War Josef Breuers Behandlung erfolgreich?

 

Mikkel Borch-Jacobsen gelangt aufgrund seiner oberflächlichen Sicht der Dokumente zu der teils nachweislich falschen, teils bei genauerer Sicht unplausiblen Überzeugung, dass Breuer seiner Patientin wegen ihrer Gesichtsneuralgie Morphin und wegen ihrer Schlaflosigkeit Chloral verordnet habe. Auf dem Hintergrund dieser Unterstellung gelangt er dann zu der entwertenden Behauptung von Berthas „unverhoffte[n] Genesung, die sich in keinster Weise der talking cure verdankt“.

Ich für meinen Teil zweifle nicht an dem, was Josef Breuer über die einzelnen Symptome und ihr Verschwinden unter der „talking cure“ festgestellt hat. Wie oben dargestellt meine ich, dass er dabei ein wichtiges Prinzip bei der Heilung von Bertha Pappenheims komplexer Symptomatik gefunden hatte, dass er einzelne Elemente – das Nicht-Trinken, die Taubheit u.s.w. – durch die Förderung der Katharsis rasch und effektiv beseitigt hatte. Er hatte aber auch gar keinen Hehl daraus gemacht, dass Berthas Behandlung nicht unmittelbar zu einer völligen Genesung geführt hatte (Studien, S. 60): „Dann verließ sie Wien für eine Reise, brauchte aber noch längere Zeit, bis sie ganz ihr psychisches Gleichgewicht gefunden hatte. Seitdem erfreut sie sich vollständiger Gesundheit.

Breuers Diagnose von Berthas Gesundheitszustands ist zweifellos richtig, denn 1895 hatte sie sich schon lange in Frankfurt niedergelassen, sich dort, neben publizistischer Betätigung – Veröffentlichung von Märchen-Samm­lun­gen, eines Schauspiels (Frauenrecht; 1899), sowie der Übersetzung der Verteidigung der Rechte der Frau von Mary Wollstonecraft – sozial engagiert (161): „Sie kümmerte sich um die Berufsausbildungsmöglichkeiten jüdischer Mädchen, um die Situation ‚gefährdeter Mädchen’ und unehelicher Mütter und Kinder, um die Nichtseßhaftenfürsorge, die Tuberkulosebekämpfung, um die Bekämpfung des Mädchenhandels (die Vermittlung nichtsahnender ungebildeter ostjüdischer Mädchen in Bordelle), um die Situation der von ihrem Mann verlassenen jüdischen Frau, um Frauenrechtsfragen, Organisatorisches, um religiöse Belange und vieles mehr. Innerhalb kurzer Zeit hatte sie sich in der deutschen jüdischen Frauenbewegung die führende Rolle erworben.“ Seit 1895 hatte sie, zunächst stellvertretend für die erkrankte Leiterin eines Waisenhauses, diese Position übernommen, bis sie selbst im Jahr 1907 ein „Heim für gefährdete Mädchen und uneheliche Kinder“ gründete, das sie bis zu ihrem Tod im Jahr 1936 leitete (161 f.). Der Blick auf diese beeindruckende Liste ihres Engagements, das Bertha Pappenheim mit hohem persönlichen Einsatz geleistet hatte, zeigt, dass sie eine sehr starke, selbstbewusste, mutige Kämpferin gegen Ungerechtigkeit, Entwertung und Unterdrückung geworden war, die sich vor allem für die Bedürfnisse von Mädchen und Frauen eingesetzt hat. (Eine ausführliche Würdigung Bertha Pappenheims aus jüngerer Zeit stammt von Marianne Brentzel, 2002.)

Auch wenn Bertha Pappenheim nie geheiratet hat, wenn sie Gedichte geschrieben hat, die ihre Einsamkeit zum Ausdruck bringen, wenn sie in ihrer Persönlichkeit wohl manchmal durch eine gewisse Widersprüchlichkeit von Härte und Warmherzigkeit geprägt war (162 ff.), so lässt sich wohl nicht daran zweifeln, dass Breuers Aussage über ihren wiederhergestellten Gesundheitszustand in ihrem höchst aktiven, sozial engagierten Lebensweg ihre eindrückliche Bestätigung findet.

Es ist (nach Borch-Jacobsen, 36 f.) die Äußerung einer Verwandten und Vertrauten Bertha Pappenheims, Dora Edingers, überliefert, Bertha habe sich „mit Vehemenz jedem Vorschlag einer psychoanalytischen Behandlung von Personen [widersetzt], für die sie die Verantwortung trug, zur großen Überraschung der Leute, die mit ihr zusammenarbeiteten.“ Dies wird als Beleg dafür gedeutet, dass Bertha selbst mit ihrer Behandlung durch Josef Breuer unzufrieden gewesen sei. Aber dazu müsste man voraussetzen, dass Bertha nicht in der Lage war, die ihr widerfahrene, wahrhaftige ‚Psychoanalyse‘ Josef Breuers von der Psychoanalüge Sigmund Freuds zu unterscheiden. Da Bertha Pappenheim als sehr kluge Frau geschildert wird, traue ich ihr eine solche Fehlleistung eigentlich nicht zu.

Es gibt wohl keinen härteren Kontrast zwischen dem behutsamen, respektvollen, fördernden Ansatz Josef Breuers, der sehr genau die unwürdige Behandlung Berthas – gerade als junge Frau – wahrnimmt und sie in ihrer Kritik an den Verhältnissen unterstützt, und dem Vorgehen Sigmund Freuds, der in seiner ‚Psychoanalüge‘ – wie an anderer Stelle gezeigt – ab dem September 1897 die Erfahrung von realer Gewalt (Traumatisierung) geradezu leugnet. Freud sieht den Ursprung psychischer und psychosomatischer Beschwerden in den unbewältigten ‚Perversionen’ der Betroffenen selbst – in ihrem Hang zu Selbstbefriedigung, Inzest und Homosexualität. Die Übergriffe, die Freud konkret geschildert bekommt – und deren Vorkommen er nicht bezweifelt! – treten für ihn vollkommen zurück gegen die angeblich angeborenen perversen Neigungen, die die Neurotiker – aus seiner Sicht – nicht in den Griff bekommen. (Diese Haltung hat Freuds Stellvertreter auf Erden, Otto F. Kernberg, in geradezu grotesker Weise auf die Spitze getrieben.) Faktisch nimmt Freud damit gerade gegenüber Frauen eine gnadenlos verachtende und entwertende Haltung ein.

Bertha Pappenheim dürfte, gerade weil sie in einem sozialen Beruf gearbeitet hat, sehr wohl über die Entwicklung der Freudschen Psychoanalyse orientiert gewesen sein. Sie war ja immerhin mit Freuds Gattin Martha verwandt und hatte diese einige Male besucht. Sollte sie beispielsweise selbst einmal die Studien gelesen haben, dann dürfte sie – so genau, wie wohl niemand anderes! – wahrgenommen haben, mit welcher Boshaftigkeit Freud ihre Behandlung durch Josef Breuer dort abgewertet hatte: Freud hatte nämlich im Schlusskapitel zu den Studien behauptet, Breuer habe bei Berthas Behandlung den eigentlich zentralen Punkt übersehen, nämlich den Ursprung ihres Problems in irgendwelchen sexuellen Geschichten. Dies dürfte für Bertha Pappenheim wie ein Schlag ins Gesicht gewesen sein. Wenn ich mir – darüber hinaus – vorstelle, dass Bertha Pappenheim sich anhand des publizierten Bruchstücks einer Hysterieanalyse  einen Einblick in Freuds Arbeitsweise bei der ‚Psychoanalyse’ eines jungen Mädchens (im Gegensatz zu Breuers Umgang mit ihr) verschaffen konnte, dann ist ihr vehementer Widerstand gegen eine ‚psychoanalytische’ Behandlung zwingend: Gerade Bertha, die anhand des Schicksals der von ihr betreuten jüdischen Mädchen damit vertraut war, wie diese zum Objekt degradiert und sexuell ausgebeutet worden waren, musste sie vor der Freudschen Besserwisserei schützen, die den Betroffenen eingeredet hätte, ihr Problem liege nicht in der widerwärtigen Aufdringlichkeit und Ausbeutung durch skrupellose Erwachsene, sondern allein in der ungenügenden Bewältigung ihrer perversen Antriebe zu Inzest, Selbstbefriedigung und Homosexualität.

So wird Bertha Pappenheims verbürgter ausdrücklicher Wunsch, ihre Schützlinge niemals der Gehirnwäsche einer Freudschen PsychoanaLÜGE auszusetzen, für mich gerade zu einem Ausdruck ihrer anhaltenden Verbundenheit mit und der Wertschätzung von Josef Breuers mit ihr zusammen entwickelten „talking cure“, für die Josef Breuer – zu Recht! – unter Bezug auf das Theaterstück „König Ödipus“ von Sophokles vorgeschlagen hatte, sie als „Psychoanalyse“ zu bezeichnen.

 

 

 

 

Hier befindet sich der Ausgangspunkt des Beitrages zu Josef Breuer, Bertha Pappenheim und Iwan Pawlow.

Hier geht es zu den Ausführungen zu Leben und Werk von Josef Breuer.

Hier finden sich Angaben zu Bertha Pappenheim und ihrer Behandlung durch Breuer.

Hier findet sich ein Exkurs zu dem russischen Physiologen Iwan Pawlow, dessen Überlegungen zum klassischen Konditionieren im Grunde spiegeln, was Breuer vorweggenommen hatte.

Hier finden sich Ausführungen zu den Diffamierungen, denen Breuers Behandlung ausgesetzt war. Vor allem gehe ich hier der Frage nach, wer Bertha Pappenheim Chloral und Morphin verordnet hatte.

Hier gehe ich kurz auf einige zentrale Zusammenhänge zwischen Josef Breuer und Sigmund Freud ein.

Aktuell ist die Seite aufgerufen, die sich mit der Frage beschäftigt, ob Josef Breuers Behandlung von Bertha Pappenheim als erfolgreich gelten kann.