Diplom-Psychologe
Klaus Schlagmann
Scheidter Str. 62
66123 Saarbrücken
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Sehr geehrte Damen und Herren,

Sie sind als DozentIn am Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie Gießen e.V. tätig.

Erlauben Sie mir, dass ich Sie auf eine „Freudsche Fehlleistung“ im Nachruf auf Horst-Eberhard Richter anspreche, der auf der Webseite des Instituts veröffentlicht wurde (http://gpi.dpv-psa.de/uploads/media/Nachruf_Richter_01.pdf). Dort heißt es:

 

Richter fühlt sich dabei immer der Psychoanalyse verpflichtet, und zwar der emanzipatorisch wirkenden, aufklärerischen, mutigen Psychoanalyse, die quer zur herrschenden Kultur steht, einer Psychologie, die latente, von ihr als unbewusst bezeichnete Motive mit ins Kalkül zieht und den Wert sensibler Mitmenschlichkeit und existentieller Annahme erkennt.

Das ist heute moderner denn je, wo uns biologisch orientierte Protagonisten der Psychotherapieszene weis machen wollen, dass seelische Erkrankungen losgelöst von historisch-politisch-sozialen Kontexten ‚störungsspezifisch’ zu sehen und mit einem differenzierten Register von therapeutischen Tricks zur Ruhe zu bringen seien. Freuds frühe Behandlungen endeten jedoch nicht in Beruhigung und Schicksalsergebenheit, mit Anpassung, sondern in politischer und sozialer Handlungsfähigkeit, so wie dies Berta Pappenheim alias Anna O. vorzeigte.

 

Mir gefällt sehr, dass das Engagement von Herrn Prof. Richter gegen reale soziale Missstände und gegen Gewaltpolitik angesprochen und gewürdigt wird. Dies ist auch aus meiner Sicht ein wesentlicher Aspekt von therapeutischer Arbeit. Und so liegt es im Grunde durchaus nahe, auf eine Urgestalt der Psychoanalyse zu verweisen, auf Bertha Pappenheim, die zum einen selbst in ihrer Behandlung erfahren durfte, mit ihrer realen Not sehr ernst genommen worden zu sein, die aber dann auch ihrerseits später bemüht war, die sehr reale Not von den Opfern sexualisierter Ausbeutung zu bekämpfen.

 

Berthas maßgebliche Behandlung durch den Begründer der Psychoanalyse fand statt zwischen Dezember 1880 und Sommer 1882. Mit ihm, Josef Breuer, entwickelt Bertha Pappenheim die „Psychanalyse“ (tatsächlich damals – begriffslogisch korrekt – noch ohne „o“). Breuer nimmt die Not seiner Klientin sehr ernst, ermuntert sie zur Aussprache dessen, was sie bedrückt: Den Zwang, sich „anständig“ zu benehmen – was bedeutete, berechtigten Ärger, Ekel, Abneigung o.ä. zu verleugnen; ihre Unterdrückung als junge Frau durch das andere Geschlecht, z.B. durch ihren (1 Jahr jüngeren) tyrannischen Bruder; die Unterwerfung unter religiöse Normen; die reale Überlastung durch permanente Verpflichtung zur Krankenpflege. Es ist Breuer, der den Begriff der „Katharsis“ von Aristoteles übernimmt, um das heilsame Prinzip dieser „Redekur“ zu benennen: Die Wahrheit muss offen ausgesprochen werden. Nur die Wahrheit heilt.

 

Breuer und Freud sind sich wohl erstmals 1877 begegnet. Der junge Freud studierte und arbeitete am physiologischen Institut von Ernst Brücke und war mit der Erforschung von Nervenbahnen beschäftigt. Mit knapp 26 Jahren, 1882, trat er eine Stelle im Allgemeinen Krankenhaus an. Die erste Erwähnung Breuers in einem Brief von Freud (an seine Verlobte Martha) datiert vom 13.7.1883. Damals war die Behandlung Bertha Pappenheims bereits ein Jahr abgeschlossen. (Quelle für diese Informationen ist die Breuer-Biografie von Hirschmüller, 1978, das beste, was zu dem Thema zu finden ist.) Sigmund Freud hatte also mit der Behandlung von Bertha Pappenheim nichts zu tun.

 

Und ich sage - noch weiter gehend: Die ursprüngliche Behandlungsmethode von Josef Breuer unterscheidet sich fundamental von der Methode, die Sigmund Freud daraus entwickelt. Der Amerikanische Psychoanalytiker Louis Breger beschreibt diesen Prozess in „A dream of undying fame. How Freud betrayed his mentor and invented psychoanalysis.“ (2009). Seine Sicht deckt sich weitestgehend mit den Positionen, die ich seit 1997 publiziert habe, am umfangreichsten 2005 („Ödipus – komplex betrachtet“). In zwei jüngeren Arbeiten für die „Psychodynamische Psychotherapie“ (2009) bzw. die „Sexuologie“ (2011) gehe ich näher auf diese Aspekte der Geschichte der Psychoanalyse ein. (Die Beiträge lege ich Ihnen bei.)

 

Was Bertha Pappenheim anbelangt, so hatte sie von ihrer Behandlung durch Breuer zweifellos sehr profitiert: Die damals 20-jährige Bertha erlebt, dass Breuer ihre Not versteht und ihr hilft, Worte zu finden für das, was sie zunächst emotional überwältigt hatte. Er hilft ihr, ihre gesunden Empfindungen – auch gegen Erziehung, Sitte, Religion und Unterdrückung – zum Ausdruck zu bringen.

 

Ziemlich genau 20 Jahre später (1900) kommt Sigmund Freud dazu, eine „Hysterikerin“ in vergleichbarem Alter zu behandeln (Ida Bauer = „Dora“, publiziert als „Bruchstück einer Hysterieanalyse“, 1905). Doch Freud, der hier erstmals seit den „Studien über Hysterie“ (1895) sein neues Behandlungsmodell anhand einer umfangreichen Fallstudie dem Publikum vorstellt, geht völlig anders vor, als Breuer und Pappenheim. Er glaubt zwar der jungen Frau, dass sie sexualisierte Übergriffe durch den Freund ihres Vaters erlebt hat, aber er misst der erlebten Gewalt keinerlei Bedeutung bei. Es ist ihm egal, ob sich die junge Frau (als 13-jähriges Mädchen) davor ekelt oder ängstigt oder sich über die Zudringlichkeit ärgert. Er unterstellt, dass ein „gesundes Mädchen“ in dieser Situation des sexualisierten Übergriffs eine „Genitalsensation“ erleben würde; ein „gesundes Mädchen“ würde auf jeden Fall nicht einfach wegrennen. Freud deutet, dass die psychosomatische Störung (= „Hysterie“) der jungen Frau nicht der erlebten Gewalt und Missachtung entspringt, sondern ihren verdrängten Impulsen zu Homosexualität, Selbstbefriedigung und – natürlich – zu Inzest mit dem Vater. 

 

Bertha Pappenheim hat – als Verwandte von Martha Freud und als Mitentwicklerin der Psychoanalyse – sicherlich Freuds „Bruchstück“ gelesen. Tagtäglich hatte sie mit den minderjährigen Opfern sexualisierter Gewalt zu tun – und in Freuds Studie muss sie lesen, dass nicht die Gewalt des Täters und die Ignoranz des Umfeldes, sondern die (verdrängte) Perversion des Opfers selbst bei den jungen Frauen zur Entwicklung von psychosomatischen Störungen führe. Bertha Pappenheim war wohl klar, dass Freud aus ihrer und Breuers „Psychanalyse“ das genaue Gegenteil gemacht hatte: Eine geradezu systematische Opferbeschuldigung. Deswegen wies sie wohl – zurecht! – Anfang der Dreißiger Jahre den Vorschlag vehement zurück, eine junge Frau aus ihrem Heim psychoanalytisch behandeln zu lassen: „Nicht solange ich lebe!“

 

Nun finde ich interessant, dass im Nachruf des Giessener psychoanalytischen Instituts für Horst-Eberhard Richter in einer markanten Fehlleistung quasi die Behandlung Bertha Pappenheims durch Sigmund Freud behauptet wird. Es spiegelt sich darin vielleicht eine Verkennung von historischen Tatsachen, die vielleicht bezeichnend ist.

 

Im Jahr 2000 hatte ich einen psychoanalytischen Fachartikel kritisiert, in dem es heißt, dass eine (unkonkret) unter 10 Jahre alte Grundschülerin, die von ihrem Vater sexualisierte Gewalt erlebt hatte, diese Situation „in typischer Weise … als einen sexuell erregenden Triumph über ihre Mutter“ erlebt habe. Sie müsse „ihre Schuld tolerieren“. An anderer Stelle in diesem Beitrag heißt es: Ich spreche hier von einem Mann, der als einziger Überlebender seiner ganzen Familie als Kind im Alter von 12 Jahren aus dem Konzentrationslager befreit wurde, in dem seine ganze Familie vor seinen Augen ermordet wurde. Der Betroffene sei später „ein absoluter Diktator seiner Familie“ gewesen. Der Autor sieht nun keineswegs die grausame Erfahrung des Kindes als Auslöser für die Aggression gegenüber der eigenen Familie, sondern er argumentiert, dass der Betroffenen seine „chronische Aggression“ bereits an der Mutterbrust entwickelt haben müsse, seinen Hass also quasi schon in das KZ mit hineingebracht habe.

 

Damals hatte ich auch Horst-Eberhard Richter angeschrieben und eingeladen, mir auf meine Kritik Rückmeldung zu geben. Seine Antwort vom 22.09.2000 war leider nur sehr knapp ausgefallen:

 

„Sehr geehrter Herr Schlagmann,

die Position, die Sie zitieren, klingt in der Tat abenteuerlich. Nur bin ich außerstande, mich in die Sache zu vertiefen, da ich anderweitig voll beansprucht bin. So sehe ich mich nicht in der Lage, Ihre Einladung anzunehmen.

Mit freundlichem Gruß - Prof. Dr. Dr. Horst-Eberhard Richter“

 

 

Mein Wunsch wäre, dass die Auseinandersetzung mit solchen „abenteuerlichen“ Positionen ein wenig gründlicher ausfällt. Es dürfte heilsam sein, das Verständnis über die historischen Entstehungs-Zusammenhänge solcher Opferbeschuldigungs-Theorien – die Horst-Eberhard Richter sicherlich ausdrücklich abgelehnt hätte, wenn er die Zeit zur Auseinandersetzung damit gefunden hätte – genauer zu verstehen. Auf diese Weise sollte es leichter sein, sie zu überwinden. Mit etwas mehr Wissen über die historischen Zusammenhänge wäre die bezeichnende Fehlleistung im Nachruf für H.-E. Richter sicherlich vermieden worden. Die erwähnten (und angehängten) Beiträge von mir mögen der Vertiefung der Debatte dienen. Über Rückmeldung freue ich mich.

 

Mit freundlichem Gruß

Klaus Schlagmann

 

 

 

Auf mein Anschreiben an die ca. 200 DozentInnen erhalte ich 1 Antwort:

 

Sehr geehrter Herr Kollege Schlagmann,

haben Sie herzlichen Dank für Ihre Ausführungen. Es ist in der Natur der Sache eines Nachrufs, dass dieser nicht den Regeln eines wissenschaftlichen Aufsatzes entspricht. Ich gehe daher auf Ihre Argumente nicht näher ein, wiewohl ich sie aufmerksam gelesen habe und zur Kenntnis genommen habe.

Ein Nachruf verfolgt aber ganz eigene Ziele und sollte nicht zum Ort wissenschaftlicher (und menschlicher) Kontroversen sein, zumal ihre Argumentation mit dem Lebenswerk des Gewürdigten in keinem Zusammenhang steht.

Mit freundlichen Grüßen

 


So einfach ist das also: In einem offiziellen Nachruf findet sich eine gravierende Unstimmigkeit – aber man geht lieber nicht näher auf die Argumente ein.

 

Natürlich ist ein Nachruf kein Ort für wissenschaftliche Kontroversen – aber er könnte ja zum Anstoß werden, dass eine solche Diskussion – an anderer Stelle – geführt wird.

 

Aber es ist vielleicht ein wenig ähnlich der Situation, die sich kürzlich in Frankreich abgespielt hat: In dem Dokumentarfilm „Le Mur“ hat die Filmemacherin Sophie Robert einige PsychoanalytikerInnen aus Frankreich zum Thema „Autismus“ befragt (http://autisteenfrance.over-blog.com/pages/About_the_film_the_wall_psychoanalysis_put_to_the_test_for_autism-5974163.html). Die Befragten offenbaren dabei ihre völlig veralteten, unhaltbaren Auffassungen über die Ursprünge und Therapieansätze dieser Störung. Die Analytiker erreichen allerdings, dass der Film – der bedrückend belegt, wie starr an unwissenschaftlichen Theorien und Methoden festgehalten werden kann – nicht ausgestrahlt werden darf. Eine Auseinandersetzung, die für die Psychoanalyse peinlich werden könnte, wird um jeden Preis vermieden. Man möchte sich nicht mit möglichen Fehlern konfrontieren. Man möchte an den eingefahrenen Gedanken und Glaubenssätzen festhalten – selbst, wenn das Wohl der Patienten dabei auf dem Spiel steht. 

 

 

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