiten des Vaters im Alter zwischen 1-7 Jahren, und zwar nicht nur in Bezug auf „Mädchen“, wie die Autoren glauben, sondern offensichtlich auch in Bezug auf Jungen. Freud benennt ja an erster Stelle seinen einzigen Bruder als angebliches Opfer des Vaters. Und da er sich damals selbst mehrfach als „hysterisch“ diagnostiziert, muss er auch sich selbst zu diesen Opfern zählen, da ja „in sämtlichen Fällen der Vater als pervers beschuldigt werden musste“.

Die Autoren verweisen noch auf etliche Textstellen, in denen Freud – entgegen seiner theoretischen Position von der zentralen Bedeutung der Phantasie – eingesteht, dass auch die Erfahrung von realer sexualisierter Gewalt ein bestimmendes Moment bei der Entwicklung einer psychischen Störung sein könne. Dies nehmen sie als Beleg, dass Freud bloß den Anspruch auf allgemeine Gültigkeit der „Verführungstheorie“ aufgegeben habe. Eine solche Auffassung steht jedoch im Widerspruch zu der harschen Kritik, die Freud an anderer Stelle an denjenigen übt, die ernsthaft die Erfahrung von (sexualisierter) Gewalt als unmittelbare Auslöser seelischer Störungen sehen wollen. Auch das oben ausführlich dargestellte „Bruchstück einer Hysterieanalyse“, an dessen Thesen Freud praktisch sein ganzes Leben lang festhält, steht einer solchen Auffassung diametral entgegen. Es verschleiert also die Wirklichkeit, wenn die Autoren behaupten, Freud habe selbstverständlich die Bedeutung von (sexualisierter) Gewalt für die Entwicklung seelischer Störungen anerkannt und berücksichtigt.

Wenn man nun einerseits Freuds Positionen kennt, wie er in einzelnen theoretischen Abhandlungen oder Fallstudien allein irgendwelche herbeigeredeten perversen Kinderphantasien als Auslöser für psychische Störungen benennt, dann andererseits feststellt, dass er an anderer Stelle auch die Bedeutung der Erfahrung sexualisierter Gewalt bei der Entwicklung von Störungen einräumt, dann könnte man ja nun denken, Freud habe – unbewusst – aus einer Persönlichkeitsspaltung heraus gehandelt und er habe deshalb mal das eine, und mal das Gegenteil davon behauptet. Mein Eindruck ist jedoch, dass Freud sehr bewusst – wann immer er mit Kritik konfrontiert ist, die er nicht unmittelbar zurückweisen kann – die Argumente von Gegnern halbherzig aufgreift, sogar behauptet, dies oder jenes selbst schon gesagt und berücksichtigt zu haben. Den entsprechenden Argumentationsstrang verfolgt er jedoch nicht, sondern er lässt ihn im Sande verlaufen. Freud erkennt bisweilen die Wirkung von z.B. „Verführung“ offiziell an, kommt aber am Ende seiner Analysen immer auf die (in seinen Augen) „perversen“ Impulse der Kinder zurück – zu Inzest, Homosexualität, Selbstbefriedigung o.ä – als zentralste Momente bei der Auslösung psychischer bzw. psychosomatischer Störungen. Freuds Pseudo-Argumentation soll ihn gegen jede Kritik immunisieren. Unbeirrt will er an eigenen Dogmen festhalten, dabei sein Publikum – wohl mit Bedacht – verwirren, um ihm leichter den Unsinn, den er sich ausgedacht hat, suggerieren zu können.

Kapitel 3 - Die Erfindung des Ödipuskomplexes

Kapitel 3 beginnt mit dem Satz (25): „Die allgemeine Bedeutung der manifesten Verführung in der Ätiologie der Neurosen wurde durch die Bedeutsamkeit und Allgemeinheit des Ödipuskomplexes ersetzt.

Dieser eine Satz fordert im Grunde schon wieder zu einem eingehenden Widerspruch auf: Zum einen ist es m.E. eine Zumutung für Betroffenen von sexualisierter Gewalt, dass solche Verbrechen mit „Verführung“ verharmlost werden. Zum anderen wird von Freud selbst die als „Verführung“ verharmloste sexualisierte Gewalt keineswegs allgemein für die Entstehung von „Neurosen“ verantwortlich gemacht.

Zwar führt Freud auch andere Neurosen, wie z.B. die „Angstneurose“, die „Neurasthenie“ (= „Depression“) oder die „Zwangsneurose“ durchaus auf sexuelle Hintergründe zurück (Freud, 1898/1952, 491): „Durch eingehende Untersuchungen bin ich in den letzten Jahren zur Erkenntnis gelangt, dass Momente aus dem Sexualleben die nächsten und praktisch bedeutsamsten Ursachen eines jeden Falles von neurotischer Erkrankung darstellen.“ Aber sein Modell ist dabei, wenngleich äußerst simpel, so doch durchaus abwechslungsreich. Depression sei bedingt (bei Männern und Frauen) durch Selbstbefriedigung oder (bei Männern) durch nächtlichen Samenerguss (ebd., 497). Eine Angststörung sei bedingt durch „Coitus interruptus“ (ebd., 498) oder durch „Coitus reservatus“ (Freud, 1895/1952, 326). „Zwangsvorstellungen sind jedes Mal verwandelte, aus der Verdrängung wiederkehrende Vorwürfe, die sich immer auf eine sexuelle, mit Lust ausgeführte Aktion der Kinderzeit beziehen“ (Freud, 1896/1952, 386). An anderer Stelle konkretisiert er die „Aktion der Kinderzeit“ als Geschwisterinzest. Selbst das Benützen eines Kondoms scheint nach Freud Neurosen zu fördern, wie er Wilhelm Fließ am 8. Februar 1893 offenbart, und es werde „von stark [zur Neurasthenie; K.S.] Disponierten oder fortdauernd Neurasthenischen […] bereits der normale Koitus nicht vertragen“ (Masson, 1986, 29 f). Also führt Sex in praktisch jeder Form – nach Freud – zu allgemeinem neurotischem Geschehen. Folgerichtig gibt er am 01. Juni 1910 in einer Debatte der Mittwoch-Gesellschaft zum Besten (Nunberg u.a., 1977, 519): Sexualität gehöre „zu den gefährlichsten Betätigungen des Individuums“.

Die „Hysterie“ war dabei für Freud sicherlich die wichtigste Neurose, weil er sie sich auch selbst wiederholt bescheinigt, z.B. am 14. August 1897 (Masson, 1986, 281) oder am 3. Oktober 1897 (ebd., 289). In diesem Zusammenhang schreibt Freud (ebd., 281): „Der Hauptpatient, der mich beschäftigt, bin ich selbst.“ Daher also sein leidenschaftliches Umkreisen der Thematik. In Bezug auf die „Ätiologie der Neurosen“ lässt sich diese also nicht auf „manifeste Verführung“ allein reduzieren – anders, als die vier Autoren behaupten. Beschränkt man sich jedoch auf die „Hysterie“, dann wird die Behauptung mit der „manifesten Verführung“ richtig, und ebenso, dass an dieser Stelle Freuds „Ödipuskomplex“ ab dem Umbruch von 1897 tatsächlich zu einer besonderen „Bedeutsamkeit und Allgemeinheit“ gelangt. Es heißt nun, dass jeder Junge aus sich selbst heraus die Verliebtheit in die Mutter und die Eifersucht gegen den Vater“ empfindet, woraus sich dann entsprechende („hysterische“) Störungen ergeben. Freud hatte geglaubt, dies bei sich selbst beobachtet zu haben.

An diversen Textstellen lasse Freud dabei durchklingen, dass es die Eltern seien, die mit ihrer besonderen Einstellung zu den gegengeschlechtlichen Kindern in der Entwicklung des „Ödipuskomplexes“ gestaltend eingreifen. So scheint es den Autoren „naheliegend, dass der Ödipuskomplex der Kinder aus einer unbewussten Inszenierung der Eltern erwächst“ (28). Dabei bleibe bei Freud jedoch – für die Autoren unverständlich – das „elterliche Unbewusste ausgeblendet“ (29). Freud verstehe vielmehr den ganzen Komplex als Erbteil der Phylogenese (der Entwicklungsgeschichte der Menschheit), der im Kind von Natur aus angelegt sei und durch elterliches Verhalten höchstens leicht angestoßen werde.

Es liegt zweifellos ein sinnvoller Ansatz darin zu sagen, dass es an zentraler Stelle i.d.R. jeweils Erwachsene sind, die bei Kindern problematische Verhaltensmuster und Einstellungen prägen und beeinflussen. Aber es ist noch zu zeigen, wie die Autoren diesen vernünftigen Grundansatz wieder im (unvernünftigen) Freudschen Sinne zurechtbiegen.

Kapitel 4 - „Der Mythos von der Urhorde

Kapitel 4 beschreibt Freuds Vorstellung (1933) von der Entwicklungsgeschichte der Menschheit: In Urzeiten hätten die Väter in der Urhorde ihre Söhne regelmäßig kastriert, so dass sich daraus bei den Söhnen die Angst vor Kastration entwickelt habe. Freud behauptet, „das Verhalten des neurotischen Kindes zu seinen Eltern im Ödipus- und Kastrationskomplex“ sei nur zu verstehen, wenn man es „phylogenetisch, durch die Beziehung auf das Erleben früherer Geschlechter“ begreift (1939). Wenn nun also nach Freuds Auffassung dieser sog. „Ödipus- und Kastrationskomplex“ quasi zu einem menschheitsgeschichtlich verankerten Verhaltens-Repertoire gehört, dann ist – so die Autoren – eigentlich nicht plausibel, dass entsprechende Verhaltensmuster durch bestimmte Erfahrungen ausgelöst würden. Genau dies behauptet Freud jedoch an anderer Stelle: Allein der Anblick eines penislosen Mädchens sei ausreichend, um bei den Jungs eine tiefe Furcht vor Kastration auszulösen. Und in einem Protokoll eines Mittwochstreffens von 1911 meint er, dass man als phylogenetische Erinnerung nur auffassen könne, was nach einer [Psycho-]Analyse der psychischen Phänomene übrigbleibe. Wieder einmal das Problem, dass Freud sowohl das eine, als auch das andere sagt. Im Zweifelsfall wirken eben beide Prozesse zusammen – sowohl das phylogenetisch vererbte Repertoire, also auch die situativ angestoßene Verarbeitung.

Die Autoren halten den zweiten Aspekt für den Wesentlicheren und meinen wohl, dass Freud an dieser Stelle etwas schlampig gewesen sei. Er habe unterlassen, „den Einfluss des elterlichen Unbewussten auf das ungerechtfertigt scheinende kindliche Verhalten auszuschließen“ (32). Dieses Manko in der Freudschen Analyse, sein Bemühen, das angeblich Phänomen „Ödipuskomplex“ in seiner Allgemeingültigkeit zu stärken, habe ihn gedrängt, den phylogenetischen Aspekt dieses Komplexes zu betonen. Jedoch – so die Autoren – habe es bereits zu Freuds Zeit Publikationen gegeben, die die Allgemeingültigkeit des Ödipuskomplexes in Frage gestellt hätten, „und Freud war mit den Autoren und wahrscheinlich auch mit deren Arbeiten vertraut.“ Soll wohl heißen: Vermutlich hat Freud seine These selbst nicht so ernst genommen.

Nun folgt eine etwas verschraubte Überlegung: Die Reduktion des elterlichen Anteils am Ödipuskomplex ihrer Kinder – der ja (nach Freud) vor allem phylogenetisch verankert sei – auf einen bloßen Anstoß durch sie, würde voraussetzen, dass man das Unbewusste der Eltern aus ihrem Umgang mit dem Kind ausblenden könne, und dies wiederum wäre nur vorstellbar, wenn Eltern ihren eigenen Ödipuskomplex so bewältigen könnten, dass er aus ihrem Seelenleben verschwunden wäre. Freud habe eine solche Möglichkeit zwar prinzipiell vorgesehen (heißt: nach Freud habe der „Ödipuskomplex“ „untergehen“ können), aber er habe diese Frage nicht geprüft. Warum auch immer dies in einer für Normalsterbliche nicht nachvollziehbaren Pseudo-Logik ein Problem sein sollte, die Fragestellung dient auf jeden Fall den Autoren als Überleitung zum nächsten Kapitel.

Kapitel 5 - „Der Untergang des Ödipuskomplexes“ (10)

In Kapitel 5 wird nun der Frage nachgegangen, ob ein „Ödipuskomplex“ denn überhaupt „untergehen“ könne. Die Autoren nennen drei von Freud (1924) aufgezeigte Möglichkeiten:

1.) Er müsse gemäß des genetischen Programms untergehen, „wie die Milchzähne ausfallen“.

2.) Er würde aufgrund der schmerzhaften Enttäuschung, an seinem Misserfolg zugrunde gehen.

3.) Er würde sich unter dem Schock der Kastrationsdrohung auflösen.

Also: Dass der kleine Junge irgendwann von dem Wunsch Abstand nimmt, mit der Mama Sex haben und deshalb den Papa aus dem Weg räumen zu wollen, liegt daran, dass dieses Problem sich mit zunehmendem Alter automatisch erledigt (wie das Ausfallen der Milchzähne), dass daran aber auch die Frustration über das Misslingen entsprechender Impulse seinen Anteil hat, ebenso wie auch die universelle Kastrationsdrohung von Vätern gegenüber ihren Söhnen.

Zu allen drei Punkten konstatieren die Autoren einmal mehr, dass Freud hier mit seinen eigenen Aussagen an anderen Stellen in Widerspruch steht. Und anstatt hieraus zu erkennen, dass sich Freud als wahlloser Schwätzer erweist, der mal dies und mal jenes behauptet, Hauptsache, dass er alles schon einmal gesagt hat, verfolgen die Autoren konsequent – auch an dieser Stelle – ihre alte Spur und betonen, was eben bislang nicht so sehr im Vordergrund der Rezeption seiner Ideen gestanden habe (37): „Dass der Ödipuskomplex untergeht, ist unseres Erachtens im Rahmen der Freudschen Begrifflichkeit nicht schlüssig zu begründen.“ [Was ja nicht erstaunen muss, weil Freuds Begrifflichkeit an vielen Stellen logische Brüche und Inkonsistenzen aufweist.]

Wenn aber nun der „Ödipuskomplex“ gar nicht von selbst untergehen kann – wohl selbst nicht mit einer vielhundertstündigen Psychoanalyse! –, wie kommt es dann, dass daraus für die Betroffenen keine andauernde Symptomneurose entsteht – wie es ja die Theorie der Psychoanalyse fordert? Nun, auch hierzu hat Freud bereits seine Ideen beigesteuert: Es kann ja zu einer Sublimierung kommen, zu einer „ich- und gesellschaftssyntonen Ersatzbildung“, so die Autoren. Eine dieser Ersatzbildungen sei z.B. die Entwicklung religiöser Ideen. Und ihr zusätzlicher Vorschlag (38): „die [unverwüstliche, nicht-untergehbare; K.S.] elterliche ödipale Problematik [kann] auch Eingang finden in die gesellschaftlich approbierten Verkehrsformen der Kinderpflege und -erziehung.

Ödipus konnte von sich aus eigentlich gar keinen „Ödipuskomplex“ haben: In der Zeit, in der er seine inzestuösen bzw. mörderischen Impulse auf seine Eltern hätte richten sollen (2. – 8. Lebensjahr), waren die Eltern gar nicht in seiner Nähe. Aber er soll zumindest Eltern gehabt haben, die ihren eigenen „Ödipuskomplex“ nicht loszuwerden vermochten und diesen auf ihn – durch ihr Erziehungsverhalten – übertragen haben. (Ihren „Ödipuskomplex“ müssen die Eltern wiederum von den Großeltern, und diese von den Urgroßeltern u.s.w. – wohl bis zurück zu Adam und Eva – vermittelt bekommen haben.) Während die Autoren also nicht mehr davon ausgehen wollen, dass ein Kind automatisch seinen „Ödipuskomplex“ entwickelt, gehen sie sehr wohl davon aus, dass auf jeden Fall die Eltern, Großeltern, Urgroßeltern und – am Ende dieser Generationenkette – Adam und Eva ihren „Ödipuskomplex“ automatisch erworben, den jeweiligen Komplex dann in ihrem Erziehungsverhalten sublimiert und so an ihre Sprösslinge weitergegeben haben. (Vielleicht sollte man diese Problematik dann korrekter „Adam-und-Eva-Komplex“ benennen?)

Im folgenden Kapitel wollen die Autoren aus der Mythologie heraus bei Laios und Iokaste „ödipale“ Eigenschaften nachweisen. Noch bevor diese – ganz neuen! – Überlegungen zu Ende gedacht sind, lassen sie das Papier, auf das sie gedruckt werden, zur Makulatur werden: Egal, welche bizarren Eigenschaften die Autoren den leiblichen Eltern von Ödipus – Vater Laios und Mutter Iokaste – auch andichten wollen, fest steht von vornherein, dass sie jedenfalls niemals Ödipus selbst in der kritischen Zeit, dem Alter von 1-7 Jahren, mit ihren im Erziehungsverhalten sublimierten Komplexen konfrontiert haben konnten, weil sie – nachgewiesener Maßen – über die ersten drei Lebenstage hinaus für lange Jahre keinerlei Umgang mit ihrem Sohnemann hatten, der bis ins Alter eines jungen Mannes hinein bei seinen Adoptiveltern bestens untergebracht war.

Der Mangel an Logik in diesem Punkt stört die Autoren nicht im Mindesten.

Kapitel 6 - „Ödipusmythen

Hier möchte ich noch eine Bemerkung voranstellen: Im Prinzip ist es sicherlich richtig, dass ein Mythos in verschiedenen Facetten erzählt werden kann, und dass sich darin Aspekte spiegeln können, die zum Gesamtbild passen. Dies habe ich z.B. anhand des Mythos von Narziss zu zeigen versucht (Schlagmann, 2008). Im Fall des Narzissmus hat zumindest Otto Rank auch schon in der Zeit der Entstehung des Begriffes z.B. auf eine breitere Darlegung des Mythos zurückgegriffen. (Im Gegensatz dazu hatte Freud an keiner Stelle irgendeinen Bezug zu dieser Geschichte hergestellt.) In Bezug auf den Ödipuskomplex bezieht sich Freud jedoch deutlich auf das Theaterstück „König Ödipus“ von Sophokles. Die Konstruktion der vier Autoren gerät hier ziemlich beliebig – quasi nach dem Motto: Wir sehen mal, was wir gerne in den Mythos hineinpacken würden, konstruieren uns entsprechende Belege und geben es als einen Beitrag zur Aufklärung aus!

Unbefangen werden nun in Kapitel 6 zahlreiche Charakterisierungen des Verhaltens von Laios und Iokaste angesammelt und erfunden, die die Thesen der Autoren bestätigen sollen. Einige seien aufgegriffen.

1.) „Devereux weist auf verschiedene griechische Quellen hin, aus denen hervorgeht, dass ...“ (39) – und nun folgen etliche Schauergeschichten, an erster Stelle gleich: „..., dass Iokaste Laios, der aufgrund des Orakels keine Kinder haben wollte, erst betrunken machen musste, um ihn mit ihrer Sinnlichkeit verführen zu können“. Bei Devereux (1953, 134) allerdings findet sich lediglich: „Jedoch, bei einer bestimmten Gelegenheit, als Laios entweder betrunken war oder aus anderen Gründen unfähig, Iokastes Verführungskünsten zu widerstehen, unterlag er der Versuchung und zeugte wissend einen Sohn, obwohl er wusste, welche üble Folgen für ihn die Geburt eines Sohnes nach sich ziehen würde.“ Ein Beleg für die Unbefangenheit der Autoren, ihre eigenen Phantasien in die Texte anderer Leute hineinzudichten.

Ein Blick in die antiken Texte, z.B. Aischylos (1938, 312, „Sieben gegen Theben“; vgl. Schlagmann, 2005, 82) oder Euripides (1963, 221, „Die Phönikerinnen“; vgl. Schlagmann, 2005, 86) lässt erkennen, dass es von Laios selbst ausgeht, sich Mut anzutrinken, bevor er ans Kinderzeugen geht.

2.) Iokaste sei beim Kampf zwischen Ödipus und Laios anwesend gewesen, habe dabei den ihr fremden Ödipus favorisiert, schon kurz nach dem tödlichen Sieg des Ödipus über ihren Gatten Laios Sex mit ihm gehabt. Wieder wird Devereux als Gewährsmann für solches Geschehen genannt, ohne Verweis auf irgendwelche Originalquellen (11).

Durchaus eine reizvolle Vorstellung: Iokaste beobachtet von einem Logenplatz aus, wie zwei Kerle sich um ihretwillen die Köpfe einzuschlagen trachten, und sie belohnt denjenigen, der ihren langjährigen Gatten gerade zur Hölle geschickt hat, unmittelbar mit einer heißen Liebesnacht. Eine solche Version kann zwar wohl mit dem mutterrechtlichen Hintergrund des Mythos in Beziehung gesetzt werden, eine solche Geschichte hat jedoch mit dem „König Ödipus“ des Sophokles nichts zu tun.

3.) Laios wird als Erfinder der „Knabenliebe“ gehandelt, der sich in Chrysippos, den Sohn des Pelops, verliebt habe. Laios habe diesen Knaben entführt und vergewaltigt.

Ja, Laios wird als Erfinder der „Knabenliebe“ genannt. „Knabenliebe“ war dabei im antiken Griechenland letztlich eine Frage der kriegerischen Sozialisation, fester Bestandteil eines Initiations-Rituals für junge Männer, bei dem eine „Entführung“ des Knaben zur kodifizierten Inszenierung gehörte (Patzer, 1982; Bleibtreu-Ehrenberg, 1997; vgl. Schlagmann, 2005, 121 ff). „Vergewaltigung“ passt deshalb nicht so recht in den Kontext dieser antiken Geschichte.

4.) „Ausgangspunkt des König Ödipus von Sophokles ist der Spruch des Orakels von Delphi, der Laios voraussagt, dass er von seinem Sohn getötet und von ihm bei seiner Ehefrau ersetzt werden wird.Diese Prophezeiung wird in einigen Mythen Pelops zugeschrieben ...“ Als Gewährsleute werden hier u.a. Devereux und Kerényi genannt.

Hier offenbart sich erneut markant die Ungenauigkeit der Autoren im Umgang mit den antiken Quellen. Als „Ausgangspunkt“ des Mythos mag man eine wie auch immer geartete Prophezeiung gelten lassen. Als „Ausgangspunkt“ des Stückes „König Ödipus“ von Sophokles ist jedoch – wie oben geschildert – das Wüten der Pest in Theben zu sehen. Ödipus hat hier das Orakel von Delphi um Rat fragen lassen, was zu tun ist, um der Seuche Einhalt zu gebieten. Der Spruch des Orakels lautet: Der Tod des Vorgängers von Ödipus müsse gesühnt werden. Dieses Gebot setzt die mit Präzision, Konsequenz, Selbstlosigkeit und Wahrheitsliebe geführten Recherchen des Ödipus in Gang, durch die am Ende die ganzen Zusammenhänge aufgedeckt werden. Ziemlich genau in der Mitte des Stückes (V 711 ff) kommt Iokaste dann auf eine Prophezeiung an Laios zu sprechen, die von „Dienern“ Apollos ergangen sei, wonach Laios durch seinen Sohn sterben würde. Dass auch prophezeit worden sei, Laios werde von seinem Sohn „bei seiner Ehefrau ersetzt werden“, ist freie Erfindung der Autoren. (Ödipus selbst berichtet im Stück kurz darauf von folgender Doppel-Prophezeiung, die ihm selbst – Jahre später – in Delphi in Bezug auf sein Schicksal erteilt wurde: Er werde seinen Vater töten und seine Mutter heiraten.) Bei Kerényi (1960/1998, 77) heißt es: „Der Fluch des Pelops begleitete den Knabenräuber [Laios; K.S.]: nie dürfe er einen Sohn zeugen, oder, wenn er es dennoch tun sollte, durch den Sohn sollte er getötet werden. … Atreus und Thyestes, die älteren Brüder [des Chrysippos; K.S.], haben den Räuber eingeholt und ihn mit dem Knaben zurückgebracht. Da erbarmte sich Pelops der Liebe des Laios zu Chrysippos.“ Also auch bei Kerényi, wie im Text des Sophokles, gibt es keine Prophezeiung an Laios, dass sein Platz an der Seite seiner Ehefrau von seinem Sohn eingenommen würde. Kerényi skizziert dabei die Rolle des Pelops recht unterschiedlich – er verflucht den Laios zunächst, erbarmt sich dann jedoch der Liebe des Laios zu Chrysippos.

Devereux kommt zwar tatsächlich zweimal auf eine solche Doppel-Prophezeiung an Laios zu sprechen (1953, 133, 138), aber er gibt hierzu keinerlei konkrete Quelle an, ist vermutlich einfach nur unpräzise in der Wiedergabe von Textinhalten.

5.) Das Durchbohren von Ödipus' Knöcheln mit einem Nagel und der Schwertkampf des Ödipus mit Laios sei eine symbolische Darstellung eines homosexuellen Aktes. Das Durchbohren der Knöchel wie auch die Veranlassung der Aussetzung seien auch als „kastrierende Tendenz des Vaters“ (45) zu verstehen.

Zum einen ist es heute nicht mehr so originell und aufregend, beim Hantieren mit spitzen, langen Gegenständen wie Schwertern oder Nägeln immer nur an eines zu denken. Zum anderen ist – wie schon gesagt – nach Sophokles jedenfalls nicht Vater Laios für die Aussetzung zuständig, mithin kann ihm hieraus keine „kastrierende Tendenz“ abgeleitet werden. Schließlich ist es auch ziemlich unplausibel zu erzählen, dem Ödipus seien die „Knöchel“ durchstochen worden – und der Säugling habe solch eine massive Verletzung überlebt, sei später sogar noch – mit auf wunderbare Weise geheilten Fußgelenken – von Korinth über Delphi nach Theben gewandert. Gemeint war vermutlich, dass – wie zum Transport einer Jagdbeute – die Stelle an der Ferse zwischen Knochen und Achillessehne durchstochen worden sei, eine Verletzung, deren rituelle Bedeutung z.B. von Borkenau (1957) erläutert wird (12): In dieser Art und Weise seien ursprünglich die Heiligen Könige zum Zweck ihrer rituellen Opferung an einem Wagen festgebunden worden, von dem sie dann zu Tode geschleift worden seien – in Analogie zur Sonne und dem Sonnenwagen. (Ödipus repräsentiert dabei ein später übliches kindliches Ersatzopfer, das durch die entsprechende Verletzung symbolisch als Stellvertreter des Königs markiert worden ist; vgl. Schlagmann, 2005, 154 ff.)

6.) Ein Bericht, wonach Ödipus dem Laios nach dessen Tod Schwert und Gürtel abnimmt, symbolisiere – in Analogie zur rituellen Entfernung des Gürtels, wenn der Mann im alten Griechenland mit seiner Frau Sex haben wollte – die Feminisierung/Kastration des Laios durch Ödipus, und unterstreiche damit den „homosexuellen Hintergrund der ödipalen Dreiecksgeschichte“ (40).

Logische Folge dieser zwanghaften (Homo-)Sexualisierung jeder Handlung wäre dann, dass Ödipus nicht nur homosexuell, sondern auch noch nekrophil gewesen sein müsste. (Was für ein Schwein!)

7.) Chrysippos sei im Grunde das „alter ego“ von Ödipus, also quasi mit ihm gleichzusetzen. Er sei der illegitime Sohn des Pelops, gezeugt mit einer Nymphe. Analog sei Ödipus ja kein legitimer Sohn des Polybos sei, sondern nur sein Adoptivsohn.

Ein beliebtes psychoanalytisches Spiel, das eine für etwas anderes stehen zu lassen: Ein „Nein“ bedeute ein „Ja“, ein besonders schönes Gangbild meine eigentlich eine körperliche Geh-Behinderung (vgl. Schlagmann, 2012), „Mitleid“ bedeute „Aggression“, „Ödipus“ bedeute „Chrysippos“ oder auch „Teiresias“, „Iokaste“ bedeute die „Sphinx“ bzw. den „kastrierten und feminisierten Laios“ (Devereux) u.s.w. Da ja nach Devereux (1953, 133) sogar Ödipus mit Laios um die Liebe des Chrysippos gestritten habe, ließe sich auch (mein – nicht ganz ernst gemeinter – Vorschlag; K.S.) die Gleichung „Ödipus“ = „Laios“ ableiten. Aus solchen Gleichsetzungen lassen sich dann weitere wahllose Schlussfolgerungen ziehen.

8.) Pelops töte seinen Sohn Chrysippos, so wie Laios versuche, seinen Sohn Ödipus zu töten.

Der Tod des Chrysippos wird in sehr verschiedenen Versionen erzählt: a) Tötung durch seinen Vater Pelops, b) Selbstmord, c) Ermordung durch seine älteren Brüder, Atreus und Thyest, d) Ermordung durch Stiefmutter Hippodameia: Sie rammt das Schwert des Laios in den Leib des Chrysippos; als er – tödlich verletzt – gefunden wird, kann er noch mit letzter Kraft die Täterin benennen (vgl. Schlagmann, 2005, 121 ff). Diese letzte Version wird von Kerényi am ausführlichsten referiert und ich persönlich finde sie am spannendsten. (Warum wird sie von den Autoren verschwiegen?) Interessant an dieser Version ist, dass auch hier eine Mutterfigur für den Tod des (Stief-)Sohnes verantwortlich ist, die ihre Schuld jedoch dem Laios zuschieben will. Auch bei Sophokles behauptet ja Iokaste in der Mitte des Stückes, ihr Gatte Laios habe das Kind in der Wildnis aussetzen lassen. Am Ende des Stückes wird jedoch sie selbst als diejenige identifiziert, die das Kind zum Sterben weggeben lassen wollte.

9.) Ödipus töte Laios, als er dem von Laios geraubten Chrysippos zu Hilfe komme. (Devereux meint sogar, s.o., was die Autoren nicht zitieren, Laios und Ödipus würden in Rivalität um die Gunst des Chrysippos ihren Kampf austragen.)

Als Quelle dieser Story werden Gruppe und Roscher genannt, nicht jedoch die Originale.

10.) Indem Pelops den Tod des Laios durch Sohneshand prophezeie, seien die Ängste des Vaters ausgesprochen vor der Rache des Sohnes für die Gewalt, die der Vater dem Sohn angetan habe. Auch im Fall von Laios sei klar, dass er es sei, der seinen Sohn beseitigen wollte (42). (Es werden auch etliche andere Mythen und Märchen zitiert, in denen Väter ihre Söhne töten bzw. zu töten versuchen: Tantalos-Pelops; Aun-verschiedene Söhne; Jörmurek-Randvew; Sonnenvater-Sternenkinder; Cú Chulainn-Conloach; Abraham-Isaak; Gottvater-Jesus. Im Gegenzug die Gegenwehr der Söhne gegen den Vater: Kronos-Uranos; Zeus-Uranos.)

Der „König Ödipus“ des Sophokles hat in unvergleichlicher Weise die Version des Geschehens bis in die heutige Zeit überliefert. Und genau in dieser Jahrtausende alten Geschichte wurde immer wieder ein zentraler Punkt übersehen, wie oben schon erwähnt: Während Iokaste in der Mitte des Stückes behauptet, ihr Gatte Laios habe das Kind in der Wildnis aussetzen lassen, wird sie am Ende des Stückes selbst als diejenige identifiziert, die das Kind zum Sterben weggeben lassen wollte. Der neutrale Zeuge, der sie dabei bezichtigt, ist absolut glaubwürdig. Iokaste selbst, die ihrerseits den Laios beschuldigt hat, erweist sich jedoch das ganze Stück hindurch als eine Person, die die Aufklärung der genauen Zusammenhänge eigentlich verhindern will. Sophokles setzt offensichtlich ganz bewusst in Szene, was ich „die Lüge der Iokaste“ nenne (vgl. Schlagmann, 1997 a, 2005). Es ist bis heute allerdings weit verbreitet, selbst in umfangreichen Fachkommentaren, die Lüge der Iokaste für bare Münze zu nehmen. Somit wird immer wieder fälschlich behauptet, dass es Laios gewesen sei, der die Absicht hatte, Ödipus töten zu lassen. Diese traditionelle Sicht findet sich also auch bei den vier Autoren. Sopohokles hat in seinem wunderbaren Stück jedoch eine überraschend andere Darstellung gegeben.

11.) „Laios wird als Kind von Amphion und Zethus, den Zwillingssöhnen Antiopes, ebenfalls ausgesetzt und aus Theben vertrieben, kehrt später zurück und gewinnt den Königsthron nach deren Tod zurück (Devereux, 1953; Ross, 1982).“ Das, was mit ihm selbst gemacht wurde, mache er mit seinem eigenen Sohn. Deutung: Der Vater rivalisiere mit dem Sohn um die Mutter, wolle den Rivalen ausschalten. (Vom Vater gehe also die Aggression aus.)

Nach Devereux (1953, 133) bzw. Kerényi (1968, 77 unter Bezug auf Apollodor III, 40) war Laios ein Jahr alt, als sein Vater Labdakos starb. In dieser Zeit bemächtigte sich Lykos des Thrones. Dieser wiederum gab danach seine Nichte Antiope in Sklaverei, als diese gerade von Zeus schwanger war, und zwar mit ihren Zwillingen Amphion und Zethus. Mithin sind Antiopes Söhne mindestens ein Jahr jünger als Laios. Sie können ihn also schlecht als Kind irgendwo ausgesetzt haben. Als die zwei Brüder später den Laios tatsächlich aus der Herrschaft vertrieben haben, waren alle Beteiligten erwachsen. Da haben die vier Autoren mal wieder eine Textstelle missverstanden.

12.) Iokaste wisse, dass sie ihren Sohn eheliche. Diese Situation symbolisiere die Verführung des Sohnes durch die Mutter. Es werden noch mehrere Geschichten eines Mutter-Sohn-Inzests skizziert, bei denen der Impuls zum Inzest von der Mutter ausging. (Agrippina-Nero, Semiramis-Sohn; Mutter des Periander-Periander; Salchâ-Sohn; drei weitere inzestuöse Mutter-Sohn-Beziehungen.)

Diesen Aspekt kann man nicht deutlich genug hervorheben, in dem sich die antiken Autoren in Bezug auf Iokaste im Grunde einig sind: Z.B. bei Homer, Aischylos und Euripides wird dargestellt, wie es sich auch bei Sophokles herauslesen lässt, dass es Iokaste war, der die Verantwortung für den Mutter-Sohn-Inzest zukommt (vgl. Schlagmann, 2005, 81 ff).

13.) Die Sphinx und Iokaste seien identisch. Zum Rätsel der Sphinx – der Frage nach dem Wesen, das zunächst auf vier, dann auf zwei, schließlich auf drei Beinen daher kommt – dürfen dann natürlich nicht Deutungen fehlen, die im dritten Bein den Penis herauslesen.

Zweifellos symbolisiert das Rätsel der Sphinx die bedeutsame Frage nach dem Ursprung und der Entwicklung des Lebens – auch ohne Gleichsetzung von Krückstock = Penis. Und sicherlich lässt sich die Sphinx mit mutterrechtlichen Gesellschaften assoziieren (vgl. Schlagmann, 2005, 147 f) – auch ohne Gleichsetzung mit Iokaste.

14.) Iokaste habe ein inzestuöses Verhältnis zu ihrem Vater Menoikeus gehabt (53): „Auch hier fordern die Mythen dazu auf, die Gründe für die Verführung der Söhne in der Vergangenheit der Mütter zu suchen. In einer Version ist Iokaste jedenfalls einer inzestuösen Beziehung mit ihrem Vater, Menoikeus, verdächtig (Stewart, 1961).“ (Weitere inzestuöse Vater-Tochter-Beziehungen werden angeführt: Zeus-Persephone; Odin-Yord; Klymenus-Harpalyce; Antiochus Seleucus-Tochter; Asslys Vater-Assly; Theias-Myrrha. Im letzten Fall so beschrieben, dass sich die Tochter darum bemüht, den Vater zu verführen. Als er dies merkt, will er seine Tochter töten.)

Für das angebliche Verhältnis Iokaste-Menoikeus sind mir keine Originalquellen bekannt. Der als Gewährsmann genannte Stewart (1961) schreibt lediglich (429): „Eine weitere Spekulation wäre, dass die Heirat eines solchen Mannes [des homosexuellen Laios; K.S.] in Verbindung stand zu einer inzestuösen Beziehung mit ihrem Vater, Menoikeus – womöglich ist sein Selbstmord eine Bestrafung für seine Verführung von Iokaste.“ Da Stewart im ganzen Text zuvor nichts über diese angebliche inzestuöse Beziehung zwischen Iokaste und Menoikeus sagt, bezieht sich die ausdrücklich als „Spekulation“ etikettierte Überlegung wohl auch auf dieses inzestuöse Verhältnis.

Bei dem angeblichen Selbstmord von Iokastes Vater, Menoikeus, bezieht sich Stewart zwei Seiten zuvor auf Ranke-Graves, der solch einen Selbstmord des Menoikeus schildert, und zwar als Resultat einer Weisung des blinden Sehers Teiresias, dass Menoikeus sich opfern müsse, um Theben vor der Pest zu retten (Ranke-Graves, 1990, Kap. 105, i, 339). Ranke-Graves gibt hierzu keine genaue Quelle an, verweist jedoch im Umfeld dieser Darstellung auf „Apollodors Mythologische Bibliothek“. Hier findet sich (III, 73) die Version, dass sich auf die Weisung des Teiresias ein Menoikeus für Theben opfern soll, um die Stadt zu retten, allerdings nicht vor der Pest, sondern vor der Bedrohung der Stadt durch den Sohn des Ödipus, Polyneikes. Polyneikes wurde von seinem Bruder Eteokles aus Theben vertrieben. Daraufhin hatte er sieben Heere um sich versammelt, um seine Heimatstadt zurückzuerobern (vgl. Aischylos, „Sieben gegen Theben“). Der Menoikeus, um den es hier geht, ist bei Apollodor jedoch nicht der Vater der Iokaste, sondern der Sohn von Iokastes Bruder Kreon, also ein Neffe von Iokaste. Der Menoikeus, der sich umbringt, ist also ein Enkel von Iokastes Vater Menoikeus. Ranke-Graves verwechselt offenbar die beiden Männer aufgrund der Namensgleichheit. Euripides gibt diese Version zum Besten, ca. 500 Jahre vor Apollodor, und zwar in den „Phönikerinnen“ (Euripides, 1963, 265 ff; vgl. Schlagmann, 2005, 96 f). (Hier wird z.B. erzählt, dass Iokaste ihren Neffen Menoikeus als Säugling an ihrer Brust genährt hatte.)

Der Mythensammler Ranke-Graves irrt sich offensichtlich, als er dem Vater der Iokaste einen Selbstmord andichtet. Dieser mutmaßliche Irrtum wird von dem Psychoanalytiker Stewart unhinterfragt für eine Spekulation verwendet, dass der (angebliche) Suizid von Iokastes Vater womöglich etwas mit der Verführung seiner Tochter zu tun habe. Aus diesem luftigen Hirngespinst machen die vier Autoren dann die überlieferte „Version“ eines griechischen Mythos, der ihnen zu belegen scheint, was ihnen in ihr eigentümliches Raster passt: „In einer Version ist Iokaste jedenfalls einer inzestuösen Beziehung mit ihrem Vater, Menoikeus, verdächtig.

Insgesamt bietet Kapitel 6 eine bunte Zusammenstellung des (angeblichen) Erlebens und Verhaltens von Laios und Iokaste, das in Mythologie und Sage (angeblich) aufgegriffen sei. An einigen konkreten Beispielen ist gezeigt, wie willkürlich die vier Autoren Befunde aus der Mythologie für sich reklamieren, die sich nur einem ungenauem Textverständnis und/oder ihrem unkritischen Aufgreifen von Sekundär- oder Tertiär-Quellen verdanken. Das Kapitel endet erst einmal mit der zitierten Auflistung von Beispielen für Vater-Tochter-Inzest.

In diesem Kapitel macht sich ein Grundproblem besonders deutlich bemerkbar, das sich durch das ganze Buch hindurchzieht: Das Stück des Sophokles, auf das Freud sich ausdrücklich bezieht, als er den Begriff des „Ödipuskomplexes“ kreiert, ist ein sehr stringent durchgestaltetes, höchst spannendes und raffiniertes, psychologisch klug beobachtetes Familien-Drama, bei dem aus Bausteinen der griechischen Mythologie eine eigene Geschichte komponiert wird, die – nach meiner Deutung – vor allem als Allegorie auf die damals aktuelle politische Situation Athens von Sophokles geschrieben wurde (vgl. Schlagmann, 2005, 2010). Es kann nun reichlich bizarr geraten, wenn aus allen möglichen Bruchstücken tatsächliche oder vermeintliche weitere Aspekte des Mythos herbeigezerrt und als wertvolle Bereicherung gehandelt werden.

Wenn ich zudem die gesamten in Kapitel 6 genannten Beziehungsaspekte etwas systematisiere und (ganz theoretisch) jeweils die Beziehungen von Müttern und Vätern getrennt zu jeweils Söhnen und Töchtern erfasse unter dem Aspekt von „lieben“ (Sex haben u.ä.) und „hassen“ (umbringen wollen u.ä.), dann fällt bei den vier Autoren in ihrer Beispielsammlung eine gewisse Einseitigkeit auf:

Mutter

 

Sohn

 

Tochter

 

Vater

 

Sohn

 

Tochter

 

lieben

 

 

ja

 

nein

 

 

lieben

 

ja

 

ja

 

hassen

 

 

nein

 

nein

 

 

hassen

 

ja

 

ja

 

Das mütterliche Handeln bleibt deutlich unterbelichtet. Dabei ließen sich z.B. auch für den Hass von Müttern auf ihre Söhne in der griechischen Mythologie etliche Beispiele finden. An erster Stelle bei Iokaste, der allein (jedenfalls bei Sophokles) – entgegen der Sicht der vier Autoren – sehr deutlich der Tötungsversuch an Ödipus anzulasten ist. Auch Medea, Klytemnaistra, Phaedra, Agaue, Kreusa, Hermione, Hippodameia, Aedon und andere (Stief-)Mütter sind für den Tod ihrer (Stief-)Söhne verantwortlich bzw. haben sich darum bemüht. Auch für den Hass von Müttern auf ihre Töchter findet sich das eine oder andere Beispiel, am prominentesten wohl das Verhältnis Klytemnaistra-Elektra. Als Liebe einer Mutter zu ihrer Tochter ließe sich womöglich dieselbe Klytemnaistra reklamieren, die – vorgeblich – die Opferung ihre Tochter Iphigenie durch ihren Gatten Agamemnon zum Anlass nimmt, den Gatten später zu töten. Offenbar existiert bei den Autoren derselbe „blinde Fleck“, der bereits bei Freud stark ausgeprägt war, auf den die Autoren nun zu sprechen kommen.

Kapitel 7 - „Freuds blinder Fleck

In Kapitel 7 werden nun bei Freud „psychologische Gründe für das Aufgeben der Verführungstheorie“ (59) gesucht. Und hier wird nun – erfreulicher Weise – direkt mit der Problematisierung seiner Beziehung zu Mutter Amalia begonnen, Freuds mutmaßlicher Erfahrung, von ihr z.B. „emotional ausgebeutet“ gewesen zu sein. (Dass Freuds neurotische Entwicklung wohl vor allem von seiner Mutter angestoßen worden ist, habe ich in meinen Publikationen aufgezeigt (1997 a, ausführlicher in 2005; eine sehr ähnliche Sicht vertritt Breger, 2009.) Diese Problematik habe Freud – die Mutter-Sohn-Beziehung idealisierend – jedoch verleugnet. Ebenso habe Freud – so behaupten die Autoren – das Verhalten von Vater Jakob „entschuldigen“ (66) wollen. Hier wird nicht deutlich, welche angebliche Schuld von Vater Jakob die Autoren meinen. Sie nehmen die Familienverhältnisse der Freuds nicht genauer unter die Lupe, übergehen dabei, dass es etliche Aussagen von Zeitzeugen (z.B. der Enkelkinder) gibt, die ihrer Oma Amalia recht unfreundliche Eigenschaften attestieren (z.B. launisch, schrill, herrschsüchtig), ihren Opa Jakob hingegen durchweg positiv charakterisieren (warmherzig, humorvoll) (vgl. Krüll, 167, 176 f; zu den komplexen Familienverhältnissen bei Freud vgl. Schlagmann, 2005, 500 ff). Freuds Zurücknahme der Beschuldigung von Vater Jakob war wohl tatsächlich angemessen, quasi der Einsicht in die Wirklichkeit geschuldet, dass seine entwertende Kritik (Vater Jakob sei „einer von diesen Perversen“ gewesen) völlig unberechtigt war. Und parallel dazu ist das Ausklammern einer offenen Auseinandersetzung mit Mama Amalia vermutlich tatsächlich unangemessen. Freud weicht offenbar vor einem Konflikt mit ihr zurück und verleugnet ihn.

Freuds „veränderter Interessenlage“ (ab dem September 1897) – nämlich die Eltern schuldlos zu lassen – sei es zu verdanken, dass er mit der Erfindung des „Ödipuskomplexes“ nun die Schuld ganz am Kind selbst festmache. In der Mythologie seien zwar ausreichend Geschichten vorhanden, die einen Vater-Tochter- oder Mutter-Sohn-Inzest zur Darstellung bringen, aber Freud greife nicht auf sie zurück. Für Freud sei das Drama von Sophokles die ideale Vorlage gewesen, weil sich hier Ödipus (angeblich) die alleinige Schuld an dem Geschehen zuschreibe. Analog fasse Freud seine Vorstellung in „Totem und Tabu“: Die Söhne in der Urhorde, die ihren Vater umgebracht hätten, weil er sie mit Kastration bedroht habe, projizierten die Schuld auf einen aus ihrer Gruppe. Er werde zum Helden erklärt, nehme damit auch die ganze Schuld auf sich. Die Annahme einer phylogenetisch verankerten Automatik (wie Freud es für den Ödipuskomplex behauptet hat), sei dann noch zusätzlich begründet: Damit werde letztlich auch das (quasi schuldig gesprochene) Kind entlastet. Auch an dieser Stelle berichten die Autoren – einmal mehr – kenntnisreich von einer Fülle sich widersprechender Einschätzungen Freuds, hier in Bezug auf seine Arbeiten „Totem und Tabu“ (1913) bzw. „Der Mann Moses ...“ (1939). Dass er an manchen Stellen begeistert von diesen Arbeiten spricht, sie an anderer Stelle aber für völlig ungenügend hält, ist für die Autoren – einmal mehr – nicht Ausdruck einer Gespaltenheit oder eines Versuchs, sich nach allen Seiten hin abzusichern. Vielmehr wird dies von ihnen offenbar gedeutet als Ausdruck von Freuds Unsicherheit, ob seine Position – hier: in Bezug auf die Schuld des Kindes und die Schuldlosigkeit der Eltern – tatsächlich stimmig sei.

An diesem Punkt zeigen sich die Autoren – wieder einmal – höchst respektvoll gegenüber Freud (70): „Um Missverständnisse zu vermeiden, wollen wir darauf hinweisen, dass unsere Begründung für Freuds Transfer des Ödipuskomplexes von der Ontogenese in die Phylogenese nicht mehr als eine Mutmaßung sein kann. Es kann so sein, es muss aber nicht so sein.“

Natürlich. Besser, man wagt sich nicht zu weit vor und lässt Freud noch die Möglichkeit, doch recht gehabt zu haben. (Etliche seiner Gefolgsleute übernehmen es ja bis heute, jegliche Kritik an ihm mit wütender Inbrunst zurückzuweisen.) Vielleicht ist ja doch – wie Freud behauptet hat – der „Ödipuskomplex“ ein universelles Phänomen, das sich wie selbstverständlich aus der Menschheitsgeschichte (Phylogenese) entwickelt hat und so zum festen Bestandteil jedes Menschengeschicks geworden ist. Vielleicht ist es aber auch so, dass sich – wie die Autoren vorschlagen – der „Ödipuskomplex“ genauso universell bei jedem Menschen aus dessen höchst individueller biografischer Entwicklungsgeschichte (Ontogenese) ergibt, weil jedes Kind mit Eltern konfrontiert ist, die (aus der Menschheitsgeschichte, aus der Phylogenese heraus?) automatisch mit Verhaltensmustern ausgestattet sind, die sie durch „Inszenierungen“ bei ihren Kindern zwangsläufig „ödipale“ Verhaltensmuster ins Leben rufen lassen. (Und vermutlich hatte der alte Freud dies schon längst genauso gesehen und gewusst, halt bloß nicht so deutlich gesagt und zum Ausdruck gebracht.) Die Autoren fühlen sich jedenfalls auch von anderen Psychoanalytikern darin bestärkt zu glauben, dass der „Ödipuskomplex“ keineswegs automatisch abläuft, sondern dass er von den (angeblich automatisch und zwangsläufig mit dem Komplex behafteten) Eltern verursacht wird. Wenn man sich nur lang genug von den vorangegangenen Phrasen hat einlullen lassen, dann wird man wohl auch diese Weisheit den Autoren aus der Hand fressen, ohne an dem offensichtlichen Mangel an Logik Anstoß zu nehmen.

Kapitel 8 - „Ödipusmythen und Ödiuskomplex

Nun, in Kapitel 8, sehen sich die Autoren aus ihren Zurechtlegungen des Ödipus-Mythos berechtigt, eine eigene Dynamik zu beschreiben, und zwar sowohl für den Sohn, als auch für die Tochter.

Der Sohn rivalisiere von sich selbst aus – nach Freuds Auffassung – mit dem Vater um die Mutter. Freud sei aber dabei entgangen, dass es der Vater sei, von dem die Rivalität ausgehe. Dies sei eventuell noch dadurch verschärft, weil durch die – von der Mutter ausgehenden! – Bevorzugung des Sohnes durch die Mutter die Rivalität zwischen Vater und Sohn erst richtig geschürt werde.

Nebenbei bemerkt: Dass sich solch eine Konfliktdynamik entfalten kann, halte ich für die kluge Analyse eines familiären Konflikts. Ein solches Szenario hat z.B. Alfred Döblin in seinem Hamlet-Roman (1956) dargestellt, ähnlich Hubert Fichte (1992) in seinem Stück „Ödipus auf Håknäss“ (vgl Schlagmann, 2005, 383 ff bzw. 374 ff). Beiden Männern war dies vermutlich, wie auch Freud selbst, aus der eigenen Familiengeschichte bestens bekannt. Genau diese Dynamik wird – auch meiner Überzeugung nach – exakt in der Geschichte von Ödipus dargestellt. Es handelt sich dabei jedoch aus meiner Sicht keineswegs um einen allgemeinen Konflikt, von dem jeder Mensch betroffen ist.

Nun führen die Autoren jedoch eine seltsame Identifizierungs-Logik ein. Anstatt sich mit einer ganz normalen Reiz-Reaktions-Gleichung zu begnügen (quasi: „Übst du Gewalt aus gegen mich, dann setze ich mich zur Wehr!“), müssen sie es komplizierter machen: „Der Vater projiziert seine aus der Rivalität mit seinem Sohn stammende Aggressionen auf seinen Sohn“ … [soll wohl heißen: der Vater ist sauer auf seinen Sohn und tut jetzt so, als ob der Sohn sauer auf ihn wäre] „… und dieser identifiziert sich mit den auf ihn projizierten Aggressionen, weil er damit die Gefahr abzuwenden vermag, die ihm durch die väterlichen Aggressionen droht.

Was genau soll das heißen? Soll das heißen, dass der Sohn selbst, der sich (angeblich) mit den auf ihn projizierten väterlichen Aggressionen „identifiziert“, nun die Aggressionen des Vaters gegen ihn, den Sohn, für angemessen und berechtigt hält? Soll es eventuell heißen, dass der Sohn nun seinerseits ganz allgemein Aggressionen für „gut“ oder „richtig“ hält? Oder aber spezieller, dass der Sohn nun Aggressionen von Vätern gegen Söhne für „gut“ oder „richtig“ hält? Oder soll es bedeuten, dass der Sohn nun in das Thema mit „einsteigt“ oder „mitmacht“ bei dem Gerangel? (Was wissen die Autoren aus ihrer eigenen Praxis darüber zu berichten? Kennen sie – neben den Fällen, in denen tatsächlich Aggressionen zwischen Vätern und Söhnen offen zutage treten – nicht auch Fälle, in denen Söhne vor der Übermacht des Vater zurückweichen, gerade nicht auf dieselbe Art reagieren?)

Wenn eine meiner Konkretisierungen ungefähr das trifft, was die Autoren sagen wollten, warum drücken sie es dann nicht genau so, konkretisiert, aus? Welchen Vorteil haben sie davon, sich hinter dieser Vokabel von „identifizieren“ zu verstecken? Wollen sie sich möglichst vage und unverständlich ausdrücken, damit jeder Widerspruch gegen ihre Position erst einmal gebremst ist, jede Diskussion dadurch erschwert, dass eine Gegen-Argumentation erst einmal so beginnen muss: „Also, habe ich richtig verstanden, dass hier gemeint ist …?“ Ist vielleicht dies ein Grund dafür, dass die Autoren an dieser Stelle diese (Schein-)Logik der „Identifizierung“ bemühen?

Dadurch [durch die Identifizierung mit den auf ihn projizierten väterlichen Aggressionen; K.S.] wendet der Sohn die Aggressionen seines Vaters gegen ihn und fängt an, mit seinem Vater zu rivalisieren.“ Warum sollen es die „Aggressionen seines Vaters“ sein, die der Sohn „gegen ihn [wendet]“? Warum diese undifferenzierte Gleichsetzung? „Aggressionen“ des Sohnes in Re-Aktion auf das Rivalisieren des Vaters sind doch als Ausdruck eines völlig gesunden Selbsterhaltungstriebes zu verstehen, der sich zur Wehr setzt, wenn die eigenen Existenz bedroht ist – und sei es auch durch den eigenen Vater. Wollen die Autoren nicht begreifen, dass diese gesunde Gegenwehr des Sohnes überhaupt nicht gleichzusetzen ist mit der ungesunden Aggression des Vaters, bei der es sich womöglich nur um Machtdemonstration handelt, um ein Gewalt-Ablassen an einem Schwächeren, an einem Sündenbock, womöglich geboren aus eigener Frustration (Frustrations-Aggressions-Hypothese)? Oder stellen sie sich dumm? Noch einmal die Frage und Forderung nach Aufklärung: Was genau soll es hier (und anderswo) mit dem „Identifizieren“ auf sich haben?

Meine eigene Vermutung über die Hintergründe beim Argumentieren mit dem „Identifizieren“: Zum einen hat ein Hantieren mit unklaren Begriffen den Vorteil, dass eine Gegenargumentation erheblich erschwert wird. Zum anderen wird mit dem „Identifizieren“ auch suggeriert, dass es sich hier um einen eigenen, aktiven Prozess der Betroffenen handelt. Als könnte man eine klare Entscheidung treffen, ob man sich nun mit irgendetwas „identifiziert“ oder eben nicht. So, wie man sich eventuell mit einem Pop-Star oder einer sonstigen beliebigen Berühmtheit aus irgendeiner Laune heraus „identifiziert“. Es bleibt dabei ausgeklammert, dass sich eine entsprechende Reaktion quasi automatisch, als Ausdruck einer gesunden Selbsterhaltung oder eines gesunden Überlebensreflexes, ergeben kann.

Auf der Grundlage ihrer verwirrenden Begrifflichkeit wird die Pseudo-Logik der Dynamik noch weiter getrieben: Freud habe schon erkannt, „dass der Ödipuskomplex immer ein 'zweifacher […] ein positiver und ein negativer' (1923b, 261) ist“ (75). „Negativer Ödipuskomplex“ bedeutet, dass der Sohn auch mit dem Vater vögeln und deshalb die Mutter aus dem Weg räumen möchte. Was Freud jedoch übersehen habe, so die Autoren, dass sich auch dies „in den Mythen ab[bildet]“: Laios unterhalte ja eine homosexuelle Beziehung zu Chrysippos. „Wenn Chrysippos und Ödipus als eine Person anzusehen sind, kann begründet vermutet werden, dass in diesen Mythen die aus dem negativen Ödipuskomplex des Vaters stammende Liebe zu seinem Sohn thematisiert wird: Die Mutter des Vaters [also die Oma väterlicherseits - unbekannt; K.S.] hatte mit ihm [dem Vater, Laios; K.S.] auch um seinen Vater [den Opa väterlicherseits, Labdakos; K.S.] rivalisiert, er [der Vater; K.S.] hatte sich mit seiner Rivalin, seiner Mutter [der Oma; K.S.], identifiziert und sich selbst und/oder seinen Vater [den Opa; K.S.] zum Liebesobjekt genommen. Auf der Grundlage seines eigenen negativen Ödipuskomplexes wählt er nun in Wiederholung des Vergangenen seinen Sohn als Liebesobjekt und rivalisiert mit ihm um dessen Mutter.“ Wem wird beim Versuch, diese Beziehungs-Akrobatik nachzuvollziehen, nicht schwindelig?

Also nochmal, ganz langsam: Jeder Mensch hat einen Ödipuskomplex. Und er hat ihn auch zweifach. Jeder Junge will mit seiner Mama vögeln und deshalb den Papa aus dem Weg räumen. Und gleichzeitig will er auch mit dem Papa vögeln und deshalb die Mama aus dem Weg räumen – natürlich unbewusst! Und eigentlich geht das alles ja zunächst von den Erwachsenen aus: Vater (Laios) wollte schon als Kind mit seinem Großvater (Labdakos) vögeln. (Über ihn wissen wir nicht viel, aber das ist ja egal.) Vater Laios rivalisiert dabei mit der (gänzlich unbekannten) Oma, die ja auch mit Opa Labdakos vögeln will. Laios identifiziert sich vorsichtshalber mit der (uns unbekannten) Rivalin, nimmt deshalb umso mehr den Opa oder sich selbst zum Liebesobjekt. Laios will es jetzt – aufgrund dieser Erfahrung – auch mit seinem eigenen Sohn treiben (Chrysippos = Ödipus). Das gibt aber Konflikte, weil der Sohn (Ödipus) ja – durch seinen positiven Ödipuskomplex – eigentlich auch mit seiner Mama Iokaste vögeln will. Nicht zuletzt will die Mama selbst (wir kennen ja Iokaste) ebenfalls Sex mit ihrem Sohnemann haben – mit dem Papa sowieso (den hat sie ja deswegen schon mal betrunken gemacht). (Und gäbe es in der Konstellation noch eine Schwester, dann würde diese natürlich ebenso mit beiden Eltern vögeln wollen, wie auch die Eltern umgekehrt mit ihr, wobei wahrscheinlich – nach psychoanalytischer Logik – die Geschwister untereinander natürlich erst recht.) Ein heilloses Durcheinander in den Schlafzimmern dieser Welt. Und das steht schon (angeblich) genau so in den Mythen der alten Griechen! Also muss es ja wahr sein!

Die Mythen werden schön bunt weiter ausgemalt und als alte Belege für die selbst erdichteten „Weisheiten“ ausgegeben (75): „Beide Formen des Komplexes finden sich auch in den Versionen, in denen Laios Chrysippos homosexuell vergewaltigt und seine Knöchel mit einem Nagel durchbohrt.“ Hoppla! Dass Laios nicht nur seinem Ödipus, sondern jetzt auch noch dem Chrysippos selbst die Knöchel durchbohrt haben soll, das ist ja mal ’ne tolle Entdeckung! Das muss ja ein richtiger Knöchel-Bohr-Fetischist gewesen sein! Und dafür werden jetzt schon gleich „Versionen“ (Mehrzahl) reklamiert, obwohl man sich wahrscheinlich schwer tun wird, auch nur eine einzige zu finden, die vom Bohren an den Knöcheln des Chrysippos berichtet.

In der Vergewaltigung wie auch im Durchbohren der Knöchel ist sowohl die aus dem positiven Ödipuskomplex geborene Gewalt, die Kastration, als auch die homosexuelle, aus dem negativen Ödipuskomplex entstehende Liebe symbolisch dargestellt.“ Vergewaltigung aus Liebe – das leuchtet mir sofort ein (13). Und als Symbolisierung für diese Liebe durchbohren die Väter gerne ihren Kindern die Knöchel. Ist absolut plausibel. (Ist nur noch die Frage, wie denn die Mütter am liebsten ihre Vergewaltigungsphantasien symbolisch in Szene setzen.) Und auch mit der weiteren Deutung rennen die Autoren wohl nur weit geöffnete Türen ein – jedenfalls bei einer psychoanalytisch vorgebildeten, aufgeklärten Leserschaft: „Der Schwellfuß ist einem erigierten Penis vergleichbar und drückt sozusagen die Bewunderung des Vaters aus, die er dem Genitale seines Sohnes entgegenbringt.“ Und, „dass Ödipus … zwei Schwellfüße hat [,] … könnte[.] symbolisieren, dass Ödipus Objekt sowohl hetero- wie auch homosexueller Aktivitäten ist, und aufzeigen, dass beide einen erigierten Penis voraussetzen.“ Sex und Penisse also, wo man nur hinsieht.

Das ödipale Drama der Tochter sieht folgendermaßen aus: Wenn (so Freud) das Mädchen entdeckt, dass es keinen Penis besitzt, macht es für diese vollzogene Kastration die Mutter verantwortlich. Daraufhin gebe es „den Wunsch nach dem Penis auf, um den Wunsch nach einem Kinde an die Stelle zu setzen, und nimmt in dieser Absicht den Vater zum Liebesobjekt. Die Mutter wird zum Objekt der Eifersucht“ (Freud, 1925, 26 f). Aus dieser Rivalität erwachse schließlich die „Identifizierung mit der Mutter“. Die Mythen jedoch – so die Autoren – legten eine andere Begründung für die Hinwendung der Tochter zum Vater nahe. Dort würde z.B. auch inzestuöses Begehren von Vätern gegenüber ihren Töchtern – als quasi jüngere, attraktivere Ausgabe der Mutter – beschrieben. Die Rivalität zwischen Mutter und Tochter gehe von der Mutter aus, weil die Tochter „der Mutter die alleinige Verfügung über den väterlichen Penis streitig macht.“ (77) Und wieder wird eine seltsame Identifizierungs-Mechanik bemüht: „Bevorzugt vom Vater gibt es für die Tochter zunächst keinen Anlass, mit ihrer Mutter zu rivalisieren. Zur Rivalin wird die Mutter erst, nachdem sich die Tochter mit den aggressiven, aus der Rivalität der Mutter geborenen Wünschen identifiziert hat, welche die Mutter auf sie projizierte.“ Also: Die Mutter verspürt Aggressionen – womöglich auf den Vater, der sie vernachlässigt. Sie „projiziert“ (angeblich) diese Aggressionen auf ihre Tochter. Und die Tochter „identifiziert“ sich mit den auf sie „projizierten“ „aggressiven … Wünschen“ – was das auch immer heißen mag. Auch hier wäre m.E. wesentlich plausibler zu sagen: Wenn eine Mutter aus eigener Unzufriedenheit (Frustration) heraus ihre Tochter aggressiv behandelt, dann wird die Tochter eventuell auf diese Aggression re-agieren und ihrerseits der Mutter gegenüber unfreundlich sein. Und ich würde eine solche Verhaltensweise der Tochter – anders, als das aggressive Verhalten der Mutter – für einen Ausdruck gesunder Selbstbehauptung halten. Und ich käme nie auf die Idee, die Re-Aktion der Tochter als „Identifikation mit der Aggression der Mutter“ zu verunklaren.

Hierzu die Autoren (78): „Die Konkurrenz durch die Tochter legt der Mutter nahe, ihrer Tochter gegenüber die Mutterschaft zu betonen, auch um damit unbewusst ihrer Tochter zu bedeuten, dass sie – und nicht ihre Tochter – über den väterlichen Penis verfügt. Die Mutterschaft ist damit die Antwort auf die Frage der Tochter, warum der Vater seinen Penis der Mutter und nicht ihr zur Verfügung stellt. Für die Tochter bedeutet das: Diejenige, die ein Kind hat, verfügt über den Penis des Vaters. Die Konsequenz ist, dass die Tochter auch Mutter werden und sich an die Stelle ihrer eigenen Mutter setzen will. Das heißt, die Tochter identifiziert sich mit ihrer Rivalin und nähert sich dem Vater mit dem Wunsch, von ihm das zu bekommen, was ihre Mutter besitzt: ein Kind, das ihr zur Verfügung über den väterlichen Penis symbolisieren kann. … Wird die Tochter in ihrem späteren Leben mit der Geburt eines Kindes selbst Mutter, erfüllt sich ihr unbewusster Wunsch, vom Vater ein Kind zu bekommen.“ Ich frage mich, ob Psychoanalytiker tatsächlich den Unsinn glauben, den sie sich zusammenreimen, und ich befürchte: Sie tun es wirklich! (In meiner Praxis erzählte mir eine Klientin, in einer früheren Psychoanalyse habe der Psychoanalytiker JEDES ihrer Probleme in JEDER Sitzung auf ihren „Ödipuskomplex“ zurückgeführt, in diesem Rahmen auch einmal gedeutet: „Man könnte glauben, dass Sie von Ihrem Vater ein Kind haben wollten!“)

Abraham (1920) glaube, es gebe Frauen vom „Wunscherfüllungstypus“, die mit der Phantasie herumliefen, einen Penis zu besitzen. Diese Vorstellung von Abraham weisen die Autoren nun sofort als unvernünftig zurück, unter Mithilfe der griechischen Mythen (79): „In den Mythen geht es nicht um den Besitz eines Penis, sondern um die Verfügung über den Penis des Vaters, um mittels dieses Penis ein Kind zu bekommen.“ (Ist das denn die Möglichkeit!?)

Und auch bei den Töchtern gibt es einen „negativen Ödipuskomplex“ (80): „... der Vater [konkurriert] unter Androhung des Verlusts seiner Liebe mit der Tochter um die Liebe der Mutter. Um der Gefahr des väterlichen Liebesverlusts zu entgehen, identifiziert sich die Tochter mit der Rivalin. Diese Identifizierung ist auch von dem Wunsch motiviert, den Vorteil ihres Rivalen auszugleichen. Aus Sicht der Tochter besitzt er das, was die Mutter als Bedingung ihrer Liebe voraussetzt. Durch die Identifizierung stattet sich die Tochter unbewusst mit einem Penis aus (14), sodass sie sich ihrer Mutter als Liebesobjekt präsentieren kann, das im Hinblick auf das entscheidende Detail so ist wie der Vater … ihr späteres Liebesobjekt [hat] … ohne Penis zu sein, gleichgültig ob es die Mutter und/oder die Tochter selbst vertritt. … Die unbewusste Tendenz, 'dem Manne sein Glied zu nehmen' (Abraham, 1920, 90), dient nicht der Aneignung des väterlichen Penis, sondern als Mittel, den Vater als Rivalen bei der Mutter auszuschalten und/oder das künftige Liebesobjekt zu feminisieren“ (79 f). Weitere staunenswerte Perlen der Weisheit: „und der aus dem Durchbohren der Knöchel entstehende Schwellfuß steht für Iokastes Bewunderung der genitalen Potenz ihres Sohnes“ – und der Leser kann nur noch staunen über die geni/t/ale Intelligenz dieser Autoren.

Kapitel 9 - „Die heterosexuelle und homosexuelle Verarbeitung des Dramas

In Kapitel 9 werden die bisherigen Hypothesen quasi resümiert, Freuds Ideen bekräftigt: „Die Mythen sind konsistent mit Freuds (1910, 169) Annahme, dass 'jedermann, auch der Normalste, der homosexuellen Objektwahl fähig ist, sie irgend einmal im Leben vollzogen hat und sie in seinem Unbewussten […] noch festhält'.“ Und damit es jetzt endlich mal klar ist (83 f): „Der Sohn wehrt seine Liebe zur Mutter nicht deshalb ab, um sich den Vater als Liebesobjekt aussuchen zu können, sondern weil vom Vater die Kastration droht, und er wehrt nicht deshalb seine Liebe zum Vater ab, um sich der Mutter zuwenden zu können, sondern weil seine Mutter mit Liebesverlust droht. Die Tochter wiederum wehrt nicht deshalb ihre Liebe zum Vater ab, um sich ihrer Mutter zuzuwenden, sondern weil ihr der Liebesverlust der Mutter droht, und sie wehrt nicht deshalb ihre Liebe zur Mutter ab, um sich dem Vater zuzuwenden, sondern weil ihr Vater ebenfalls mit dem Entzug seiner Liebe droht. Wie die Mythen zeigen, werden beide Ausformungen des Dramas abgewehrt und bleiben gleichwohl wirksam. … Iokaste und Laios agieren weder die heterosexuelle, noch die homosexuelle Variante mit den eigentlichen Objekten, sondern mit Ersatzobjekten. Beide Varianten verfallen der Abwehr und führen zu Ersatzbildungen, in denen sich das Ersetzte in mystifizierter Form präsentiert.“ Verstanden?

Also: Am Beispiel von Ödipus lernen wir, dass jeder Mensch eigentlich gegenüber seinen Eltern schon als Kind sexuelle Impulse entwickelt. Die Initiative geht dabei jedoch von den jeweiligen Eltern aus, wobei jeder Elternteil auch gleichzeitig den jeweils anderen Elternteil bei der Verwirklichung seiner innersten Wünsche sabotiert, weil er jeweils das Kind unter Druck setzt, bloß nicht auf die „Verführungen“ des anderen Elternteils einzugehen. Die Eltern suchen sich dann jeweils ihre Ersatzobjekte, verzichten auf das Original. Nur an dem Original selbst ziehen diese Prozesse nicht spurlos vorüber: Ödipus selbst will sowohl Sex mit seinem Vater, als auch Sex mit seiner Mutter – und wehrt natürlich gleichzeitig diese Impulse ab, so dass sie dann im Unbewussten landen, wo die Psychoanalytiker sie dann nach vielen Jahren zielstrebig wieder aufzufinden verstehen.

Dass Ödipus in dem Alterszeitraum, in dem diese Entwicklungen – nach Freud und der Psychoanalyse – stattfinden sollen, nämlich im Alter von ungefähr 1-7 Jahren, nachweislich überhaupt keinen Kontakt zu seinen Eltern hatte, mithin deren verführerischen Attacken gar nicht ausgesetzt gewesen sein konnte, tut nichts zur Sache. Dass es keinerlei Anzeichen gibt, dass Ödipus jemals mit seinem Vater oder seiner Mutter vögeln wollte, ist ebenfalls unerheblich. Die Mythen sind da jedenfalls eindeutig – auch wenn es so nicht formuliert ist. (Was für ein Schmarren!)

Wenn die Psychoanalytiker doch einmal einsehen wollten, dass es nicht immer im Leben um Sex und den Penis geht, dass tragische Probleme auch noch jede Menge andere Ursachen haben können. Dass z.B. auch die Erfahrung von Entwertung und Unterdrückung zu bestimmten Verhaltensweisen drängen kann. Ist es nicht plausibler (auf mythologischer Ebene), in Iokaste die Repräsentantin einer mutterrechtlichen Gesellschaft zu verstehen, in der Frauen auf Achtung und Respekt ihnen gegenüber Wert legen und deshalb sich zur Wehr setzen gegen ein patriarchalisches Gesellschaftssystem, das ihnen nur noch eine untergeordnete Rolle selbst beim Gebären und Großziehen von Kindern zubilligt? Ist es so unverständlich, wenn solch eine Frau in solch einem Gesellschaftssystem auf Vergeltung sinnt, dabei sowohl ihren Gatten auf Distanz hält, als auch nicht davor zurückschreckt, ihren Sohn zu opfern, ihn aber auch problemlos später für sich zu vereinnahmen trachtet? Lässt sich das nicht trennen von einer angeblichen allgemeinen sexuellen Manie von Vätern, Müttern, Söhnen und Töchtern?

Kapitel 10 - „Unbewusste ödipale Botschaften und Antworten

In Kapitel 10 werden zunächst einmal mehr allgemeine Weisheiten vorausgeschickt (87): „[Wir, die Autoren] wollen noch einmal daran erinnern, dass die Eltern füreinander nicht nur die ursprünglichen Objekte ihres positiven, sondern immer auch die ursprünglichen Objekte ihres negativen Ödipuskomplexes vertreten.“

Für die Dynamik beim Sohn wie auch bei der Tochter werden jeweils die Mythen als Garanten reklamiert: „Wie aus den Mythen hervorgeht ...“ bzw. „Folgt man den Mythen, so ...“ ergibt sich eigentlich stringent – jedenfalls nach den Autoren – folgendes Szenario: „Der Sohn sieht sich Kastrationswünschen ausgesetzt, die dem positiven Ödipuskomplex des Vaters entstammen und von einer aus dem negativen Ödipuskomplex des Vaters entstandenen Liebe umsorgt, die unbewusst am Sohn einen Penis erfordert. Der Vater hat das ursprüngliche Objekt seines negativen Ödipuskomplexes aus der Repräsentanz seiner Frau auf die Repräsentanz seines Sohnes transferiert und re-inszeniert in dieser Konstellation sowohl seinen positiven wie negativen Ödipuskomplex. In den Gestalten seines Sohnes und seiner Frau rivalisiert der Vater unbewusst mit seinem Vater [dem Großvater (v); K.S.] um seine eigene Mutter [der Großmutter (v); K.S.], woraus die kastrierende Tendenz seinem Sohn gegenüber erwächst. Zugleich rivalisiert er in diesen Gestalten unbewusst mit der eigenen Mutter [der Großmutter (v); K.S.] um die Liebe seines Vaters [des Großvaters (v); K.S.] . … Der Sohn wird [von der Mutter] aufgrund ihres positiven Ödipuskomplexes geliebt und seine Phallizität wird von ihr bewundert. Zugleich sieht er sich aber Bestrebungen ausgesetzt, die vom negativen Ödipuskomplex der Mutter ausgehen und ihn der bewunderten Phallizität wieder berauben wollen. Die Mutter verschiebt das ursprüngliche Objekt ihres positiven Ödipuskomplexes aus der Repräsentanz ihres Mannes auf die Repräsentanz ihres Sohnes und reinszeniert in dieser Konstellation sowohl ihren positiven als auch ihren negativen Ödipuskomplex. In den Gestalten ihres Mannes und ihres Sohnes rivalisiert sie unbewusst mit ihrer eigenen Mutter [der Großmutter (m); K.S.] um ihren eigenen Vater [den Großvater (m); K.S.] und mit ihrem eigenen Vater [dem Großvater (m); K.S.] um die Liebe ihrer Mutter [der Großmutter (m); K.S.], eine Liebe, aus der die kastrierenden Tendenzen ihrem Sohn gegenüber erwachsen. Die Tendenz, die aus dem mütterlichen negativen Ödipuskomplex geboren ist, wirkt synergetisch mit der aus dem positiven Ödipuskomplex des Vaters kommenden kastrierenden Tendenz. Diesen Tendenzen stehen die Bestrebungen entgegen, die dem mütterlichen positiven und dem väterlichen negativen Ödipuskomplex entstammen, nämlich dafür zu sorgen, dass das Genitale ihres Sohne unbeschädigt bleibt. Möglicherweise ist es genau diese Intention, welche die Eltern letztlich hindert, die Kastration ihres Sohnes durchzuführen.“ (89 f).

Was die Jungs doch für ein Glück haben, dass ihnen von Papa und Mama bei der Geburt der Schniedel nicht standardmäßig gleich mit der Nabelschnur abgetrennt wird!

Diese Dynamik gelte analog für die Tochter, bloß „dass die Mutter in den Gestalten ihrer Tochter und ihres Mannes unbewusst mit ihrer eigenen Mutter um den Penis ihres Vaters … rivalisiert.“

Habe ich das richtig verstanden? Wenn man dies auf die Mehrgenerationen-Situation ausdehnt, dann überträgt also der Großvater (mütterlicherseits) aus seinem negativen Ödipuskomplex heraus eigentlich – angestoßen durch das Rivalisieren des Urgroßvaters (m/m) in seinem negativen Ödipuskomplex mit der Ururgroßmutter (m/m/v) um die Liebe des Ururgroßvaters (m/m/v) und bedroht durch die Kastrationsphantasien des Urgroßvaters (m/m), mit dessen Aggression er sich identifiziert – die auf ihn projizierte Aggression des Urgroßvaters (m/m) nun auf die Repräsentanz seines primären Objektes, so dass er – unbewusst – seine Kastrationswünsche auf die Repräsentanz seines eigenen Sohnes (also hier: des Vaters) projiziert, wobei dies nur dann nicht zu einer unmittelbaren Kastration eines dem Vater neu geborenen Sohnes führt, weil der negative Ödipuskomplex der Urgroßmutter (m/m) beim Großvater (m) als doppelte Kastrationsdrohung [von Seiten des Urgroßvaters (m/m) wie auch der Urgroßmutter (m/m)] imponierten, welche zu einem Feminisierungsbedürfnis des Großvaters (m) in Bezug auf sich selbst führte, so dass er – um als primäres (negativ-ödipales) Liebesobjekt des Urgroßvaters (m/m) [in dessen Prägung durch den negativen Ödipuskomplex des Ururgroßvaters (m/m/v)] mit der Urgroßmutter (m/m) erfolgreich rivalisieren zu können – sich unbewusst nur dadurch des Besitzes eines Penisses versichern konnte, dass er diesen Wunsch auf den Vater – auf dessen Potenz, einen unversehrten Sohn zu zeugen – verschob, so dass dieser bei seiner Geburt wie ein Erlöser wirkt für die projektiven Identifizierungsbedürfnisse des Großvaters (m), mit denen der Vater (aufgrund seines positiven Ödipuskomplexes) identifiziert ist, so dass der Penis des Sohnes dann der Beleg ist für die eigene Möglichkeit des Großvaters (m), dem Urgroßvater (m/m) einen Penis zu bieten, mit dem er sich der Repräsentanz der Urgroßmutter (m/m) als überlegen erweist? Und dass dabei unberücksichtigt bleiben kann, dass ja aufgrund der reziproken Latenzrepräsentanz der positive Ödipuskomplex der Urgroßmutter (v/v) sich hätte störend bemerkbar machen können, indem deren Identifikation mit der Repräsentanz des primären Objektes des Ururgroßvaters (v/v/m) …?

So – oder so ähnlich – muss es wohl in der Welt zugehen.

Verstehen wir 'Selbst-Objekt' … als das Produkt eines Transfers von Aspekten der Selbstrepräsentanz in eine Objektrepräsentanz, der sich immer über eine projektive Identifizierung vermittelt, lässt sich unmittelbar erkennen, dass mit der Vertauschung von Subjekt und Objekt die Kinder den Status von Selbst-Objekten ihrer Eltern bekommen. Die Eltern lieben ihre Kinder, weil sich diese mit den Teilen der Elten identifizieren, welche die Eltern unbewusst auf ihre Kinder projiziert haben, woraufhin sie von den Eltern so behandelt werden können, als gehörten sie ihrem Kinde an.

Ja, genau. So muss es wohl sein.

Wir denken, es ist deutlich geworden, dass Kinder in die ödipalen Dreiecke ihrer Eltern eingespannt sind. [Dabei] wiederholen sich die ursprünglichen ödipalen Konstellationen des Vaters und der Mutter. Dies ist auch der Grund, warum 'der Vater die Tochter, die Mutter den Sohn bevorzugt' (Freud 1916-17. 212) und zwar nicht nur, wenn mehrere Kinder vorhanden sind.“ (92)

Ich denke, es ist deutlich geworden, dass Autoren, die sich solch einen blödsinnigen, ekelhaften Mist zusammenreimen, sich kein bisschen für die Lebenswirklichkeit ihrer Klientel interessieren, keine Ahnung haben können von dem, was Menschen an realem Leid in der wirklichen Welt tatsächlich erfahren. Und dass eine angebliche „Therapie“, die auf solch einer verrückten Grundlage zusammengebastelt ist, geradezu zwangsläufig zu einer Verschlechterung des psychischen Gesundheitszustandes der Betroffenen führen muss, weil sich diese Hilfesuchenden einmal mehr völlig unverstanden und in ihrem Leid ganz auf sich selbst, auf ihren „eigenen Anteil“, auf ihr eigenes „[Sich‑]Identifizieren mit den auf sie projizierten aggressiven Wünschen“ zurückgeworfen fühlen müssen.

Kapitel 11 - „König Ödipus – eine 'cover story'

In Kapitel 11 erläutern die Autoren (93), „dass die Kette tragischer Ereignisse, in denen das Ödipusdrama gründet, nicht durch Ödipus, den Sohn, sondern durch Laios, den Vater, in Gang gesetzt wird.“ Hier sei bestimmend, dass sich Laios vor der Vernichtung durch den Sohn gefürchtet habe. Und in der Ableitung von dieser Überlegung: Es sei ein Problem, „dass Kinder generell bestimmt sind, Opfer der Befürchtungen, Eifersüchte und Erwartungen ihrer Eltern zu werden.

Zunächst sei an dieser Stelle knapp unterstrichen, was ich zuvor schon wiederholt formuliert hatte: Die Autoren irren sich gründlich über die Dynamik des Stückes von Sophokles. Er bringt deutlich als Ursprung des ganzen Verhängnisses jemand anderen als Laios auf die Bühne, nämlich Mutter Iokaste. Sie ist es, die am Ende des Stückes durch die Aussage eines neutralen Zeugen überführt ist, den Auftrag zur Aussetzung des Kindes erteilt zu haben. Damit hat sie die Entfremdung zu verantworten, die zwischen Vater und Sohn entstanden ist, durch die es – viele Jahre später – in der Streitsituation zwischen Laios und Ödipus dazu kommen konnte, dass der Sohn in Notwehr seinen Vater getötet hatte. Als die Zusammenhänge am Ende klar zu Tage getreten sind, zeigt Ödipus einen Impuls zum Muttermord – in Analogie zu anderen Muttermördern in der griechischen Mythologie (Orest und Alkmaion), die ihre Mütter für den Tod ihrer jeweiligen Väter zur Rechenschaft ziehen, so, wie es das Orakel gefordert hatte. Nur durch ihren Selbstmord war Iokaste am Ende ihrem Sohnemann zuvorgekommen, diese Sühne an ihr zu vollziehen. Nachdem Ödipus nun erkennen muss, dass er seine berechtigte Wut nicht mehr an Iokaste loswerden kann, sticht er sich die Augen aus und bricht in unberechtigte Selbstvorwürfe aus (vgl. Schlagmann, 2005, 2010).

Abgesehen von diesem Irrtum über die von Sophokles ins Licht gerückte eigentliche Schuldige: Wenn hier die Generalisierung zurückgenommen wäre, dann könnte dieser erste Satz einer von wenigen vernünftigen Sätzen in dieser Abhandlung sein. Nicht generell, aber leider viel zu oft werden Kinder tatsächlich Opfer der problematischen Einstellungen, Erwartungen, Befürchtungen und Verhaltensweisen ihrer Eltern. Aber das ist eine Dynamik, die über irgendwelche sexuellen Ansprüche und Vereinnahmungen sehr weit hinausgeht.

Doch für die Autoren stehen die (angeblichen) ödipalen Impulse immer noch fest im Mittelpunkt allen Geschehens. Sie ließen sich allerdings „nicht länger auf archaische Erbschaft zurückführen“, sondern ihnen gingen „eine von den Eltern veranlasste projektive Identifizierung voraus“ (94). Es sei von einer „allgemeinen Verführung“ auszugehen (97): „eine Verführung ohne bewusst-intentionales Handeln, in der die Erwachsenen ihre ungelöste ödipale Problematik in die gesellschaftlich lizenzierten Verkehrsformen der Pflege und Erziehung der Kinder einbinden und, ohne dass sie es merken, unbewusst ödipale Botschaften an das Kind richten.“ Während die Autoren meinen, auf diese Weise Freuds „phylogenetische Begründung des Ödipuskomplexes als naturhafte Verkennung eines in Wirklichkeit pseudonatürlichen Zusammenhangs“ zur Tür hinausgekehrt zu haben, lassen sie durch die Hintertür über die – wie anders, wenn nicht phylogenetisch-naturhaft generalisiert angelegte – „ungelöste ödipale Problematik der Erwachsenen“ eine mindestens genauso mystisch-ungeklärte archaische Erbschaft wieder hinein.

Im Kern kreist Kapitel 11 vor allem um die Blindheit des Ödipus, seine Selbstblendung. Für diese Selbstverletzung werden nun auf eine Reihe von (m.E. skurilen) Deutungen aus der psychoanalytischen „Fachliteratur“ angeboten (98 f): „Zerstörung der Sphinx in ihm [selbst] ..., Bestrafung für seine Einsicht, … als Verlust seiner Einsicht … Bestrafung für den intendierten Muttermord ..., als symbolischer sexueller Akt ..., als Vorwegnahme der Dunkelheit des eigenen Todes ..., … symbolische Darstellung einer Kastration“. Es bleibt verborgen, wie die Autoren selbst zu den einzelnen Deutungen stehen. Hervorgehoben haben sie z.B. folgenden Aspekt: „Der Verlust des Augenlichts hat in der griechischen Mythologie mit verbotener Sexualität zu tun“ – und dabei zeigen sie einmal mehr, dass sie die eigentliche Thematik nicht wirklich verstanden haben. Ein wesentlicher Inhalt diverser Mythologien, gerade auch der griechischen, aber auch z.B. der hebräischen (wie in Schlagmann, 2005, 141 ff ausführlich dargestellt) ist zwar durchaus das Thema „Sexualität“, aber unter einem spezifischen Aspekt: Es wurde darum gestritten, wer denn nun beim Hervorbringen von Kindern die bedeutsamere Rolle spielt. Ist es – wie mutterrechtliche Gesellschaften propagieren – die Frau, die die Kinder gebiert, geschwängert durch ein Baden in einem Fluss oder durch entsprechende Winde, und die dann auch für deren Ernährung in der Säuglingszeit maßgeblich verantwortlich ist? Oder ist es – wie vaterrechtliche Gesellschaften glauben – der Mann, der als Sämann seinen Samen in die Ackerfurche der Frau legt, und damit den maßgeblichen Anteil an der aufkeimenden Frucht hat, somit im Grunde – wie Zeus die Athene bzw. den Dionysos, oder wie Adam die Eva – die Menschheit aus sich selbst hervorzubringen vermag? Natürlich – in dieser letzteren Ideologie – auch kein Problem für solche Männer, irgendwelche Säuglinge einen längeren Aufenthalt in der Wildnis heil überstehen zu lassen, ohne dass es den Kleinen dabei an irgendetwas mangeln würde.

Verboten zu sein scheint – wohl v.a. in einer mutterzentrierten Gesellschaft – das Erkennen der Zusammenhänge um Sexualität, das Begreifen der Sexualität als Zeugungsakt. (Deshalb wird Aktaion getötet, als er Artemis beim Baden beobachtet, bzw. Teiresias geblendet, als er Athene in ähnlicher Situation überrascht.) Das Geheimnis des schwängernden Badezaubers soll womöglich bewahrt werden, damit die Mütter ihre Monopolstellung behalten (vgl. Schlagmann, 2005, 148 ff).

In vaterrechtlichen Gesellschaften wird die Vermehrungsfrage dagegen ganz den Männern überlassen, die über ihre Frauen herrschen sollen, und die – zudem – mit dem „Erkennen der Nacktheit“ (= Erkennen der Geschlechtlichkeit) wissen, was sie zu tun haben, wenn sie mal wieder Kinder in die Welt setzen wollen. In diesen Gesellschaften verbürgen die „Stammhalter“ den Forterhalt des väterlichen Erbgutes, das (fälschlich) zum alleinigen Kern der Nachkommenschaft erklärt wird. In dieser Ideologie wird z.B. auch eine Lilith, die erste Gefährtin Adams, diffamiert und verjagt, weil sie selbstbewusst und gleichberechtigt über ihren Körper und ihre Sexualität selbst bestimmen möchte (vgl. Schlagmann, 2005, 150 ff).

Eine der ältesten vernünftigen Antworten auf diese Frage nach dem Ursprung des Menschen liegt m.E. in dem Modell von Yin und Yang, wonach weiblicher und männlicher Teil jeweils gleich bedeutend, gleich groß, gleich geformt ist. Jeder Teil trägt den Keim des anderen Geschlechts von Beginn an in sich, denn jeder Mensch – ob Frau oder Mann – stammt jeweils von einem Elternpaar ab, das zwangsläufig aus Mann und Frau besteht. Und eine Gesellschaft mit einer solch tief verinnerlichten Ideologie ist gefeit gegen vulvazentrierten oder peniszentrierten Irrsinn, der ein einziges Geschlecht zum Inbegriff des Menschseins zu erheben trachtet. Es liegt auf der Hand, dass einzelne Gesellschaften darum bemüht sind, eine Aufklärung über die realen Zusammenhänge zu verhindern, wenn sie einem Geschlecht allein eine Monopolstellung zuzuweisen versuchen. Die Rolle der Sexualität darf hier nicht vernünftig und angemessen durchschaut werden.

Aber all dies interessiert die Autoren gerade nicht. Als Hauptaspekt der Blindheit des Ödipus sehen sie, dass er angeblich blind ist für die Zusammenhänge. Sie selbst sind dabei vollkommen blind für das, was der ganze Ablauf des Bühnenstückes überdeutlich dem Publikum vor Augen führt: Durch nichts anderes, als durch das mustergültige, aufrichtige, kluge, selbstlose und mutige Erforschen der Wahrheit durch Ödipus, durch seine überragende Erkenntnisfähigkeit, kommen am Ende die über Jahre hinweg verborgen gebliebenen Zusammenhänge ans Tageslicht!

Für die Autoren – nach v. Ranke-Graves – wollte Sophokles „den Zuschauern vorführen, dass Ödipus etwas erkannte, das er nicht hätte erkennen dürfen: die Schuld von Iokaste und Laios.

Auch dieser Analyse mag ich nicht zustimmen. Zwar stimmt es, dass Ödipus eine Schuldfrage aufklärt. Aber dies ist eine Schuldfrage, die geklärt werden muss, um das Gemeinwesen von Theben von der Pest zu befreien! (Es kann also keine Rede davon sein, dass Ödipus diese Schuld „nicht hätte erkennen dürfen“.) Und bei seinen klugen, konsequent und selbstlos vorangetriebenen Recherchen erkennt Ödipus am Ende etwas, was ihm zuvor völlig verborgen war: Den zentralen Anteil seiner Gattin und Mutter Iokaste an dem ganzen Verhängnis. Vater Laios hingegen war – nach Sophokles – offenbar ausdrücklich nicht an der Aussetzung beteiligt. Es wäre für Sophokles ja ein Leichtes gewesen, dem Zeugen am Ende in den Mund zu legen, dass beide Eltern, Iokaste und Laios, ihm den Auftrag gegeben hätten, den Säugling auszusetzen.

Die vier Autoren wollen uns weismachen (101): „Im Licht der Mythen betrachtet, erscheint Sophokles’ König Ödipus … nicht als eine Geschichte über die Enthüllung, sondern über das Verhüllen von Wahrheit, als eine ‚cover story’, welche die Unschuld der Kinder an der ihnen eigenen ödipalen Problematik verdeckt.“ Wer das Stück von Sophokles so oberflächlich betrachtet, wie es den Autoren beliebt, der mag sich daran festhalten, dass Ödipus tatsächlich sich selbst beschuldigt. Aber diese – fälschliche! – Selbstbeschuldigung erfolgt erst, nachdem Ödipus für einen kurzen Moment in bemerkenswerter Klarheit demonstriert hat, wie klar er die ganzen Zusammenhänge durchschaut: Er möchte an der Verantwortlichen, an Iokaste, blutige Rache nehmen, an ihr also die vom Orakel geforderte Sühne vollziehen. Erst als er erkennen muss, dass sie ihm bereits durch ihren Suizid zuvorgekommen ist, dass also kein Objekt mehr zur Verfügung steht, an dem er seine gewaltige, berechtigte Wut ablassen kann, erst in diesem Moment höchster emotionaler Aufgewühltheit und Verwirrung sticht er sich die Augen aus. (Auf Kolonos lässt Sophokles ihn ausdrücklich sagen, dass diese aus dem Affekt erfolgte Selbstbestrafung in keinem Verhältnis zu seiner eigenen Verfehlung gestanden hatte.)

Dies ist – psycho-logisch – stimmig dargestellt und entspricht der Dynamik von selbstverletzendem Verhalten, das in den letzten Jahren in psychiatrischen bzw. psychotherapeutischen Praxen als Symptom v.a. unter jungen Menschen häufiger zu beobachten ist. Es stimmt mit der Erfahrung überein, die man im Umgang mit Menschen machen kann, die als Kinder schwere Gewalt erlebt haben: Sie haben allzu oft die Neigung, in einem – falschen! – Schuldgefühl die Verantwortung für das vergangene Geschehen bei sich selbst zu suchen. (Es sind die Zuschreibungen der Täter, die solche Kinder in einer hilflosen Situation des Ausgeliefert-Seins aus einem Überlebensreflex heraus voll und ganz übernehmen.) Für den distanzierten Beobachter von außen kann jedoch kein Zweifel daran bestehen, dass solche Kinder vollkommen unschuldig sind! Genauso wie Ödipus! Wer das grandiose Theaterstück von Sophokles wirklich verstanden hat, wird daran nicht zweifeln können.

Kapitel 12 - „Ödipus auf Kolonos – Die verlorene Blindheit

Im Schlusskapitel wird der „Ödipus auf Kolonos“ des Sophokles zusammengefasst. Die Autoren erkennen immerhin, dass Ödipus hier seine Unschuld herausstreicht, dabei am Ende durch eine göttliche Instanz sogar seine Sehfähigkeit zurückerlangt. Aber ihre Deutungen für diesen Akt – als Ausgleich für das ungerechtfertigt erlittene Leid bzw. als Wegnahme der sexuellen Schuld – scheinen mir unpassend. Vielmehr sollen durch Sophokles m.E. seine konsequente Wahrheitssuche, seine überragende Aufrichtigkeit und Selbstlosigkeit, sein bedingungsloser Einsatz für das Wohl seiner Bürger und seine demokratische Gesinnung maßgebend gewürdigt werden.

Antike Theaterstücke hatten eine wichtige Funktion im gesellschaftlichen Leben Athens. Sie waren als Gleichnisse / Allegorien auf die damals aktuelle Situation der Stadt (= Polis) zu verstehen. Sophokles setzt im „König Ödipus“ überdeutlich dem herausragenden attischen Politiker Perikles ein Denkmal. Es liegt dann nahe, die Auszeichnung – die ihm im „Ödipus auf Kolonos“ zugesprochen wird (15) – in positiven Eigenschaften zu suchen, und nicht etwa im Fehlen von sexueller Schuld oder im Ertragen von großem Leid. Auf der politischen Ebene ging es dabei sehr wohl um Schuld, um die Frage, wieweit die alte demokratische Ordnung (Laios) innerhalb des Attischen Seebundes aufgrund des Machtbedürfnisses des Gemeinwesens von Athen (Iokaste) zunehmend außer Kraft gesetzt worden war. Und hier scheint das Plädoyer des Sophokles in Bezug auf den herausragenden Politiker dieser Polis, Perikles (Ödipus), eindeutig zu lauten: „Unschuldig!“

Die Autoren sind an solchen Dingen nicht interessiert. Ihre Spürnasen schnüffeln nur wahllos an den Geschlechtsteilen anderer Leute herum. So glauben sie zielsicher, bei Angehörigen des Ödipus weitere inzestuöse Abgründe aufzufinden. Der grandiosen Antigone wird dann – so nebenbei – inzestuöses Begehren gegenüber ihrem Vater und Halbbruder Ödipus wie auch gegenüber ihrem Bruder Polyneikes angedichtet. Eine solch absurde Geschmacklosigkeit darf in einer psychoanalytischen Abhandlung wohl nicht fehlen.

In ihrem Schlusssatz fassen die Autoren die Essenz ihrer kuriosen Sicht noch einmal notdürftig zusammen: Der „Ödipuskomplex“ bezeichne „ein Drama, in dem das mütterliche Rivalisieren mit der Tochter in der ödipalen Problematik der Mutter gründet, die durch den Vater aktualisiert wird, und das väterliche Rivalisieren mit dem Sohn auf der ödipalen Problematik des Vaters beruht, die durch die Mutter in Gang gesetzt wird.

Die Nebulösität der (angeblichen) „ödipalen“ Dynamik, die bereits bei Freud vorgegeben war, wird nun durch die vier Autoren noch potenziert, indem sie restlos darauf verzichten, den in diesem Begriff enthaltenen Bezugspunkt (Ödipus) mit irgendwelchen konkretisierbaren Sachverhalten zu verknüpfen, die aus einem real existenten Tragödientext halbwegs vernünftig abzuleiten wären (16). Bei den vier Autoren wird alles „ödipal“: Nicht nur Ödipus selbst, sondern auch seine Mutter und sein Vater, der im Stück des Sophokles niemals die Bühne betritt; diese „ödipalen“ Eltern sollen an der „ödipalen“ Entwicklung ihres „ödipalen“ Sohnes Anteil gehabt haben, in einer Zeit, der „ödipalen Phase“ ihres Sohnes, in der sie erwiesenermaßen keinerlei Kontakt zu ihm hatten.

Warum also nicht korrekter von „iokastisch“ und „laiotisch“ sprechen, wenn man die Handlungsanteile der Eltern meint? Und warum das Verhaltensmuster sogleich auf Töchter ausdehnen, die es im Fall von Laios und Iokaste nun mal nicht gegeben hat?

Um es mit einem Vergleich zu sagen: Dieses Vorgehen scheint mir so, als würde ein Chemiker diverse Stoffe, die er synthetisiert hat, als Kohlenstoff-Verbindungen titulieren, obwohl kein einziges Kohlenstoff-Atom darin enthalten ist, er diese Verbindungen aber in einer Apparatur gewonnen hat, in der er früher schon einmal Kohlenstoff-Verbindungen hergestellt hatte. In den Naturwissenschaften würde man solche irreleitenden Begriffsschöpfungen schnell als blödsinnig verwerfen. In der Freudschen Psychoanalyse finden solche Ergüsse – wie des Kaisers neue Kleider – glühende Bewunderer. Wenn es dabei nur darum ginge, dass ein paar Scharlatane geschickt einem gutgläubigen, selbstgefälligen Potentaten ein paar Moneten aus der Tasche leiern, dann wäre das ja vielleicht noch lustig. Aber im Fall der „ödipalen“ Problematik geht es darum, dass mittels dieses Begriffes in einer Behandlung, die vorgibt, ein „Heilverfahren“ zu sein, weiterhin das reale Elend, dem Menschen in der Kindheit hilflos ausgesetzt waren, in einer irrsinnigen Pseudo-Logik pauschal auf eine sexualisierte Schein-Dynamik heruntergebrochen wird (17), bei der die eigentliche Traumatisierung oft genug völlig unbeachtet bleibt, und bei der vor allem auch die Betroffenen suggeriert bekommen, dass sie selbst am Ende nicht in der Lage waren, das „Identifizieren“ mit den Aggressionen von „ödipaler“ Mutter oder „ödipalem“ Vater zu vermeiden. Die alte Ideologie des „Ödipuskomplexes“, mit dem man die Opfer von Gewalt zu Tätern erklärt hat, lässt sich so bequem beibehalten.

Der Wert einer solch heillosen Verunklarung und Entkonkretisierung von Zusammenhängen kann nur in einem einzigen Punkt bestehen: Man möchte dichte Nebelwolken produzieren, hinter denen die Schwachsinnigkeit eines seit über hundert Jahren dogmatisch aufrechterhaltenen Glaubenssystems versteckt bleiben soll, damit nicht endlich der sog. „ödipale Konflikt“ bzw. der „Ödipuskomplex“, eines der bizarrsten Ungeheuer der Weltgeschichte, das viel Leid und Elend mit sich gebracht hat, sich vor denjenigen, die sein Schein-Rätsel durchschaut haben, endgültig in die Schlucht stürzt und ein für alle mal aufhört, sein Unwesen zu treiben.

Zusammenfassende Bewertung

Den Autoren halte ich ein vierfaches Versagen vor:

1.)   Die vier Autoren missverstehen eine konkrete Handlungsdynamik!

Das wunderschöne Theaterstück von Sophokles zeigt: Ödipus erkennt am Ende, dass er durch seine Mutter Iokaste dem Vater (und ihr selbst) entfremdet worden ist. Nur durch diese Entfremdung konnte es zu der tödlichen Notwehrsituation (und der Mutterheirat) kommen. Aufgrund der durchschauten Zusammenhänge will Ödipus am Ende – mit dem Segen Apollos! – die Mutter töten, um den Tod des Vaters zu sühnen, den Iokaste durch die Aussetzung des Ödipus letztlich zu verantworten hat. Da Iokaste durch ihren Suizid dem Ödipus zuvorgekommen ist, kann er seine berechtigte Wut nicht loswerden, richtet sie in diesem Moment gegen sich selbst, sticht sich die Augen aus, versinkt sogar für einen Moment in (falsche) Selbstbeschuldigungen. Bei dieser Dynamik ist eindeutig, dass Ödipus leidet, weil er als Kind durch Erwachsene in seiner gesunden und angemessenen Entfaltung (z.B. in der Möglichkeit, bei seinen leiblichen Eltern aufzuwachsen) behindert worden ist. Die Schuld hierfür liegt – in dieser Geschichte, aber nicht generell! – klar bei der Mutter.

Freud hatte diese Dynamik in ihr Gegenteil verkehrt: Er behauptet unter der Rubrik „Ödipuskomplex“, aufgefächert als positiv und negativ, dass sich ein Kind von sich aus in das Beziehungsleben seiner Eltern einmischen wolle: Es wolle eigentlich Sex mit beiden Eltern bzw. wolle auch gleichzeitig den jeweils anderen aus dem Weg räumen. Daraus resultierten im späteren Leben seine Probleme. Es hätte darin versagt, seine krankhaften Impulse zu zügeln.

Hätten sich die vier Autoren für eine wirkliche „Revision“ von Freuds Hirngespinsten interessiert, dann hätten sie gut daran getan, zunächst einmal sich um ein gründliches Verständnis der Ödipus-Geschichte zu bemühen. Hierzu hätten sie z.B. auf meine Publikationen von 1997 und 2005 zurückgreifen können, die sich im Bestand der Universitätsbibliothek des Saarlandes befinden. Aus welchen Gründen sie das nicht getan haben bei ihrem Projekt, bei dem sie sich angeblich kritisch mit dem „Ödipuskomplex“ beschäftigen wollten, vermag ich natürlich nicht zu sagen. Bei einer ähnlichen Ignoranz gegenüber meinen Recherchen zu den Hintergründen eines von Freud analysierten Schriftstellers, Wilhelm Jensen (Schlagmann, 2012), in der ich – neben umfangreichem Material zu Jensen – auch die nach über einhundert Jahren verschollen geglaubten Briefe von Freud an Jensen erstmals veröffentlichen konnte, habe ich einmal gehört, man wolle durch eine Auseinandersetzung damit meinen Beitrag „nicht aufwerten“. Mit solchen Phrasen mag man dann – vor sich selbst und vor anderen – die eigene Ignoranz als wohlbedachte Entscheidung ausgeben. So lässt sich dann die zentrale Dynamik des „König Ödipus“ auch noch mehr als 100 Jahre nach Freud weiter beharrlich missverstehen.

Nicht aufwerten“ wollte man womöglich auch die Arbeit von Werner Greve und Jeanette Roos (1996). Frau Roos war zeitweise am psychologischen Institut der Universität des Saarlandes als Dozentin tätig. Mit ihrem Co-Autor hat sie empirisch überprüft, ob die von der Psychoanalyse unterstellten ödipalen Antriebe bei Kindern zu beobachten sind. Kurz gesagt: Sie sind es in aller Regel nicht. Greve & Roos sind ein wenig irritiert, dass sich bei einigen wenigen Kindern tatsächlich „ödipale“ Beziehungsmuster finden ließen. Eine rechte Erklärung dafür haben sie nicht. Hier habe ich bereits 2005 als Lösung angeboten, dass diesen Sprösslingen die entsprechenden Gefühls-Muster eingeprägt worden sind – und zwar durch die Art und Weise, in der ihre Eltern die Beziehung zu ihnen gestaltet haben. Es dürfte sich um Kinder aus speziellen Familien gehandelt haben, in denen in einem nicht untypischen, aber stark zugespitzten Konflikt die Eltern ihre Kinder als Partnerersatz und Verbündete missbraucht haben – so, wie mutmaßlich geschehen in den Familien von Sigmund Freud, Alfred Döblin („Hamlet“) oder Hubert Fichte („Ödipus auf Håknäss“): Bei all diesen Männern wird deutlich, dass sie – in ihren jeweils konkreten Lebensgeschichten – von ihren Müttern gegen ihre Väter vereinnahmt worden sind. In ihren Theorien bzw. in den genannten Werken spiegelt sich jeweils genau diese Leidensgeschichte.

2.)   Die vier Autoren missverstehen die Funktion von Mythen!

        Die Autoren scheinen – wie Freud – in den (von ihnen z.T. grob missverstandenen) Mythen eine allgemeingültige Beschreibung menschlicher Wesen zu sehen, als wäre dort niedergeschrieben, wie der Mensch naturgesetzlich, aufgrund seiner gesunden Instinkte und Impulse, funktioniert. Aber: „μῦθος [Mythos] und sein Gegensatz λόγος [Logos] bedeuten beide das Wort. Aber Logos ist das Wort als gedachtes, sinnvolles, überzeugendes. ... Mythos aber bedeutet von Anfang an, und in der ältesten Sprache durchaus, das Wort von dem, was geschehen ist oder geschehen soll, das Wort, das Tatsachen berichtet oder durch seine Aussprache Tatsache werden muß, das autoritative Wort. ... Die alten Mythen wollen also als volle Wahrheit verstanden und heilig gehalten werden ...“ (Otto, 1962, S. 268 f.). Mythen sind also Ideologie, haben die Funktion einer Suggestion: Sie rechtfertigen und begründen eine bestimmte (Gesellschafts-)Ordnung und versuchen festzulegen, wie ein Einzelmensch sich verhalten soll.

Und hier gibt es zwei bedeutende Systeme, die in der antiken Welt aufeinanderprallen: Mutterrechtliche und vaterrechtliche Gesellschaften. Aus beiden – sehr gegensätzlichen – Systemen sind ideologische Bausteine in entsprechende Mythen eingeflossen und so überliefert worden. Ein zentrales Thema ist dabei die Frage, wer am Hervorbringen von Kindern den maßgeblichen Anteil hat. Entweder wird dabei die Bedeutung der Frauen betont, oder die der Männer. Es erfahren dann jeweils Mädchen – als künftige Clan-Mütter – oder aber Jungen – als künftige Stammhalter – besondere Wertschätzung, während das jeweils andere Geschlecht eher mal ausgesetzt wird bzw. als rituelles Opfer an die Götter Verwendung findet.

Es ist naheliegend, dass damit in den Mythen Normen zum Thema Sexualität und Beziehung umkreist werden. Das heißt aber nicht, dass sich aus diesen Geschichten genau ableiten ließe, wie nun das jeweils konkrete Beziehungs- und Sexualleben aller Menschen in ihren jeweiligen familiären Zusammenhängen abläuft.

Wenn nun eine Mutter ihren Sohn in der Wildnis aussetzt oder direkt tötet (mutterrechtliches System), dann heißt das nicht, dass in jeder Familie Mütter tödliche Impulse gegenüber ihren Söhnen zeigen, sondern dass eventuell in entsprechenden Gesellschaften solche Rituale der Aussetzung von Söhnen vorkamen. Womöglich sollte damit inszeniert werden, dass das männliche Geschlecht gegenüber dem weiblichen für die Erhaltung oder Vermehrung der eigenen Art eher verzichtbar ist (18). (Ohne dass man dabei hätte vermitteln wollen müssen, dass generell, bei jeder Zeugung auf den männlichen Part verzichtet werden könnte.)

Geschichten wie die von Ödipus vermitteln den Standpunkt des Gegenmodells, erzählen, welch schlimme Folgen aus einer Sohnes-Aussetzung resultieren können: Männer, Stammhalter sind besonders wichtig für die Erhaltung der Art. Das Wohl der Gemeinschaft ist davon abhängig, dass mit ihnen gut umgegangen wird. Der ungesühnte Tod des Laios ist dafür verantwortlich, dass die Pest der Stadt das Leben verwüstet. Das Hervorbringen von Nachkommen ist vor allem Männersache. Zeus bringt z.B. die Athene aus sich selbst hervor, ebenso den Dionysos. Analog geht aus dem Adam, aus seiner Rippe (Phallus-Symbol?), die Eva hervor. (Das heißt ja nun nicht, dass laufend die Männer aus sich selbst heraus Kinder hervorbringen würden.)

Ganz im Stil der Vorgabe durch Freud glauben die vier Autoren, quasi naturgesetzliche Gegebenheiten entdeckt zu haben, abzulesen schon an den alten Mythen: Wir hätten (angeblich) alle inzestuöse Impulse gegenüber unserem gegengeschlechtlichen Elternteil. Und wir hätten auch alle homosexuelle Impulse gegenüber unserem gleichgeschlechtlichen Elternteil. Die Kinder „identifizierten“ sich dabei mit den auf sie „projizierten“ „ödipalen“ Impulsen der Eltern.

Es ist Fakt, dass sowohl heterosexualisierte als auch homosexualisierte Gewalt von Eltern gegenüber ihren Kindern in einzelnen Familien vorkommt. Es ist aber kein universelles Phänomen, das in jeder Familie zu beobachten wäre! Und es ist vor allem auch kein Phänomen, das in irgendeiner Art von den Kindern ausgeht! Kinder werden eventuell unter Druck gesetzt und genötigt, solche Handlungen über sich ergehen zu lassen. Das hat aber nichts damit zu tun, dass sie aktiv ein solches Handeln – aus einem natürlichen, gesunden Handlungsimpuls heraus – zeigen würden.

3.)   Die vier Autoren ziehen den großartigen Geist der griechischen Antike in den Schmutz!

Hätten die vier Autoren ihr abstruses Geschwafel, ihre unseligen, kranken Phantasien über ein „Alle-Wollen-Sex-Mit-Allen“ als Überlegungen zum „Freud-Zepf-Ullrich-Seel-Komplex“ ausgegeben, dann würde das ja noch angehen, dann wüsste man schneller, wohin man den Einspruch zu richten hätte. Empörend ist jedoch, als Protagonisten für diese in Neurose und Kokainrausch zurechtgereimten Spinnereien weiterhin eine Gestalt zu wählen, die eine der großartigsten, klügsten, aufrichtigsten, selbstlosesten, selbstbewusstesten Figuren der griechischen Mythologie darstellt, die in einem der grandiosesten Theaterstücke der Menschheitsgeschichte in vollständiger, geschlossener Form überliefert ist, zu Papyrus gebracht von einem der begnadetsten Dichter der Welt, dem großartigen Sophokles! Ein Erbteil außerordentlichen griechischen Geistes wird von den vier Autoren weiter unbeschwert in den Dreck gezogen! Das macht mich – wie man beim Lesen dieser Zeilen gemerkt haben wird – wütend! Diese Wut – ein Gefühl, das Energie zur Abgrenzung bereitstellt – ist not-wendig. Die Geschöpfe des Sophokles bzw. der griechischen Mythologie, wie auch lebende oder leider bereits verstorbene Menschen (z.B. Ida Bauer, Emma Eckstein, Bertha Pappenheim, Josef Breuer, Wilhelm Jensen, …) haben sehr viel mehr Respekt verdient bzw. haben den Anspruch, nicht mit vorgeblichen „Heilbehandlungen“ konfrontiert zu werden, die systematisch Schaden stiften. Es ist höchste Zeit, den Begriff des „Ödipuskomplexes“ endgültig als unsinnig und schädlich komplett zu verwerfen, aus dem psychologischen Vokabular zu streichen, ihn in eine Gedenkstätte für die Verirrungsmöglichkeiten menschlichen Geistes zu verbannen!

Dass dies genauso mit dem Begriff des „Narzissmus“ zu geschehen hätte, habe ich hier einmal kurz anklingen lassen und an anderer Stelle ausführlicher begründet (z.B. Schlagmann, 2008). 

4.)   Die vier Autoren betreiben bewusst Augenwischerei, um ein überkommenes, schädliches Therapiekonzept am Leben zu erhalten!

        Der Hauptvorwurf an die Autoren ist, dass sie den durchsichtigen Versuch unternehmen, ein heillos verkommenes pseudo-theoretisches Konzept wie den „Ödipuskomplex“ zu retten, der im Kern auf eine geschmacklose und schädigende Opferbeschuldigung hinausläuft. Markante Beispiele dafür reichen von der Therapie Ida Bauers („Dora“) im Jahre 1900 (Freud, 1905) bis in heutige Tage, hin zu der Frau, die – nach Kernberg (1999) – als Grundschülerin unter 10 Jahren angeblich ihre Vergewaltigung durch den Vater als „sexuell erregenden Triumph über ihre Mutter“ erlebt habe und ihre „ödipale Schuld“ tolerieren müsse.

Mit dem Konzept vom „Ödipuskomplex“ entwickelt Freud ein (fast) perfektes System der Rechthaberei: Er behauptet, dass jedes Kind solche „anstößigen“ Phantasien habe, dass es eine psychische Störung entwickle, wenn es diese Phantasien ins „Unbewusste“ verdrängt habe. Die Standard-„Perversionen“, die er seinen KlientInnen unterstellt, sind Inzest, Homosexualität und Selbstbefriedigung (19). Er redet Betroffenen beharrlich ein, dass er – als Fachmann – Anzeichen für das Vorliegen dieser Phantasien finde: In Träumen, Fehlleistungen oder irgendwelchen Handlungen, die als symbolische Inszenierungen aus dem „Unbewussten“ heraus gewertet werden. Wer ihm dann widerspricht, der zeige „Widerstand“ – für Freud und seine Gesellen ein Beleg, dass man „genau ins Schwarze“ getroffen hat. (Aus „Nein“ wird „Ja“, aus „Widerspruch“ wird „Zustimmung“.) (Aber selbstverständlich wird nicht ebenso automatisch aus „Ja“ ein „nein“ oder aus einer „Zustimmung“ ein „Widerspruch“.)

Ein Problem, das bei Freuds früherer „Väter-Vergewaltigungs-Hypothese“ auftreten konnte, wird dabei umgangen: Damals waren zwangsläufig Personen außerhalb der Zweiheit von Therapeut und Klient in das Geschehen einbezogen. Womöglich widersprach der angebliche Täter glaubhaft den Beschuldigungen – das verkomplizierte die Situation. Vielleicht gab es auch Zeugen, die sich für die Anständigkeit des beschuldigten Täters verbürgten. Die Angelegenheit ließ sich nicht so ohne weiteres unter vier Augen klären.

Indem Freud sich – mit der „Ödipus-Hypothese“ – ganz auf die Phantasie des Kindes konzentriert, entfällt dieses Problem vollkommen! Das komplette Umfeld kommt – per Definition – nicht mehr als Verursacher von irgendwelchen Störungen in Betracht! Mit diesem Ansatz hantiert Freud erstmals 1895 im Fall von Emma Eckstein: Die von seinem Freund Fließ bei einer verpfuschten Operation beinahe ums Leben gebrachte junge Frau bekommt beharrlich eingeredet, dass ihre wiederholten Blutungen aus dem mit einer Knochenzange verletzten Gefäß im Nasenbereich „Wunschblutungen“ seien. Diese Gehirnwäsche ist bei Emma Eckstein sehr erfolgreich gewesen: Sie wurde später selbst Psychoanalytikerin.

Die vier Autoren wollen uns mit ihrem Buch einreden, sie nähmen eine „Revision“ des Freudschen Konzeptes vom „Ödipuskomplex“ vor. Aber am Ende ihrer Ausführungen bleibt der alte Mist bestehen: Wir alle haben (angeblich) einen „Ödipuskomplex“! Und den „Ödipuskomplex“ haben wir alle (angeblich) ins Unbewusste verdrängt! Und wir alle können uns nicht dagegen wehren, der „Ödipuskomplex“ kann (angeblich) gar nicht „untergehen“! Und all unsere zentralen psychischen Probleme resultieren (angeblich) aus diesem verdrängten Komplex.

Dass dann die vier Autoren in diese Argumentationskette irgendwo einflicken, dass unser aller „Ödipuskomplex“ eigentlich von unseren Eltern verursacht sei, weil diese ihren eigenen – irgendwo, irgendwann und irgendwie automatisch erworbenen – „Ödipuskomplex“ nicht bewältigt hätten, ist für das verschrobene Gesamtergebnis im Grunde komplett unerheblich.

Patienten, die in einer ähnlichen Leidensgeschichte wie Ödipus verstrickt waren, und deren Geschichten von „Therapeuten“ dann ähnlich missverstanden, pervertiert und umgedeutet wurden, wie von den Autoren vorexerziert, habe ich in meiner Praxis mehrfach kennengelernt. Es ging ihnen regelmäßig nach einer solchen seelischen Misshandlung schlechter als zuvor. Meine Versuche, unter Kollegen und Kolleginnen eine Diskussion über solche opferbeschuldigenden „Therapie“-Konzepte zu führen, sind in den letzten 18 Jahren überwiegend gescheitert. So werden also weiterhin Therapiesuchende nicht aufgeklärt über die Risiken entsprechender Verfahren.

Es gab vereinzelte Kolleginnen und Kollegen, die sich getraut haben, mit mir offen über die genannten Missstände zu diskutieren. Für deren Mut und die Aufrichtigkeit möchte ich mich hier ganz herzlich bedanken!

 

Nachtrag:

Im Mitteilungsblatt der Psychotherapeutenkammer des Saarlandes (FORUM 55; 10/2014, S. 24ff) wird das hier vorgestellte Buch von Zepf u.a. ebenfalls ausführlich rezensiert, und zwar von Dr. Petra Schuhler, leitende Psychologin in der Klinik Münchwies. Laut Webseite ist Frau Schuhler in Verhaltenstherapie und tiefenpsychologisch fundierter Psychotherapie ausgebildet. Warum „der Stellenwert der ödipalen Frage für die klinische Arbeit kaum hoch genug einzuschätzen“ sei, weshalb dieser neu aufgequirlte alte Mist „in seiner klinischen Umsetzung reiche Früchte tragen dürfte“, wieso zu begrüßen sei, dass durch das Buch von Zepf u.a. „dem Ödipuskomplex … die psychosexuelle Dimension zurück[gegeben]“ werde, das bleibt für mich das unergründliche Geheimnis dieser Rezensentin.

 

Publikationen des Autors zum Thema

(Bei Interesse an einzelnen Artikeln und Beiträgen bin ich gerne bereit, nach Anfrage über Mail eine entsprechende Datei zu versenden.)

 

(1996) Die Wahrheit über Narziß, Iokaste, Ödipus und Norbert Hanold. Versuch einer konstruktiven Streitschrift. Saarbrücken.

(1997 a) Zur Rehabilitation der Könige Laios und Ödipus oder: Die Lüge der Iokaste. Saarbrücken, 1997.

(1997 b) Zur Rehabilitation von ‚Dora’ und ihrem Bruder oder: Freuds verhängnisvoller Irrweg zwischen Trauma- und Triebtheorie. Bd. I: Der Fall ‚Dora’ und seine Bedeutung für die Psychoanalyse. Saarbrücken, 1997.

(1998 a) Narziß, Ödipus, Iokaste und der systemische Ansatz. In: Zeitschrift für systemische Therapie, Heft 2/1998 (Jg. 16), 133 – 141.

(1998 b) Interview mit Dipl. Psych. Klaus Schlagmann anlässlich der Frankfurter Buchmesse 1997. In: Zeitschrift für Positive Psychotherapie, Heft 19, 1998 (Jg. 18), 43 – 48

(1998 c) Die Wahrheit über Narziss, Iokaste, Ödipus und Norbert Hanold. Material zu einem Vortrag auf der 1. Weltkonferenz für Positive Psychotherapie, St. Petersburg, 1997. In: The First World Conference of Positive Psychotherapy. Conference Proceedings. Wiesbaden

Materialien zu Vorträgen beim Symposion Zur Geschichte der Psychoanalyse in Tübingen:
- (1999) Die Entstehungsgeschichte der Psychoanalyse im Schlaglicht einiger bislang unbeachteter Aspekte des Ödipus-Mythos
- (2000 a) Der Widerspruch zwischen dem Begriff des Narzißmus und dem Inhalt des entsprechenden Mythos - auf dem Hintergrund von Freuds theoretischem Umbruch von 1897 (2000)
- (2001 a) „aber er versagte seine Mitwirkung“: die psychoanalytische Sicht auf einen Dichter und seine Novelle im Lichte neuen Materials zum Urbild von Jensens „Gradiva“ (2001)

Materialien zu zwei Vorträgen, gehalten auf dem 2nd World Congress for Positive and Transcultural Psychotherapy, Psychotherapy for the 21st Century. 5.-9. July 2000. Wiesbaden, 2000
- (2000 b) Ödipus - positiv gesehen. Widersprüche zur psychoanalytischen Deutung.
- (2000 c) Narziß - positiv gesehen. Widersprüche zur psychoanalytischen Deutung.

(2000 d) Weisheit oder Wahnsinn? Kommentar und Analyse zu einem Artikel von Otto F. Kernberg (1999), Saarbrücken

Materialien zu zwei Beiträgen zum Deutschen Psychologentag (zus. mit Dörte v. Drigalski):
- (2001 b) Produziert die klassische Psychoanalyse systematisch Therapieschäden?
- (2003) Menschliche und politische Krise im „König Ödipus“ - die Lösung des Sophokles und der Tunnelblick der Psychoanalyse

(2001 c) Die Mythen von Ödipus und Narziss als Geschichten von Traumatisierungen. In: U. Bahrke, W. Rosendahl (Hg.) Psychotraumatologie und Katathym-imaginative Psychotherapie. Lengerich

(2001 d) Verstehen Sie Freud? König Ödipus und die Lösung des Rätsels ‚Psychoanalyse’.  Material zu einem Vortrag anlässlich der Jahrestagung der MEG in Bad Orb: Psycho-Somatik. Trance - the missing link? 100 Jahre Milton Erickson.

(2005) Ödipus – komplex betrachtet. Männliche Unterdrückung und ihre Vergeltung durch weibliche Intrige als zentraler Menschheitskonflikt. Nebst Ausführungen zu dem schönen und selbstbewussten Jüngling Narziss. Der Beitrag alter Mythen zur Überwindung eines modernen Irrglaubens. Saarbrücken, 2005.

(2007 a) Sexueller Missbrauch. Opferbeschuldigung als Psychotherapiestrategie? In: psychoneuro, 9/2007, 361-365

(2007 b) Kommentar zum Kommentar. Opferbeschuldigung als Psychotherapiestrategie? In: psychoneuro, 11/2007, 475. (Antwort auf den Kommentar von Prof. Ernst R. Petzold, der meinen Beitrag „Opferbeschuldigung als Psychotherapiestrategie“ in der psychoneuro 9/2007, 366-367, kommentiert hatte.)

(2008) Zur Rehabilitation von Narziss. Mythos und Begriff. In: Integrative Therapie. Zeitschrift für vergleichende Psychotherapie und Methodenintegration. 34/2008, 443-464.

(2009 a) Ein markanter Freudscher Flüchtigkeitsfehler. Plädoyer für die Revision von Freuds Verwerfung der Trauma-Perspektive. In: Psychodynamische Psychotherapie (PDP), 8/2009, 67-77.

(2009 b) Psychotraumatologische Abwehrstrategie? Leserbrief in: Trauma & Gewalt, 3/2009, 270-271.

(2009 c) Die Heilslehre von der oralen Wut. Otto F. Kernberg, Psychoanalytiker und Menschenverächter, tritt auf einem Kongress in Köln auf. Es gibt Fortbildungspunkte von der Ärztekammer. in: Junge Welt vom 30.10.2009

(2009 d) Brief an die Mitglieder von „Runder Tisch – sexueller Kindesmissbrauch“. (http://www.rundertisch-kindesmissbrauch.de/mitglieder.htm)

(2009 e) Der Wahn und die Träume in Freuds Literaturbetrachtung. Der Psychoanalytiker und das Phantasieren. In: Anton Leitner und Hilarion G. Petzold (Hrsg.): Sigmund Freud heute. Der Vater der Psychoanalyse im Blick der Wissenschaft und der psychotherapeutischen Schulen. Krammer Verlag, Wien, 2009, 223-257.

(2010) Ödipus – komplex betrachtet. In: Programmheft zu Bodo Wartkes Solo-Kabarett „König Ödipus“. Reimkultur, Musikverlag, 2010, 33-54.

(2011) Missbrauchsopfer? – Selbst Schuld! Zu Risiken und Nebenwirkungen von Psychotherapie. In: Sexuologie. Zeitschrift für Sexualmedizin, Sexualtherapie und Sexualwissenschaft. 18 (2011), 3-4, 193-200

(2012) GRADIVA. Wahrhafte Dichtung und wahnhafte Deutung. Der vollständige Briefwechsel von Wilhelm Jensen und Sigmund Freud, Erläuterungen zu Jensens Novelle ‚Gradiva’ und ihrer Interpretation durch Freud, Jensens Lebenswirklichkeit, einige seiner Gedichte – darunter sein Spottgedicht auf Freuds Deutung – und der illustrierte Gesamttext der ‚Gradiva’ (unter Einbezug der Erstveröffentlichung von 1902). Saarbrücken, Verlag Der Stammbaum und die 7 Zweige, 2012.

Verwendete Literatur

Aischylos (1938): Tragödien und Fragmente. Verdeutscht von Ludwig Wolde. Verlag der Dieterich’ schen Verlagsbuchhandlung, Leipzig

Apollodors Mythologische Bibliothek (1992): Die griechische Sagenwelt. Sammlung Dieterich, Verlagsgesellschaft, Leipzig

Beutler, Ernst (Hg.) (1950): Johann Wolfgang Goethe. Gedenkausgabe der Werke, Briefe und Gespräche. Bd. 20: Der Briefwechsel zwischen Goethe und Schiller. Artemis Verlag, Zürich

Bleibtreu-Ehrenberg, Gisela (1997): Päderastie bei Naturvölkern. In: Bernard, Frits (Hg.): Pädophilie ohne Grenzen. Theorie, Forschung, Praxis. Foerster Verlag, Frankfurt, 1997

Borkenau, Franz (1957): Zwei Abhandlungen zur griechischen Mythologie. In: Psyche 1, 1-27

Breger, Louis (2009): A Dream of Undying Fame: How Freud Betrayed His Mentor ans Invented Psychoanalysis. Basic Books. New York

Breuer, Josef & Sigmund Freud (1895/1991): Studien über Hysterie. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M.

Decker, Hannah (1991): Freud, Dora, and Vienna 1900. The Free Press, New York u.a.

Deutsch, Felix (1957): A footnote to Freud‘s ‚Fragment of an analysis of a case of hysteria’. In: Psychoanalytic Quarterly 26, 159-167.

Döblin, Alfred (1956): Hamlet oder Die lange Nacht nimmt ein Ende. Rütten & Loening. Berlin

Euripides (1963): Helena. Ion. Die Phönikerinnen. Alkestis. Vier Tragödien übertragen und erläutert von Ernst Buschor. C.H.Beck’sche Verlagsbuchhandlung

Fichte, Hubert (1992): Ödipus auf Håknäss. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M.

Freud, Sigmund (1884 a): Ueber Coca. In: Centralblatt für die gesammte Therapie, Jg. 2, 289-314

Freud, Sigmund (1884 b): Coca. In: The Saint Louis Medical and Surgical Journal, Jg. 47, 502-505

Freud, Sigmund (1885 a): Beitrag zur Kenntniss der Cocawirkung. In: Wiener Medizinische Wochenschrift, 31.01.1885, Nr. 5, Sp. 129-133

Freud, Sigmund (1885 b): Ueber die Allgemeinwirkung des Cocains. In: Zeitschrift für Therapie, Jg. 3, Nr. 7, 01.04.1885, 49-51

Freud, Sigmund (1887): Bemerkungen über Cocainsucht und Cocainfurcht. In: Wiener Medizinische Wochenschrift, Jg. 37, Nr. 28, 09.07.1887, Sp. 929-932

Freud, Sigmund (1896/1985): Zur Ätiologie der Hysterie, Vortrag, abgedruckt in: Masson, 1985

Freud, Sigmund (1896/1952): Weitere Bemerkungen über die Abwehr-Neuropsychosen. In: GW. Bd. 1, 379-403

Freud, Sigmund (1898/1952): Die Sexualität in der Ätiologie der Neurosen. In: GW. Bd. 1, 491-516

Freud, Sigmund (1900/1979): Die Traumdeutung. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M.

Freud, Sigmund (1904-05/1972): Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie und verwandte Schriften. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M.

Freud, Sigmund (1905/1993): Bruchstück einer Hysterieanalyse. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M.

Freud, Sigmund (1914/1949): Zur Geschichte der psychoanalytischen Bewegung. In: Gesammelte Werke, Bd. 10, Imago Publishing, London

Freud, Sigmund (1925/1948): Selbstdarstellung. In: Gesammelte Werke, Bd. 14, Imago Publishing, London

Freud, Sigmund (1931/1948): Über die weibliche Sexualität. In: Gesammelte Werke, Bd. 14, Imago Publishing, London

Freud, Sigmund (1938/1941): Abriß der Psychoanalyse, Teil I, Kap. 7: Eine Probe psychoanalytischer Arbeit. In: Gesammelte Werke, Bd. 17, Imago Publishing, London

Greve, Werner & Jeanette Roos (1996): Der Untergang des Ödipuskomplexes. Argumente gegen einen Mythos. Verlag Hans Huber, Bern u.a.

Hirschmüller, Albrecht (1978): Physiologie und Psychoanalyse in Leben und Werk Josef Breuers. Dissertation. Jahrbuch der Psychoanalyse, Beiheft 4, Verlag Hans Huber, Bern u.a.

Israëls, Han (1999): Der Fall Freud. Die Geburt der Psychoanalyse aus der Lüge. Europäische Verlagsanstalt/Rotbuch Verlag, Hamburg

Jennings, Jerry L. (1990): Die ‚Dora-Renaissance’: Fortschritte in der psychoanalytischen Theorie und Praxis. in: Psyche 5, Jg. 44.

Kerényi, Karl (1960/1998 17): Die Mythologie der Griechen. Bd. 2: Die Heroen-Geschichten. dtv, Stuttgart

Kernberg, Otto F. (1999): Persönlichkeitsentwicklung und Trauma. In: Persönlichkeitsstörungen – Theorie und Therapie (PTT), Jg. 3, Heft 1, 5-15

Krüll, Marianne (1992): Freud und sein Vater. Die Entstehung der Psychoanalyse und Freuds ungelöste Vaterbindung. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M.

Loewenberg, Peter (1983): Decoding the Past. The Psychohistorical Approach. Alfred A. Knopf, New York. Darin: Austro-Marxism and Revolution. Otto Bauer, Freud’s ‘Dora’ Case, and the Crises of the First Austrian Republic (161 ff)

Mahony, Patrick J. (1996): Freud‘s Dora. A Psychoanalytic, Historical, and Textual Study. Yale University Press, New Haven & London

Marcus, Steven (1974): Freud und Dora. Roman, Geschichte, Krankengeschichte. In: Psyche Jg. 28, 32-79

Masson, Jeffrey M. (1995): Was hat man dir, du armes Kind getan? Oder: Was Freud nicht wahrhaben wollte. Kore Verlag, Freiburg.

Masson, Jeffrey M. (Hg.) (1986): Sigmund Freud. Briefe an Wilhelm Fließ 1887-1904. Ungekürzte Ausgabe. Fischer Verlag, Frankfurt

Mentzos, Stavros (1993): Nachwort. In: Freud: Bruchstück einer Hysterieanalyse. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M.

Nunberg, Herman & Federn, Ernst, (Hg.) (1977): Protokolle der Wiener Psychoanalytischen Vereinigung. Band III (1910–1911), S. Fischer, Frankfurt/M.

Patzer, Harald (1982): Die griechische Knabenliebe. Sitzungsberichte der wissenschaftlichen Gesellschaft an der Johann Wolfgang Goethe Universität Frankfurt a.M., Band XIX, Nr. 1. Franz Steiner Verlag, Wiesbaden

Ranke-Graves, Robert von (1990): Griechische Mythologie, Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek

Rogow, Arnold A. (1978): A further footnote to Freud’s ‘Fragment of an analysis of a case of hysteria’. The Journal of the American Psychoanalytic Association, Jg. 26, 331-356

Sophokles (1995): König Ödipus. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Kurt Steinmann. Reclam, Stuttgart

Sophokles (1996): Ödipus auf Kolonos. Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort von Kurt Steinmann. Reclam, Stuttgart

 

 

1     Genau dieses Verhaltensmuster – etwas zu wissen, aber es nicht sagen zu wollen – zeigt Teiresias auch in den „Phönikerinnen“ und den „Bacchen“ (beide Stücke von Euripides).

2     Eine knappe Sicht von mir auf dieses Theaterstück und seine mythologische, psychologische und allegorische Deutungsebene findet sich unter http://www.oedipus-online.de/Beitrag zu Bodo Wartkes Oedipus.pdf.

3     Ida Bauer hatte diesen Antrag mit einer Ohrfeige beantwortet. Als Herr Z. von den Eltern deswegen zur Rede gestellt wurde, hatte er diesen Antrag bestritten. Die Eltern hatten zumindest so getan, als würden sie ihm glauben. Ida erlebte hier ein weiteres Mal, dass sie in ihren Eltern keinen Rückhalt hatte.

4     Die kluge Ida Bauer wollte Freud damit wohl von seiner penetranten Besserwisserei kurieren. Die von Freud quasi wörtlich protokollierte Szene (a.a.O., 103 f): „Zur [letzten] Sitzung trat sie mit den Worten an: 'Wissen Sie, Herr Doktor, dass ich heute das letzte Mal hier bin?' - Ich kann es nicht wissen, da Sie mir nichts davon gesagt haben.“ Genau diese Bescheidenheit hätte ihm die ganzen Sitzungen zuvor schon gut zu Gesicht gestanden!

5     Dies ist kein einmaliger Ausrutscher Freuds: Gerade in zentralen Begriffen der Psychoanalyse – wie z.B. dem des „Ödipuskomplexes“ oder des „Narzissmus“ – ist genau eine solche „Verkehrung ins Gegenteil“ implizit fest verankert (vgl. Schlagmann, 2005, 2008).

6     Auf Kritik hat Freud stets sehr empfindlich reagiert

7     Freud verwendet 1895 in dem in den Studien publizierten Fall Katharina, in dem es um die Erfahrung sexualisierter Gewalt durch den Vater geht (Studien, 143-153), auf elf Seiten achtmal den Begriff „Trauma“ oder „traumatisch“, keinmal den Begriff „Verführung“. 1896 – in seinem Vortrag „Zur Ätiologie der Hysterie“ (1896/1985) – benennt Freud frühe sexuelle Erfahrungen als „Trauma“ und meint dabei inzestuöse Beziehungen zwischen Geschwistern, aber auch sexualisierte Gewalt an Kindern durch Erwachsene, die er beispielsweise mit den „Ausschreitungen ... von Wüstlingen“ (67) vergleicht oder die er als „schwere, nie verwundene Kränkung“ (71) bezeichnet. Er verwendet zweiunddreißigmal den Begriff „Trauma“ oder „traumatisch“, nur dreimal den Begriff „Verführung“ bzw. „verführen“. Nach seinem Umbruch, beispielsweise in den 1905 erschienenen „Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie“ (Freud, 1904-05/1972), benennt Freud kein einziges Mal mehr eine solche Situation als „Trauma“, sondern er spricht zehnmal von „Verführung“ oder „Verführer“ (s.a. Schlagmann, 2005, 471 ff).

8     Am 6.12.1896 berichtet Freud seinem Freund Fließ – ohne jegliche Konkretisierung – von einer Patientin (Masson, 1986, 224): „in deren Geschichte der höchst perverse Vater die Hauptrolle spielt“. Im Zusammenhang mit dieser Fallgeschichte seine ‚Erkenntnis’ (ebd., 223): „Die Hysterie spitzt sich immer mehr zu als Folge der Perversion des Verführers; die Heredität immer mehr als Verführung durch den Vater.“ Am 3.1.1897 berichtet er Fließ von einem Fall, bei dem er aufgrund der Symptomatik wohl bereits an eine orale Vergewaltigung durch den Vater denkt (ebd., 232 f): „Von der F. de A. kann ich Dir auch einmal Nachricht geben. Deine Diagnose war ganz richtig. Hier der Indizienbeweis. ...“ Seine wirren Ausführungen beendet Freud mit dem Ausruf „Habemus papam!“, vom Herausgeber wohl zutreffend übertragen mit: „Da haben wir den Vater!“ (ebd., FN 10).

9     Freuds Vater war ca. vier Monate vor diesem Zeitpunkt verstorben.

10   Bezeichnend, dass die Autoren die Arbeit von Werner Greve und Jeanette Roos (1996) mit demselben Titel („Der Untergang des Ödipuskomplexes. Argumente gegen einen Mythos.“) nicht berücksichtigt haben. Jeannette Roos hatte u.a. am psychologischen Institut der Universität des Saarlandes als Dozentin gearbeitet. Mit ihrem Co-Autor hat sie empirisch überprüft, ob die von der Psychoanalyse unterstellten ödipalen Antriebe bei Kindern zu beobachten sind. Ergebnis: Sie sind es in aller Regel nicht.

11   Devereux selbst verweist hier auf Nikolaos Damaskenos, einen Autoren aus dem 1. Jh. v.u.Z., gibt aber keine genauere Textstelle an.

12   Auch ihn und seinen Beitrag haben die Autoren wohl lieber „unter den Tisch fallen“ lassen.

13   Achtung! Ironie-Modus!

14   Lustig: Hier (80) greifen die Autoren offenbar unbeschwert auf den „Wunscherfüllungstypus“ von Abraham zurück, dessen Existenz sie eine Seite zuvor noch in Abrede gestellt haben!

15   Der Ödipus im „Ödipus auf Kolonos“ bezieht sich eindeutig auf den Ödipus im Stück „König Ödipus“, das wiederum sehr eindeutig das Schicksal des Perikles reflektiert. Da Perikles zur Zeit der Aufführung des „Ödipus auf Kolonos“ bereits lange tot war, können hier im Nachhinein natürlich nur dessen Handlungsprinzipien, die Geisteshaltungen, von denen seine Politik durchdrungen war, validiert worden sein.

16   In der Tat hat ja nun Ödipus nunmal seinen Vater getötet und seine Mutter geheiratet.

17   In vereinzelten Fällen mag eine solche Dynamik durchaus in einigen Zügen so vorliegen.

18   In einer Viehzüchter-Kultur wird man schnell die Erfahrung gemacht haben, dass es besser ist, den Bestand an männlichen Tieren möglichst klein zu halten, damit z.B. keine Unruhe durch Rangordnungskämpfe entsteht. Die Möglichkeit, eine Herde zu vermehren, wird im Wesentlichen durch die weiblichen Tiere bestimmt.

19   Anzumerken, dass – bis auf den „Inzest“ – diese Formen der Sexualität unproblematisch sind.