Tilmann Moser

 

Erschütternde Klage, beißende Rache, grübelndes Verstehenwollen und eine brennende Hoffnung auf Versöhnung kennzeichnen diesen Bericht über eine schmerzhaft gescheiterte Psychoanalyse von fast elfjähriger Dauer.“ Schon Mosers erster Satz im Vorwort zu Margarete Akoluths Buch (S. 7) ist eine Unverschämtheit: Wo, bitte schön, übt die Autorin in ihrem Text „beißende Rache“? (Herr Bettighofer, S. 159, hat in seinem Nachwort genau das Gegenteil behauptet.) Was soll das Geschwätz vom „grübelnden Verstehenwollen“? Margarete Akoluth hat das Geschehen um sich herum m.E. sehr schnell und sehr klar verstanden, ohne dass sie darüber offenbar allzu sehr grübeln musste. Was die ganze Sache so kompliziert und langatmig gemacht hat, das war, dass sich ihr Therapeut  um eine klare Antwort gedrückt hat. Sie wollte wissen, woran sie wirklich war. Sie war dabei wohl zu sehr in der Loyalitätsfalle verstrickt, als dass sie schon viel früher die Entscheidungsfrage hätten stellen können: „Sagen Sie mir ehrlich, was Sie denken und fühlen, oder ich gehe!“ (Zumal sie noch von falschen Ratgebern zum Durchhalten ermuntert worden war.) Sie war immerhin selbst-bewusst genug, dass sie deutlich gespürt hatte, dass die Phrasen, die sie zur Antwort bekam, nicht das waren, was sie einfordern wollte – eine ehrliche, offene Antwort.

Die „erschütternde Klage“ – schnief, schnief – hätte sich Moser auch sparen, statt dessen von „fundierter, wohlbegründeter Anklage“ reden können. Dass ausgerechnet er beim Lesen die „Seelenpein nur schwer aushält“ mag man ihm kaum glauben, weil er mit seinen „Lehrjahren“ doch gezeigt hatte, dass er selbst eine begnadete Ausdauer hatte, sein jämmerliches Daseins „auf der Couch“ auszuhalten und im Nachwort noch um eine Fortsetzung seiner Peinigung zu betteln, ohne dass er im Geringsten zu einer klaren Konsequenz in der Lage gewesen wäre.

Dass man im Werk der Autorin etwas „goutieren“ könne, das etwas mit „diffamierendem Bloßstellen“ zu tun hat, ist eine weitere Gemeinheit des ersten Absatzes, die m.E. verdient hätte, mit einer Beleidigungsklage quittiert zu werden. 

Und so setzt es sich fort: En passant bekommen wir (ebd.) die Autorin als „den schwächeren Teil“ der Doppelkonstellation vorgestellt – als hätte sie nicht mit ihrem Buch bewiesen, dass sie ganz klar der stärkere, ehrlichere, menschlich weitaus reifere, reflektiertere Teil gewesen ist. Da hilft das phrasenhafte Attestieren „kleinkindhafter Hilflosigkeit“ auch nicht weiter, denn diese gönnerhafte Herablassung versucht zu verschleiern, dass durchaus auch sehr erwachsene Menschen durch fortgesetzte psychische Gewalt in einer abhängigen Situation mürbe gemacht werden können (vgl. Psychotherapieschäden, Sektenterror, Mobbing, Stockholm-Syndrom, ...). Und Moser setzt diesem Blödsinn dann noch sogleich den Kontrapunkt entgegen: „Sie ist zur Verfolgerin geworden.

Mosers Erörterungen, dass Frau Akoluth so hilflos gewesen sei, dass sie sich von dem ungekonnten „körpertherapeutischen“ Übergriff „nie mehr erholte[n]“ (ebd.), beweist, dass Moser nicht nur nicht schreiben, sondern auch nicht lesen kann. Denn die Autorin hat ausreichend durchklingen lassen, dass sie aus dem ganzen Mist, den sie erlebt hatte, mehr als genug Dünger produzieren konnte. Und auf dem Hintergrund dieser hinreichend von ihr getroffenen Feststellung, dass sie diese ganze Erfahrung im Grunde als Initialzündung für ihr Erwachen gar nicht wirklich missen wollte, wird dann Mosers weiteres Gesülze zur unverhohlenen persönlichen Attacke gegen Margarete Akoluth (S. 8): „Es ist ohnehin fraglich, ob man bei älteren Patienten, die ohne Partner, ohne libidinöse Zufuhr von außen leben, mit Berührungen arbeiten soll: Sie können leicht Lebensersatz und zu schwer kontrollierbaren Bindungen, zu Dankbarkeit und Erlösungsvorstellungen führen. So auch in diesem Fall.“ Nach Moser lauerte die Autorin offenbar gierig und beständig nach den Stunden bei Dr. L. – als hätte sie nicht auch ihr eigenes Leben mit Chor, Leier-Spiel, Freundinnen und ehrenamtlicher Beschäftigung gehabt, als hätte sie nicht ausdrücklich festgestellt, dass sie es vermutlich keine drei Tage an der Seite des Dr. L. ausgehalten hätte. Jetzt aber wird auch ihr Alter und ihr Witwenstatus gegen sie verwendet: Hätte Dr. L. doch besser die Finger von ihr gelassen! Herr Moser ist wirklich ekelhaft!

Wie es sich für einen ewiggestrigen Psychoanalytiker gehört, greift er dann auch gerne auf antiquierte Sprache zurück, wenn es seinem Abwertungsbedürfnis entspricht (ebd.): „Das Weib erwachte in ihr ...“ – großartig beschrieben! – und es „... forderte eines Tages, als Siegel der erlösenden, bestätigenden Zuneigung, einen Kuss.“ Aber auch hier macht sich wieder Mosers Leseschwäche unangenehm bemerkbar. Die Autorin selbst formuliert es nämlich deutlich anders (S. 26): „Die Erlaubnis des Therapeuten ‑ immer wieder ausgesprochen ‑, dass ich ‚hier meine Gefühle zulassen, meine Lebendigkeit zeigen dürfe’, sollte schließlich ein lebenslanges Verbot, lieben zu dürfen, außer Kraft setzen. Seine Worte waren von großer Ausdruckskraft, geprägt von einer geradezu spürbaren, umarmenden Zärtlichkeit. Und endlich, endlich hatte ich ihm ge­glaubt, vertraut, zeigte meine Gefühle: Ihn umarmend sagte ich all das, was Herz und Sinne ausfüllte. Diese Liebeserklärung wollte kein Antrag sein, gar für eine reale Verbindung, sondern im eigentlichen Wortsinn versuchen, meine Liebe zu erklären und damit zu verstehen. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich nicht nachhaltig mit dem Gefühl überzeugt gewesen, von ihm so ganz und gar angenommen und wirklich gemeint zu sein. Wenn ich es dieses eine Mal zutiefst erfahren könnte, das Angenommensein und Verstanden­werden auch ohne Worte, dann brauchte ich nicht immer mehr Umarmun­gen, Worte der Bestätigung. Eine innere Gewissheit gaukelte mir vor, dass ich mich mit diesem Zeichen seiner Zuneigung von ihm lösen könne. So fragte ich Dr. L., ob er mir einen Kuss geben würde. Ich hatte seinen Worten bisher wohl nicht wirklich getraut. Ich bin eine Frau, und fast zwei Jahre lang hatte mich der Therapeut mit seinen Einladungen und Umarmungen immer wieder aufgeheizt. Mein eroti­sches Verlangen war nach langem, todesähnlichen Schlaf von neuem erwacht, und ich hatte mich dessen geschämt. Tausend Mal wichtiger aber war für mich der Gedanke, dass ich ihm absolut würde glauben können, wenn er über seinen Schatten springen und mir einen Kuss geben würde. Das wäre gleichsam die Bestätigung, dass ich seinem Versprechen trauen kann, die Gefühle, die Lebendigkeit zu leben und zu zeigen, die ich in mir trage. So sollte dieser Kuss die Erlaubnis sein, mein Leben wirklich als meines leben zu dür­fen, nicht mehr für andere und deren Wünsche da sein zu müssen. Es war mein kindlicher Anteil, die noch immer nicht Erwachsene, die sich seiner, al­so des Therapeuten, ein Mal ganz sicher sein wollte. Ich suchte die Bestäti­gung und die Sicherheit, dass ich erwachsen bin und ihn ‑ als Stellvertreter von Vater und Mutter ‑ nicht mehr brauche und ihn verlassen, eigene Wege gehen darf.“ (Hervorhebung K.S.)

Also: Keine „Forderung“ nach einem Kuss, sondern die Frage danach. Mit dem Wunsch, ohne Worte spüren zu dürfen, dass die wiederholte Aufforderung zum Zeigen der eigenen Gefühle und Lebendigkeit, auch wirklich erlaubt und ernst gemeint sei. Der Kuss nicht als klebriges „Siegel ... der Zuneigung“, sondern als die befreiende Bestätigung, dem anderen und – damit vor allem – sich selbst und den eigenen Impulsen der Lebendigkeit vertrauen zu dürfen – als wichtigen Schritt für den Abschied aus der Psychoanalyse!

So ist es m.E. also auch Unsinn, wenn Moser behauptet, Frau Akoluth sei „süchtig“ geworden, noch weniger waren die folgenden zweieinhalb Jahre „ein Kampf um Nähe und Di­stan­zierung, von Qual, Vorwürfen und Beschuldigungen, Erpressung, Bettelei“ (Hervorhebung K.S.). Vielmehr war es das Ringen darum, ob man sich als jemand, der sich der „Psychoanalyse“ anvertraut hat, den Anspruch einlösen darf, deren Vertreter an ihren selbst aufgerichteten Ansprüchen zu messen. Die schmerzhafte Antwort für Margarete Akoluth: Man kann und darf nicht! Die ganze Investition von Aufwand, Zeit und Geld – jedenfalls in diese Hoffnung – umsonst! Ganz ähnlich bizarre Erfahrungen haben schon Menschen geschildert, die in der Hoffnung auf eine professionelle Ausbildung eine Lehranalyse mitgemacht hatten: Esther Menaker („Schwierige Loyalitäten“), Dörte v. Drigalski („Blumen auf Granit“), Jeffrey Masson („Final Analysis“) oder Helmut Kaiser („Grenzverletzung“).

Moser könnte sogar an seine eigenen quälenden Erfahrungen in der Lehranalyse denken, die er in seinen „Lehrjahren auf der Couch“ niedergeschrieben hat. Hier jammert er nämlich selbst über diverse psychoanalytische Merkwürdigkeiten: Seine als Lob gedachte Assoziation zu seinem Buchprojekt, dass er seinem Analytiker damit ein Denkmal setzen wolle, wird von diesem entwertend kommentiert mit: „Da müsste ich ja schon tot sein“; seinen zweiwöchigen Urlaub von der Analyse darf Moser nur nehmen, wenn er die Hälfte der ausfallenden Sitzungen auch bezahlt; die ihm vom Analytiker abgetrotzten Phantasien bei seinem Onanieren werden von diesem offenbar mit Aufatmen zur Kenntnis genommen, jedoch behält der weise Analytiker seine geni(t)ale Deutung offenbar zurück (vielleicht um in weiser Voraussicht die LeserInnen vor Details zu bewahren). Bei Mosers Gemoser wird man nicht ganz schlau, worauf er eigentlich hinaus will. Nirgendwo gibt er solch eine präzise Beschreibung, wie wir sie aus dem Bericht von Margarete Akoluth kennen. Mag sein, dass er am eigenen Leib erlebt hat, was er der Autorin unterstellt: „Das ist wohl die tiefste Demütigung: unfähig zu sein, sich von etwas tief Schädlichem zu trennen.“ Abgesehen davon, dass eine Unfähigkeit kaum eine Demütigung sein kann: Die Autorin hat deutlich beschrieben, dass sie – als sie das Schädliche so klar erkannt hatte – sich durchaus rasch davon auch wieder gelöst hatte. Da muss Herr Moser also unversehens in eine Art Selbstreflexion versunken sein, denn ER ist es, der uns am Ende seines Buches wissen lässt, dass er bei seinem geliebten Analytiker wieder angekrochen ist. Anders als die Autorin oder Dörte v. Drigalski hat Moser es NICHT geschafft, „sich von etwas tief Schädlichem zu trennen“. Er hat es vielmehr vorgezogen, danach seinerseits etwas Ähnliches selbst zu praktizieren.

Ätzend geht es weiter (S. 9): „sie [geht] zum Angriff über, fängt ihrerseits an, zunächst liebevoll, dann ätzend zu deuten, entwertet ihn, verhöhnt ihn, lässt kein gutes Haar an seinen Entschuldigungen ...“ (Hervorhebung K.S.). Hier wünsche ich mir, Moser wäre bei seinen ursprünglich abgeschlossenen Studienfächern (Philologie, Politik & Soziologie) geblieben, als sich an das Bearbeiten konkreter Interaktion von Menschen heranzuwagen. Denn mit seinen Deutungen des Geschehens zwischen Margarete Akoluth und Dr. L. zeigt er, wie wenig sensibel er ist für das, was zwischen Menschen vorgeht. Da möchte man ihm wünschen, er hätte durch ein Studium von Psychologie oder Medizin von der Pike auf ein wenig sein Rüstzeug entwickeln können.

Nachdem er noch en passant eine geniale Deutung des Geschehens hat aufblitzen lassen – vage Vermutungen über eine „religiöse Vorgeschichte“ (S. 10), in Bezug auf welche sich Moser wahrscheinlich seit der Überwindung seiner „Gottesvergiftung“ als Experte fühlt –, und der Autorin nicht nur „symbiotische“, sondern gar „fast siamesisch[e]“ Verschmelzungswünsche andichtet, zu der haarsträubenden Einschätzung kommt, sie sei „in einem Zustand, wo sie [die Deutungen] entweder nicht mehr versteht oder sie als Trockengemüse ausspeit, weil sie sich verhöhnt fühlt durch eine ihr unverständliche Kälte und einen Rückzug des Analytikers in einen unerreichbaren Bereich der wissenden, aber verletzenden Klugheit“. Zu gern würde ich von Moser das eine oder andere Beispiel dieser „wissenden Klugheit“ einmal präsentiert bekommen. Hat der Kerl denn Tomaten auf den Augen? Oder sieht er alles durch seine rosarote Brille der Analyse-Idealisierung? Was für ein bodenloser Blödsinn, die hilflosen Abwehrmanöver und feigen Rückzugsgefechte des Dr. L. als „wissende Klugheit“ zu etikettieren.

Neben dem pflichtschuldigen Aufwerfen von Fragen der Ethik und der beruhigenden Phrase, dass ja durch das Schreiben des Buches für die Autorin noch einmal alles gut gegangen sei, belügt Moser in seinem vorletzten Satz erneut die Leser seines Vorworts, dass es bei dem Buch gehe um „ein Nachholen des Verstehens, das den beiden Partnern während ihres Kampfes nicht mehr möglich war“ (Hervorhebung K.S.) – womit er so tut, als hätten die Autorin nicht während dieses „Kampfes“ sehr wohl verstanden, worum es ging.

Es ist wohl nicht so sehr Naivität, die Moser seinen einleitenden Kommentar hat zusammenreimen lassen, sondern es ist wohlkalkulierte Strategie, die klare Kritik an einer bizarren Form der Psychoanalyse vorab zu demontieren und zu diskreditieren, damit Moser und Konsorten hinter dem Feigenblatt der Kritik weiter in Ruhe ihren Unsinn für teures Geld verkaufen können.

 

Zurück zur Übersicht „Akoluth

Zurück zur Eingangsseite des Autors