Die Große Göttin

(Teil I)

 

In der Geschichte von Ödipus – gerade in der Version des Sophokles – sind verschiedene Themenkomplexe gebündelt: Kindesopfer, Vater-Sohn-Beziehung, Königstötung, bewusster Mutter-Sohn-Inzest, Inzestabscheu, Impuls zum Muttermord. Sicherlich sind diese Handlungselemente nicht zufällig zu einer Geschichte zusammengefügt, sondern sie haben eine kulturgeschichtliche Bedeutung. Sie verweisen auf einen gesellschaftlichen Konflikt: die umstrittene Frage nach dem Ursprung des Lebens, das ja auch im Rätsel der Sphinx symbolisiert ist. Um diesen Konflikt verständlich zu machen, möchte ich etwas weiter ausholen, in eine Zeit zurückgreifen, die mindestens siebentausend Jahre zurückliegt.

 

Der Ursprung des Lebens: die Große Göttin

Wer ist wichtiger – Mann oder Frau?

Konflikte um Sexualität

Von Adam und Eva

 

 

Der Ursprung des Lebens: die Große Göttin

Marija Gimbutas, von 1963 bis 1990 Professorin für Europäische Archäologie an der Universität Los Angeles, hat etliche Forschungsergebnisse zu den Menschengruppen zusammengetragen, die vom siebten bis dritten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung in Europa – vor allem im zentralen Mittelmeerraum – gelebt, und die den Übergang von einer Jäger- und Sammlerkultur hin zu einer Ackerbaugesellschaft vollzogen haben (Gimbutas, 1996, a, b). Gimbutas nennt diese Zeit das ‚Alte Europa’.

In diesen Kulturen haben offenbar Frauen und Mütter hohes Ansehen genossen, jedoch ohne, dass Männer deswegen eine untergeordnete Stellung eingenommen hätten (1996 b, S. 324): „Zu Beginn der Ackerbauperiode erreichte der Einfluß der Frauen in bezug auf Landwirtschaft, Kunst, Handwerk und gesellschaftliche Funktionen seinen Höhepunkt. Das mütterliche Verwandtschaftssystem mit gemeinschaftsorientierten Prinzipien blieb erhalten. Nirgendwo im Alten Europa gibt es irgendeinen Hinweis auf eine patriarchale Anführerschaft vom indoeuropäischen Typus. Es kennt keine Königsgräber mit männlichen Bestattungen und keine Megaronbauten [1] auf befestigten Anhöhen. In den Bestattungsbräuchen und Siedlungsmustern spiegelt sich eine matrilineare Gesellschaftsstruktur, während die Verteilung der Reichtümer in den Gräbern auf eine ökonomische Gleichberechtigung der Geschlechter schließen läßt.“ Es ist wohl eine Periode großer Friedfertigkeit: Siedlungen werden offenbar nicht unter kriegsstrategischen Aspekten geplant; es existierten aus der Zeit von 6500 bis 4500 keine Funde von Kriegswaffen (Gimbutas, 1996 a, S. 331).

Gimbutas vermeidet ganz bewusst den Begriff ‚Matriarchat’ für diese Art von Gesellschaftsstruktur (mater = Mutter; archein = der erste sein, Führer sein, herrschen), denn es seien in dieser Kultur keine Formen von Über- und Unterordnung zwischen Frau und Mann anzunehmen, wie es im Patriarchat (pater = Vater) sehr wohl üblich ist. Sie schlägt statt dessen den Begriff „matristische Gesellschaft“ vor (Gimbutas, 1996a, S. 324), da Mütter eben eine besondere Achtung genossen hätten.

Figurenfunde aus dieser Zeit zeigen häufig weibliche Motive. Für Gimbutas spiegelt sich darin der Glaube an eine Große Göttin – „als Herrin über Leben, Tod, Wiedergeburt und Erneuerung. ... Die Göttinnen waren in der Hauptsache Lebensschöpferinnen und keine Venusgestalten, Schönheits­ideale oder gar Gemahlinnen männlicher Gottheiten. ... In keiner der paläolithischen Perioden lassen sich Spuren einer Vaterfigur nachweisen. Die lebensschaffende Kraft blieb offenbar allein der Großen Göttin vorbehalten“ (Gimbutas, 1996 b, S. 316).

Ab dem Ende des fünften Jahrtausends v.u.Z. stoßen frühe indoeuropäische Einwanderer, Reitervölker aus dem Gebiet von Südrussland, über das Donautal nach Ostmitteleuropa vor. Die auf ein friedliches Leben eingerichteten Bewohner des Alten Europa werden von den bewaffneten und berittenen Kurgan-Völkern – benannt nach dem Kurgan (russ.) = Hügel, den sie über ihren Fürstengräbern aufschichten – rasch überrannt. Die Kultur mit den sanfteren Werten wird zunehmend verdrängt und aufgelöst. In der Gesellschaft der Eindringlinge existiert eine strenge Hierarchie. Gerade auch das Verhältnis von Mann und Frau ist deutlich von Macht und Unterordnung bestimmt. Frauen werden anscheinend zunehmend zum Objekt degradiert, erkennbar daran, dass hochgestellten Männern ihre Witwen wohl mit ins Grab gelegt werden (Gimbutas, 1996 a, S. 361 f., 371, 400). Die Ideologie dieser Kulturen spiegelt sich auch in ihren Bildwerken: Nun tauchen männliche Götterfiguren auf, die mit Kriegswaffen ausgestattet sind. Sie beanspruchen zunehmend den Vorrang gegenüber weiblichen Gottheiten. So wird Hera zur Gattin des Zeus, der als Göttervater maßgeblich die Geschicke der Welt in seine Hand nimmt.

Eine ausführliche, wissenschaftlich weiter fundierte Ausarbeitung dieser Überlegungen als „Saharasia-Theorie“ stammt von James DeMeo.

Neben einem sich zunehmend etablierenden patriarchalischen Gesellschaftssystem, in dem die Männer den Ton angeben, bleiben zunächst in einzelnen Regionen offenbar noch Reste von Gesellschaftssystem und Ritualen des Alten Europa erhalten. Von dem Geschichtsschreiber Herodot (fünftes vorchristliches Jahrhundert, ein Zeitgenosse des Sophokles) stammen Beschreibungen verschiedener Gesellschaften im Mittelmeerraum, deren Gebräuche deutlich auf mutterrechtliche Gepflogenheiten schließen lassen. So beispielsweise, dass sich die Lykier (westliche Türkei) nicht nach dem Namen des Vaters, sondern nach dem Namen der Mutter benennen.

In diesem Aufeinanderprallen zweier völlig verschiedener Gesellschaftssysteme wird ein für das tägliche Zusammenleben ziemlich brisanter Konflikt umkreist: Wer ist eigentlich wichtiger für das Hervorbringen menschlichen Lebens – Mann oder Frau?

 

Wer ist wichtiger – Mann oder Frau?

Nach Robert v. Ranke-Graves ist auch im alten Griechenland die Mutterschaft ein „Urmysterium“ (S. 13). Deswegen sind Frauen besonders geachtet, Göttinnen haben eine zentrale Bedeutung, deren Verehrung in den Händen von Priesterinnen liegt. Die Rolle der Vaterschaft sei geleugnet worden (sie mag nicht wirklich unbekannt gewesen sein). Der Ursprung von Schwangerschaften wird einem Baden im Fluss oder den Winden zugeschrieben. Männer spielen im religiösen und politischen Leben dieser Zeit angeblich keine tragende Rolle.

Diese Gesellschaftsordnung wird auf griechischem Territorium ab der Zeit von ungefähr 2000 v.Chr. durch insgesamt vier verschiedene Einwanderungs- und Eroberungsbewegungen zunehmend zurückgedrängt. Nun spielen Männer im gesellschaftlichen Leben eine zentrale Rolle. Dieser Prozess wird mit einer offiziellen Betonung der Vaterschaft verbunden (Ranke-Graves, S. 13): „Sobald aber der Zusammenhang zwischen Beilager und Schwangerschaft offiziell zugegeben wurde, verbesserte sich auch die religiöse Stellung des Mannes. Nicht länger wurde Winden und Flüssen die Schwängerung von Frauen zugeschrieben.

Ranke-Graves bringt das ursprüngliche, von ihm als ‚matriarchalisch’ bezeichnete Gesellschaftssystem mit religiösen Praktiken in Verbindung, bei denen Männer oder Knaben rituell geopfert werden (vgl. 131 ff.).

Riane Eisler (1993, S. 103) widerspricht dieser Position insofern, als sie nicht die Kenntnis der Vaterschaft, sondern direkt das durch die Eroberer mitgebrachte neue Gesellschaftssystem für die nachhaltige Veränderung des Geschlechterverhältnisses verantwortlich macht. Sie hebt – unter Bezug auf Gimbutas – hervor, dass das Wertesystem der alten Zivilisation durch Zusammenarbeit und Gleichstellung geprägt gewesen sei. Eine von Ranke-Graves postulierte Opferpraxis in frauenzentrierten Gesellschaften stellt sie in Abrede (Anm. 24, S. 354).

Es ist womöglich nicht genau zu klären, welche Auffassung hier letztlich mehr Gültigkeit für sich reklamieren kann. Eislers Position, dass nicht das Erkennen der Vaterschaft für die Veränderung des Gesellschaftssystems verantwortlich war, sondern eben die Ausbreitung einer entsprechenden Kultur durch gewaltsame Eroberung, scheint mir durchaus plausibel. Aber ich glaube auch, dass selbst, wenn Männer schon früher über die Bedeutung der Vaterschaft aufgeklärt gewesen sein sollten, dass sich auch dann – mit der aufkommenden Frage von Dominanz und Unterordnung im Verhältnis von Mann und Frau – zumindest ein massiver Konflikt um den zentralen Anteil an der Zeugung von Kindern fast zwangsläufig ergibt. Dabei besteht bei der Hervorbringung von Nachwuchs natürlich keine gleiche Beteiligung. Heute sollten wir nicht mehr daran zweifeln, dass Frauen hier gegenüber den Männern eindeutig stärker beteiligt sind.

Dieser Vorrang der Frauen wurde in den frühen Kulturen anscheinend noch neidlos anerkannt. Dann wird er jedoch radikal in Frage gestellt. Die Streitfrage, ob der Mann oder die Frau bei der Zeugung größere Bedeutung hätte, führt nun zu einer völlig gegensätzlichen Antwort, zum Beispiel bei Aischylos in den Eumeniden (1. Hälfte des 5. Jh. v.u.Z.): Orest wird von den Rachegöttinnen, den Eumeniden, verfolgt, weil er seine Mutter Klytemnästra getötet hat, die für den Tod seines Vaters Agamemnon verantwortlich war. In seiner Verteidigungsrede vor einem Tribunal in Athen argumentiert der Gott Apollo zugunsten von Orest. Die Vaterschaft sei wichtiger als die Mutterschaft. Er verdeutlicht dies anhand der Geburt der Göttin Athene (Aischylos, S. 133; V 638-666):

AP:    Dies füg’ ich zur Begründung noch hinzu: Die man
Wohl Mutter heißt, ist des Gezeugten Zeugerin nicht,
Ist Amme nur des frischgesetzten Keims. Es zeugt,
Der sie befruchtet; sie hütet Anvertrautes nur,
Dem Gut des Gastfreunds gleich, wofern kein Gott dem Schoß
Noch Unheil bringt. Ich gebe gleich euch den Beweis,
Daß Vaterschaft auch ohne Mutter sein kann: als
Lebendiges Zeugnis steht vor euch die Tochter Zeus’ [Athene].
Kein dunkler Schoß hat sie gebildet, und doch ist
So herrlich sie geschaffen wie kein Götterkind.

Eine Mutter sei eigentlich gar nicht so wichtig, denn – so die Argumentation – sie bewahre nur den Lebenskeim, der ihr vom Vater eingepflanzt sei. Sie selbst fügt – nach dieser Vorstellung – nichts Wesentliches hinzu. Diese Begründung vor dem aus Athener Bürgern zusammengesetzten Gericht, das über die Rechtmäßigkeit des Muttermordes von Orest zu befinden hat, scheint das Tribunal zu beeindrucken. Nach den Plädoyers der Rachegöttinnen und des Apollo wird – unter Vorsitz der Göttin Athene – abgestimmt. Die Stimmberechtigten haben jeweils einen Stein, der bei der Abstimmung – je nach Entscheidung – in eine von zwei Urnen gelegt wird. Athene gibt als letzte ihren Stein zur Abstimmung ab. Ihre Entscheidung begründet sie, indem sie sich der eben zitierten Argumentation von Apollo anschließt. Sie, die aus dem Kopf des Zeus geboren wurde (s.u.), hat anscheinend die besten Gründe für ihre Haltung, denn sie selbst sieht an ihrem Beispiel, dass sie ohne das wesentliche Zutun einer Frau beziehungsweise einer Göttin ins Leben gerufen wurde. Selbst eine Göttin erkennt also hier den Vorrang des Männlichen an (Aischylos, S. 136):

AT:    Ist meines Amtes jetzt, den letzten Spruch zu tun.
Orestes’ Sache füg’ ich meinen Stein hinzu;
Denn keine Mutter ist, die mir das Leben gab.
Dem Männlichen bis auf der Ehe Band gehört
Mein ganzes Herz, des Vaters ist alles, was ich bin.
Geb’ darum auch nicht mehr Gewicht dem Tod der Frau,
Die ihren Mann, des Hauses Oberhaupt, erschlug.

Bemerkenswert, dass die Abstimmung nur äußerst knapp ausgeht: Beide Entscheidungen können gleich viele Stimmen auf sich vereinen [2]. Das reicht gerade aus, dass Orest das Tribunal als freier Mann verlassen kann. Die Erinnyen, die sich in ihrem alten Recht tief gekränkt fühlen, sind entsetzt darüber, dass sie von einer neuen Ordnung gestürzt werden. Sie wollen die Stadt Athen verfluchen, werden jedoch von deren Schutzgöttin Athene schließlich versöhnt, indem sie ihnen auch weiterhin die Verehrung garantiert. Daraufhin verwandeln die alten Göttinnen ihren Fluch in einen Segen für die Stadt.

Ähnlich wie Aischylos gebraucht auch Sophokles später das Bild von Samen und Ackerboden als Analogie für das Zusammenwirken von Vater und Mutter bei der Zeugung von Kindern: Ödipus spricht von dem „zweifachen mütterlichen Saatfeld (1256 f.). Dieser Vergleich mit dem Ackerbau, bei dem ja tatsächlich das Saatgut bestimmt, was man am Ende zu ernten vermag, hat also vor zweieinhalbtausend Jahren bei unseren Vorfahren die Abwertung der Rolle der Frau mit abgestützt: Der Ackerboden trägt ja tatsächlich nichts Wesentliches zur Ausgestaltung des Keimlings bei. Die falsche Analogie, dass der Mann seinen Samen ins mütterliche Saatfeld pflanze, wo er zum Keimen gebracht werde, schreibt ihm damit den wesentlichen Beitrag zur Leibesfrucht zu.

Diese Auffassung, die noch heute in der Begrifflichkeit vom männlichen Samen fortlebt, und die von europäischen Wissenschaftlern noch bis ins 19. Jahrhundert hinein vertreten wurde (Eisler, S. 153), wird den eigentlichen Gegebenheiten bei der Fortpflanzung ja nicht gerecht: Im Samenkorn der Pflanzen sind ja männliche und weibliche Anteile bereits vereinigt. [3]

Da die Entwicklung des Lebens auf dem Planeten Erde mit gutem Grund von einem Zusammenwirken männlicher und weiblicher Elemente abhängt, läge eine Gleichberechtigung von Mann und Frau eigentlich viel näher. Ein Unterschied muss damit ja keineswegs geleugnet werden.

Mit dem Auftauchen von Gesellschaftssystemen, in denen das Thema von Über- und Unterordnung zentrale Bedeutung hat, ist auch das Verhältnis der Geschlechter – vor allem in der Frage nach dem Ursprung des Lebens – ein brisantes Thema. Mit zunehmender Ausbreitung einer patriarchalischen Kultur wird das Hervorbringen von Nachkommenschaft immer mehr zur reinen Männersache erklärt. Zum Beispiel bei Zeus, der zur mächtigsten Gottheit aufsteigt, nachdem er zuvor die von ihm geschwängerte Metis verschluckt hat: „Im Laufe der Zeit aber geschah es, als er [Zeus] entlang dem Ufer des Tritonsees wandelte, daß er von einem tobenden Kopfschmerz erfaßt wurde. Ihm schien, als ob sein Schädel bersten wollte. Er heulte vor Schmerz, bis das ganze Firmament erbebte. Da lief Hermes herbei, der sofort den Grund des Schmerzes erfaßte. Er überredete Hephaistos oder, wie andere sagen, Prometheus, Hammer und Keil zu bringen und einen Spalt in den Schädel des Zeus zu schlagen; und diesem entsprang die voll bewaffnete Athene mit einem mächtigen Schrei“ (Ranke-Graves, S. 38). Ähnlich im Fall von Dionysos: dessen Mutter Semele war im sechsten Schwangerschaftsmonat durch einen Blitz des Zeus umgekommen. Das Kind wurde von Hermes gerettet und bei Zeus im Oberschenkel eingenäht. Zeus hatte Dionysos so ausgetragen (Ranke-Graves, 1990, S. 46). Zeus ist der Gebärer, Hermes beziehungsweise Hephaistos fungieren als Geburtshelfer. Wie hier Zeus seine Kinder Athene und Dionysos quasi aus sich selbst heraus gebiert, das erinnert in erstaunlicher Weise an die Geschichte aus der Bibel, wonach aus dem Adam die Eva hervorgeht (vgl. S. 127 ff.).

In diesen alten Geschichten wird die Frage nach dem Ursprung des Lebens gestellt, also nach der Bedeutung der Zeugung für das Hervorbringen von Nachkommen. Das Urmysterium der Schwangerschaft und seine (angebliche) Enträtselung spiegelt sich auch in dem – bei Sophokles nicht ausgeführten, sondern als bekannt vorausgesetzten – Rätsel der Sphinx, das Ödipus gelöst hat (Apollodor, III, 53 f.): „Es hat eine Stimme, wird vierfüßig, zweifüßig, dreifüßig.“ Ödipus formuliert die passende Lösung: „Die Sphinx meine den Menschen, der vierfüßig geboren werde, indem das Kind auf allen vieren krieche; herangewachsen sei der Mensch zweifüßig, gegen das Alter hin aber nehme er als dritten Fuß den Stab hinzu.

Hier ist die körperliche Entwicklung des Menschen – vom krab­belnden Kleinkind über den Erwachsenen zum stockge­stütz­ten Greis – thematisiert. Wird dieses Ratespiel ana-lysiert, also rückwärts gewandt auf seinen Ausgangspunkt hin gelöst, dann landet man beim Zeugungsakt. Dies hat bereits Sigmund Freud so gesehen (1972, S. 116 f.): „die Frage nach der Herkunft der Kinder ... ist ... die älteste und brennendste Frage der jungen Menschheit; wer Mythen und Überlieferungen zu deuten versteht, kann sie aus dem Rätsel heraushören, welches die thebaische Sphinx dem Ödipus aufgibt.“

Wird das Rätsel nach vorne gerichtet aufgelöst, dann landet man beim Tod, dem anderen zentralen Rätsel der Menschheit. Das Motiv der Sphinx tauchte deshalb folgerichtig häufig auch auf Grabmälern auf (vgl. Christlieb, Abb. 7 u. Abb. 9 bzw. S. 38, S. 162 ff.).

Die Sphinx fragt also nach dem Wissen um die Entwicklung des Lebens, nach Zeugung und Tod. Beides hängt von der Natur der Sache her sehr eng miteinander zusammen: mit der Zeugung – Gemeinschaftsakt unserer Eltern – werden wir auch dem Tode bestimmt.

 

Konflikte um Sexualität

Auf dem Hintergrund dieser Auseinandersetzung über die Vorrangstellung von Mann oder Frau ist es nicht verwunderlich, wenn ein großer Teil der Göttergeschichten durchsetzt ist von Konflikten um Sexualität. Die folgenden Beispiele sind der Griechischen Mythologie von Robert v. Ranke-Graves (1990) entnommen:

Athene ekelt sich vor dem Sperma des Hephaistos, das ihr bei dem Versuch einer Vergewaltigung durch ihn an den Oberschenkel spritzt (Kap. 25, b). Sie wischt es ab und wirft es angewidert auf die (Mutter) Erde. (Auch hier wird indirekt die Analogie von Samen und Aussaat gebraucht!) Damit entsteht Erichthonios, ein Knabe, der wie König Kekrops – „der erste heilige König, der die Rolle der Vaterschaft erkannte“ (Kap. 25, d) – vom Unterleib abwärts einen Schlangenkörper besitzt. Das Knäblein wird von den Töchtern des Kekrops betreut. Diese erkennen eines Tages seine körperliche Gestalt, was bei ihnen einen tödlichen Schrecken hervorruft: sie springen daraufhin von der Akropolis.

Das Hadern um eheliche Treue und Untreue ist ewiges Thema zwischen Zeus und seiner Gattin (und Zwillingsschwester; Kap. 12) Hera. Dieser Streit wird mit unerbittlicher Härte ausgefochten. Hera startet beispielsweise aus Eifersucht einen Mordversuch an Leto, und sie bewirkt mit List den Tod ihrer Nebenbuhlerin Semele. Mit Leto hatte Zeus Apollo und Artemis, mit Semele den Dionysos gezeugt (Kap. 13, 14).

Im Streit zwischen Hera und Zeus, ob der Mann oder die Frau bei der Sexualität das größere Vergnügen erlebt, wird eine entsprechende Anfrage an den weisen Teiresias gerichtet. Der Seher spricht in dieser Streitfrage den Frauen neun von zehn Teilen, den Männern einen davon zu. Zeus leitet aus diesem Urteil vergnügt die Berechtigung zum Ehebruch ab. Hera dagegen nimmt daraufhin Teiresias wütend das Augenlicht, während Zeus ihn zum Ausgleich mit der Gabe des inneren Sehens tröstet (Kap. 105). Diese Geschichte spiegelt wohl das Wissen der alten Grie­chen um den Zeugungsvorgang – die Schwan­gerschaftsdauer: Die Männer sind nur im ersten Zyklus an der Zeugung beteiligt, während die Frauen in der Zeit der folgenden neun Perioden die Freude an der Schwangerschaft ganz für sich alleine haben (Pschyrembel: „Schwan­ger­schafts­dauer: ... 10 Lunarmonate“). Mag sein, dass sich Teiresias gerade deswegen den Zorn der Göttin zugezogen hat, weil er dieses Geheimnis durchschaut hat.

Es empört die griechischen Göttinnen zutiefst, wenn Männer sie beim Baden im Fluss – in alter Zeit der Ursprung einer Schwangerschaft – beobachten: Artemis lässt aus diesem Grund Aktaion – den Sohn ihres Neffen Aristaios – von seinen Hunden in Stücke reißen (Kap. 22), nach einer anderen Erzählung nimmt Athene aus demselben Grund Teiresias das Augenlicht (Kap. 105). Diese Geschichten lassen sich womöglich so deuten, dass das Wissen über die Zusammenhänge bei der Zeugung von Kindern teilweise mit Vehemenz gehütet wird – jedenfalls von weiblicher Seite aus (wobei hierin auch eine Unterstellung von Seiten der Männer stecken könnte).

Artemis verlangt von ihren Anhängerinnen ein Leben in strikter Keuschheit. Als eine ihrer Begleiterinnen, Kallisto, schwanger wird, verwandelt die Göttin sie in eine Bärin und lässt sie von ihren Hunden hetzen. Zeus rettet jedoch das bedrängte Geschöpf (Kap. 22). Der hohe Stellenwert der sexuellen Enthaltsamkeit zeigt an, wie heftig dieser Lebensbereich nun umkämpft wird.

Die Entscheidung eines jungen Mannes über die Schönheit einer Frau erweist sich als höchst problematisch: Paris ist aufgefordert, diese Frage in Bezug auf die Göttinnen Hera, Athene und Aphrodite zu entscheiden. Sein Votum zu Gunsten der Liebesgöttin Aphrodite wird von ihr dadurch belohnt, dass sie ihm zum Besitz der – bereits mit dem spartanischen König Menelaos verehelichten – schönen Helena verhilft. Diese Affäre führt zum trojanischen Krieg und beschert seinem Urheber einen qualvollen Tod (Kap. 159, 166). Es erweist sich also als fatal, Frauen auf rein Äußerliches zu redu­zie­ren und zum Beuteobjekt zu degradieren.

In der Mythologie tauchen immer wieder Mischwesen auf, die – deutlich erkennbar – aus höchst unterschiedlichen Wesen zusammengesetzt sind, beispielsweise die Sphinx (Kap. 33-36) – mit dem Oberkörper einer Jungfrau (weiblich) und dem Leib eines Löwen (männlich?). In dieser Symbolik spiegelt sich wohl die umstrittene Frage über die Bedeutung der beiden Geschlechter bei der Hervorbringung von Nachkommen.

Das Verhältnis von Mann und Frau und, dadurch bestimmt, der Konflikt um Sexualität, wird also in der griechischen My­tho­logie als Thema ständig umkreist. Aber nicht nur dort – auch in der Bibel findet sich eine Stelle, an der dieses Problem deutlich behandelt ist.

 

Von Adam und Eva

Die Geschichte von Adam und Eva thematisiert die Frage nach dem Ursprung des Lebens, wobei auch hier die ideologische Botschaft deutlich abzulesen ist: Die in früheren Zeiten viel näher liegende Erkenntnis, dass die Frauen den Nachwuchs hervorbringen, dass die Mütter die Spenderinnen des Lebens sind, wird nun ins Gegenteil verkehrt: Die Frau ist aus dem Mann – aus seiner Rippe – hervorgegangen. (Ähnlich bringt Zeus seine Kinder Athene und Dionysos aus sich hervor.) Die Rippe könnte man als Symbol für den Phallus interpretieren. Dieses Körperteil gilt in patriarchalischen Gesellschaften als das zentrale Organ, welches die Vermehrung des Menschengeschlechts garantiert.

Adam erhält von Eva den Apfel, gepflückt vom Baum der Erkenntnis [4]. Gott hatte den Menschen den Genuss dieser Frucht verboten, mit der Drohung, sie würden davon sterben. Aber (Zink, S. 12): „Da sprach die Schlange: Ihr werdet keineswegs sterben, vielmehr weiß Gott, daß euch die Augen aufgehen werden, wenn ihr davon eßt, daß ihr wie Gott sein werdet und Gut und Böse unterscheiden könnt. Die Frau sah, daß es schön wäre von dem Baum zu essen, denn er war lieblich anzusehen und begehrenswert, weil er klug machte. Und sie nahm von der Frucht und aß und gab auch ihrem Manne, und er aß. Da gingen den beiden die Augen auf, und sie erkannten, daß sie nackt waren. Da flochten sie Blätter von Feigen zusammen und machten sich Schürzen. Als sie nun hörten, wie Gott, der Herr, beim Abendwind im Garten umherging, versteckten der Mann und seine Frau sich vor Gott unter den Bäumen. Aber Gott rief Adam, den Menschen, und fragte: Wo bist du? Er sprach: ich hörte dich im Garten und fürchtete mich, weil ich nackt bin. Da fragte Gott: Wer hat dir gesagt, daß du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem zu essen ich dir verbot?

Auch die Schlange lässt sich – wie die Rippe – womöglich als ein Phallussymbol deuten; über diese Instanz gelangt der Apfel (= die Frucht = das Kind; vgl. Lurker) an Eva, die ihn mit Adam teilt – eine symbolische Abbildung der Zeugung. Dem Menschenpaar wird nun seine ‚Nacktheit’ bewusst – die Bedeutung der Geschlecht­lichkeit ist erkannt. Diese Erkenntnis vom Ursprung des menschlichen Lebens bewirkt am Ende eine Vertreibung aus dem seligen, paradiesischen Zustand, in dem der Mensch sich noch weit mehr mit der Natur und dem Göttlichen verbunden erleben konnte. Das ‚Erkennen’ des Zeugungsvorgangs markiert den Zeitpunkt, ab dem der Mensch selbst in weitem Maß bewusst entscheidet, wann, mit wem, wie oft er sich vermehrt – er selbst gestaltet also sein Geschick. Mann fühlt sich in diesem Punkt nicht mehr so sehr der Gunst des Schicksals oder den launischen Göttern aus­geliefert. Die Frage, wie die Verhältnisse auf der Erde zu regeln sind, was ‚gut‘ und was ‚böse‘ ist, rückt ganz in den Zuständigkeitsbereich des Menschen, vor allem: des Mannes.

Die (Fehl‑)Deu­tung der männlichen Rolle beim Ursprung des Lebens – Adam ist zuerst da, Eva entsteht aus seiner Rippe – dient dazu, den vermeintlichen Vorrang der Männer bei der Fortpflanzung ideologisch abzusichern. Folgerichtig stehen von nun an vor allem die männlichen Abkommen im Rampenlicht der Aufmerksamkeit, zum Beispiel Adams und Evas Söhne, Kain und Abel. Die Männer verbürgen die Ausbreitung der menschlichen Population. Ab diesem Zeitpunkt legt Adam besonderen Wert auf Stammhalter – während zuvor vermutlich vor allem Mädchen von der Sippe als Segen für die Forterhaltung begrüßt worden waren.

Das Gebären ist nun quasi als Bestrafung der Frau für ihren Ungehorsam gedacht, nicht mehr als bewunderte Fähigkeit zu eigen (Zink, S. 12): „Zur Frau sprach er: Ich will dir viel Mühsal schaffen, wenn du schwanger wirst. Unter Schmerzen sollst du Kinder gebären. Nach deinem Manne sollst du verlangen, er aber soll dein Herr sein! Und zum Manne sprach er: Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem zu essen ich dir verbot, soll der Acker um deinetwillen verflucht sein. Mühsam sollst du dich von ihm nähren dein Leben lang. Dornen und Disteln soll er dir tragen, und das Kraut des Feldes sollst du essen. Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen, bis du wieder zur Erde wirst, von der du genommen bist.

Es ist sicherlich nicht klar zu entscheiden, ob ein Erkenntnisakt – ein neues Erkennen der Rolle der Vaterschaft – den Anstoß gegeben hat zur Entstehung patriarchalischer Strukturen, wie es beispielsweise bei Ranke-Graves anklingt. Womöglich war schon in frühen Gesellschaften die Vaterschaft nicht wirklich unbekannt, wie Riane Eisler meint. Es liegt jedoch auf jeden Fall nahe, dass eine patriarchalisch organisierte Gesellschaft sich zumindest um eine zusätzliche ideologische Abstützung ihres Systems durch die Fehldeutung des Zeugungsaktes bemüht. Die Mythen behaupten die zentrale Rolle des Mannes bei der Produktion von Nachkommenschaft. In der neu gestalteten Weltordnung ist damit seine Dominanz festgeschrieben. Die Fortpflanzung wird mehr oder weniger dem Willensakt des Mannes zugeordnet: „Nach deinem Manne sollst du verlangen, er aber soll dein Herr sein!“ Von der Ausstattung eines Menschen mit dem Phallus hängt nun im Wesentlichen der Zugang zu Macht, Freiheit und Privilegien ab, wobei auch diese gesellschaftlich bevorzugte Stellung mit Mühsal verbunden ist. Männer sehen sich von nun an auch eher veranlasst, den Bewegungsspielraum ihrer Frauen drastisch einzuschränken, weil sie nur so sicherstellen können, dass es sich bei deren Sprösslingen auch tatsächlich um die eigenen Stammhalter handelt. Es gehört nun zum Bestandteil der (patriarchalischen) gesellschaftlichen Ordnung, dass der Lebensbereich Sexualität gänzlich der Oberaufsicht des Mannes unterworfen wird.

Als das Hervorbringen von Kindern noch klar als Domäne der Frauen angesehen war, mögen die Männer in ihrer Bedeutung für den Gesamtzusammenhang ein wenig in den Hintergrund gerückt gewesen sein. Im Rahmen eines solchen Weltbildes war sicherlich mehr Raum für mystische Vorstellungen vom Ursprung des Lebens, dass Frauen beispielsweise durch ein Baden im Fluss schwanger werden. Die biblische Schöpfungsgeschichte markiert jedoch einen Wendepunkt, ab dem geradezu zwangsläufig das menschliche Leben entmystifiziert wird. Nachkommen sind von nun an weniger ein etwas geheimnisvolles Geschenk des Himmels, sondern vielmehr ein Produkt des – nötigenfalls gewaltsam erzwungenen oder zur ehelichen Pflicht erklärten – Geschlechtsaktes.

Es ist wohl geradezu zwangsläufig, wenn damit subversive Gegenbewegungen auf Seiten der Frauen ausgelöst werden. Sexualität gerät zu einem bevorzugten Schlachtfeld, auf dem der Kampf der Geschlechter ausgetragen wird. Auf diese Weise wird jetzt Nacktheit – also Geschlechtlichkeit – ein Terrain, das für beide Seiten mit höchst spannungsgeladenen Gefühlen besetzt ist. Erst damit wird sie zur peinlichen, beschämenden Angelegenheit.

Riane Eisler macht plausibel, wie oben erwähnt, dass mit dem Paradies wohl ein Symbol für das frühere, eher gleichberechtigte, kooperative Zusammenleben von Männern und Frauen, im Respekt vor dem Rätsel des Lebens, der Natur und der Fruchtbarkeit, gemeint war [5]. Das neue Konzept für die menschliche Existenz – von der schmerzhaften Geburt über das mühsame Leben im Rahmen einer klaren hierarchischen Ordnung bis hin zum Tod – bedeutet tatsächlich eine Vertreibung des Menschen aus diesem seligen Naturzustand.

 

 

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Endnoten:

 

[1] Gimbutas, S. 433: „Rechteckbauten ..., die einem Häuptling oder einer Kriegerelite als Wohnstätte dienten“ – also eine Art Festung oder Burg.

 

[2] Auch wenn Aischylos auf den ersten Blick hin in dem Stück eine streng patriarchalische Sichtweise zu verkörpern scheint, so glaube ich, dass er doch eigentlich einen eher versöhnlichen Standpunkt vertritt: das Votum in der Gerichtsverhandlung fällt ja sehr knapp aus, und die alten mutterrechtlichen Gottheiten erhalten ausdrücklich einen festen Sitz in Athen angewiesen.

 

[3] Wenn allerdings zu entscheiden ist, ob dem männlichen oder dem weiblichen Anteil mehr Gewicht beizumessen ist, dann müsste in dieser Frage wohl eindeutig zu Gunsten des weiblichen Anteils entschieden werden. Allein weibliche Lebewesen sind anscheinend zur selbständigen Bildung von Sprösslingen fähig (vgl. Bischof, 1997, S. 396).

 

[4] Vera Zingsem (1997, 251) schreibt: „Die Vorstellung einer weiblichen Gottheit, die sich im Besitz von Früchten befindet, deren Genuß zu Unsterblichkeit, Verjüngung oder Wiedergeburt führt, ist im übrigen weltweit verbreitet.“ So ist die nordisch-germanische Göttin Idun Hüterin solcher Äpfel. In der griechischen Mythologie besitzt Hera einen Baum mit goldenen Äpfeln, der von der Schlange Ladon bewacht wurde. Die Göttin Morgan hatte ihrem Halbbruder, König Artus, der nach seinem Tod auf die ‚Apfelinsel‘ Avalon entrückt wurde, zur Unsterblichkeit verholfen. In der chinesischen Mythologie wacht eine Königin-Mutter des Westens über die Pfirsiche der Unsterblichkeit. Der Baum, aus dem immer wieder neue Früchte hervorwachsen, vermittelt wohl sehr plastisch das Bild einer fruchtbaren Vermehrung, wie sich aus einem Stamm (einer Ur-Mutter) verschiedene Seitenäste bilden, die wiederum einzelne Früchte hervorbringen.

 

[5] Im alten Testament ist noch von Evas Vorgängerin, Lilith, die Rede. Diese selbstbewusste Frau weigert sich strikt, sich einem Mann zu unterwerfen. Sie lässt am Ende Adam links liegen.