Siegfried Bettighofer

 

Tilmann Moser, der selbst großer Nutznießer des Unternehmens „Psychoanalyse“ ist – eigene Analysen, verkaufte Bücher, gerngesehener Referent auf Tagungen – schafft es, wie dargestellt, nicht, in seinem Vorwort zu Akoluths Buch der Problematik ihrer bizarren Psychoanalyse-Erfahrung gerecht zu werden.

Wie erledigt nun der Psychoanalytiker Siegfried Bettighofer, den Margarete Akoluth nach dem Abbruch ihrer Therapie bei Dr. L. um therapeutische Hilfe ersucht hatte, um ihre missratene Analyse und deren Folgen fachkundig aufzuarbeiten, seine Aufgabe, wenn er nun im Nachwort zu dem Buch Stellung nimmt?

Auch er wird aus meiner Sicht – soweit vorab – seiner Aufgabe nicht gerecht. Etwa, wenn er schon auf der zweiten Seite seiner Ausführungen (S. 159) von dem „destruktiven Prozess eines sich gegenseitigen Zerfleischens“ spricht. In ihrem Buch gibt die Autorin genügend Beispiele, wo sie durch witzige Geschenke, offene, sachliche Briefe, konstruktive Anregungen (Supervision), kreativ gestaltete Torten anbietet, die verfahrene Situation AUFZULÖSEN. So kann ich nicht nachvollziehen, welche Anteile des Destruktiven oder des „Zerfleischens“ Bettighofer meint, bei der Autorin finden zu können. Auch, dass er davon spricht, sie hätte die Analyse „gewaltsam abgebrochen“ ist m.E. völlig unangemessen – „konsequent beendet“ wäre wohl sehr viel passender.

Warum Bettighofers Bemühen, die Leistung von Frau Akoluth zu schmälern? Warum muss er jedes seiner scheinbaren Komplimente mit einer Einschränkung versehen? „... sehr bemüht, ... möglichst objektiv – soweit das möglich ist – zu beschreiben“ – „Es geht ihr dabei nicht um Anklage und einseitige Vorwürfe, auch wenn diese naturgemäß vorkommen, ...“. Und in diesem Zusammenhang kommt dann der völlig unpassende Satz von dem „Verständnis desjenigen Anteils, den sie selbst unwissentlich und unbewusst zum Misslingen beigetragen hatte“ (S. 159). Was konkret meint er hier, bitteschön?

Bettighofer berichtet (161): „Ein einfaches Beispiel aus meiner Behandlung mit der Patientin soll dies deutlich machen. Frau A. ging es nach einer Sitzung bei mir den ganzen Tag über und auch während der nächsten Tage sehr schlecht, sie fühlte sich tief deprimiert und verzweifelt und hatte Suizidgedanken. Erst durch intensives Nachdenken wurde ihr langsam klar bzw. konnte sie sich eingestehen, dass sie sich während dieser Sitzung sehr von mir gekränkt gefühlt hatte.“ Der Autor gibt keinerlei konkrete Hinweise darauf, wodurch sich die Betroffene gekränkt gefühlt hatte. Wenn ich Bettighofers eigenartige „Neutralität“ wahrnehme, kann ich mir vorstellen, dass die Betroffene die besten Gründe gehabt hat, sich „gekränkt“ zu fühlen – etwa durch seine Auffassung des alten Geschehens bei Dr. L. als „gegenseitige[s] Zerfleischen[.]“. Gerade auf dem Hintergrund der Erfahrungen mit Dr. L. ist es nur allzu plausibel, dass sie nun vorsichtiger geworden ist und auch gegenüber Herrn Bettighofer schneller und nachhaltiger reagiert. Diese eigenen Gefühle von Wut und Enttäuschung hätten bei dem alten Analytiker Dr. L. – als einem für die Autorin „lebenswichtigen Menschen“ – dann zu „Verteidigung, Rechtfertigung und Gegenvorwürfen“ geführt. Und obwohl Frau Akoluth bei ihm, Bettighofer, erlebt habe, dass er „meist [Hervorhebung K.S.] sachlich und fragend“ mit ihrer Wut und Enttäuschung umging, so habe dies doch dazu geführt, dass sie „die alte Angst [hatte], auch ich könnte aggressiv werden und die Beziehung zu mir könnte damit zerstört sein“. Und so sortiert Bettighofer das Verhalten der Betroffenen ein (ebd.):  Dieses Beispiel zeigt einen sehr wichtigen Aspekt in dieser therapeutischen Arbeit mit der Übertragung des Patienten. Der Patient nimmt den Analytiker teilweise verzerrt wahr, Frau A. hatte mir gegenüber eine Bangigkeit, die durch die Vorerfahrung bedingt war, die jedoch bei mir nicht in meinem Verhalten begründet und insofern unnötig, unrealistisch und vor allem auch viel zu heftig war [Hervorhebung K.S.]“. Bettighofer spricht dann (162) in Bezug auf seine Person von den „spezifischen Beschränkungen ..., die nicht zu überwinden sind“ – die von der Betroffenen eben zu akzeptieren seien. Womöglich macht Herr Bettighofer es sich an dieser Stelle etwas zu einfach. Denn womöglich war es durchaus berechtigt, dass Frau Akoluth von den „spezifischen Beschränkungen“ ihres zweiten Therapeuten ent-täuscht war, auf ihn wütend war. Zumal an den Stellen, wo es Herrn Bettighofer nicht gelungen war, auf die Wut und Enttäuschung der Autorin „sachlich und fragend“ zu reagieren. (Ich frage mich, zu welchen Szenen es dabei gekommen sein mag.) Und dabei mag sie – ganz real – erlebt haben, dass ihr hier wieder einmal eine „Beziehung“ verloren gegangen war, von der sie sich – in einem berechtigten und nachvollziehbaren Wunsch – eine rückhaltlose Unterstützung gegen eine erfahrene Kränkung versprochen hatte. Oder, besser gesagt: Sie hätte dann nicht erlebt, eine reale, tragfähige Beziehung verloren zu haben – denn unter den genannten Umständen ist fraglich, ob diese Beziehung eine solche gewesen ist –, sondern lediglich die Illusion einer Beziehung. Aber auch dieser „Verlust“ kann schmerzlich genug sein, wenngleich es wohl letztlich eher positiv ist, sich von Illusionen zu verabschieden.

Nicht zustimmen würde ich auch, wo Bettighofer von „übertragenen Gefühlen“ redet, denen L. „nicht standhalten konnte“ (162): Mir scheint ziemlich deutlich, dass diese angeblich „übertragenen Gefühle“ sehr deutlich in der analytischen Situation erst entfacht worden sind. Und L. hätte den Gefühlen ja nicht irgendwie „standhalten“ sollen, wie ein Damm den Wellen „standhalten“ sollte, sondern es hätte wohl vollkommen ausgereicht, wenn er nur offen und ehrlich mit seinen Gefühlen umgegangen wäre, die Kl. nicht ständig in double-bind-Situationen gebracht hätte – mit Worten zur Annäherung aufzufordern, dagegen mit Gesten sehr deutlich seinen Wunsch nach Distanz auszudrücken. (Diese doppelten Botschaften können in der Tat geradezu „ver-rückt“ machen. Man weiß nicht, woran man ist. Soll man sich auf die Worte verlassen? Oder soll man den Botschaften der Handlungen vertrauen? Das zwingt geradezu zu einer Klärung. Und die Autorin hat ihren Teil zu einer rationalen, offenen Klärung sehr deutlich beigetragen. Sie hat sich m.E. auch, anders als Bettighofer meint (163), nicht einer „Übertragung und Projektion“ quasi schuldig gemacht, die dann auf einmal in „böse Realität“ umgeschlagen wäre. Sondern sie hat einfach im Hier und Jetzt offen auf das reagiert, was Dr. L. mit seinem Verhalten bei ihr ausgelöst hatte.

Das Umschlagen in eine „Enttäuschung und eine konflikthafte Beziehung“ innerhalb einer Therapie sei „an sich nichts Ungewöhnliches“. Die Erklärung (163-164): Der Patient „trägt notgedrungen viele Gefühle von Enttäuschung, Schmerz, Aggression in sich, die er bisher unterdrücken musste und deshalb nicht verarbeiten konnte.“ - „Festhalten können wir jedoch, dass jeder Patient unbewusst die Angst hat, dass sich eine enttäuschende Beziehungserfahrung auch in der Therapie wiederholen könnte ... Und dann kommt irgendwann der Zeitpunkt, ... wo er wieder die Verletzung erlebt.“ Auf mich wirken solche Phrasen wie eine pauschale Verhöhnung des von der Autorin sehr konkret beschriebenen Ent-Täuscht-Werdens in der Therapie bei Dr. L. Bettighofer entkoppelt diesen Prozess von dem, was ganz real in den Gesprächen mit Dr. L. abgelaufen ist, sondern stilisiert das Geschehen zu einem quasi naturgesetzlichen Ablauf, dessen Ursprung ganz auf Seiten der defizitären Patienten zu suchen sei. (Es mag zwar durchaus vorkommen, dass ein chronisch unzufriedener Mensch auch mit dem Beziehungsangebot in einer Therapie nicht zufrieden ist, aber das ist keineswegs ein Automatismus.)

Geradezu bösartig finde ich den Satz, wenn Bettighofer schreibt (166), Dr. L. habe sich eben Frau Akoluth gegenüber – entgegen den „internalisierten Verboten der Eltern“ – zu einer Form der intensiven Zuwendung entschlossen, um „ihr Gefühl des Ungeliebtseins zu verringern“, Bettighofer habe jedoch damit einen „gravierenden Fehler“ begangen, weil „die Patientin diese Zuwendung letztlich doch nicht wirklich annehmen konnte“ - „das Bekommene nicht wirklich verwerten konnte“ – „ihre Hemmung“ gezeigt habe, „diese Zuwendung wirklich anzunehmen“. Da wird wieder einmal deutlich, dass das Versagt-Haben des Opfers immer wieder einen zentralen Stellenwert in psychoanalytischen Deutungen einnimmt. Es sind immer die Betroffenen selbst, die etwas „nicht annehmen“, „nicht verwerten können“. Auf die Idee, dass das Angebot „nicht verwertbar“ oder „nicht annehmbar“ gewesen sein könnte, darauf kommt Herr Bettighofer hier nicht. In dieser Sicht auf das Setting (ebd.) wird dann die Betroffene „immer mehr zum psychischen Kleinkind“, während der Analytiker „zunehmend zu ihrer guten Mutter“ mutiert. Bei dieser Metapher ist ja nun klar, wer sich angemessen verhält, und wer – natürlich verzeihlich – in der Gefahr steht, sich ganz unangemessen, kleinkindhaft,  zu verhalten.

Frau Akoluth berichtet: „’Er sagte zwar, dass ich alles zulassen und tun darf. Wenn er mir aber die Hand entgegenstreckte, ging er einen Schritt zurück, drehte den Kopf weg, zuckte leicht zurück oder krempelte die Hemdärmel herunter, als wenn er sich vor mir schützen müsste. Ich hatte oft ein ungutes Gefühl dabei.’“ Und Bettighofer kommentiert unmittelbar im Anschluss an dieses Zitat: „Inwieweit die Patientin diese Signale richtig wahrgenommen hat, kann natürlich nicht entschieden werden und sei dahingestellt. Denn entscheidend ist hier nicht die Intention und Intervention des Therapeuten, sondern die Bedeutung, die die Patientin diesen Gesten unterlegt. Denn das ist der Stoff, der therapeutisch bearbeitet werden müsste.“ Warum dieses Zögern, sich rückhaltlos an die Seite der Autorin zu stellen und ihr diese sehr konkrete und detaillierte Schilderung als wirklichkeitsgetreu abnehmen? Warum diese typische Logik der psychoanalytischen Denkungsart, z.B. auch im Fall von vergewaltigten Kindern oder KZ-Opfern: „Das ist ja gar nicht so wichtig, ob das jetzt wirklich passiert ist oder nicht! Wichtig ist nur, dass Sie als Betroffene das so erlebt haben!“ Solche gönnerhaften Phrasen müssen auf Betroffene doch entwertend und verwirrend wirken. Dabei hätte Bettighofer doch die Möglichkeit gehabt, als er Frau Akoluth und Dr. L. konkret erlebt hatte, diese Frage z.B. zu klären. Begreift er denn nicht, dass es einen riesigen Unterschied macht, ob ich die Realität meines Gegenübers akzeptiere, oder ob ich die Erzählungen nur auf einer Phantasie-Ebene abhandle? Soll eine Mutter, die von ihrem Kind zu hören bekommt, dass es einen sexuellen Missbrauch erlebt hat, so reagieren, dass sie sagt: „Ach ja, mein Kind, es ist unerheblich, ob du das, was du erzählst, auch wirklich erlebt hast! Wichtig ist nur, was das jetzt in deiner Phantasie auslöst! Und darüber werde ich mich jetzt mit dir ganz ernsthaft unterhalten! Jetzt erzähl mal schön!“ (Mit dem Verweis, dass solche Erzählungen auf die Phantasie der Betroffenen zurückgeführt werden, werden oft genug von den verantwortlichen Erwachsenen solche Schilderungen abgetan.)

Für entwertend halte ich auch die Stelle, wo Bettighofer (167) von „den wachsenden und scheinbar unersättlichen Bedürfnissen“ der Patientin ausgeht. Und umgekehrt halte ich es für viel zu blauäugig wenn er daran anschließend (168) behauptet, solche Situationen würden dann bei dem Therapeuten „zu ausgeprägtem Verantwortungsgefühl“ führen – in so einem Zustand habe sich Dr. L. mit Frau Akoluth „vermutlich“ befunden. Dass er ihr hier ihren „emotionalen Hunger“ attestiert, rückt das Geschehen, wie schon bei Moser beschrieben, in die Ecke sog. präödipaler (oraler) Triebregungen.

Immerhin attestiert Bettighofer (169) der Autorin, dass sie sich „zurecht zurückgewiesen, verlassen und verloren“ gefühlt habe. Warum er aber so darauf besteht, dass sie dies „unbewusst“ getan hätte, weiß ich nicht, denn bei meiner Lektüre des Textes von Frau Akoluth merke ich, dass sie dies sehr bewusst mitbekommen hatte. Was an dem Verhalten „provokativer und aggressiv“ gewesen sein sollte, hätte ich gerne mehr belegt. Dass die „blasierten Deutungen“ von Dr. L. „nicht unbedingt falsch“ gewesen sein sollten, begreifen vermutlich nur bornierte Psychoanalytiker selbst, die sich mit ihrer eigenen Widersprüchlichkeit inzwischen abgefunden haben. Und in dieser Abgestumpftheit kann man dann auch noch relativ offen rügen, dass von Seiten der Autorin „überhaupt keine Aufnahmebereitschaft“ für diese Deutungen bestanden hatte. (Als wäre das Verweigern der „Aufnahmebereitschaft“ dies nicht die geradezu zwangsläufige, logische, vernünftige Folge der Konfrontation mit „blasierten Deutungen“.) Statt dessen schiebt Bettighofer (170) noch einmal seine Deutungen nach, wonach Frau Akoluth in ihrem „kindlich-präödipalen Bedürfnis“ oder in ihren „fraulich ödipalen Wünschen“ [diese Begriff ist mir bislang noch nie begegnet] gefangen gewesen sei. Eine Spitze weiterer Blödigkeit ist erreicht, wenn Bettighofer Dr. L.’s Deutung (172) „jetzt müsse sie wieder die Kluge sein und wehre damit die Gefühle ab“ unmittelbar kommentiert wird mit: „Diese Deutung war zwar inhaltlich vollkommen richtig, ...“ – da zeigt Bettighofer, dass er doch seiner Zunft  krampfhaft die Treue hält (und wohl auch aus Gründen der Existenzsicherung halten muss).

Ärgerlich macht mich, wenn Bettighofer die beschämenden Erfahrungen von Frau Akoluth mit der sog. „Ethikkommission“, an denen ihr Anliegen „abprallt“, vor allem auf „natürlich wieder die bekannte Vaterübertragung“ reduziert (178), anstatt sie einen berufspolitischen Offenbarungseid zu nennen.

Typisch analytisch ist auch das folgende (179): „Unbewusst war sie auch Täterin, hat mitgewirkt an dem, was ihr geschehen ist – wenn auch nur passiv und unwissentlich.“ Unter dieser Sichtweise müsste jedes Opfer eines Gewaltverbrechens als „Täter“ angesehen werden, weil es ja auch in der Regel „passiv und unwissentlich“ „mitgewirkt [hat] an dem, was ih[m] geschehen ist“. Ebenso, dass sie „kraftlos“ gewesen sei in ihrer Gegenwehr. Dass sie wiederum „unbewusst“ an der Verlängerung der Therapie mitgewirkt hätte, ist ziemlich blödsinnig, weil sie sich zunächst in ihrem Zweifel (bewusst) hatte überreden lassen, dann jedoch trotzdem nicht mehr alle 80 Sitzungen in Anspruch genommen hatte. Und auch dass sie „unbewusst“ gehofft haben sollte, dass ihr Therapeut in der Lage sein sollte, gut mit der Situation umzugehen, scheint mir blödsinnig, denn ich bin sicher, sie hat das ziemlich bewusst im Kopf gehabt, sonst hätte sie sich dieser Tortur vermutlich nicht ausgesetzt.

Alles in allem habe ich den Eindruck, dass Bettighofer zwar einige kritische Überlegungen zu Dr. L. vorträgt, letztlich aber genauso wie Moser im Wesentlichen dem klassischen psychoanalytischen Modell von Therapie verhaftet bleibt. Und dieses Modell ist m.E. völlig ungeeignet, Menschen in seelischen Notlagen wirklich zu helfen. Vermutlich ist es oft genug sogar schädlich.

 

 

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