Freuds verhängnisvoller Irrweg
zwischen Trauma- und Triebtheorie

 

Es war sicher nicht Freuds Stärke, Widersprüche auszuhalten und zu integrieren. Verdeutlichen lässt sich das an dem abrupten Wechsel seiner theoretischen Auffassung, von der „Trauma-Theorie“ zur „Trieb-Theorie“ im September 1897.

In der Zeit zwischen 1895 und 1897 geht Freud davon aus, dass jeweils ein sexueller Übergriff auf das Kind dessen spätere psychosomatische Störung (sog. „Hysterie“) bedinge. Seine Hypothese spitzt er von 1896 bis 1897 immer mehr dahingehend zu, dass allein die orale Vergewaltigung eines Kindes im Alter von 2-8 Jahren durch den Vater als Auslöser der Hysterie zu gelten hat. Diese sehr undifferenzierte Behauptung beruht zum Teil auf Berichten seiner KlientInnen über realen sexuellen Missbrauch, die er jedoch mit eigenen Mutmaßungen ausschmückt (vgl. Schlagmann, 1997 b, S. 22 ff, 2005). Von KlientInnen und FachkollegInnen muss Freud für seine extrem einseitige These teilweise recht heftige Kritik einstecken.

Anstatt seine Annahme zu differenzieren, stellt er sie ab September 1897 auf den Kopf: Er behauptet, dass gar keine reale Traumatisierung vorliege, sondern dass sich das Kind selbst in seiner Phantasie entsprechende Szenen zurechtlege. Bezeichnend für die Begriffsverwirrung ist, dass das zuvor als Ursprung einer hysterischen Störung hypothetisch zugrunde gelegte Trauma, die orale Vergewaltigung durch den Vater, nun als „Verführung“ verharmlost wird.

Durch die Montage zweier Freud-Porträts habe ich den völligen Widerspruch zwischen den zwei Ansätzen Freuds zu verdeutlichen versucht – eine frühe (sehr einseitige, plumpe, und damit letztlich auch falsche) „Trauma-Theorie“, die er im Herbst 1897 völlig verwirft und durch eine noch falschere, unsinnigere und geradezu verhängnisvolle „Trieb-Theorie“ ersetzt. Die beiden Ansätze sind völlig konträr!

Hervorragend ablesen lässt sich Freuds neue Haltung an dem „Bruchstück einer Hysterieanalyse“ (weitgehend geschrieben 1901, erstmals veröffentlicht 1905; vgl. Schlagmann, 1997 b, 2005). ‚Dora‘ (= Ida Bauer) wird als 13-15jährige von ihrem Vater seinem Freund quasi zugeschoben, weil der Vater mit dessen Ehefrau ein Verhältnis hat. Die couragierte Jugendliche widersetzt sich der Bedrängnis und bringt den Konflikt offen zur Sprache, findet jedoch bei den Eltern kein Gehör. Dies bringt die junge Frau in ziemliche Verzweiflung.

Als 18jährige wird sie wegen massiver psychosomatischer Störungen und Suizidgedanken von Freud behandelt. Einerseits glaubt Freud der jungen Frau die Fakten, worin zweifellos sein „Verdienst“ besteht. Aber letztlich lastet er der Betroffenen selbst das Problem an, wenn er es in ihren angeblich mangelhaft kontrollierten sogenannten „Perversionskeimen“ verankert findet: Die Ursache der Störung bestehe in ihrem (ihr fälschlich unterstellten) Hang zu Inzest, Selbstbefriedigung und Homosexualität. Dass die junge Frau dem widerspricht, ist für Freud unerheblich. Aus einem „Nein“ hört er ein „Ja“ heraus, ihre Ablehnung seiner Deutung wird für ihn zu ihrer „gewöhnlichen Redensart, etwas Verdrängtes anzuerkennen“.

Drei Jahre vor dieser Behandlung wäre Freud mit seinen Überlegungen zur ursprünglichen „Trauma-Theorie“ der „Wahrheit“ noch ein gutes Stück näher gewesen, nämlich, allgemein formuliert, mit der Auffassung, dass die unangemessene Behandlung durch ihr erwachsenes Umfeld die junge Frau beeinträchtigt hätte. Mit der Verdrehung seiner Sichtweise dahingehend, dass Ida Bauer durch ihre mangelhafte Triebkontrolle ihre Probleme quasi selbst verursacht hätte („Trieb-Theorie“), hat er das Opfer sozialer Gewalt zur Täterin gestempelt.

Der Widerspruch zwischen der ursprünglichen „Trauma-Theorie“ und der für manche Psychoanalytiker anscheinend bis heute gültigen „Trieb-Theorie“ spiegelt genau den Widerspruch zwischen dem eigentlichen Gehalt des Narkissos-Mythos und einer Deutung, wie sie beispielhaft anhand der Zitate von Heinz Müller-Pozzi, Kathrin Asper und Otto F. Kernberg illustriert wurde. Das Opfer Narziss wird in Verdrehung der Verhältnisse zum Täter erklärt.

Freuds Art, Figuren aus griechischen Mythen zu interpretieren, spiegelt diesen fundamentalen Bruch in seinem Denken: Systemische Zusammenhänge werden regelrecht geleugnet. Ein „Opfer“ der Verhältnisse wird als „TäterIn“ diffamiert. So manche TheoretikerInnen haben diese Sichtweise bis heute – wohl in „blindem Vertrauen“ – übernommen.

Wie sich dieses Denken auf das therapeutische Handeln auswirken kann, habe ich am Beispiel Otto F. Kernbergs an anderer Stelle ausführlicher dargelegt.

Wie kommt es nur, dass Freud solche geistigen Kapriolen schlägt?

 

Mir scheint, dass hier Freuds biografische Hintergründe – die starke Parallelen zum Familienkonflikt des Ödipus aufweisen – eine wichtige Rolle spielen. Dies möchte ich in den folgenden Kapiteln näher erläutern:

1) Freud – auf die Couch gelegt! Analyse seines wahrhaft ödipalen Konflikts.

2) Neue Deutung eines Traumes von Freud (Mai 1897), in dem sich sein Mutterkomplex spiegelt.

3) Neue Deutung einer angeblichen Fehlleistung, deren eigentlichen Hintergründe von Peter Swales glänzend erhellt worden sind! Ich selbst möchte sie um einige Deutungsaspekte ergänzen: Variationen zu Freuds Mutterproblem.