Freud – auf die Couch gelegt

 

Wer meinen Ausführungen zum „König Ödipus“ des Sophokles folgt, wird in jedem Fall auffällig finden, dass Freuds Deutung des Ödipus-Dramas und des „ödipalen Konfliktes“ – dass ein Kind den gegengeschlechtlichen Elternteil sexuell begehre und den anderen dafür aus dem Weg räumen wolle – die Wirklichkeit des Dramas von Sophokles geradezu perfekt verdreht: Es ist der Vater, der dem Sohn aggressiv entgegentritt, wogegen dieser sich in Notwehr zu schützen versucht. Und es ist die Mutter, die sich in vollem Wissen auf den Inzest mit ihrem Sohn einlässt, vielleicht sogar dessen Entfremdung vom Vater fördert, um für eine Rivalität zwischen beiden zu sorgen, und damit eine enge Mutter-Sohn-Bindung zu erleichtern. Freud behauptet aber unbeirrt, Inzest- und Mordimpulse gingen vom Kind aus. Wie kommt es zu dieser Verkehrung ins Gegenteil?

Freud hat – zu Recht, wie ich meine – beispielsweise in Zur Psychopathologie des Alltagslebens betont, dass auffälligen Fehlwahrnehmungen eine unbewusste Absicht zugrunde liegen kann. Auf diesem Hintergrund bedarf seine Fehlinterpretation des Dramas von Sophokles natürlich einer Deutung.

Dieser Deutungsbedarf drängt sich noch aus anderem Grund auf: in der Psychotherapie kann es hilfreich sein, Klienten zu fragen, an welche Märchen sie sich besonders gut erinnern. Dahinter steht die Überlegung, dass Kinder und Erwachsene – auch ohne, dass es ihnen bewusst werden muss – vor allem von solchen Geschichten angezogen sind, deren Hauptfigur die eigene emotionale Befindlichkeit spiegelt, die sie vielleicht selbst nicht offen zum Ausdruck bringen können. Angaben über Lieblingsgeschichten lassen also eventuell Rückschlüsse auf emotionale Konflikte in Vergangenheit und Gegenwart zu. Auf dem Hintergrund dieser Überlegung und angesichts der auffälligen Vehemenz und Leidenschaft, mit der Freud den griechischen Mythos von König Ödipus in den Mittelpunkt seiner Psychologie rückt, gerate ich zu der folgenden Hypothese:

 

Sigmund Freuds Fehlwahrnehmung der Geschichte von König Ödipus beruht auf seinem eigenen neurotischen Konflikt. Er reklamiert diese Geschichte so nachhaltig für seine Psychologie, weil er darin einen Ausdruck seines eigenen Lebensschicksals findet.

 

 

Die Familiengeschichten von Ödipus und Sigmund Freud

Sigmund Freud war wohl schon als 17jähriger mit dem Stoff des Dramas von Sophokles vertraut. In seiner Matura-Prüfung habe er dreiunddreißig Verse daraus übersetzen müssen, die er schon zuvor gelesen hatte, schreibt er im Jahr 1873 an seinen Jugendfreund Emil Fluß (Freud, 1976, 114 u. 119). Später, als junger Student, sei er einmal um die großen Arkaden der Wiener Universität herumgegangen und habe die Büsten früherer berühmter Professoren betrachtet. Er habe dann die Phantasie gehabt, auch seine Büste würde einmal dort zu sehen sein, betitelt mit einer Zeile aus dem Schluss­chor des König Ödipus: „Der das berühmte Rätsel löste und ein gar mächtiger Mann war.“ (Jones, 1962, 27 f.). Während eines Studienaufenthalts in Paris (Oktober 1885 bis Februar 1886) sei Freud von einer Inszenierung des Sophokles-Stückes sehr beeindruckt gewesen (Jones, 1960, 213).

Allein der Ort des Geschehens bietet einen Bezugspunkt zu Freuds eigenem Familiendrama: Die Geschichte des Ödipus spielt in Böotien = Kuhland. Der Name rührt daher, dass König Kadmos, der Gründer Thebens, die Stadt nach der Weisung des delphischen Orakels an der Stelle errichtet hatte, an der sich eine ihm vorangehende Kuh niederließ (Kerényi, Bd. 2, 31 f.). Sigmund Freud wurde im mährischen Freiberg geboren. Hier hat seine Lebensgeschichte ihren Ausgang genommen. Diese Gegend, in der die Sudetendeutschen einen großen Bevölkerungsanteil stellten, wurde Kuhländchen genannt. (Das 10 km von Freiberg entfernte Neutitschein gilt als dessen Hauptstadt. Mein Vater, der bis zu seinem 17. Lebensjahr dort gelebt hat, hat eine Zeitlang den Kuhländler Heimatkalender mit herausgegeben.)

Da in dem Kuhländler-Drama des Sophokles eine problematische Mutter­fi­gur eine zentrale Rolle spielt, stellt sich natürlich – auf dem gerade umrisse­nen Hintergrund – die Frage nach Sigmund Freuds Verhältnis zu seiner Mama Amalia. Tatsächlich lassen sich in Freuds Familiengeschichte ganz herausragende Parallelen zum Mutterproblem des Ödipus finden. Marianne Krüll (1992) hat hierzu reichhaltiges biografisches Material präsentiert [1]:

1.       Der Mutter-Sohn-Inzest (I): In demselben Brief, in dem Freud gegenüber Fließ ausführlich über Ödipus spekuliert (am 15.10.1897), analysiert er eine eigene Kindheitsphantasie, die er bei einer späteren Veröffentlichung (Zur Psychopathologie des Alltagslebens 1901/1954, 52, FN 1) dahingehend ausweitet, dass seine Mutter Amalia mit ihrem Stiefsohn Philipp seine zweieinhalb Jahre jüngere Schwester Anna gezeugt hätte: er habe sich als dreijähriger Knabe an den Bruder Philipp gewendet „der, wie aus anderem Material hervorgeht, an Stelle des Vaters zum Rivalen des Kleinen geworden ist. Gegen diesen Bruder richtet sich außer dem begründeten Verdacht, daß er die vermißte Kinderfrau ‚einkasteln’ ließ, auch noch der andere, daß er irgendwie das kürzlich geborene Kind [die Schwester Anna] in den Mutterleib hineinpraktiziert hat.“ Der damals noch unverheiratete Philipp war ungefähr ein Jahr älter als seine Stiefmutter Amalia. Er hatte während einer längeren Abwesenheit von Vater Jakob in der Familie gelebt (Krüll, 186 ff.) und wohl auch quasi dessen Autorität vertreten. Marianne Krüll verweist auf mehrere Textstellen bei Freud, die in dieselbe Richtung deuten. Es liegen zwar bislang keine direkten Beweise für den von Freud selbst als seine eigene kindliche Überzeu­gung referierten Fehltritt der Mutter Amalia mit ihrem Stiefsohn vor, aber einige Indizien. Sollte dieser Vermutung eine reale Begebenheit entsprechen, dann würde das bedeuten, dass in der Familie Freud ein Mutter-Stiefsohn-‚Inzest’ als Konflikt bestanden hätte, durch den auch Sohn Sigmund auf verschiedene Weise berührt gewesen wäre (s.u.).

Der Einwand, dass hier ja kein richtiger Inzest vorliege, ist zwar richtig, jedoch gehört es zur frühen psychoanalytischen Tradition, ein Stiefmutter-Stiefsohn-Verhältnis als Inzest-Verhältnis zu analysieren (so Otto Rank in Das Inzest-Motiv in Sage und Dichtung in Bezug auf Don Carlos & Elisabeth, Hippolytos & Phaedra u.a.).

2.       Der Vater-Sohn-Konflikt am Dreiweg: Die gesamte Familie Freud war – irgendwann zwischen dem 11. August 1859 und dem 21. März 1860 – von Freiberg über Breslau nach Leipzig verzogen. Dort trennten sich die Wege: Jakob zog mit seiner jungen Frau und den Kin­dern Sigmund und Anna nach Wien, während seine Söhne aus erster Ehe – Emanuel (mit eigener Familie, u.a. mit Sigmunds Vetter John) und Philipp – nach Manchester auswanderten (s. Abb. 6). Marianne Krüll vermutet, dass in Leipzig – am Schnittpunkt dieses Dreiwegs – der Konflikt zwischen Vater Jakob Freud und seinem Sohn Philipp um das Mutter-(Stief‑)Sohn-Verhältnis von Philipp eskaliert sei, dass Jakob hier eine räumliche Trennung der beiden herbeiführen wollte [2]. Der damals vierjährige Sigmund hatte dort den Kontakt zu seinem neun Monate älteren Neffen John verloren. Freud schreibt später: „Bis zu meinem vollendeten dritten Jahre waren wir unzertrennlich gewesen, hatten einander geliebt und mit einander gerauft, und diese Kinderbeziehung hat, wie ich schon einmal angedeutet, über all’ meine späteren Gefühle im Verkehr mit Altersgenossen entschieden.“ (Freud, 1899/1999, 242).

Der verhängnisvolle Dreiweg der Familie Freud von 1859/60.

3.       Der Mutter-Sohn-Inzest (II) – der Sohn als Partnerersatz: Das Verhältnis von Amalia zu ihrem eigenen Sohn Sigmund wird folgender­maßen charakterisiert (Krüll, 167 f.): „Nach Judith Heller [Enkelin von Amalia Freud] wurden die beiden Söhne [Sigmund und Alexander] eindeutig den Mädchen vorgezogen, wobei Sig­mund von Amalie als moralische Stütze gebraucht wurde und der zehn Jahre jüngere Alexander mehr für praktische Dinge zuständig war.“ Das heißt also, dass auf je­den Fall Sigmund und Alexander als Partnerersatz funktio­na­li­­siert wor­den sind. Freud selbst sagt über das Mutter-Sohn-Verhältnis in der Neu­en Folge der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse (Freud, 1933/1946, 143): „Nur das Verhältnis zum Sohn bringt der Mutter uneingeschränkte Befriedigung; es ist überhaupt die voll­kom­men­ste, am ehesten ambivalenzfreie aller menschlichen Beziehungen. Auf den Sohn kann die Mutter den Ehrgeiz übertragen, den sie bei sich unterdrücken mußte, von ihm die Befriedigung all dessen erwarten, was ihr von ihrem Männlichkeitskomplex verblieben ist.

Offenkundig hat Freud bei diesem Loblied auf die Mutter-Sohn-Beziehung ein wenig über sein eigenes durchaus zwiespältiges Verhältnis zu seiner Mama hinweggesehen: es wird berichtet, dass seine regelmäßigen sonntäglichen Pflichtbesuche bei Amalia – bis ins hohe Alter hinein – von ebenso regelmäßigen Magenverstimmungen begleitet waren. Freud könnte durchaus als anstrengend erlebt haben, wie sich die mütterlichen Anforderungen auf ihn übertragen haben. Es ist ein Mechanismus, der gut zum Drama des Ödipus passen würde: Iokaste hatte es ja wohl durchaus genossen, an der Seite ihres Sohnemanns in Theben die Amtsgeschäfte zu führen, während dieser von Entsetzen und Abscheu erfüllt ist, als er die Hintergründe dieses Arrangements durchschaut, als er auch zum Ausdruck bringt, wie sehr es ihn peinigt, dass die Mutter ihn ständig zu manipulieren versucht, beispielsweise mit der Behauptung, nur sein Bestes zu wollen.

Zu dieser negativen Erfahrung besser passend – und bezeichnend für Freuds Widersprüchlichkeit – sei gesagt, dass er im Zusammenhang mit seinem Narzissmus-Konzept Müttern sehr generell jegliche Beziehungsfähigkeit abspricht. Eine recht negativ getönte Aussage Freuds zur Mutter-Sohn-Beziehung stammt auch aus dem Motiv der Kästchenwahl. In Bezug auf die griechischen Schicksalsgöttinnen, die drei Parzen, lässt Freud seine Arbeit mit folgenden Sätzen ausklingen (1913/1949, 37): Man könnte sagen, es seien die drei für den Mann unvermeidlichen Beziehungen zum Weibe, die hier dargestellt sind: Die Gebärerin, die Genossin und die Verderberin. Oder die drei Formen, zu denen sich ihm das Bild der Mutter im Laufe des Lebens wandelt: Die Mutter selbst, die Geliebte, die er nach deren Ebenbild gewählt, und zuletzt die Mutter Erde, die ihn wieder aufnimmt. Der alte Mann aber hascht vergebens nach der Liebe des Weibes, wie er sie zuerst von der Mutter empfangen; nur die dritte der Schicksalsfrauen, die schweigsame Todesgöttin, wird ihn in ihre Arme nehmen. Das „Weib“ ist für Freud also „unvermeidlich“ auch die „Verderberin“, die Mutter sieht er als „Todesgöttin“, die ihn erst im Tod in den Arm nimmt. Kein sehr positives Mutterbild, so würde ich meinen.

4.       Eine selbstsüchtige, tyrannische Mutter: Judith Bernays Heller und Martin Freud, haben – so Marianne Krüll (176 f.) – von ihrer Oma Amalia „ein nicht sehr schmeichelhaftes Bild gezeichnet. Martin, der Sohn Sigmund Freuds, bezeichnet seine Großmutter als ‚Wirbelwind’. Sie sei keine richtige Dame gewesen, da sie seiner Meinung nach nur wenig Manieren besaß. ... Ihre ungeheure Vitalität und Ungeduld beeindruckten ihn ebenso wie ihr Lebenshunger und unbezähmbarer Wille sowie ihre Intelligenz und Scharfsinnigkeit ... Beide Enkel heben Amalies Emotionalität hervor, die sich in häufigen Gefühlsausbrüchen äußerte. Nach Judith Heller war Amalie sehr lebhaft und häufig launisch, schrill und herrschsüchtig. Sie konnte zwar in Gegenwart von Fremden charmant und strahlend sein, war jedoch ein selbstsüchtiger Tyrann in ihrer Familie und obendrein eitel, wie beide Enkelkinder betonen. ... Judith Heller wirft ihrer Großmutter Kaltherzigkeit vor, weil sie bei dem tragischen Tod ihrer 23jährigen Enkelin Cäcilie [gestorben durch Suizid], der Tochter Rosa Grafs, keinen Versuch machte, die gramerfüllte Mutter zu trösten, ja nicht einmal Genaueres über den Tod erfahren wollte ... Auch sind beide Enkel davon überzeugt, dass Amalie ihre unverheiratet gebliebene Tochter Adolfine (Dolfi) ausgebeutet und in völliger Unselbständigkeit an sich gefesselt hat.

Trotz der (angeblichen) wirtschaftlichen Notlage der Familie [3] scheint sich die Mutter – nicht zuletzt auf Kosten der Kinder – gewisse Freiheiten herausgenommen zu haben (Krüll, 220): „Anna Freud Bernays schreibt: ‚Mutter begann jedes Jahr nach Ostern zu husten und ging dann, um sich zu erholen, für drei Monate nach Roznau, einem Molkenkurort in Mähren, und nahm sich das schwächste Kind mit sich, während ich mit den anderen und Vater den Sommer über in der Stadt verbleiben mußte’.“ Damit klingt eine interessante Parallele zwischen Amalia Freud und dem Vater von Freuds Klientin ‚Dora’ (Bruchstück einer Hysterieanalyse) an: dieser Vater – er hieß übrigens wie Freuds Stiefbruder: Philipp – hatte jeweils Hustenattacken vorgetäuscht, um seinen ‚Kuraufenthalt’ in der Nähe seiner Geliebten zu begründen. ‚Dora’ hatte unter dieser Heuchelei sehr gelitten und den Vater dafür scharf attackiert. Freud hatte in extrem verständnisloser Weise auf ‚Dora’ reagiert (vgl. meine Ausführungen zu Ida Bauer). Peter Swales habe, nach Einsicht in die Kurver­zeich­nisse von Roznau, die Mutmaßung aufgestellt, dass sich Freuds Mutter dort regelmäßig mit einem Geliebten traf (nach Malcolm, 85 f.).

5.       Ein sanftmütiger Vater: Im Gegensatz zu Mutter Amalia wird Vater Jakob Freud folgendermaßen charakterisiert (Krüll, 167): „Zu seinem Charakter sagte Freud, er sei ein Mann von ‚tiefer Weisheit und phantastisch leichtem Sinn’ gewesen ..., ein ‚interessanter Mensch, innerlich sehr glücklich’, er habe ‚Anstand und Würde’ besessen ..., habe ‚Sinn für Humor, die kühle Skepsis gegenüber den Wechselfällen des Lebens’ gehabt und ‚die Gewohnheit, moralische Betrachtungen mit jüdischen Anekdoten zu veranschaulichen’, er sei ‚vorurteilslos aufgeschlossen’ und ‚ein begabter Mann von überdurchschnittlicher Intelligenz und weitem Horizont’ gewesen. ... Freud identifizierte sich mit ihm und nannte sich ‚körperlich und zum Teil auch geistig sein Duplikat’ ... Freuds Sohn Martin berichtet: ‚Er erzählte uns Geschichten, meist mit einem leichten Zwinkern seiner großen braunen Augen, als ob er sagen wollte: ‚Ist nicht alles, was wir hier tun und sagen ein großer Witz?’ ... Freuds Schwester Anna sagte von ihm: ‚Der Wahlspruch unseres Vaters war: ‚Sittlich denken und moralisch handeln!’ Sie kennzeichnet ihn als einen ‚glücklichen Optimisten und Naturschwärmer’ ... Auch seine Enkelin Judith Bernays Heller hebt Jakobs Humor und seine freundliche, sanfte Art hervor“.

Jakob Freud wird also als liebevoller, sanftmütiger Mensch geschildert. Ich habe oben die Hypothese aufgestellt, dass Laios – der Volkskönig – in den wenigen Informationen, die über ihn vorliegen, im Grunde ähnlich charakterisiert ist.

6.       Die Beseitigung des Vaters durch den Sohnemann: Die gerade zitierte Charakterisierung von Vater Jakob passt nicht zu der massiven Ent­wertung, mit der sein Sohn Sigmund ihn – quasi wie Ödipus den Laios – aus dem Weg geräumt hat: er hat ihn – ca. vier Monate nach Jakobs Tod – einen Perversen tituliert, der seine Kinder im Alter zwischen zwei und acht Jahren (oral) vergewaltigt hätte (wie oben dargestellt): „Leider ist mein eigener Vater einer von den Per­ver­sen gewesen und hat die Hysterie meines Bruders (dessen Zustände sämt­lich Identi­fi­zie­run­gen sind) und einiger jüngerer Schwestern ver­schuldet. Die Häufigkeit dieser Verhältnisse macht mich oft be­denk­lich.“ Da Freud sich in dieser Zeit selbst als ‚Hysteriker’ diagnostiziert hat, musste er sich nach seiner Theorie über den Ursprung von Hysterie auch selbst als ein Opfer väterlicher Vergewaltigung sehen.

7.       Die Entfremdung von Vater und Sohn durch die Mutter: Wenn diese ungeheuerliche Abwertung des Vaters nun nach der obigen Charakterisierung kaum durch dessen Verhalten begründet gewesen sein wird, so bleibt die Möglichkeit, dass Mama Amalia den Gatten Jacob vor ihrem Sohn massiv entwertet hätte, dass Sigmund im Laufe seines Lebens – in der Vereinnahmung durch Amalia als Partnerersatz – diese Entwertung übernommen und verinnerlicht hätte.

Unterschiedliche Gründe für eine solche Entwertung sind denkbar:

Amalia war die einzige Tochter ihrer Eltern und hatte vier Brüder (Alter: +13, +10, +5, –2) (Krüll, 311 f.). Die Familie lebte in Wien, der Vater war anscheinend wohlhabend. Amalias Charakterisierung alslaunisch, schrill und herrschsüchtig lässt mich vermuten, dass sie als Kind selbst ein nachhaltiges Modell von launischer Tyrannei vorgelebt bekommen hat. Massive Unterdrückung hat sie dabei vielleicht nicht so sehr am eigenen Leib erlebt, sondern eher stellvertretend bei den Brüdern – sie würde sonst wohl eher ein Muster von erlernter Hilflosigkeit (Depression) entwickelt haben. Aus meiner Praxis kenne ich Lebensgeschichten, die sowohl Väter, als auch Mütter als Ursprung einer solchen Entwicklung erkennen ließen. Ich gehe jedenfalls davon aus, dass Amalia eigene prägende Beziehungserfahrungen aus ihrer Herkunfts­familie in Bezug auf Mann und Kinder neu in Szene gesetzt hat.

Amalia hatte einen zwanzig Jahre älteren Mann aus der Provinz (circa 250 Kilometer nördlich von Wien) geheiratet, den sie wohl noch nicht lange kannte. In der Familiengeschichte wird angedeutet, dass der Gatte im Erwerbsleben nicht übermäßig erfolgreich war. Allerdings scheint man immerhin wohlhabend genug gewesen zu sein, dass die später neunköpfige Familie in Wien so angenehm lebte, dass man sich unter anderem ein Klavier anschaffen und dem Sohn ein jahrelanges Studium er­mög­lichen konnte. Die Gattin absolvierte jährliche Kuraufenthalte in ei­nem bekannten Kurort. Möglich, dass die Klage über die wirt­schaft­li­che Misere dazu gedient hat, den eigenen Gatten kräftig unter Druck zu setzen und zu ent­werten. So konnte Amalia mehr Spielraum für die eigenen Eskapaden gewinnen und sich auf Kosten ihres Gatten ein angenehmes Leben machen. Amalie soll ihrem Umfeld gegenüber häufiger massive Geldforderungen gestellt haben. Nach Franz Kobler (1962, 161 f.) scheint sie sich über Geld nicht viel Gedanken gemacht zu haben – Hauptsache, es war vorhanden. [4]

Jürg Kollbrunner (2001, 91, 378 ff.) schließt sich Überlegungen an, dass Sigmund Freud zwei Monate vor seinem ‚offiziellen’ Geburtstag, dem 6. Mai, geboren wurde.  Ein Bürgerkomitee, das die Anbringung einer Gedenktafel an Freuds Geburtshaus in Freiberg vorbereiten sollte, hatte aus städtischen Unterlagen den 6. März bzw. den 16. März herausgelesen. Man hatte sich dann auf den 6. März geeinigt. Weil das Bürgerkomitee von dem Resultat der Nachforschungen überrascht war, wurde bei dem Betroffenen selbst nachgefragt, der das Datum vom 6. Mai als dasjenige bekräftigte, das seine Mutter ihm mitgeteilt hatte, wie es dann auch festgelegt wurde. Wäre der 6. März der eigentliche Geburtstag von Sigmund, dann müsste Amalia schon vor ihrer Eheschließung (29. Juli 1855) schwanger geworden sein. Sollte eine voreheliche Schwangerschaft – womöglich sogar noch durch einen anderen Mann – die große Eile bei der Heirat mit Jakob Freud erklären (a.a.O., 91), könnte dies natürlich eine Unzufriedenheit Amalias mit ihrer familiären Situation zusätzlich begründen.

Dass Sigmund Freud so leidenschaftlich (und allzu oft unbegründet) nachgedacht hat über Perversionen von Vätern im Allgemeinen und über die Perversion seines eigenen Vaters im Speziellen, lässt mich vermuten, dass ihm gegenüber von Seiten Amalias der Vater – gerade auch auf sexueller Ebene – deutlich entwertet worden ist. Sie hätte sich dadurch quasi eine Legitimation vor sich selbst und der Familie geschaffen, von ihren oben vermuteten ‚Fehltritten’ – vor der Ehe, später mit dem Stiefsohn Philipp oder anlässlich ihrer Kuraufenthalte in Roznau – abzulenken. Sexualität hätte dann in der Familie Freud im Mittelpunkt eines massiven Konflikts gestanden – womöglich ein gewichtiger Anstoß für Sigmund, dieses Thema in das Zentrum seiner besonderen Aufmerksamkeit zu rücken.

In der Fülle von Parallelen des König Ödipus von Sophokles mit Freuds Familiengeschichte liegt meiner Auffassung nach ein wesentliches Motiv dafür, dass Sigmund sich so vehement damit verbunden fühlt und es als Ausdruck seines Seelenlebens – und damit, in seinem Hang zur Verallgemeinerung: des Seelenlebens aller Menschen – versteht.

Freud-Anhänger sehen die Ödipus-Thematik im Werk ihres Meisters natür­lich in einem ganz andern Licht, beispielsweise Octave Mannoni (1996, 50): „Der Ödipuskomplex war schon inkognito erschienen, unter der Form des ‚realen’ Verstoßes des Inzestes, ein wenig verborgener noch unter dem Aspekt des Trauma, das die Verführung eines Kindes durch einen Erwachsenen hervorruft [5]. Dieses Trauma war das Herzstück der Ideologie der Hysterie. ... Freud hat seine Hypothese aus einer kleinen Anzahl realer Fälle abgeleitet und aus vielen Fällen, bei denen es sich lediglich um Phantasien handelte. In Wirklichkeit war diese ätiologische Hypothese nichts anderes als Widerstand, der ihn vor der Erkenntnis des unbewußten ödipalen Wunsches bewahrte.“ Freuds wertvolle Erkenntnis liege also darin, die triebbedingten kindlichen Inzest- und Mordwünsche gegen die Eltern (und deren Verdrängung) als Ursache der Entstehung psychischer Störungen entdeckt zu haben. Seine frühere Überlegung zur Traumatisierung durch Inzest entspreche seinem Widerstand. Vor dem September 1897 verdränge er noch die Existenz kindlicher perverser Phantasien – also auch seiner eigenen.

Meine obigen Ausführungen sollten das genaue Gegenteil deutlich gemacht haben: Verwertbar sind noch am ehesten Freuds Überlegungen zur Traumatisierung durch Inzest, weil darin die Trauma-Logik noch im Kern enthalten ist. Missbrauchserfahrung führt tatsächlich in der Regel zu psychischen oder psychosomatischen Störungen. Freud ist in seiner eingeengten Anklage – allein der sexuelle Missbrauch, nur in einem bestimmten Alter und nur mit dem Vater als Täter führe zu psychosomatischen Beschwerden – wohl durch seine eigene Familiengeschichte inspiriert. Dies allerdings nicht durch einen manifesten sexuellen Missbrauch seiner Geschwister und ihm selbst durch den Vater, sondern vielmehr durch einen mehrfachen ‚Inzest-Verstoß’ durch Mutter Amalia, die offenbar ihren Stiefsohn Philipp, wie auch ihre Söhne Sigmund und Alexander, als Partnerersatz verführt hat. In die daraus resultierenden Konflikte sind die Kinder schmerz­lich mit hineingezogen worden. Sigmunds Entwicklung zu einem selbstbe­wussten, psychisch gesunden Menschen ist dadurch schwer beeinträchtigt worden [6]. Die Psychodynamik, die bei Freuds theoretischem Umbruch am Werk ist, fasse ich also geradezu gegensätzlich: Freuds Widerstand richtet sich gegen die Aufdeckung des eigentlichen familiären Dramas. Der manifeste theoretische Umbruch hat dabei eine mehrfache Funktion:

1. Freud rehabilitiert den eigenen Vater, den er durch seine alte Vergewaltigungstheorie so übel entwertet hatte.

2. Er leistet gleichzeitig eine Art Sühne durch seine Selbstbeschuldigung, dass er selbst seinen Vater derart aus dem Weg geräumt habe.

3. Schließlich vermeidet Freud auf diese Weise weiterhin den offenen Konflikt mit seiner vereinnahmenden, tyrannischen Mutter.

4. Indem er den Konflikt des Ödipus (nach dem Drama des Sophokles) als Paradebeispiel der Entstehungsbedingung einer ‚hysterischen’ Entwick­lung reklamiert, macht er gleichzeitig – ‚unbewusst‘ – einen elterlichen Konflikt, und vor allem eine problematische Mutterfigur, zum Mittelpunkt seiner Analyse der familiären Dynamik (was in Bezug auf sein persönliches Problem sicherlich zutrifft, jedoch keineswegs zu verallgemeinern ist).

5. Damit kehrt Freud noch einmal in die Nähe eines differenzierten Trauma-Modells, entsprechend demjenigen Josef Breuers, zurück, von dem er sich, im Kokarausch und in Gefolgschaft des durchgedrehten Freundes Wilhelm Fließ, immer mehr entfernt hatte.

 

Ödipus ...

Iokaste ist wohl maßgeblich verantwortlich für das Durchstechen und Zusammenbinden der Fersen ihres drei Tage alten Knaben. Diese frühkindliche Misshandlung gibt dem Kind seinen Namen und überschattet sein Leben. Durch das Anordnen der Aussetzung ist die Mutter auch für die Entfremdung zwischen Ödipus und seinen Eltern verantwortlich. Zweifellos ist der spätere tödliche Konflikt zwischen Vater und Sohn am Dreiweg nur denkbar, weil die beiden einander nie richtig kennengelernt hatten. Niemals hätte Ödipus wohl sonst im Streit die Hand gegen den Vater erhoben. Erst recht hätte er ihm keinen Augenblick den Platz an der Seite seiner Gattin streitig gemacht.

Die frühe Traumatisierung hat auch etwas Gutes: Ödipus philosophiert schon früh über das Leben. So fällt es ihm nicht schwer, das Rätsel der menschlichen Entwicklung, mit dem die Sphinx die Thebaner konfrontiert, zu lösen und damit einen bewunderten Erfolg zu erzielen. Sein mutiger Einsatz für das Gemeinwesen wird mit der Königswürde belohnt. Ohne dass er etwas davon ahnen könnte, wird er dadurch jedoch nur umso mehr in sein Verhängnis, in das mütterliche Intrigengespinst verstrickt. Ödipus wird nun ganz zum Spielball von Iokaste, die ihn als Partnerersatz vereinnahmt. Die ganze Angelegenheit geht erstaunlich lange gut.

Dann aber, nach Jahren, führt eine rätselhafte Krankheit den König zur Analyse seines Schicksals. Dabei versteht er es, mit unglaublicher Aufrichtigkeit die durch Lügen und Intrigen verborgene Wahrheit ans Licht zu bringen: Seine Misshandlung und Aussetzung als Säugling, seine Entfremdung vom Vater als Bedingung für den tödlichen Konflikt mit ihm. Letztlich hatte er also durch Iokaste seinen Vater, und hatte Theben durch sie seinen einstigen König verloren. Sie ist also für die Zustände in Theben verantwortlich, wie niemand sonst.

Dem Bedürfnis des Ödipus, den Tod des Laios durch einen impulsiven Muttermord zu rächen, ist Iokaste bereits durch Suizid zuvorgekommen. In seinem Ekel und Entsetzen ist Ödipus nun ganz auf sich selbst zurückgeworfen. Erschüttert davon, blind in diese Inszenierung hineingeraten zu sein, sticht er sich in einem Moment höchster Verwirrung seine scheinbar überflüssigen Augen aus und klagt sich – unberechtigt! – selbst an.

Als Ausgestoßener muss der frühere König dann wenig später – begleitet allein von seiner Tochter Antigone – ein jämmerliches Dasein fristen. Erst am Ende seines Lebens wird diesem unerschrockenen Märtyrer der Wahrheit als Heilsbringer für Athen göttliche Erlösung zuteil. Er ist sich zu diesem Zeitpunkt schon längst seiner Unschuld bewusst, er erkennt und benennt klar die Verantwortung seiner Eltern an seinem und ihrem eigenen Verhängnis, er bereut seine Selbstblendung als übereilte Kurzschlussreaktion, und er sieht deutlich, dass seine Verbannung aus Theben grausames Unrecht darstellt. Im Bewusstsein der eigenen Unschuld – möglicherweise unter Wiedererlangung seiner Sehfähigkeit – wird er schließlich wie ein Heiliger von den Göttern leibhaftig in die Unterwelt entrückt.

 

... und Sigmund Freud

Sigmunds kindliche Phantasie über den Fehltritt seiner Mutter Amalia ist womöglich nicht aus der Luft gegriffen – Kindermund tut Wahrheit kund. Sollte sie sich den Fehltritt mit ihrem Stiefsohn geleistet haben, dann ist sie wohl für den Wegzug aus dem idyllischen Freiberg verantwortlich, auf diese Weise auch für Sigmunds frühe Entfremdung von seiner alten Heimat im Kuhländchen (Böotien) und von seinem liebsten Kindheitsgefährten, dem Vetter John. Ebenso hätte sie damit ihrem Gatten Jakob den Sohn Philipp entfremdet. Dieser Konflikt zwischen Vater und Sohn spitzt sich womöglich am Dreiweg in Leipzig zu, als die älteren Söhne nach Manchester verbannt werden, während der andere Teil der Familie nach Wien abzweigt.

Amalia macht nun ihren Sigismund zur moralischen Stütze, zu ihrem Partnerersatz. Damit mag sie erneut eine gewisse Rivalität zwischen dem Vater und seinem Sohn fördern. Jahrelang geht alles scheinbar gut. Dann aber beginnt Sigmund an einer geheimnisvollen Krankheit zu leiden, an der verbreiteten ‚Hysterie’, die er nun gehäuft in seinem Umfeld diagnostiziert.

Sigmund unternimmt den Versuch, das Geheimnis der rätselhaften Seuche zu lösen, und stößt dabei zu den Themen ‚Sexualität‘, ‚Inzest‘ und ‚frühkindliche Misshandlung’ vor. Der Wahrheit recht dicht auf der Spur, scheitert der Forscher jedoch kläglich mit seinen voreiligen, plumpen Verallgemeinerungen. Er behauptet, allein die Väter seien durch die (orale) Vergewaltigung der jeweiligen Kranken in frühester Kindheit für deren Hysterie verantwortlich. Diese unsinnige pauschale Entwertung von Vätern findet in der Geschichte der Menschheit wohl nicht ihresgleichen. Es muss eine tiefe Entfremdung zwischen Sigmund und seinem Vater bestanden haben, dass er sogar Jakob eines solchen Vergehens an ihm selbst und seinen Geschwistern beschuldigt. Mir scheint, dass Sigmund hier einer fixen Idee erliegt – womöglich angeregt durch Mutter Amalia.

Seine Selbstanalyse führt ihn zur Auseinandersetzung mit längst vergangenen Familien-Geschichten, bei der er seine kindliche Phantasie über den ‚Inzest’ der Mama mit ihrem Stiefsohn berührt. Die konkreten Traumatisierungen, die von der tyran­ni­schen Mutter direkt oder indirekt ausgehen, deckt er jedoch nicht auf. Dem dabei drohenden Konflikt weicht er aus. So bezichtigt er sich selbst schließlich, quasi in Umkehrung der Verhältnisse, entsprechender Triebe. Und plump verallgemeinert er mal wieder diese Idee in Bezug auf seine Person zur pauschalen Anklage von Kin­dern, sie seien von Geburt an „polymorph pervers“. Während tatsächlich im Falle schwe­rer psychischer Störungen die Betroffenen regelmäßig die unschuldigen Opfer von Erwachsenen sind, verkehrt Freud die Verhältnisse in ihr genaues Gegenteil: Die Erwachsenen seien ständig durch das perverse Ansinnen von Kindern belästigt.

Die blinde Beschuldigung von Wehrlosen zahlt sich aus: Ein Kultusminister wird von einer Patientin geschmiert, und ihr Arzt wird zum Professur gekürt, seine verrückten Hirngespinste werden geadelt. Mit dem Titel im Rücken vermag er für seine abstrusen Ideen erheblich mehr Beachtung zu finden. Er festigt seine Position, indem er eine ergebene Anhängerschaft um sich schart. Seine Tochter Anna ist ihm dabei als Stütze recht willkommen. Selbstgefällig beharrt er auf seinem Standpunkt. An dieser Stelle hat er nun endgültig die Chance verspielt, einen wichtigen Beitrag um die Lösung des Rätsels ‚Hysterie’ zu leisten. Im Gegenteil: Mit seiner neuen Theorie – der Trieb­theorie – wird er maßgeblich für mehr als einhundert Jahre zur Verschleierung dieses Problems beitragen.

Nur in seinem ‚Unbewussten‘ arbeitet es weiter: Im Traum erscheint ihm die Lösung seines Familienrätsels – er ertappt Mater Amalia als Urheberin seiner Hysterie (s.u.). Und ein Bild von Signorelli spukt ihm durch den Kopf, das eine Mutter zeigt, die mit dem Geschlechtsteil ihres Sigismundi spielt (s.u.). Intuitiv lässt er seine Impulse zum Muttermord auf vielfältige Weise zum Ausdruck kommen, beispielsweise indem er den Frauen jede Selbständigkeit in ihrer geschlechtlichen Entwicklung abspricht. Seine Überlegungen zur Minderwertigkeit der Frau, zu ihrer narzisstischen Beziehungsunfähigkeit, ihrem Penisneid und ihrer Kastrations­angst sind zwar grotesk und lächerlich, aber er findet damit bei einem gewissen Publikum bis heute begeistertes Gehör.

Dass Freud auf Dauer den Status eines Heilsbringers behalten wird, glaube ich nicht. Sicherlich verdanken wir ihm die eine oder andere Anregung. In man­chen Kreisen werden seine Schriften jedoch weit überschätzt. Seinem früheren Freund, Josef Breuer, fällt in meinen Augen ein weitaus größeres Verdienst zu: Mit seinen differenzierten Überlegungen zur Entste­hung psychosomatischer Störungen hat Breuer – vielfach unbeachtet – einen höchst bedeutsamen Beitrag zur Entwicklung psychotherapeutischen Ver­ständ­nisses geleistet, der durch die moderne Forschung zur Wirkung von Trau­ma­ti­sie­rung langsam wieder ins Licht der Aufmerksamkeit rücken wird!

 

 

 

[1] Marianne Krüll selbst glaubt, vor allem auf „Freuds ungelöste Vaterbindung“ schließen zu können.

 

[2] Es ist nicht bekannt, ob Jakob und Philipp noch jemals Kontakt zueinander aufgenom­men haben. Entsprechende Briefe seien jedenfalls nicht veröffentlicht (Krüll, 207 ff.).

 

[3] Zur gar nicht so desolaten finanziellen Lage der Familie Freud vgl. Ellenberger, 577f.

 

[4] In meiner Praxis habe ich schon verschiedentlich Geschichten vernommen, bei denen die Gattinnen redlich bemüht waren, das Einkommen ihres Gatten – selbst, wenn dieser zwei Arbeitsverhältnisse gleichzeitig wahrnahm – tatkräftig auszugeben und dem Verdiener dabei zu ver­mit­teln, dass er nicht genügend für die Versorgung der Familie unternähme. Es schien sich hier aus meiner Sicht deutlich um Entwertungs-Strategien gegenüber dem Partner zu handeln.

 

[5] Man beachte die geniale sprachliche Verwischungstechnik: Mannoni spricht von dem „Trauma, das die Verführung eines Kindes durch einen Erwachsenen hervorruft“ – die Begriffe „Trauma“ und „Verführung“ fließen ineinander – als bestünde nicht ein immenser qualitativer Unterschied zwischen einer „Verführung“ und einer „Traumatisierung“.

 

[6] Davon sprechen jedenfalls seine Angstzustände, seine geradezu pathologische Besserwisserei und seine Geltungssucht. Jürg Kollbrunner (2001) sieht auch Freuds schwere Krebserkrankung in einem psychodynamischen Zusammenhang.

 

 

 

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