Josef Breuer –

als Wissenschaftler, Arzt und Mensch

 

Josef Breuers Lebensweg, seine wissenschaftlichen Leistungen und seine Persönlichkeit sind in Albrecht Hirschmüllers (1978) herausragender Biographie detailliert dargestellt. (Seitenangaben zu Zitaten auf diesen Seiten zu Josef Breuer und Bertha Pappenheim beziehen sich jeweils, sofern nicht anders vermerkt, auf dieses Werk.) Hirschmüller charakterisiert Breuers Tätigkeit und Persönlich­keit: „Breuer (war) besonders für die Vielsei­tigkeit und die Individualität, aber auch für die Behutsamkeit seiner Therapie berühmt. ... Übereinstimmend berichten die Nach­rufe und biographischen Skizzen von seiner Bescheidenheit und Hilfsbereitschaft, der ‘Reinheit seiner Denkungsart, seiner Auf­richtigkeit, Uneigennützigkeit, und natürlicher Herzensgüte’“ (S.52 f).

Breuer besaß einen glänzenden Ruf als praktischer Mediziner. Er war der Hausarzt vieler prominenter Zeitgenossen, mit denen er auch teilweise enge Freundschaften unterhielt, so z.B. mit Marie von Ebner-Eschenbach, mit der er eine umfangreiche Korrespondenz führte, oder mit dem Physiker und Philosophen Ernst Mach, mit den Philosophen Friedrich Jodl und Franz Brentano, mit dem Musiker Hugo Wolf. Er betreute die „Familien Wertheimstein und Gomperz, nach den unerreichbaren Rothschilds die ‘ersten Wiener jüdischen Familien’“ (Hirschmüller, 1978, S.50f), sowie Johannes Brahms in dessen letzten Lebensmonaten. Als besondere Auszeichnung seiner Kompetenz kann es betrachtet werden, „daß eine Reihe der bedeutendsten Professoren der medizinischen Fakultät, die zum Teil seine Lehrer gewesen waren, ihn später zu ihrem Hausarzt wählten und ihn ihrer Freundschaft für würdig erachteten, allen voran Ernst Brücke, sein wichtigster Lehrer“ (S.49). 

Trotz bester Ansätze für eine glänzende wissenschaftliche Karriere, hatte er bereits 1885 seine Lehrbefugnis (venia legendi) an der Wiener Universität niedergelegt, nachdem ihm eine Professur zweimal wegen offenkundiger Günstlingswirtschaft verweigert worden war. Ein in der Geschichte dieser Universität einmaliger Vorgang.

Als wesentliche wissenschaftliche Arbeiten Breuers nennt Hirschmüller:

1)      In der Frage, ob Fieber primär humoral oder nervös gesteuert würde, ha­ben Josef Breuer und Rudolf Chobrak durch ein klares Tierexperiment die erstere Hypothese bekräftigt (1867/68). Eine weitere offene Frage war, ob Fieber durch eine vermehrte Produktion von Wärme oder deren verminderte Ab­gabe entstünde. Breuer hatte hier einer Studie, die das letztere be­hauptete, einen Fehler nachgewiesen (1869) und vorsichtig für die erstere These plädiert. Hirschmüller verweist auf die Relevanz die­ser Überlegungen für die „Studien über Hysterie“ insofern, als Breuer sich hier mit einem Regulationsmechanismus auseinandersetzt, der ein gewisses Optimum zu erhalten sucht.

2)      1868 hatten Ewald Hering und Josef Breuer in der Frage der Atmungs­regulation aufgrund von Tierexperimenten den Breuer-Hering-Reflex postuliert. Hirschmüller kommt nach einer Über­sicht der hierzu geführten Fachdiskussion zu dem Schluß: „Die Entdeckung Herings und Breuers ist somit durch neue Untersu­chungen, insbesondere durch Versuche am Menschen, in ihrer Bedeutung eingeschränkt, aber im Grundsatz bestätigt worden. Verschiedene Ver­mutungen, die Breuer geäußert hatte, wurden später als richtig er­wiesen, einzelne Fragen, die er aufwarf, sind noch immer nicht end­gültig geklärt“ (S.80).

3)      1873-75 hat Breuer die Funktion der Ohrbogengänge untersucht, seine Ergebnisse 1889 noch einmal verteidigt. „Durch umfangreiche und äußerst subtile Tierversuche hat Breuer in der Arbeit von 1875 seine Theorie gestützt, in ausführlicher Diskus­sion gegen Einwände verteidigt, in einigen Details modifiziert, im ganzen aber aufrecht erhalten können. ... (Die) ‚Mach-Breuer’sche Strömungs­theorie der Endolymphe‘ ... kann in wesentlichen Punkten als gesichert gelten“ (S.90).

4)      1891 hat er eine Untersuchung des Otolithenapparates und seiner Funk­tion bei der Wahrnehmung der Lage und der Progressivbewegung vorgenom­men. „Im ganzen ... bediente er sich über weite Strecken einer deduktiven Beweisführung, die höchst scharfsinnig anatomische und experimen­telle Befunde mit mathematischen und physikalischen Überlegungen verband“ (S.96).

Zusammenfassend schreibt Albrecht Hirschmüller: „Es ist eklatant, daß praktisch alle wichtigen Grundgedanken der Phy­siologieforschung Breuers sich haben bestätigen und mit Inhalt füllen lassen. ... Thematischer Mittelpunkt von Breuers Arbeiten ist der Ge­danke der biologischen Regulation von Körperfunktionen im Dienst der für den Gesamtorganismus notwendigen und sinnvollen Lei­stungen“ (S.115).

Die hier angeführten Äußerungen zur Beobachtungsgabe und Fähigkeit zu logischen Schlussfolgerungen sollten im Auge behalten werden, wenn es darum geht, Josef Breuers häufig diffamierte Behandlung der Bertha Pappenheim zu beurteilen!

 

 

 

Hier befindet sich der Ausgangspunkt des Beitrages zu Josef Breuer, Bertha Pappenheim und Iwan Pawlow.

Aktuell ist die Seite mit den Ausführungen zu Leben und Werk von Josef Breuer aufgerufen.

Hier finden sich Angaben zu Bertha Pappenheim und ihrer Behandlung durch Breuer.

Hier findet sich ein Exkurs zu dem russischen Physiologen Iwan Pawlow, dessen Überlegungen zum klassischen Konditionieren im Grunde spiegeln, was Breuer vorweggenommen hatte.

Hier finden sich Ausführungen zu den Diffamierungen, denen Breuers Behandlung ausgesetzt war. Vor allem gehe ich hier der Frage nach, wer Bertha Pappenheim Chloral und Morphin verordnet hatte.

Hier gehe ich kurz auf einige zentrale Zusammenhänge zwischen Josef Breuer und Sigmund Freud ein.

Und schließlich werfe ich hier noch einmal die Frage auf, ob Josef Breuers Behandlung von Bertha Pappenheim als erfolgreich gelten kann.