Fehlanzeige

 

Mein Leserbrief zur Diskussion ethischer Fragen der Psychotherapie (zur Therapie von Otto F. Kernberg) war von der Redaktion des FORUM, des Blättchens der Saarländischen Psychotherapeutenkammer, nicht akzeptiert worden, weil er angeblich mit Polemik und Vorurteilen behaftet gewesen sei. In einem neuen Anlauf wollte ich den Text als Anzeige zu den üblichen Konditionen (200,00 €) veröffentlicht sehen. Aber: Fehlanzeige. Kammerpräsidentin Ilse Rohr mit Schreiben vom 18. Mai 2005: An dem „unsachlichen, sich eben nicht kritisch auseinandersetzenden Inhalt“ des Beitrags habe sich nichts geändert. Man sehe sich „leider weiterhin nicht imstande“, den Artikel im FORUM zu veröffentlichen. „Das betrifft ebenso Ihren Wunsch nach Veröffentlichung als Anzeige.

Für alle diejenigen, die sich mündig genug fühlen, sich über den Grad meiner Unsachlichkeit oder meines Mangels an kritischer Auseinandersetzung selbst ein Urteil zu bilden, nachstehend der zur Veröffentlichung vorgesehene Text.

 

 

 

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Für eine kritische Auseinandersetzung mit Psychotherapie!

 

In der Nummer 2 des FORUM hat der Kollege Roberto Tannchen einen Beitrag verfasst, der unter der Rubrik des neu eröffneten Diskussions-FORUM abgedruckt wurde. „Gibt es einen Widerspruch zwischen dem Analytischen und dem Menschlichen?“ Der Kollege Raimund Metzger hatte darauf geantwortet (abgedruckt im FORUM 3). Diesen Beitrag hatte ich zum Anlass genommen, auf beide Stellungnahmen zu antworten. Die Begründung, warum mein Text nicht abgedruckt wurde, ist in FORUM 4 veröffentlicht: Das FORUM wolle nicht als Plattform für Polemik und Vorurteile dienen.

In privater Initiative möchte ich nun per Anzeige bei meinen Kollegen und Kolleginnen für mein Anliegen Werbung machen. In meinem für das FORUM 4 geplanten, leider zensierten, Beitrag heißt es:

 

 

 

… Die [Roberto Tannchens] Frage: „Gibt es einen Widerspruch zwischen dem Analytischen und dem Menschlichen?“ verstehe ich jedenfalls als berechtigte Initiative, über ethische Standards in der (analytischen) Psycho­therapie zu diskutieren - vielleicht auch schulenübergreifend. Und hier würde ich mich gerne einklinken.

Mir fällt der Witz ein, nach dem ein (Psycho-)Analytiker von seinem Pat­ienten gefragt wird, wie spät es sei. Die Antwort: „Ja, was bedeutet diese Frage für Sie?“ So malt sich der Volksmund das Geschehen in einer Psychoanalyse aus. Darüber können bestimmt auch viele Psychoanalyti­ker­Innen lachen. Dabei entspräche eine solche Antwort wohl tatsächlich den Regeln der Kunst. Einer Fachpublikation zum richtigen „analytischen“ Vorgehen entnehme ich: „Wie Sie wissen, ist Mitleid sublimierte Aggression. ... Wir müssen daher versuchen ... den Patienten, die uns fragen ‚Glauben Sie mir nicht? Sind Sie nicht meiner Meinung? War das nicht entsetzlich?‘  zu erwidern: ‚Warum brauchen Sie meine Meinung, anstatt eine eigene zu haben?‘“ Es würde mich freuen, wenn Roberto Tannchen eine solche konkrete Intervention als künstlich und aufgesetzt oder gar unmenschlich kritisieren würde.

Es ist vielleicht nicht uninteressant zu fragen, woher diese Kälte kommt. Nun, sie liegt womöglich schon verankert im „analytischen“ Verständnis davon, wie psychische Störungen überhaupt zustande kommen. Der zitierte Autor geht z.B. davon aus, dass ein unter 10jähriges Mädchen bei einem sexuellen Missbrauch durch den Vater „in typischer Weise das Verhalten des Vaters in vielfältiger Art erlebt, als brutalen Eingriff und Verletzung ihrer physischen Identität, ... und als einen sexuell erregenden Triumph über ihre Mutter“, wobei er den letzten Punkt quasi zum Hauptproblem erklärt. Ziel der „analytischen“ Therapie: die als Kind vom Vater mehrfach vergewaltigte Frau müsse sich in ihrem „Sieg über die ödipale Mutter zurechtfinden und ihre Schuld [!!!] tolerieren“. Würden wir uns arg um den Punkt streiten müssen, ob ein Therapiekonzept menschlich oder ethisch vertretbar ist, das den kindlichen Opfern von sexuellem Missbrauch einzureden versucht, sie hätten in dieser Situation eine „Schuld“ auf sich geladen, weil sie dabei einen „sexuell erregenden Triumph über ihre Mutter“ erlebt hätten? Ein solches Konzept, bei dem das Kind quasi seiner perversen Impulse angeklagt wird, verführt wohl leicht zu einem kalten, technokratischen Umgehen mit dem Gegenüber.

Aber das „analytische“ Verfahren macht an dieser Stelle noch nicht halt. Als Therapieerfolg wird verbucht: „Sie erlangte so die Fähigkeit, sich mit dem Täter zu identifizieren, nämlich mit der sexuellen Erregung des sadistischen, inzestuösen Vaters, und so wurde es ihr auch möglich, den Haß gegen den Vater mit dem Verstehen seines sexuellen und ihres sexuellen Verhaltens zu verbinden. Auch hier würde ich gerne nach dem Menschlichen fragen. Welchen Sinn sollte es machen, dass sich das Opfer eines sexuellen Missbrauchs mit dem Täter bzw. dessen sexueller Erregung „identifiziert“?

Und die Empfehlung an die TherapeutInnen: „Die Toleranz der Aggression des Täters, die auf uns projiziert wird, ist unerhört entscheidend für den Erfolg der Therapie, indem wir zum Täter werden können und wir uns als Täter identifizieren und es so dem Patienten erleichtern, sich selbst als Täter zu identifizieren. Wir müssen uns also mit dem Kommandanten des Konzentrationslagers, mit dem Folterer in der Diktatur, mit dem inzestuösen Vater, mit der sadistischen Mutter identifizieren können. Wir müssen so auch die Lust verspüren am Zerstören, die Lust, eine Brandbombe zu werfen, die Lust sadistische Aggressionen zu verspüren, denn die Bereitschaft dafür haben wir alle in unserem Unbewußten.“ Das Einfühlen in den Patienten entspreche sublimierter Aggression, das Einfühlen in den sadistischen Täter entspreche therapeutischer Kompetenz.

Es könnte sinnvolle Aufgabe einer Psychotherapeutenkammer sein, ein Diskussionsforum zu organisieren, in dem ganz konkret über Menschliches und Unmenschliches in der Therapie (ob analytisch oder nicht) diskutiert würde. Im Interesse unserer KlientInnen und im Interesse unseres Rufes sollten wir derartig unmenschlichen Positionen, wie oben zitiert, ausdrücklich eine gemeinschaftliche Absage erteilen!

 

Über Rückmeldung freut sich:
Klaus Schlagmann
Scheidter Strasse 62

66123 Saarbrücken

KlausSchlagmann@aol.com

 

Die Quelle, die ich zitiert habe, gebe  ich bei Nachfrage gerne an!

 

 

 

Hier geht’s zurück zum Ausgangspunkt: Die Saarländische Psychotherapeutenkammer und ihre Präsidentin.

Und hier geht’s zu einer ausführlichen Darstellung der Position von Otto F. Kernberg.